Schützenfest – Teil 5

Leah ging wie mechanisch mit Jonas zur Haustür.
Leah – du musst das abbrechen – sofort!, schrie alles in ihr. Kurz bevor sie die Tür öffnete, stoppte sie Jonas und hielt ihm am Arm fest. „Das … nich’ gut … das … schwierig, ganz schwierig …“, stammelte sie.
„Wie?“ Jonas zog die Augenbrauen hoch. „Was meinst du?“
„Nich’ gut … gar nich’ gut …“
„Leah, kannst du vielleicht ein klitzekleines bisschen konkreter werden?“, grinste Jonas – er sah umwerfend aus.
Doch Leah war nicht in der Lage für Erklärungen, Jonas hielt ihr galant die nur angelehnte Wohnungstür auf. „Gehen wir doch erst einmal hinein, ja?“, schlug er ihr dann vor.

„Ach, da ist er ja endlich!“ Tante Trudes Stimme schrillte durchs Wohnzimmer. „Wie schön, dass ich Leahs Verlobten jetzt endlich kennen lerne!“
Jonas schaute verblüfft und blickte sich suchend im Wohnzimmer um. Offenbar vermutete er den vermeintlichen Verlobten irgendwo hinter sich.
TU ENDLICH WAS, LEAH!
Leah löste sich aus ihrer Starre, sie musste handeln, ganz schnell. Sie nahm Jonas‘ Hand und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ja, das ist er. Mein Jonas“, lächelte sie Trudchen an. Sie wagte es nicht, zu Jonas aufzublicken, spürte aber, wie seine Finger sich kurz ein wenig fester um ihre krampften.
Hannelore Paulsen waren sämtliche Gesichtszüge entglitten und die Kuchenschaufel in ihrer Hand erlag dem gleichen Schicksal. Samt Schwarzwälder Kirschtortenstück landete sie laut polternd auf dem Boden und lenkte so zumindest kurzzeitig die Aufmerksamkeit auf sich.
„Ach, ich bin aber auch ungeschickt“, stotterte sie und rannte schnell hinter die Küchentheke um einen Lappen zu holen. Aus den Augenwinkeln beobachtete Leah wie ihre Mutter schnell einen Schluck von dem hochprozentigen Kirschwasser trank.
„Leah, also du hast einen guten Geschmack was Männer anbetrifft, Respekt!“ Trude musterte Jonas mit Kennerblick wohlwollend von oben bis unten.
Wenn sie noch seine Zähne sehen will, sollte ich wohl eingreifen, dachte Leah grimmig.
„Jonas, das ist meine Tante Gertrude Kravizek.“ Leah schickte schätzungsweise tausend Gebete zum Himmel, dass Jonas sich auf das Spielchen einließ. Eigentlich war er es gewohnt, mit ungewohnten Situationen umzugehen und hatte Talent zum Improvisieren. Die Frage hier war aber, ob er das Ganze überhaupt mitspielen wollte.
Ihr trat der Angstschweiß auf die Stirn und sie bekam feuchte Hände, schnell ließ sie ihn los.
„Freut mich sehr, Frau Kravizek.“ Jonas lächelte sie charmant an.
„S … setzt euch doch.“ Hannelore hatte sich mittlerweile etwas gefangen und schaute ängstlich zwischen Jonas und Leah hin und her.
„Wie habt Ihr Euch denn kennen gelernt?“, fragte Trude und steckte sich genüsslich einen Bissen Torte in den Mund.
„In der Firma. Zuerst war Jonas mein Chef und …“
„Und jetzt arbeiten wir fast auf Augenhöhe“, ergänzte Jonas.
Offenbar war er bereit mitzuspielen, aber Leah wurde sehr schnell klar, dass er es zu seinen Spielregeln tat. Er zog Leah, die bisher stocksteif da gegessen hatte, an sich und küsste sie sanft auf den Hals.
Leah lief ein Schauer durch ihren Körper. Sie spürte seinen Arm, der sie von hinten umarmte und seine Hand, die er auf ihre Hüfte gelegt hatte, überdeutlich. Und die Wärme, die von ihm ausging, strahlte direkt auf sie ab.
„Aber es hätte gar nicht besser laufen können – Leah ist eine tolle Kollegin, und eine noch tollere Frau.“ Er nahm sich ihr Ohrläppchen vor und knabberte mit einem anzüglichen „Rrrrrr“ daran herum.
Sie wusste ganz genau, dass sie so rot angelaufen war, wie die Zierkirsche auf der Schwarzwälder Kirschtorte. Hier schien es jemanden zu geben, der es darauf anlegte, sie in Verlegenheit zu bringen – dies war also Jonas‘ Rache für die Lage, in die sie ihn gebracht hatte.
„Ach, ist das schön, euch zuzusehen“, schwärmte Tante Trude und schaute die beiden verzückt an. „Da bist du aber sicherlich sehr stolz auf deinen feschen Schwiegersohn, was Hannelore?“
Leahs Mutter hatte gerade einen großen Bissen im Mund und brachte nur ein „Hmpf“ zustande, doch ihr heftiges Kopfnicken signalisierte Zustimmung.
„Ja, Mama und Papa verstehen sich sehr gut mit Jonas.“ Leah hatte irgendwie ihre Sprache wieder gefunden und brachte tatsächlich einen vollständigen Satz zustande.
Läuft doch super, ätzte es in ihr.
Schüchtern schaute sie ihn von der Seite an, Jonas wirkte erstaunlich entspannt. Dieser Mistkerl scheint die ganze Sache auch noch toll zu finden – unglaublich!
Sie wurde fast ein bisschen sauer auf ihn, doch schnell fasste sie sich wieder.
Jonas rettet dir hier gerade den Hintern!
Seine Augen wendeten sich Leah zu. In ihnen blitzte es schelmisch auf und Leah machte sich auf die nächste Attacke gefasst.
„Ja, Leahs Eltern sind unglaublich nett. Ich fühle mich hier sehr wohl.“ Er strahlte gewinnend in Hannelores Richtung, die sogar kurz verlegen wurde, bevor sie wieder zu realisieren schien, dass das Theaterstück ‚Leah-wird-unter-die-Haube-gebracht’ gerade seine Uraufführung erlebte.
„Jonas ist ja auch ein netter Mann.“ Hannelore lächelte verkrampft zurück.

„Mannomann Trude, du glaubst ja einfach nicht, was es für Trottel gibt. Da ist hier doch tatsächlich einer auf dem Bürgersteig auf die Nase gefallen. Hab’ ihn gerade zu Dr. Schiefers gefahren. So ein Vollpfosten – konnte noch nicht einmal sein eigenes Blut sehen!“ Hans stieß schwungvoll die Tür auf und ließ sich neben Jonas aufs Sofa plumpsen. Sofort schaufelte er sich ein Tortenstück auf seinen Teller.
„Da ist mein Schwiegersohn in spe schon aus ganz anderem Holz geschnitzt – nicht war, Steffen jr.?“
Hans klopfte Jonas fest auf den Rücken – eigentlich war es mehr ein warnender Schlag, denn er wurde ein ganzes Stück nach vorne gestoßen.
„Klar doch“, antwortete Jonas schnell.
„Und Trudchen, der Steffen jr. kommt auch aus einem richtig guten Stall“, ergänzte Hans mampfend.
„Das sehe ich, lieber Hans.“ Trude schaute Jonas anzüglich grinsend an. „Du weißt doch: Ein erfahrener Jockey erkennt ein gutes Pferd.“
OhmeinGottohmeinGottohmeinGott! Leah kämpfte gegen eine Ohnmacht an. Jonas wird dich umbringen!
„Also Trudchen“, kicherte Hannelore verlegen.
„Aber lieber Jonas – deine Leah wird auch nicht als unvermögende Frau in die Ehe gehen.“ Trude zwinkerte Leah verschwörerisch zu.
„Auf Geld kommt es mir gar nicht an.“ Jonas küsste Leah sanft auf die Wange.
„Das ehrt sie junger Mann, aber nur von Luft und Liebe kann man auch nicht leben. Jedenfalls nicht ausschließlich.“
„Ach, erstmal reicht das uns, nicht wahr, mein Schatz?“ Er strich Leah eine Haarsträhne aus der Stirn, dann lehnte er sich ins Sofa zurück und zog sie noch mehr in seinen Arm, so dass sie sich an seine Brust anlehnen musste.
Leahs Körper war wie elektrisiert. Mit jeder Faser spürte sie ihn und nahm ihn wahr. Einen Arm hatte er um sie gelegt und streichelte mit seinen Fingern zärtlich über ihren Oberarm. Leah hatte die ganze Zeit den Duft seines After-Shaves in der Nase, was sie auch noch wuschiger machte. Sie hatte das Gefühl, am ganzen Körper zu zittern und hoffte inständig, dass Jonas das nicht bemerkte.
„Ja, ja, am Anfang ist das noch so. Wenn man noch so frischverliebt ist, wie Ihr beide …“ Trude verdrehte verträumt die Augen. „Da kommt man erst gar nicht aus dem Bett raus.“
„Soll ich noch mal Kaffee holen gehen?“, warf Leah schnell ein.
„Ich mach’ schon!“ Zu Leahs Enttäuschung war ihre Mutter schneller und rannte in die Küche.
„Na ja, was gibt es auch Schöneres, als zusammen aufzuwachen?“ Jonas schien dieses Thema überhaupt nicht peinlich zu sein. Im Gegenteil: Offenbar hatte er vor, es noch ein wenig zu vertiefen. „Vor allem, wenn man so etwas Bezauberndes neben sich im Bett vorfindet.“
Nein: Ich bringe IHN um!
Tante Trude grinste sie an, auch sie liebte scheinbar dieses Thema.
Leah wusste gar nicht mehr, wo sie hingucken sollte. Sie spürte seine Hand ihren Nacken kraulen und bekam eine Gänsehaut.
„Leahs Schlafgewohnheiten sind auch zu niedlich“, plauderte Jonas weiter.
„Ach – sind’se das?“ Nun war auch Hans sichtlich überrascht. Er schaute neugierig zwischen Jonas und Leah hin und her.
Super – hier schnallt wirklich keiner mehr was!, dachte Leah verzweifelt und warf ihrem Vater einen genervten Blick zu.
Jonas – jetzt hör’ doch endlich auf! Sie schaute ihn flehend an. Der fing ihren Blick zwar auf, doch sie konnte in seinen Augen ablesen, dass er großen Spaß hatte.
„Ja, meistens wacht sie auf dem Bauch mit angezogenen Beinen auf. So wie ein kleiner Frosch.“
Ich glaube nicht nur, dass ich ihn umbringe – ich WERDE ES TUN!
Leah sah sich genötigt, einzuschreiten. „Das stimmt doch gar nicht. Woher willst du …“
Jonas drückte ihr einen leichten Kuss auf den Mund, um sie zum Schweigen zu bringen. „Schatz – ich sehe dich morgens aufwachen. Also kann ich das doch besser beurteilen“, raunte er ihr sanft zu. Ein unglaubliches Kribbeln machte sich in Leahs Bauch bemerkbar.
„Ach Leah, so was muss dir doch nicht peinlich sein. Viel schlimmer wäre es doch, wenn du schnarchen würdest“, mischte sich Trude wieder ein.
„Eben“, mampfte Hans. „Da kann ich ganz andere Geschichten erzählen.“
„Wie meinst du das denn jetzt?“ Hannelore blickte ihren Mann empört an.
Leah kochte. Sie hasste diese Situation, sie hasste ihre Eltern, Tante Trude und ihre doofe Villa sowieso – und sie hasste Jonas, der sie von einem Gefühlschaos in das nächste katapultierte.
Bevor Leah noch etwas sagen konnte, nahm Jonas ihre Hand und küsste sie sanft.
„Du bist immer so süß, wenn du verlegen bist“, sagte er zärtlich zu Leah.
Gerührt seufzte Trude auf, sie sah Jonas sehnsüchtig an. „Hach, wäre ich doch zwanzig Jahre jünger …“
„Dann wärste jetzt 44 und immer noch zu alt für den Steffen jr.“, mischte sich Hans schmatzend wieder ein.
„Also Hans, du warst auch schon mal charmanter!“ Hannelore sah warnend zu ihrem Mann.
„Wenn es doch so iss …“, ungerührt schlürfte er seinen Kaffee weiter.
„Aber das kann doch gar nicht sein! Ich hätte sie aber viel jünger geschätzt“, Jonas‘ Charmeoffensive lief auf Hochtouren.
Ist mir schlecht, dachte Leah nur. Was für ein Schleimer!
„Oh danke, junger Mann.“ Trude errötete leicht.
„Trude, wann wolltest du denn in die Toskana ziehen?“ Hannelore schien ein Themawechsel angebracht, wofür Leah ihrer Mutter auch sehr dankbar war.
Trudchen sprang sofort darauf an und erzählte enthusiastisch von ihrem Haus in Italien. Jonas hörte interessiert zu, während er Leah sanft weiter streichelte.
Die Lage entspannte sich etwas und man sprach über belanglosere Themen. Jonas erwies sich als Meister des Smalltalks und Tante Trude wurde immer begeisterter.

Schließlich schaute er auf die Uhr, Leah nahm es erleichtert zur Kenntnis.
„Du musst sicher los, nicht wahr?“
„Ja, in der Tat“, wieder blitzte es in seinen Augen auf. „Aber ich glaube, ich habe letzte Nacht bei dir meinen Terminplaner vergessen. Könnten wir mal gerade in deinem Zimmer nachschauen gehen?“
Leah wurde es heiß und kalt. Sie konnte sich denken, was jetzt gleich kommen würde.
„N … natürlich. Komm’ mit“.
„Entschuldigen Sie uns bitte für einen Moment.“ Jonas lächelte freundlich in die Runde.