Schützenfest – Teil 7

Als er weg war, lehnte sich Leah in ihrem Bürostuhl zurück und schloss die Augen. Ihr graute vor dem Essen mit Trude, aber wenigstens hatte sie die Hoffnung, dass er in einem öffentlichen Lokal körperlich ein bisschen mehr auf Distanz zu ihr ging.

„Also: Was muss ich über deine Tante wissen?“ Jonas nippte an seinem Glas und sah Leah neugierig an. Sie versuchte, ihm nicht in die Augen zu schauen und sich auf die Fakten zu konzentrieren.
„Sie war dreimal verheiratet. Einmal mit einem Sportler aus dem DDR-Nationalkader, ein Leichtathlet namens Erwin Maulhammer. Er starb an Herzversagen. Danach heiratete sie Heribert Andratschke, ein hohes Tier von der Staatssicherheit, Offizier oder so. Mit ihm hat sie besagtes Haus auf Usedom gekauft …“
„Dass sie dir im Falle einer baldigen Eheschließung schenken will“, ergänzte Jonas.
„Genau. Heribert hatte einen ebenfalls einen Herzinfarkt bekommen und ist daran gestorben. Dann hat sie noch mal geheiratet. Einen Maler namens Georg Kravizek. Er hatte ein Haus in der Toskana …“
„… und starb an einem Herzversagen?“ Jonas‘ Augen wurden immer größer.
„… ganz plötzlich und unerwartet, richtig.“ Jetzt musste Leah grinsen, als sie Jonas geschocktes Gesicht sah. „Alle Fälle wurden genauestens untersucht. Man konnte ihr nichts nachweisen.“
„Na ja …“ Richtig überzeugt schien er nicht zu sein. „Aber du hast dieses Mörder-Gen nicht zufällig geerbt, oder?“
Leah kichert. „Wer weiß? Aber da wir ja nur ‚Schein’-verlobt sind, bist du da also relativ sicher.“
Jonas schaute kurz weg und räusperte sich. „Ah ja, wie beruhigend.“
„Jedenfalls hat sie durch ihre Hochzeiten ein gutes Vermögen angesammelt.“ Leah zog mit ihrem Fingernagel immer wieder nervös das Muster der Tischdecke nach.
Jonas griff schließlich nach ihrer Hand und umschloss sie sanft. Leah hatte das Gefühl sich zu verbrennen und zog sie schnell zurück, dabei stieß sie ihr Wasserglas um.
„Oh nein“, schrie sie verzweifelt aus. „Wieso muss mir immer so was passieren?“
„Kein Problem.“ Ein freundlicher Kellner kam vorbei und tauschte schnell die Tischdecken aus. Doch Leah kämpfte mit ihren Tränen, ihre Nerven lagen blank und die Geschehnisse der letzten Tage hatten sie mürbe gemacht. Sie fuhr sich hektisch durch die Haare.
„Leah – was ist denn los? Du wirkst so nervös.“ Jonas sah sie besorgt an, vermied aber, wieder nach ihrer Hand zu greifen.
„Entschuldige mal – ich bin nicht so gut im ‚Verlobt-Sein’ spielen! Und außerdem ist es nicht richtig, meine Tante so zu belügen“, flüsterte sie.
„Warum tust du es dann?“, fragte er, seine warme Stimme verursachte wieder eine Gänsehaut bei Leah. „Wegen deinen Eltern, stimmt’s?“, antwortete er sich selbst.
Leah nickte und starrte krampfhaft auf ihren Teller.
„Hey Leah. Wir schaffen das schon. Sie wird uns das schon glauben, du wirst sehen“, versuchte Jonas, ihr Mut zu machen.
„Ja, du warst sehr glaubhaft gestern“, murmelte sie mehr zu sich als zu ihm.
Zu glaubhaft, fügte sie in Gedanken hinzu.
„Danke – es war mir ein Vergnügen.“
Leah sah ihn nicht an, aber sie wusste, dass seine Augen aufblitzten, dafür kannte sie ihn einfach zu gut.
„Aber jetzt musst du mir noch mehr von dir erzählen. Ich will jedes kleine schmutzige Geheimnis von Leah Paulsen erfahren.“
Leah musste lächeln. „Das hättest du wohl gerne, was?“

Leah stand ratlos vor dem Spiegel. Gleich würde Jonas vorbeikommen und sie und ihre Tante abholen. Trude war schon bei ihnen und schnatterte laut mit ihrer Mutter. Leah hatte versucht, ihre Haare zu bändigen und sich leicht zu schminken, als es an der Türe klopfte.
„Ja?“, sagte sie unsicher.
Trude trat ein und begutachtete Leah von oben bis unten.
„Man sagt ja ‚Das Auge isst mit’“, stellte sie trocken fest, dann hielt sie ihr die Haare nach oben. „Was ist das überhaupt für ein Haarschnitt?“
Leah wurde sauer. Was geht sie das denn an?
Gut, sie wusste, dass sie keine Schönheit war und von Mode verstand sie auch nichts. Außerdem waren ihre Haare immer ein bisschen zu struppig, sie bekam sie einfach nicht in den Griff.
„Kindchen – du hast einen verdammt attraktiven Mann. Da musst du aufrüsten, um ihn auf Dauer zu halten.“ Trudchen griff nach dem Lidschatten.
„Setz dich hin, Leah – und lass’ mich mal machen.“