Schützenfest – Teil 6

Leah ging mit zitternden Knien die Stufen zur ihrem Zimmer hinauf. Sie hielt Jonas die Tür auf und ließ ihm den Vortritt.
„Okay“, sagte sie leise, als sie die Tür geschlossen hatte. „Es tut mir alles wahnsinnig leid. Es war ein großes Missverständnis.“ Ihre Stimme überschlug sich fast beim Sprechen.
„Leah – es ist ja nicht so, dass ich die Sache nicht sowieso mitgemacht hätte. Aber ein bisschen mehr Anlaufzeit wäre dann doch schön gewesen“, stieß Jonas genervt hervor.
„Du warst ja gar nicht vorgesehen!“, platzte es aus ihr heraus.
„Ja, das hab’ ich mittlerweile auch kapiert, dass ich nur deine Zweitbesetzung war, aber du hättest mich wenigstens auf dem Bürgersteig kurz vorwarnen können!“ Jonas funkelte Leah böse an.
„Ich war wie gelähmt und hab’ mich so erschrocken. Jonas, bitte entschuldige. Es tut mir wirklich leid. Ich stehe tief in deiner Schuld.“ Sie senkte den Kopf und schluckte. Langsam aber sicher lagen ihre Nerven blank, sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen hochstiegen. „Vielen Dank, dass du mitgespielt hast.“
„Da nich’ für.“ Offenbar hatte er sich schon wieder abgeregt.
„Aber wie geht es jetzt weiter?“ Er deutete mit dem Kopf nach draußen.
„Oh, Tante Trude reist in ein paar Tagen ab. Sie wollte halt nur mal meinen, äh, Verlobten kennen lernen.“
„Aha. Ich nehme an, es geht um Geld, oder? Deswegen das Theater?“
Leah nickte. „Wegen eines Hauses. Es ist mir wirklich alles furchtbar unangenehm.“
Was sollte er jetzt bloß von ihren Eltern und ihr denken? Leah fühlte sich einfach nur schlecht.
„Schon gut.“ Er sah sie mit nicht zu deutendem Blick an. „Eine Sache möchte ich aber gerne noch wissen, Leah …“
„Ja?“ Sie wurde wieder nervös, aufgeregt knetete sie ihre Hände.
„Wieso hast du Viktor Pech gefragt? Ich meine, wir sind doch schon so lange befreundet. Wieso hast du mich nicht direkt darum gebeten, oder Jochen?“
Leah seufzte und setzte sich auf ihr Bett, Jonas nahm neben ihr Platz.
„Jochen kommt aus Gotschenbach. Wenn wir wirklich ein Paar wären, hätte sich das schon längst hier herumgesprochen. Und was dich angeht … also … ich wollte unsere Freundschaft nicht mit so etwas belasten.“
„Das ist doch Blödsinn, Leah.“
„Ich habe eben meine Gründe.“ Leah schaute stur auf den Teppich. Sie hielt es nicht mehr so nah neben ihm aus und stand vom Bett auf, das daraufhin laut quietschte.
„Hey, dein Bett quietscht ja!“, rief Jonas erfreut, er hopste ein paar Mal auf und ab.
„LASS DAS!“, schrie Leah auf. „Was sollen die denn denken?“
„Na was wohl?“
„Bitte Jonas!“ Sie hielt ihn krampfhaft an den Schultern und drückte ihn fest hinunter.
Er stand lachend von ihrem Bett auf und ging zur Tür.
„Danke nochmals“, flüsterte Leah.
„Kommst du nicht mit? Du solltest mich doch besser noch verabschieden …“
„Oh ja!“ Leah lief wieder rot an und ging mit ihm die Treppe hinunter.

„Es war mir eine Freude, Sie kennen gelernt zu haben, Frau Kravizek.“ Jonas beugte sich galant zu Trude hinunter.
„Trude – nennen Sie mich doch bitte Trude.“
„Aber nur, wenn Sie mich Jonas nennen“, schäkerte er weiter, Trudchen kicherte los.
„Ach Leah, ich bin ja nur noch ein paar Tage in Gotschenbach. Hättet Ihr beiden denn nicht Lust, mit mir essen zu gehen? Ich lad’ euch natürlich ein.“
Trude schaute strahlend zwischen Jonas und Leah hin und her. Leahs Mutter verschluckte sich an dem Kaffee und hustete heftig, daraufhin sprang ihr Mann auf und klopfte auf ihren Rücken.
„Da brat mir doch einer ‚nen Storch“, stotterte Hans.
Tja Jonas – das war wohl ‚ne Spur zu dick aufgetragen, dachte Leah böse.
„Natürlich – jederzeit gerne. Aber ich lasse mich doch nicht von so einer bezaubernden Dame einladen. Wenn, dann übernehme ich natürlich die Rechnung.“
Und noch einen draufsetzen. Bravo Jonas – jetzt haben wir sie am Hals.
Trudchen quiekte begeistert auf. „Sie Charmeur.“

„MUAHAHAHAHAHAHAHA!“ Er lief fast bedrohlich blau an und japste verzweifelt nach Luft.
Leah hatte wütend die Arme vor ihrer Brust verschränkt und tippte ungeduldig mit einem Fuß auf dem Boden, während sie ihren Freund giftig musterte.
„NAHEIN! WIE GEIL!“ Dicke Tränen liefen seine Wangen hinunter und er konnte nur noch röcheln, doch Leah verspürte keinerlei Mitleid.
„Könntest du dich bitte langsam wieder beruhigen?“  Genervt rollte sie mit den Augen.
„Bitte … Bitte noch mal ab der Stelle, wo Hans reinkommt und Jonas das Kreuz bricht …“ Jochen konnte nur noch stockend reden, weil er immer noch von unkontrollierten Lachkrämpfen geschüttelt wurde.
„ICH HAB’ ALLES SCHON DREIMAL ERZÄHLT!“
„Ich kann nicht mehr! HAHAHAHAHAHA!“, brüllte er wieder auf’s Neue los.
„Weißt du was, ich komm’ nachher noch mal wieder.“ Leah packte beleidigt ihre Tasche unter ihrem Arm und ging zu Kiosktüre.
„Nein! Bleib’ bitte“, kam es erschöpft vom Tresen.
„Pah!“ Sie wollte gerade ihre Hand nach dem Türgriff ausstrecken, als die Tür von außen aufgedrückt wurde.
Ein grimmig aussehender Viktor Pech trat hinein, Leah musterte ihn mitleidig. Seine Lippe war stark geschwollen und er hatte eine Abschürfung auf der Stirn.
Nun gab es für Jochen überhaupt kein Halten mehr. Er konnte sich vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten. „Der Scheinverlobte Nummer Zwei“, keuchte er mühsam hervor, bevor ein erneuter Lachanfall ihn erbeben lies.
„Dürfte ich mal wissen, was so lustig ist?“ Viktor schaute gereizt zwischen Leah und Jochen hin und her.
„Jochen hat einen Clown gefrühstückt“, erklärte sie schnell, sie griff nach Viktors Hand. „Wie geht es Ihnen?“
„Oh, danke. Dr. Schiefers hat mich nett versorgt.“
„Ja – das ist ein Meister seines Fachs“, prustete Jochen dazwischen.
„Und danach bin ich direkt zum zahnärztlichen Notdienst.“ Viktor schaute verlegen auf den Boden.
Leah entdeckte, dass der Zahn wieder intakt war.
„Oh, man konnte ihn wieder dran kleben?“ Sie deutete auf seinen Schneidezahn.
„Ja, zum Glück.“
Jochens Atmung hatte sich weitestgehend normalisiert. Ihm liefen zwar immer noch Tränen hinunter, aber er hatte seine Lachanfälle unter Kontrolle.
„Kaffee, Herr Pech?“, fragte er mühsam.
„Ja gern.“ Dann drehte sich Viktor wieder zu Leah herum. „Es … es tut mir leid, dass ich Sie gestern, äh, so im Stich gelassen habe.“ Seine dunklen Augen blickten Leah treu an.
„Oh, na ja, Sie konnten ja nichts dafür.“
„Kann man das Treffen denn irgendwie nachholen? Mir ist das alles wirklich unangenehm …“
„Zu spät “, kicherte Jochen.
Leah schoss einen scharfen Blick zu ihrem Freund. „Ähm, also es hat sich dann so ergeben, dass Herr Steffen eingesprungen ist. Vielen Dank.“
„Oh …“ Viktors Blick verfinsterte sich. „Herr Steffen.“
„Ja.“
Er stürzte schnell seinen Kaffee hinunter und ging hinaus.
„Tja, der arme Pech. Jetzt hat er seine Chance verpasst, an dir herumzugrabbeln.“
„Jochen spinnst du?“ Leah wäre ihm am liebsten an die Gurgel gegangen.
„Ach hör doch auf, Schätzchen. Hast du nicht seine traurigen Knopfaugen gesehen?“
„Du bist so blöd!“ Wütend packte Leah jetzt endlich ihre Tasche und stapfte hinaus.

„Guten Morgen.“
Ein äußerst gutgelaunter Jonas Steffen trat in Leahs Büro, er hatte zwei Becher Kaffee in der Hand.
„Hallo“, räusperte sie sich.
„Lust auf eine kleine Kaffeepause mit deinem Verlobten?“ Er grinste sie frech an und stellte ihr die Tasse auf den Schreibtisch.
„Danke.“ Leah nippte kurz und fasste sich ein Herz.
„Hör zu, Jonas. Wir … wir müssen das nicht weiterspielen. Mir ist die ganze Sache schon unangenehm genug. Ich will deine Freizeit nicht weiter in Anspruch nehmen.“
„Ach Leah, das macht doch nichts. Deine Tante ist doch wirklich ganz witzig. Und sehr unkonventionell. Ich hab’ mich gut amüsiert und bei so einem Abendessen ist doch nichts dabei. Und wenn für dich da wirklich ein Haus rausspringt, wäre es doch schade, das Ding abzubrechen.“
Leah konnte ihm nicht in die Augen blicken. Schön, dass Du es so locker siehst, dachte sie traurig.
„Ich hab’ auch schon mehrere Lokale ins Auge gefasst.“ Jonas erzählte von einem kleinen Restaurant am Stadtrand.
Leah hörte gar nicht mehr zu. Sie schaute verstohlen auf seine Hände, die lebhaft gestikulierten. Sie hatte das Gefühl, die Stellen immer noch an ihrem Körper spüren zu können, an denen er sie gestern berührt hatte. Für Jonas war das nur ein lustiges Spiel. Aber sie hatte die ganze Nacht nicht schlafen können. Immer wieder dachte sie an seine Stimme, die so liebevoll über sie gesprochen hatte, seine Hände, die sie sanft streichelten – und die kleine Küsse, die er ihr zugehaucht hatte, verursachten noch jetzt eine Gänsehaut, wenn sie nur daran dachte. Beim Abschied, als sie dann außer Sichtweite von Trude und ihren Eltern gewesen waren, war er wieder höflich und distanziert gewesen – so als ob sie sich zufällig im Büro getroffen hätten. Jonas war ein glänzender Schauspieler, das musste Leah anerkennen. Doch sie beschlich das Gefühl, dass sie bei diesem Spiel auf der Strecke bleiben würde.
„Leah? Leaaaah!“
Sie zuckte zusammen, erschrocken blickte sie ihn an. „Ja?“
„Hey, ich hab’ dir jetzt mindestens drei Restaurants beschrieben. Sag’ bloß, du hast mir nicht zugehört?“
„Also, äh, such’ du eins aus“, stotterte sie.
„Okay – also ziehen wir die Sache weiter durch. Ich kümmere mich um das Restaurant und werde deine Mutter bitten, Trude zu informieren, ja?“
„Ja“, hauchte Leah abwesend.
„Ach ja …“ Er stand schon im Türrahmen und drehte sich nochmals zu ihr um. „Diesmal sollten wir uns aber besser vorbereiten. Ich hätte gerne mehr Informationen über deine Tante – und über dich.“
„Über mich?“, stotterte sie. „Du kennst mich doch.“
„Leah, ich kenne dich als Kollegin und Chefin. Oder soll ich mir noch mal was aus den Fingern saugen? So wie der kleine süße Frosch im Bett?“ Schon wieder dieses freche Grinsen.
Leah fühlte, wie ihr die Röte langsam ins Gesicht stieg.
„W … wir können ja heute Mittag mal essen gehen … Oder …“ Sie blätterte in ihrem Terminplaner. „Heute Nachmittag hätte ich auch Zeit.“
„Heute Abend wäre mir lieber.“
„Okay“, stimmte Leah zu.
„Ich hol’ dich ab, um 19.30 Uhr.“