Schützenfest – Teil 2

Obwohl sie es so gerne wollte, dieses dämliche Gespräch mit ihren Eltern ließ Leah auch auf dem Weg zur Arbeit nicht los. Griesgrämig saß sie in der S-Bahn und schaute aus dem Fenster, für die Landschaft und die Häuser, die an ihr vorbeizogen, hatte sie aber nicht wirklich einen Blick.
Meine Eltern sind geisteskrank – komplett wahnsinnig geworden. Gib einem Paulsen Alkohol und er dreht durch, tobte es in ihr. Wie konnten sie ihr ernsthaft so einen Vorschlag unterbreiten? Das war doch total irre! Je länger Leah darüber nachdachte, desto wütender wurde sie.

Wie jeden Morgen stapfte sie vor der Arbeit noch zu ihrem Freund Jochen Wagner, er besaß einen kleinen Kiosk, der genau gegenüber von Leahs Arbeitsstelle lag.
Zornig schlug sie die Kiosktür hinter sich zu, als sie ihn endlich erreicht hatte.
„Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, liebste Leah.“ Jochen zog fragend die Augenbrauen hoch und musterte sie neugierig.
„Kaffee …“
Zu mehr war sie im Moment noch nicht fähig, sie musste sich erstmal sammeln.
„Bitteschön.“ Jochen stellte ihr ihren Becher vor die Nase, seine erwartungsvollen Blicke spürte sie sehr wohl.
„Sind Krümel drin?“, motzte Leah ihn dann an, nein, sie hatte sich noch nicht beruhigt – wie auch?
„Nein, willst du welche?“ Jochen grinste frech und hielt ein Croissant über ihre Tasse, seine Augen funkelten sie belustigt an. „Der Kunde ist König!“
„NEIN!“ Leah nahm einen Schluck aus der dampfenden Tasse, mit Wucht stellte sie sie dann wieder ab.
„Leah – was is’n los? So schlecht gelaunt warst du schon lange nicht mehr.“
„Meine Eltern – das ist los. Und Tante Trudchen … UND DEIN VATER!“, keifte Leah.
„Aha. Und im Detail bedeutet das …?“
„Gestern war doch Schützenfest in Gotschenbach“, begann Leah ihre Erzählung.
„Au weia – Schützenfest. Betrunkene Menschen in peinlichen Situationen. Ich erinnere mich entfernt an äußerst dunkle Kapitel in meiner Vergangenheit.“ Jochen zog grübelnd die Stirn kraus.
„Und mein Vater hat zuviel getrunken und hat sich von DEINEM Vater prozo… äh, provozieren lassen.“
Jetzt fang’ ich auch noch an, dachte Leah verzweifelt.
„Was im Detail bedeutet, dass …?“, wiederholte Jochen geduldig.
„Dass mein Vater meiner Erbtante Trude erzählt hat, dass ich verlobt wäre und diese dann freudestrahlend sich bereit erklärt hat, mir ihr Haus auf Usedom zu überschreiben.“ Leah trank ihren Kaffee auf ex aus. „NOCH EINEN!“
„Deine Tante Trude … ist das nicht die, die in zweiter Ehe mit diesem Stasi-Offizier …“
„Pscht“ Leah sah sich vorsichtig um und stellte erleichtert fest, dass außer ihr keine anderen Kunden im Kiosk waren.
„… Stasi-Offizier verheiratet war? Und die dann nach seinem Tod diesen komischen Maler geheiratet hat? Der jetzt auch wieder tot ist?“, flüsterte Jochen ihr verschwörerisch zu, Leah kannte ihn aber zu gut, er schien sich blendend zu amüsieren.
„Genau die.“ Sie dachte an ihre mondäne Tante, die es dank gut kalkulierter Eheschließungen zu einem stattlichen Vermögen gebracht hatte.
„Dann ist das doch kein Haus auf Usedom, sondern eine Villa, oder?“, entgegnete Jochen verblüfft.
„Genau. Eine Ex-Stasi-Villa, komplett renoviert und mit zehn Zimmern.“
„Leah – das ist doch genial!“ Jochen klatschte begeistert in die Hände.
„Ja, ganz zauberhaft. Nur dass Tante Trude jetzt denkt, ich würde bald heiraten. Und ich bekomme dieses Haus sozusagen als Mitgift.“ Leah kicherte hysterisch, das war alles so bekloppt…
„Und wen heiratest du, wenn ich mal so bescheiden fragen darf?“
„WIE DIR SICHERLICH NICHT ENTGANGEN IST, BIN ICH WEDER VERLOBT NOCH LIIERT NOCH SONSTWAS!“
„Jep, da war doch was.“
„Wieso grinst du eigentlich so doof?“
„Meine Güte, Leah-Schatz. Dein Vater hat zuviel getrunken, was soll’s? Kommt doch schon mal vor.“
„Jochen – meine Eltern haben sich aber in die fixe Idee verrannt, dass ich doch so tun könne als ob, um an das Haus zu kommen. Sie wollen, dass ich Tante Trude einen Verlobten präsentiere.“
„Was? Im ernst? So hätte ich sie gar nicht eingeschätzt. Also so materiell“, staunte Jochen.
„Tante Trude zieht bald in die Toskana und will ihr Haus verkaufen. Es sei denn …“
„Ihre Patentochter Leah heiratet – WIE GEIL IST DAS DENN?“, gröhlte es ihr entgegen.
„Schön, dass du dich so darüber freust!“
„Und jetzt?“
„Wie – und jetzt? Nix ‚und jetzt’! Du glaubst doch nicht etwa, dass ich dieses Schmierentheater mitmache!“ Leah pustete sich genervt eine blonde Locke aus der Stirn.
Jochen hörte gar nicht mehr zu und zog eine Zeitschrift mit Immobilien aus einem Stapel, sie schaute ihm verstört dabei zu.
„Leah – Usedom ist schwer im Kommen. Da ein Haus zu haben ist eine gute Kapitalanlage. Guck’ dir mal die Immobilienpreise an.“ Er schob ihr die Zeitung zu.
„Jochen – das ist mir so was von egal. Falls du dich erinnerst – ich habe keinen Verlobten, noch nicht einmal einen Freund – oder willst du etwa mein Scheinverlobter sein?“
Jochen hob abwehrend die Hände. „Nee, nee, Leah. Aus der Nummer bin ich raus. Ich bin schließlich der Sohn von Herbert Wagner – und mein Vater würde die Sache sofort auffliegen lassen…“

Die Tür öffnete sich und Moritz Schneider kam strahlend herein, Leah bemühte sich um einen freundlichen Gesichtsausdruck, denn er war der Personalchef der Firma, bei der sie beschäftigt war. Zudem war er noch mit ihrer besten Freundin Yvonne verheiratet, die sie aus Kindheitstagen kannte.
„Guten Morgen, die Herrschaften!“ Moritz nahm sich eine Zeitung und bestellte einen Kaffee, Jochen musterte ihn von oben bis unten.
„Ist irgendwas?“ Moritz sah verwirrt an sich hinunter.
„Mann von Yvonne – Yvonne aus Gotschenbach. Geht auch nicht“, stellte Jochen kühl kalkulierend fest.
„Du bist unmöglich!“, schimpfte Leah mit ihrem Freund.
Moritz wirkte immer ratloser. „Was geht nicht?“
„Ach nichts“, riefen Leah und Jochen gleichzeitig.

Leah wartete noch kurz, bis Moritz verschwunden war.
„Jochen, das ist nicht witzig. Ich finde das eher bedenklich, dass meine Eltern im ernst über so einen … einen Unsinn nachdenken.“
„Wieso? Meine Güte Leah, das ist doch nur eine kleine Schummelei! Du bist doch in einer leitenden Position bei ‚Mandenbach Consultings’ – verdonnere doch einfach einen deiner Mitarbeiter zu ‚Sonderdiensten’“, lachte Jochen.
„Ach? Und soll ich diesem betreffenden Mitarbeiter dann noch eine ‚Lästigkeitszulage’ zahlen, oder was? Jochen, ich dachte, du wärst wenigstens normal!“ Leah raffte wütend ihre Tasche und verschwand genauso türeknallend, wie sie gekommen war.