Schützenfest – Teil 4

„Ist es wirklich nur solange Tante Trude in Gotschenbach ist?“, fragte Leah ihre Mutter leise, als sie sie fünf Minuten später aufsuchte.
„Ja, Leahlein. Wirklich.“ Hannelore Paulsens Augen begannen zu leuchten.
„Mama, wenn da irgendwas schief laufen sollte, kläre ich das Ganze sofort auf und sage, Ihr hättet mich gezwungen – mit Waffengewalt!“
„Ja, Leahlein. Und? Machst du es?“
Leah, du bist total bescheuert. Du reitest dich wieder in den größten Mist hinein. Du wirst es bereuen! Die mahnende Stimme in ihrem Kopf überschlug sich gerade vor Aufregung.
„Okay Mama. Für dich und Papa“.
„Du bist ein Schatz!“ Ihre Mutter drückte Leah einen dicken Schmatzer aufs Gesicht. „Und wen fragst du?“
„Den dicken Müller aus der Buchhaltung“, antwortete Leah knapp.
„WAS?“
„Lass’ dich überraschen.“ Leah atmete tief durch und machte sich auf den Weg zu seinem Büro.

„Herein …“
Okay, er wird dich für total geisteskrank halten und das Ganze wird sowieso niemals klappen – aber immerhin kannst du dann sagen, du hättest es versucht!
Seufzend drückte Leah die Türklinke hinunter.
„Oh, Frau Paulsen.“ Viktor stand erfreut auf und bot ihr direkt einen Stuhl an. „Gab es noch etwas zu besprechen wegen der Werbekampagne?“
„Nein, es … es geht um was ganz anderes“, sagte Leah verlegen.
„Oh, na gut. Schiessen sie los.“
„Also eigentlich … eigentlich ist das eine Unverschämtheit, dass ich Sie mit so etwas behellige. Mir ist das Ganze auch außerordentlich peinlich … Ach, vergessen Sie es einfach!“ Leah sprang auf und rannte panisch zur Tür.
„Frau Paulsen, jetzt erzählen Sie doch erstmal worum es geht. Und Peinlichkeiten gibt es eigentlich für mich nicht“, hörte sie seine Stimme, es klang belustig, gut, das konnte Leah ihm noch nicht einmal übel nehmen. Also holte sie tief Luft und setzte sich wieder hin.
„Ich wollte Sie fragen, ob Sie bereit wären … also ob … würden Sie eventuell so tun, als ob …. also nur so aus Schein … wegen meiner Tante …. also ob Sie mit mir … verlobt wären?“ Sie stieß heftig die Luft aus und traute sich nicht, Viktor anzuschauen. Schließlich blickte sie auf.
Er sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. „Ähm, ich soll so tun, als ob wir verlobt wären? Habe ich das jetzt richtig rausfiltern können?“
„Ja, es tut mir leid, wie gesagt, das Ganze war ein blöder Gedanke. Vergessen Sie es einfach wieder.“
„Moooooment mal. Eine Frage sei gestattet: Warum?“ Er wirkte ehrlich interessiert.
„Es ist wegen meiner Tante. Die Hintergründe sind jetzt erstmal für Sie unwichtig. Es wäre auch nur ein- oder zweimal, dass ich ihre Hilfe bräuchte. Sie würden dadurch auch einen finanziellen Nutzen haben.“
„Sie wollen mich dafür bezahlen, dass ich Ihren Verlobten spiele, richtig?“
„Ja“.
Viktor grinste. „Es ist mir eine außerordentliche Ehre, Frau Paulsen, Ihnen diesen Gefallen zu tun.“
„Wirklich? Sie würden das machen? Einfach so?“ Leah schaute ihn ungläubig an.
Spinnt der?
„Ja – ich stelle mir das sehr nett vor, mit Ihnen verlobt zu sein.“
„Scheinverlobt“, stellte Leah direkt klar.
„Scheinverlobt – das meine ich natürlich. Wann soll es denn losgehen?“ Er rieb sich die Hände, offenbar erwartete er einen Mordsspaß.
„Morgen Nachmittag – zum Kaffee?“, fragte Leah vorsichtig.
„Gerne, aber es wäre vielleicht günstiger, wenn wir uns vorher mal zusammensetzen und einige Dinge abklären. Wie wäre es heute zum Abendessen?“
„Ja, klar, da … da haben Sie natürlich recht.“ Leah stand erleichtert auf und ging zur Tür, sie drehte sich noch einmal kurz um. „Vielen Dank, Herr Pech.“
„Viktor – wir sollten uns vielleicht nicht unbedingt mehr ‚Siezen’.“
„Ja, danke Viktor“, nickte Leah ihm noch einmal zu.
Meine Güte, Leah – bist du bescheuert!

Sie ging rasch zu ihrer Mutter und erklärte ihr die Situation. Hannelore war völlig aus dem Häuschen und organisierte direkt das Treffen mit Tante Trude für den nächsten Nachmittag.
Das Abendessen mit Viktor verlief ganz angenehm. Sie konnten wichtige Details aus ihrer Kindheit austauschen und gewisse Vorlieben in Bezug auf Essen und Hobbys und man einigte sich darauf, Händchen zu halten und kleine Küsse auf die Wange auszutauschen.
„Ich hoffe, dass ein Treffen mit Tante Trude reichen wird und ich Sie, äh dich, dann nicht mehr belästigen muss.“
„Es ist mir eine Ehre, dein Verlobter sein zu dürfen – auch wenn es nur zum Schein ist“, lachte Viktor. Leah war sehr froh, dass er die Sache so entspannt anging – und sie hoffte, dass das alles wirklich problemlos verlaufen würde.

Sie schlief sehr unruhig in dieser Nacht und war tagsüber hypernervös. Und sie mied Jochens Kiosk, sie wollte erst wieder mit ihm reden, wenn die ganze Geschichte vorbei war. Seinen trockenen Kommentaren oder derben Sprüchen fühlte sie sich im Moment nicht gewachsen.

Mit Viktor hatte sie verabredet, dass er am nächsten Nachmittag nach Gotschenbach kommen sollte, das Treffen mit Tante Trude fand im Haus ihrer Eltern statt.
Leah war mittags schon nach Hause gegangen. Sie war einfach zu angespannt und jegliche Konzentration auf ihre Arbeit war einfach unmöglich.

Gegen 15.00 Uhr traf Tante Trude ein. Sie hatte sich wirklich nicht verändert und war modisch und elegant gekleidet, auf ihrem Kopf thronte ein überdimensional großer Hut. Offenbar war sie auch der modernen Schönheitschirurgie sehr zugetan, denn ihr Gesicht wirkte glatt gebügelt und ein wenig maskenhaft. Sie begrüßte Leah herzlich und Hannelore sprang aufgeregt umher.

„Wann kommt denn dein Verlobter?“, fragte Trude neugierig.
Leah schaute besorgt auf die Uhr.
Er müsste eigentlich schon hier sein … Würde Viktor doch noch abspringen? Sie hätte es ihm noch nicht einmal verübeln können…
„Ich rufe ihn mal kurz an, er arbeitet immer soviel“, erklärte sie verlegen. „Er ist so ein fleißiger Kerl …“

„Wo bleibst du denn?“, zischte Leah aufgeregt ins Telefon.
„Ich hab’ die Bahn verpasst. Ich sitze aber hier in Herrn Steffens Auto. Er hat mich am Taxistand entdeckt und fährt mich netterweise nach Gotschenbach.“
„Jonas fährt dich? Weiß er, wieso du hierhin willst?“ Leah beschlich leise Panik. Ausgerechnet Jonas …
Noch mehr potentielle Mitwisser von dieser peinlichen Aktion wollte sie eigentlich nicht haben.
„Natürlich nicht“, protestierte Viktor laut. „Wir sind gleich da“.

„Er kommt gleich“, lächelte Leah ihrer Tante zu. „Ich schau mal, wo er bleibt …“
„Hach, sie sind ja so verliebt“, hörte Leah ihre Mutter Tante Trudchen vorschwärmen.

Leah ging vor die Haustür. Zeitgleich mit Jonas und Viktor traf auch ihr Vater ein.
Viktor sprang fröhlich winkend aus dem Auto, scheinbar hatte er vor, mit seiner Rolle als Verlobter schon vor der Haustür anzufangen, allerdings stolperte er über die Leiste am Auto, blieb irgendwie hängen und schlug mit dem Gesicht auf dem Bürgersteig auf.
Oh … Leah sah ihn verdattert an, Viktor blieb für einen Moment reglos liegen.
Jonas, Leah und ihr Vater rannten schnell zu ihm hin, um zu helfen. Viktor hatte eine blutige Lippe und ein Stück von einem Schneidezahn fehlte.
„Ach du liebe Güte“, schrie Leah entsetzt auf. „Tut’s weh?“
Viktor fluchte, schaute auf sein Blut, das auf den Bürgersteig tropfte und verdrehte die Augen, dann sackte er in sich zusammen.
„Nee, jetzt wird der auch noch ohnmächtig. Das passt jetzt aber gar nicht!“, polterte Hans Paulsen los, dann drehte er sich hektisch zu Jonas um.
„Herr Steffen – hätten Sie nicht Lust auf eine Tasse Kaffee?“
„Ja, warum nicht?“ Jonas schien sich über das Angebot zu freuen. „Aber wir müssen uns erst um Herrn Pech kümmern.“
„Ach, Herr Steffen, das mach’ ich schon. Hier um die Ecke wohnt Dr. Schiefers. Ich lege das Kerlchen hier in mein Auto und bringe ihn mal eben hin. Leah, geh’ doch schon mal mit dem Herrn Steffen ins Wohnzimmer“, wies ihr Vater sie an.
Leah war wie schockgefroren, irgendwie weigerte sich ihr Gehirn das gerade Geschehene zu verarbeiten und einzusortieren.
„Leah – geh‘ doch schon mal“, sagte ihr Vater eindringlich, mit seinen Augen schien er sie hypnotisieren zu wollen.
„Papa, das geht aber nicht!“ Endlich kam wieder Leben in sie, entsetzt starrte sie ihn an.
„Das MUSS jetzt gehen, Schneckchen. Wir können der Tante doch keinen Ohnmächtigen präsentieren – und schon gar nicht Einen mit ohne Schneidezahn. Wie sieht denn das aus?“, flüsterte er ihr zu, dann tätschelte er Viktor heftig im Gesicht, dieser kam langsam wieder zu Bewusstsein.
„GEH!“, sagte Hans beschwörend zu seiner Tochter.
Das ist alles ein schrecklicher Alptraum, dachte sie verzweifelt, dann sah sie Jonas‘ fragendes Gesicht.
„Was ist denn los“, fragte er amüsiert. „Hast du ein Gespenst gesehen?“
„Nein, alles in bester Ordnung“, flüsterte Leah.