Schützenfest – Teil 3

Leah stapfte wütend aus dem Aufzug hinaus, als sie die Chefetage erreicht hatte. Sie hatte es innerhalb von zwei Jahren zu einem angesehenen Posten in der Firma geschafft und darauf war sie stolz. Jeden Morgen stieg sie deswegen mit einem Lächeln auf den Lippen aus dem Fahrstuhl, doch heute war ihr das gründlich vergangen. Sie schenkte ihren Kollegen keinerlei Beachtung, selbst die Empfangsdame Monika, die sonst um keine dämliche Äußerung verlegen war, verkniff sich nach einem Blick in Leahs Gesicht eine bissige Bemerkung.

Leah rief direkt Viktor Pech zu sich und besprach mit ihm die wichtigsten Details für eine neue Werbekampagne, doch Leah hatte Mühe, sich zu konzentrieren, und ihre Anweisungen waren kurz und knapp gehalten.
„Ähm, Frau Paulsen?“ Viktor stand verlegen vor ihrem Schreibtisch und drehte seine Aktenmappe in den Händen.
„Ja – was gibt es denn noch?“, fragte Leah gereizt.
„Ist irgendwas mit Ihnen? Sie … Sie sind so komisch heute Morgen.“ Er sah sie aus treuen braunen Augen an, aber Leah war heute nicht nach Smalltalk.
„Nein, es ist nichts, Herr Pech. Gibt es sonst noch was?“
„Äh, nein. Nein, gar nichts.“ Viktor wirkte sogar richtig schüchtern.
„Dann können Sie ja eigentlich wieder gehen, oder?“ Leah tat die Schärfe in ihrer Stimme direkt wieder leid, Viktor war ein lieber Kerl, mit seinen braunen Locken und den Knopfaugen wirkte er wie ein zu groß geratener Teddybär.
„Ja. Ja natürlich“, leise verschwand er aus ihrem Büro.

Ein zaghaftes Klopfen ließ Leah kurze Zeit später aus ihren Gedanken an eine Zukunft als Grande Dame in Usedom hochschrecken.
„Hallo Leahlein…“ Ihre Mutter schaute zerknirscht durch den Türspalt, dies waren die Augenblicke, in denen Leah es bereute, dass sie ihrer Mutter einen Job in der gleichen Firma beschafft hatte.
„Mama – lass’ mich bitte allein.“
„Ach Leah, ich kann mir vorstellen, dass das alles etwas … etwas überraschend war, heute Morgen. Aber könntest du dir denn wirklich nicht vorstellen, na ja, so ein bisschen wenigstens, dass du nur so tun könntest, als ob?“ Hannelore Paulsen lächelte ihr zaghaft zu, doch auch das konnte Leah nicht gnädig stimmen.
„NEIN, das kann ich nicht. Und jetzt geh’ bitte – SOFORT!“
Doch Hannelore ließ sich nicht so schnell abwimmeln, erst jetzt registrierte Leah, dass sie ein Fotoalbum in der Hand hatte.
„Mama, wenn du nicht willst, dass ich dich eigenhändig rausschmeiße – dann geh’ jetzt!“
„Leah sieh’ doch mal. Das ist ein Foto von Tante Trudchens Haus auf Usedom. Schau’ es dir doch wenigstens mal an … Bitte.“ Hannelore setzte sich auf einen Stuhl gegenüber von Leahs Schreibtisch und klappte das Album auf, sie schob es Leah hinüber.
Tief ein- und ausatmen, Leah. Tief- ein und ausatmen!, rief sich Leah ins Gedächtnis, die Hartnäckigkeit ihrer Mutter war ihr fast schon nicht mehr ganz geheuer. Dann schaute sie aber doch auf die Fotos und staunte. Die Villa war wirklich riesig und Leah musste sich eingestehen, dass sie sehr schön war. Vor der Eingangstür posierten Tante Trude und ihr damaliger Gatte, Heribert Andratschke.
„Ein wunderschönes Haus, oder Leahlein?“ Ihre Mutter schaute sie aufmerksam an.
„Ja Mama. Es ist ein schönes Haus. Aber das, war Ihr da vorhabt, ist schäbig. Ihr wollt’ Tante Trudchen reinlegen – ich mache da nicht mit!“
„Leah – es wäre doch nur in diesen paar Tagen, wo sie noch in Gotschenbach ist. Danach fährt sie nach Usedom und in drei Monaten zieht sie ganz in die Toskana. Und du weißt doch, wie reich sie ist. Für sie ist es kein Problem, das Haus zu verschenken …“
„Mama – ich kenn’ dich überhaupt nicht mehr wieder. Hast du denn gar keine Skrupel?“ Leah war jetzt richtig entsetzt, das konnte doch unmöglich ihre Mutter sein!
„Hach, Tante Trudchen hat auch immer auf den Gefühlen ihrer Männer rumgetrampelt. Und wenn sie es doch schon anbietet, dir das Haus zu überschreiben …“
„Ich habe aber keinen Verlobten – und ich wüsste auch gar nicht, wen ich da fragen sollte. Wer wäre denn schon bereit, diese Farce mitzumachen?“ Hannelores Gesicht hellte sich sofort auf. „Was ist denn mit diesem sympathischen Herrn Pech? Der guckt dich doch immer so nett an. Kannste den denn nicht fragen?“
„Viktor Pech? Ich … ich kenn’ den doch gar nicht richtig!“ Leah verzog das Gesicht. Sie fand ihn ja wirklich sympathisch – aber als Verlobter…?
Leah – über was denkst du denn da bitte nach? Wahnsinnig geworden?
„Na und? Ihr sollt doch nur so tun als ob …“
„Mama, ich kann den doch nicht einfach fragen, ob der mit mir ‚scheinverlobt’ spielt!“
Auf was für eine Diskussion lasse ich mich hier eigentlich ein?, fragte sich Leah verzweifelt.
„Ja, soll ICH den denn mal fragen?“ Hannelore schaute Leah aufmunternd an. „NEIN! Um Gottes Willen! NEIN!“
„Würde mir nichts ausmachen…“
„MIR ABER! Mama hör’ zu. Ich überlege es mir, ja?“
„Aber nicht zu lange, ja? Denk’ dran: Tante Trudchen ist nur noch ein paar Tage in Gotschenbach.“
„Ja Mama, ich denke an nichts anderes mehr.“
„Leah, wenn du schon nicht so richtig willst. Tu es doch wenigstens deinem Vater und mir zuliebe. Soll ich Dir das Fotoalbum hier lassen?“
„Nein Mama, nimm’ es ruhig mit.“ Leah schüttelte fassungslos den Kopf. Sie sackte in ihrem Sessel zusammen. Das ist der totale Irrsinn!

Ein erneutes Klopfen brachte Leah fast an den Rand des Wahnsinns. „ICH HABE KEINE ZEIT!“, brüllte sie in Richtung Tür, ohne aufzusehen.
„Entschuldige, ich komme nachher noch mal wieder.“ Jonas lugte kurz in ihr Büro und wollte den Rückzug antreten.
„Nein, Jonas. Komm ruhig herein.“ Leah tat ihr Geschrei sofort wieder leid, sie hatte Jonas angemeckert – das durfte doch nicht wahr sein. Jonas lächelte kurz und schloss die Tür, er hatte einen Aktenordner in der Hand und setzte sich auf den Besucherstuhl. Leah musste sich zwingen, ihn nicht die ganze Zeit nur anzustarren – doch er sah einfach so umwerfend aus, dass ihr das jeden Tag aufs Neue sehr schwer fiel.
„Was ist los?“, fragte er sanft, seine dunklen Augen waren auf sie gerichtet, prompt schlug ihr Herz ein paar Takte schneller. Leah wich seinem Blick aus und starrte auf ihren Monitor, er sollte nicht merken, wie problemlos er sie immer aus der Fassung bringen konnte.
„Nichts. Was soll sein?“
„Leah – alle reden schon über deine schlechte Laune. Und der arme Pech war völlig fertig, als er aus deinem Büro kam …“ Jonas lachte leise, seine Stimme war wie warmer weicher Samt …
„Ach – und woher weißt du das schon wieder?“ Sie zwang sich, sich auf seine Worte zu konzentrieren.
„Monika hat es Steffi erzählt. Die hat es dann an Moritz …“
„Schon gut. Hätte ich mir ja denken können…“, seufzte Leah. Blöder Bürotratsch!
„Also raus mit der Sprache: Was hast du?“
„Nichts. Rein gar nichts.“ Leah griff sich einen ihrer Stifte und hämmerte mit ihm geistesabwesend auf ihrer Schreibtischunterlage herum. Sie bevorzugte Schreibgeräte mit Puppenköpfen, dieser hatte zudem noch pinkfarbene Zöpfe, die jetzt lustig auf und ab wippten.
„Leah, ich dachte wir sind Freunde … Du kannst mir doch alles erzählen, das weißt du doch“, sagte er einschmeichelnd.
Wenn du wüsstest, was ich dir alles nicht erzählen kann, dachte Leah bitter. Vor ihrem inneren Auge sah sie sich vor ihm auf die Knie fallen und ‚Heirate mich, Jonas. Tu es für mich und die alte Stasi-Villa’, flehen. Schnell schob sie ihre Gedanken wieder beiseite.
„Jonas – ja wir sind Freunde. Aber ich habe nichts zu erzählen, okay? Und jetzt sag’ mir doch einfach, was du sonst möchtest …“
„Was ich möchte?“ Jonas schaute sie ratlos an, für einen Moment schien er total aus dem Konzept gebracht zu sein, was Leah wiederum sehr niedlich fand.
„Ja – du hast da einen Ordner in der Hand. Der hat doch bestimmt eine klar definierte Funktion, oder?“ Leah hatte sich wieder etwas gesammelt und bekam sogar ein Lächeln zustande.
„Ach ja …“ Er schien tatsächlich etwas verlegen zu sein. „Ich wollte mir dir noch mal die neuen Ideen für Kundenbefragung durchgehen.“
„Okay, dann zeig’ mal her …“ Sie bemühte sich wieder um Konzentration und ließ sich von Jonas die Entwürfe zeigen, nach einer halbstündigen Debatte hatten sie sich auf die wichtigsten Details geeinigt. Leah genoss die Zusammenarbeit mit ihm, nicht nur, weil sie ihn als Mann attraktiv fand. Er hatte stets gute Ideen und sie liebte es ihm zuzuhören und mit ihm zu diskutieren. Nach der Trennung von seiner Verlobten war er anfangs zu nichts zu gebrauchen gewesen. Doch offensichtlich hatte er sich wieder gefangen und die Arbeit schien ihm auch wieder Spaß zu machen. Nur Leah musste sich immer wieder einreden, dass es zwischen ihm und ihr wohl nie mehr werden würden als Freundschaft. Die Hoffnung, dass er irgendwann mal etwas für sie empfinden würde, hatte sie tief in sich begraben. Sie war überhaupt nicht der Typ Frau, auf den er stand, das hatte sie oft genug schon mitbekommen dürfen, denn das Jonas so unverschämt gut aussah, war nicht nur Leah aufgefallen. Die Liste seiner Eroberungen war lang und alle Damen hätten durchaus auch aus einem Modelkatalog entsprungen sein können.
„Hast du Lust, etwas mit mir essen zu gehen?“, fragte er sie dann.
Schon wieder dieser Blick! Leah konnte Jonas nicht lange in die Augen schauen. Er hatte dieses gewisse Etwas in ihnen, dass Leah völlig in den Bann zog. Schon von Anfang an – und es war immer noch da. „Ähm, nein. Ich hab’ noch zuviel zu tun.“
„Schade – ein anderes Mal vielleicht.“ Jonas hob die Hand zum Gruß und ging schnell aus ihrem Büro.
„Ja vielleicht“, murmelte Leah und gab sich wieder ihren Gedanken hin. Sofort fiel ihr wieder die unselige Debatte um Tante Trudchens Haus ein und ihre Laune sank in den Keller. Leah schloss die Tür zu ihrem Büro ab und dachte lange nach. In ihr tobte ein Kampf. Natürlich wollte sie, dass ihre Eltern auch mal in den Genuss einer solchen Villa kamen und Tante Trude hatte mehr Geld, als sie ausgeben konnte. Aber trotzdem hatte sie ein schlechtes Gewissen. So etwas tat man einfach nicht …
Aber wenn es wirklich nur die paar Tage sind …
Sie verachtete sie selbst, beschimpfte sich mit den unflätigsten Ausdrücken – und begann dann doch nachzudenken. Im Geiste ging sie potentielle Verlobte durch – Jonas würde das Spielchen höchstwahrscheinlich sogar mitmachen, schließlich hatte sie ihn bisher auch schon genügend Male aus der Patsche geholfen. Aber Leah wollte die Freundschaft zu ihm nicht mit so einer idiotischen Aktion belasten. Und seine Nähe brachte sie zu sehr aus dem Konzept, sie brauchte für das Täuschungsmanöver einen klaren Kopf. Also musste jemand her, zudem sie genügend Abstand hatte. Jochen und Moritz schieden ja leider wegen ihrer Bindungen nach Gotschenbach aus. Dann gab es noch Ben, er war Praktikant hier in der Firma, aber leider zu jung – das würde Tante Trude sofort durchschauen. Stefan – Leah kicherte bei dem Gedanken an den schrulligen Buchhalter, auch das würde ihre Tante sofort aufdecken. Eigentlich kam nur einer in Frage. Eine treue Seele und Leah sehr zugetan, das hatte sie auch schon bemerkt. Aber gerade deswegen war es doch eigentlich nicht in Ordnung, ihn um so etwas zu bitten. Es war völlig grotesk, aber Leah raffte sich auf.