Schützenfest – Teil 1

Oh Mist, schon so spät…
Leah schaute verschlafen auf ihren Wecker, warum kam sie bloß immer so schlecht aus dem Bett? Aber es half ja alles nichts, müde schlug sie die Decke weg. Aus der unteren Etage hörte sie schon geschäftiges Geklapper, ihre Eltern waren bereits auf – natürlich.
„Einen wunderschönen guten Morgen, mein liebes Schneckchen!“ Leahs Vater Hans sprang auf und drückte seine Tochter herzlich an sich. Sie sah ihn verwirrt an, sie war allerdings noch viel zu müde um sich gegen diese Liebesbekundungen am frühen Morgen zu wehren.
„Leahlein – hast du gut geschlafen?“ Ihre Mutter goss sofort Kaffee in eine Tasse und stellte sie auf Leahs Tischset, dann tätschelte sie ihr über ihre Hand.
„Nu lasse doch erstmal was sagen, Hannelore!“ Hans huschte aufgeregt um seine Tochter herum und rückte ihr den Stuhl zurecht.
„Danke, Mama. Ich hab’ sehr gut geschlafen.“ Leah setzte sich auf ihren Platz, nahm einen Schluck Kaffee und schaute misstrauisch zwischen ihren Eltern hin und her.
„Und haste was Schönes geträumt?“ Hans kniff seiner Tochter in die Wange.
„Ich kann mich nicht erinnern“, sagte Leah skeptisch. Sie runzelte die Stirn, irgendwas war hier komisch … Nicht, dass sie kein gutes Verhältnis zu ihren Eltern hatte, sie wohnte schließlich auch noch zuhause, aber diese Art der morgendlichen Begrüßung war schon sehr merkwürdig.
„Soll ich dir dein Brötchen aufschneiden? Was möchtest du denn gerne essen? Ich hab’ auch Dunots mitgebracht…“
„Donuts, es heißt Donuts. Mama. Und danke nein – ich kann mir mein Brötchen selbst schmieren, bin ja auch schon Fünfundzwanzig“, lächelte Leah ihr zu.
„Ja klar, kannste das, Schneckchen. Also Hannelore, das kann sie doch wirklich schon selber!“ Hans warf seiner Frau einen tadelnden Blick zu und schüttelte milde den Kopf.
„Ist ja gut.“ Leahs Mutter wirkte ein wenig beleidigt, zog es aber wohl vor, nichts mehr dazu zu sagen.
„Und – wie war’s gestern beim Schützenfest?“ Leah versuchte ein anderes Thema anzuschneiden, vielleicht würde das ja die Stimmung ihrer Mutter wieder heben. „Oh, schön. Schön war’s Schneckchen!“ Ihr Vater biss zögernd in sein Brötchen und starrte krampfhaft auf den Teller vor sich.
„Ja, es war schön. Schön alkohollastig war’s vor allem – für deinen Vater!“ Hannelore schickte einen strafenden Blick zu ihrem Mann und Leah schwante, dass der Themenwechsel wohl nicht das erwünschte Ergebnis gebracht hatte. „Na ja, wie das ebenso ist“, murmelte der Getadelte und fixierte einen imaginären Punkt an der Zimmerdecke.
„Tja, ist ja auch nur einmal im Jahr Schützenfest“, versuchte Leah die Lage ein wenig zu entspannen.
„Zum Glück!“ Die Stimme ihrer Mutter klang schneidend. „ZUM GLÜCK!“
„So, ich muss dann auch mal los.“ Leah raffte schnell ihre Tasche und wollte sich gerade auf den Weg zur Tür machen, doch ihre Mutter hielt sie am Arm fest. „Leahlein, setz’ dich doch noch mal hin. Wir… wir müssen da was mit dir bereden.“
Also doch, da ist was im Busch! Leahs Befürchtung schien sich zu bestätigen, zögernd nahm sie wieder auf dem Stuhl Platz.
„Weißt du, wer gestern auch auf dem Schützenfest war?“, begann ihre Mutter vorsichtig.
„Ja, ich denke ganz Gotschenbach. Wieso?“
„Tante Trudchen. Stell’ dir mal vor: Tante Trudchen aus Usedom, Schneckchen. Is’ das nich’ toll? Extra zum Schützenfest isse gekommen.“ Ihr Vater nickte begeistert, diese Euphorie konnte Leah allerdings nur bedingt teilen.
„Ja, das ist echt der Knüller. Aber ich muss jetzt wirklich los …“ Sie zog es vor einen erneuten Fluchtversuch zu starten.
„Wie lange haste sie jetzt nicht mehr gesehen? Sind doch bestimmt zehn Jahre, oder? Schneckchen sag’ doch mal!“
Leah atmete tief durch und überschlug kurz die Jahre im Kopf. „Ja – das kommt wohl hin. Ich habe aber gleich einen Termin und …“
„Und sie war so interessiert an dir. Du weißt ja, dass sie keinen eigenen Kinder hat, nicht wahr?“ Ihre Mutter lächelte sie verzückt an.
„Ja, Mama. Das ist mir bekannt.“
„Und sie hat auch direkt gefragt, ob du einen Mann hättest oder verheiratet wärst.“
„Ah ja, na ja, sie war ja immer schon neugierig.“ Leah zuckte mit den Schultern. „Das isse. Und jetzt stell’ dir mal vor, was dieser unverschämte Herbert Wagner gesagt hat: Er hat gesagt, das Schneckchen kriegt auch keinen ab. MEIN Schneckchen würde keinen abkriegen! Hat er gesagt!“ Hans plusterte sich wütend auf und Brötchenkrümel flogen in hohem Bogen aus seinem Mund. Leah starrte nicht ohne Ekel in ihre Kaffeetasse, in denen jetzt mehrere der Krümel verzweifelt gegen den drohenden Untergang ankämpften. Dann besann sie sich aber schnell wieder auf das eigentliche Thema.
„Na ja, du weißt doch wie Jochens Vater ist. Jochen kriegt ja auch immer das Gleiche zu hören“, wandte Leah ein.
„Und dein Vater hatte natürlich nichts anderes zu tun, als das richtig zu stellen“, mischte ihre Mutter empört mit.
„Aha …“ Leah lugte wieder vorsichtig in ihre Tasse und beschloss, in Jochens Kiosk, den er in der Stadt betrieb, einen erneuten Anlauf für ihre Koffeinzufuhr zu starten.
„Und das in Gegenwart von Tante Trudchen.“
„Ja – und?“ Leah seufzte gelangweilt auf, sie konnte und wollte dem Gesprächsverlauf nicht mehr folgen. „Ich muss jetzt wirklich los.“
„Leah – jetzt warte doch mal. Da ist noch was …“ Ihre Mutter legte Leah beruhigend eine Hand auf die Schulter.
„Was ist denn noch?“ Leahs Geduldsfaden drohte langsam zu reißen.
„Na ja, also… Also dein Vater hat dann Tante Trudchen erzählt, du wärst verlobt.“ Hannelore lächelte Leah zaghaft an.
„Bin ich aber nicht. Und?“
Was soll das ganze Theater? Leah war jetzt mehr als genervt von ihren Eltern. „Da hättest du Herbert mal sehen sollen … Dieser unverschämte Kerl, wie dreckig der gelacht hat!“, echauffierte sich ihr Vater erneut.
„Na ja, jedenfalls hat sich Tante Trudchen so gefreut für dich. Also richtig gefreut …“  Ihre Mutter sah Leah ernst an.
„Ja, die hatte fast Tränen in den Augen. Und Herbert hat weiter gelacht – dieser blöde Heini. Aber sein Jochen, der kommt ja auch nich’ in die Pötte“, ergänzte Hans leidenschaftlich.
„Dann geht halt heute zu ihr und klärt das auf!“ Leah reichte es jetzt. Sie hatte gleich einen Termin und musste sich noch mit Viktor Pech, einem Kollegen, absprechen. Eilig stand sie vom Stuhl auf.
„Leahlein – warte doch noch mal…“
„Mama – ich habe keine Zeit mehr. Ich kann nichts mehr daran ändern, wenn Papa im Suff was zu Herbert Wagner sagt!“
„Tante Trudchen glaubt aber jetzt, dass du verlobt bist, Leah. Und sie würde gerne deinen Verlobten kennen lernen, bevor sie wieder nach Usedom zurückfährt.“
„Nur fürs Protokoll: Ich bin nicht verlobt. Also kann sie auch keinen Verlobten kennen lernen. Ihr habt das gestern verbaselt, nicht ich. Ich hab’ mit der Sache nichts zu tun!“
Hans schaute schuldbewusst auf seinen Teller. „Ja, ja, das war meine Schuld. Wenn ich mich nicht hätte so prozovieren lassen… Aber der Herbert Wagner, der hat so dreckig gelacht, Schneckchen. Du hättest da auch so reagiert.“
„Nein, hätte ich nicht, weil ich nicht soviel getrunken hätte. Deswegen kann mich auch ein Herbert Wagner nicht so PROVOZIEREN!“
„Ja, hast ja recht, meine Kleine.“ Hans rührte schuldbewusst in seiner Kaffeetasse. „Das ist nur so, Leah. Wir würden das ja schon richtig stellen, aber Tante Trudchen hat gesagt, wenn ihre Leah einmal heiratet, dann würde sie dir das Haus auf Usedom überschreiben.“
„Ja, das ist ja richtig nett von ihr. Das Haus steht ja auch noch in ein paar Jahren und dann kann ich mich drauf freuen.“
„Ja, ja. Aber es wäre doch toll … also du weißt doch, wie schön das Haus ist, oder?“, flüsterte ihre Mutter andächtig.
„Mama – ja, das Haus ist toll. Aber ich werde nicht heiraten, also ist das ja erstmal vom Tisch, oder?“
„Ja, eigentlich schon …“ Hannelore stutzte kurz. „Aber Tante Trudchen will das Haus nicht mehr und spielt mit dem Gedanken, es zu verkaufen. Sie hat ja auch noch ein Haus in der Toskana, von ihrem dritten Ehemann, dem Georg. Du weißt doch, dass war der komische Künstler, der das Portrait von deinem Vater gemalt hat, auf dem er so aussieht wie Albert Einstein…“
„Na ja, wie Albert Einstein – eher wie so’n Penner vom Bahnhof Zoo“, mischte Hans sich ein.
„Mama – was willst du jetzt damit sagen?“
Ruhig bleiben, Leah, ganz ruhig bleiben! Sie versuchte tief ein- und auszuatmen. „Es sei denn … es sei denn, du heiratest bald. Also jetzt bald und nicht erst in ein paar Jahren. Denn sie will bald in die Toskana ziehen, wegen dem Klima.“ „Wegen des Klimas …“, knurrte Leah. „So ein Pech aber auch, ich heirate ja nicht…“ Leah würgte den letzten Bissen ihres Brötchens hinunter und griff nach ihrer Tasche.
„Schneckchen, die Tante Trudchen is’ doch nur noch ein paar Tage hier. Kannste nicht einen von deinen Freunden fragen, ob er so tut als ob?“ Ihr Vater sah sie mit einem spektakulären Kullerblick an.
„Papa, das ist jetzt aber nicht dein ernst, oder? Hast du noch Restalkohol im Blut? So ein Theater mache ich nicht mit, vergiss es!“ Leah war völlig fassungslos, so langsam zweifelte sie am Verstand ihrer Eltern.
„Leahlein, also es wäre doch schade um das Haus, oder? Also wenn das weg wäre. Überleg’ doch mal was für eine tolle Rücklage sowas für dich wäre. Du wirst ja irgendwann auch heiraten, und dann wäre das Haus aber nicht mehr da. Und außerdem … na ja, der Papa und ich waren schon so lange nicht mehr im Urlaub. Das wäre doch schön, wenn man ab und zu dahin könnte …“
„Und deshalb soll ich so eine Schmierenkomödie vorspielen? Das ist doch total gemein! Nein, auf gar keinen Fall. Ihr seid ja beide total übergeschnappt!“, erbost funkelte sie zwischen ihren Eltern hin und her. Das durfte ja wohl alles nicht wahr sein!
„Gemein – na ja, was heißt gemein. Tante Trudchen war ja auch kein Engel in ihrem Leben. Ist doch auch nicht richtig gelogen … irgendwann heiratest du ja auch. Und du sollst ihr ja nur deinen Verlobten vorstellen. Das reicht doch schon“, fügte ihre Mutter milde an.
„Ach wie gnädig – das reicht schon!“ Leah fasste sich an die Stirn, wieso hörte sie sich das überhaupt noch an?
„Schneckchen, is’ doch nur einmal kennen lernen auf’n Käffchen ….“ Auch ihr Vater ließ nicht locker. Leah stand empört auf. „Mir reicht’s, ich muss zur Arbeit“, kopfschüttelnd rannte sie aus dem Haus.
„Überleg’ es dir doch noch mal!“, rief ihre Mutter ihr hinterher.