Schützenfest – Teil 8

Das Ergebnis von Trudchens Aufhübschaktion konnte sich sehen lassen. Sie hatte Leah sehr dezent geschminkt und ihr die Haare hochgesteckt. Leah gefiel sich sogar selbst und drehte sich noch ein paar Mal vor dem Spiegel.
Die Türklingel ließ sie zusammenzucken und holte sie wieder zurück in die Realität.
„Mist“, schimpfte sie, als sie registrierte, dass Jemand schon die Tür öffnete. Eigentlich wollte sie das tun, dann bräuchte sie Jonas nicht zur Begrüßung um den Hals zu fallen – oder gar ‚Anderes’ zu tun, doch ihr Vater war schneller gewesen.
„Schneckchen – dein Herzblatt ist da!“, rief er fröhlich.
OH – MEIN – GOTT! Wie peinlich. Das fängt ja schon gut an!

Leah lief schnell die Treppe hinunter, Jonas musterte sie kurz und strahlte sie an. Er fing sie auf der vorletzten Stufe ab, schlang seine Arme um ihre Taille und zog sie an sich, sanft küsste er ihren Hals.
„Hallo Schatz“, sagte er leise und ließ sie herunter. Leahs Puls raste auf geschätzte 240 Schläge und sie wusste mit tödlicher Sicherheit, dass sie wieder knallrot angelaufen war.
„Hallo“, stieß sie gepresst hervor.

„Na Steffen Jr., dann mach’ dir mal einen schönen Abend mit den beiden Damen.“ Hans klopfte Jonas aufmunternd auf den Rücken.
„Bei so einer charmanten Begleitung werde ich den schon haben. Aber wollen Sie denn nicht mitkommen?“ Jonas lächelte Hans und Hannelore freundlich zu.
„Ach nöö, lassen ‚se mal, Steffen“, stotterte Leahs Vater schnell. „Ich stehl’ Ihnen sonst nur die Schau.“
Feigling!, dachte Leah empört und schaute ihren Vater böse an. Hannelore lächelte ihrer Tochter zu, sie machte eine Geste, die zeigte, dass sie ihr die Daumen drückte, Leah nickte kaum sichtbar.
„Na, dann mal los!“ Jonas half erst Tante Trude und dann Leah galant in die Mäntel und sie brachen auf.

Das Restaurant war gut ausgewählt. Es wirkte edel, aber nicht zu aufgemotzt, Trude war sehr angetan. „Sie haben wirklich einen ausgesprochen guten Geschmack, Jonas.“
„Danke sehr.“ Er griff nach Leahs Hand und zog sie an seinen Mund. „Das weiß ich.“ Er schaute ihr tief in die Augen und Leah senkte schnell den Blick.
Zu Leahs Erleichterung kam der Kellner und nahm die Getränkebestellung auf, Jonas ließ ihre Hand los und sie atmete tief durch.
Sie studierte lustlos die Karte, eigentlich hatte sie überhaupt keinen Hunger. Sie war nur entsetzlich nervös und ihr Magen rebellierte. Schon diese kleine Geste von Jonas hatte wieder gereicht, um sie völlig aus der Bahn zu werfen. Und seinen Blicken war sie schon immer hilflos ausgesetzt gewesen.
Trude plauderte angeregt mit ihm und so konnte Leah sich wieder ein wenig sammeln.
„Und weißt du schon, was du essen möchtest, Schatz?“ Jonas berührte Leah leicht am Arm und riss sie somit aus ihren Gedanken.
„Ich? Essen?“, stammelte Leah aufgeregt.
„Schätzchen, deswegen sind wir doch schließlich hier.” Trude sah sie scharf an. „Bist du immer noch so verträumt?“
„Ich … ich hab’ gerade an die Firma gedacht, entschuldigt bitte“, stotterte Leah.
„Sie war als Kind schon eine Träumerin“, begann Trude zu erzählen. „Leah konnte stundenlang abends in den Himmel starren und sich die Sterne angucken. Sie hing immer ihren Hirngespinsten nach … Aber vom Phantasieren alleine kommt man nicht weiter. Man muss sich seine Träume manchmal selbst erfüllen.“ Leah spürte den bohrenden Blick ihrer Tante auf sich.
„Und? Haben sich denn schon viele deiner Träume erfüllt?“ Jonas strich Leah sanft über ihre Hand.
„Ein paar schon. Immerhin habe ich einen guten Job.“ Leah schob trotzig die Unterlippe vor und sah Trude fest in die Augen. „Das hätte ich wohl mit Träumereien alleine nicht geschafft.“
„Das stimmt.“ Diesmal schien Trudchen etwas aus dem Konzept gebracht. „Was wirst du dir denn jetzt bestellen?“
„Ich nehme einen Salat“, sagte Leah entschlossen.
„Habt Ihr denn schon einen Hochzeitstermin?“ Trude war an diesem Abend äußerst hartnäckig.
„Nein. Wir haben bei ‚Mandebach’ im Moment soviel zu tun. Es wird sehr schwer werden in näherer Zukunft ein paar freie Tage zu erübrigen.” Leah hatte mit dieser Frage gerechnet und war vorbereitet.
„Oh – wie schade. Dann werde ich ja wahrscheinlich schon in der Toskana sein. Dabei wäre ich doch zu gerne bei Eurer Hochzeit dabei.“ Trude blickte enttäuscht zu Jonas.
„Ja, aber Leah hat Recht. ‚Mandebach’ floriert im Moment und da geht es leider nicht anders. Und wir wollen schließlich direkt auch Flitterwochen dranhängen, da ist es mit ein paar Tagen nicht getan.“
„Hach ja, das stimmt. Flitterwochen müssen schon sein. Da hatte ich ja Glück, dass meine beiden ersten Männer hoch in der Gunst der damaligen Regierung standen. Wir durften ja sogar in den Westen reisen.“ Trude lächelte verträumt und hing offenbar ihren Erinnerungen nach.
„Schade, dass deine Männer allesamt verstorben sind”, stichelte Leah.
Doch Trudchen ließ das völlig kalt. „Na ja, ein bisschen Schwund hat man immer“, sagte sie gedankenverloren.
Jonas schaute sie entsetzt an. Trude sammelte sich schnell und tätschelte ihm beruhigend über den Arm. „Kleiner Scherz von mir. Natürlich ist es schwer, einen geliebten Menschen zu verlieren“, beeilte sie sich hinterher zu schieben.

Das Essen kam und Leah stocherte lustlos in ihrem Salat herum. Der Abend versprach noch sehr anstrengend zu werden. Offenbar hatte Trude sich vorgenommen, ein bisschen herumzupiksen und Jonas und sie mussten auf der Hut sein.
„Waren Sie eigentlich schon mal auf Usedom?“, fragte Trude betont beiläufig.
Bei Leah schrillten sämtliche Alarmglocken, sie griff panisch unter dem Tisch nach Jonas Bein und kniff kräftig hinein.
„Ja, es ist wirklich sehr schön dort“, hörte Leah Jonas zu ihrer Erleichterung sagen.
„Wie lange ist es denn schon her?“
„Och, das sind schon ein paar Jahre.“
„Dann kommt Ihr beide mich doch mal für ein paar Tage besuchen. Es hat sich in den letzten Jahren viel verändert.“
Leahs Gabel fiel polternd auf den Boden. Ihr wurde kurz schwarz vor Augen und sie stand leicht schwankend vom Stuhl auf. „Entschuldigt … mich bitte … kurz. Mein Magen …“, stammelte sie und ging schnell Richtung Toilette.

Sie schloss eilig die Kabine hinter sich, ihr war richtig schlecht geworden. Sie presste sich die Hand vor den Mund und setzte sich hin.
Oh Gott, bitte Jonas, lass’ dir was einfallen …
Sie hatte es insgeheim befürchtet, dass diese Einladung kommen würde.
Das ist alles ein furchtbarer Alptraum, dachte Leah panisch. Ich hätte mich da nie drauf einlassen dürfen.
Leahs Mageninhalt beschloss dann doch an Ort und Stelle zu bleiben und sie versuchte, sich wieder weitestgehend zu beruhigen. Sie ließ kaltes Wasser über ihre Handgelenke laufen und ging zu dem Tisch zurück.
Jonas warf ihr einen besorgten Blick zu. „Geht es wieder?“
„Ja, alles bestens. Ich hab’ heute einfach einen nervösen Magen.“ Leah lächelte scheu ihre Tante an.
„Einen nervösen Magen? Aha …“ Trude wandte sich wieder Jonas zu. „Aber bitte überlegen Sie sich mein Angebot, ja? Usedom ist ja keine Weltreise von Berlin aus. Und ein paar Tage ausspannen ist nie verkehrt. Gerade für dich, liebste Leah. Du wirkst so abgespannt und fahrig. Einen Kurzurlaub mit deinem entzückenden Verlobten würde dir auf jeden Fall gut tun. Sonst bekommst du noch ein Magengeschwür von dem ganzen Stress hier.“ Trude lächelte Leah zuckersüß an.
Mit Sicherheit bekomme ich das, dachte Leah bitter.
„Wir überlegen es uns. Ein paar freie Tage wären bestimmt für Leah ganz gut.“
Leah glaubte, sich zu verhören, sie warf Jonas einen giftigen Blick zu, er sah sie entschuldigend an.
„Na bitte. Das klingt doch schon besser. Ich nehme Sie beim Wort, Jonas. Nicht das meine kleine Leah vor der Hochzeit noch umkippt.“ Trude sah zufrieden zwischen Leah und Jonas hin und her.