Schützenfest – Teil 9

Als Trudchen mal kurz auf die Toilette verschwand, platzte Leah der Kragen.
„Wie kannst du so was auch nur in Erwägung ziehen? Wir können doch unmöglich zusammen dahin fahren. Dort sind wir unter permanenter Beobachtung von ihr. BIST DU EIGENTLICH ÜBERGESCHNAPPT?“ Sie sprach lauter als geplant, aber das konnte sie nicht mehr richtig steuern.
„Schsch …“ Er sah sich nervös um und nahm ihre Hände in seine. „Jetzt beruhige dich. Aber deine Tante ist kein leichter Brocken. Ich glaube, dass sie was ahnt. Und du wirkst wirklich sehr angespannt.”
„Das bin ich ja auch!” Leah kämpfte mit ihren Tränen.
„Ja, und das merkt auch jeder. Bitte nicht die Nerven verlieren.“
Trude war im Anmarsch und Jonas zog Leah kurz an sich. „Wir schaffen das, okay? Vertrau’ mir.“
Leah nickte und wandte sich wieder Trudchen zu.

Eigentlich hoffte Leah, dass sie nach dem Essen wieder nach Hause fahren würden, doch ihre Tante war aufgekratzt und schlug vor noch etwas trinken zu gehen. Leah und Jonas stimmten schließlich zu und man landete in einer Cocktail-Bar. Das Publikum war sehr gemischt und Trude machte einen zufriedenen Eindruck.
„Ach, das ist aber schön hier.“ Trudchen ließ suchend den Blick schweifen und taxierte das Angebot an männlichen Gästen. Offenbar schienen zwei in die engere Auswahl zu kommen und Leah war froh, dass Jonas und sie aus ihrer Schusslinie kamen.
Ein paar der Gäste tanzten und Trude sah Leah und Jonas aufmunternd an.
„Wenn ihr beiden wollt, dann müsst ihr nicht wegen mir hier sitzen bleiben. Geht ruhig auf die Tanzfläche.“ Sie prostete einem der auserwählten Herren keck zu.
„Ach …“ Leah wollte gerade abwiegeln, doch Jonas nahm ihre Hand und zwinkerte Trudchen zu. „Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Komm‘ Schatz.“
Er zog Leah vom Barhocker und führte sie auf die Tanzfläche.
Bitte kein so langsames Lied, betete sie innerlich. Doch heute war einfach nicht ihr Tag, denn offensichtlich war gerade Schmusezeit angesagt.
Jonas zog Leah dicht an sich heran. Ihr blieb nichts anderes übrig, sie legte ihre Arme um seinen Hals und schmiegte ihr Gesicht an seine Schulter. Jonas Hände streichelten langsam über ihren Rücken und hinterließen selbst durch den dünnen Stoff ihrer Bluse hindurch eine brennende Spur auf ihrer Haut.
Sie spürte seinen warmen Atem in ihrem Nacken. Eine Gänsehaut nach der nächsten jagte durch ihren Körper.
Was machst du bloß mit mir?, dachte sie verzweifelt, als seine Lippen ihre Haut berührten, sein Mund wanderte langsam von ihrem Nacken hinauf zu ihrem Ohr.
„Leah“, flüsterte er leise.
Ihre Sinne überschlugen sich und ein Zittern lief durch ihren Körper. Leah spürte seine zärtlichen Küsse, jeder Zentimeter ihrer Haut wurde von ihm sanft gestreift. Eine Hand hatte er in ihren Nacken gelegt und er kraulte sie zärtlich. Leah wollte ihn wegstoßen, doch selbst wenn sie all’ ihre Kraft zusammengenommen hätte, es wäre unmöglich gewesen. Er löste sich kurz von ihr und sah ihr in die Augen. Leah wäre am liebsten in ihnen versunken, sie wirkten sanft und geheimnisvoll zugleich. Das gedämmte Licht der Bar spiegelte sich ihn diesem tiefen Braun. Sie wusste nicht, wie lange dieser Augenblick dauerte, Leah kam es vor, als hätte sie jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Wie in Zeitlupe näherte sich sein Mund langsam ihrem.
Seine Lippen waren warm und weich. Er zog sie noch ein Stück näher zu sich. Mit jeder Faser spürte sie ihn, sie konnte seinen Duft wahrnehmen. Ganz behutsam verstärkte er den Druck auf ihren Mund. Leah schloss die Augen, sie konnte sich nicht mehr wehren, ihr Körper reagierte einfach von selbst. Seine Zunge glitt sanft über ihre Lippen und stupste dagegen, sie öffnete bereitwillig ihren Mund.
Leahs Verstand hatte sich ausgeschaltet. Sie spürte nur noch ihn. Ihre Zungen spielten zärtlich miteinander, zogen sich zurück und fanden sich immer wieder. Leah knabberte behutsam an seiner Unterlippe und er stöhnte leise auf, zog sie dichter an sich und sein Kuss wurde leidenschaftlicher.
Als sie für einen kurzen Moment blinzelte, sah sie, dass Jonas seine Augen geschlossen hatte. Sie wurde mutiger, vergrub eine Hand in seinen Haaren und die andere ließ sie unter sein Jackett gleiten. Zärtlich fuhr sie über seinen Rücken, auch Jonas‘ Hand wanderte immer tiefer und er streichelte leicht über ihren Po. Ein unglaubliches Kribbeln durchfuhr Leah, während sein Kuss wurde immer fordernder wurde.
Irgendwann merkten sie, dass die Musik aus war, sie lösten sich atemlos voneinander. Langsam realisierte Leah, was gerade geschehen war. Sie sah Jonas erschrocken an, er schaute ihr tief in die Augen und schluckte.
Leah drehte sich rasch herum und ging zurück zu Trude, sie musterte die beiden grinsend.
Jonas griff nach ihrer Hand und ließ sie auch den Rest des Abends nicht mehr los, Leah fühlte sich wie betäubt. Noch nie hatte sie einen Kuss bekommen, der solche Gefühle in ihr ausgelöst hatte. Sie fühlte sich wie in einem Schwebezustand. Immer wieder suchte sie Jonas‘ Blick, versuchte zu erkennen, ob es ihm auch mehr bedeutet hatte. Doch Leah konnte nichts in seinen Augen lesen. Er unterhielt sich nett mit Trude und nach ein paar Drinks brachen sie schließlich auf.

Sie setzten Trudchen zuerst in ihrem Hotel ab, nochmal erneuerte sie ihre Einladung nach Usedom und sagte ihnen, dass sie sie erwartete. Jonas nickte und versprach, darüber nachzudenken, das kurze Stück bis zu Leahs Haus schwiegen dann beide.
Leah knetete nervös ihre Hände, als der Wagen anhielt.
„Danke für… den Abend. Meine Tante ist wirklich anstrengend“, lächelte sie ihm scheu zu.
„Oh, das war schon okay.“ Jonas sah Leah nicht an und schaute stur auf die Straße. „Leah, es ist schon spät und ich muss jetzt wirklich los.“
„Natürlich.“ Sie öffnete schnell die Autotüre, kurz bevor sie aussteigen konnte, hielt Jonas sie am Arm zurück.
„Ich glaube, ich bin da eben etwas zu weit gegangen. Auf der Tanzfläche, meine ich. Bitte sei mir nicht böse. Können wir das Ganze einfach vergessen?“ Er sah nicht in ihre Augen und seine Stimme klang kalt.
„Klar.“
„Gut, dann bin ich ja erleichtert. Und deine Tante haben wir bestimmt überzeugt.“
„Ja“, sagte Leah knapp, ein Kloß setzte sich in ihren Hals fest.
Ich hab’ ja auch gedacht, dass da wahre Gefühle im Spiel sind. Warum sollte das Trudchen anders gesehen haben?
„Bis morgen.“ Er ließ den Motor an, Leah stieg aus und schaute ihm nach, bis der Wagen verschwunden war.

Sie spürte ihre Tränen zuerst gar nicht.
Er hat nur so getan als ob. Das war der Deal, Leah, sagte sie zu sich. Und trotzdem brach in diesem Moment eine Welt für sie zusammen.
Leah schlich sich leise ins Haus , erleichtert stellte sie fest, dass ihre Eltern schon im Bett lagen. Neugierige Fragen zu beantworten, darauf hatte sie im Moment nun wirklich keine Lust.

***

„Hey, guten Morgen.“ Jochen sortierte gerade die neusten Zeitungen in die Regale.
„Morgen“, sagte sie leise, er drehte sich sofort nach ihr um und musterte ihr Gesicht genauer.
„Was’n los? Du siehst schlecht aus“, stellte er nüchtern fest.
„Danke. Hast du mal einen Kaffee?“
Jochen schüttete ihr einen Becher voll und musterte sie kritisch. „Du bist verheult. Und das kann doch wieder nur einen Grund haben, oder?“
Leah zuckte mit den Schultern.
„Ach komm. Was ist gestern Abend passiert? Ihr wart doch noch mal mit der Gatten-Mörderin essen, oder?“
„Jochen, hör’ auf sie so zu nennen“, zischte Leah ihm zu. „Und ja, wir waren mit Trude essen.“
„Und?“
„Er hat mich geküsst.“
„Und?“
„Wie und?“, giftete Leah Jochen an.
„Geküsst – und?“
„Richtig geküsst … Also richtig leidenschaftlich, irgendwie so.“
„Jetzt sag’ endlich!“
„Ja. Wir haben getanzt. Zu einem langsamen Lied und … und da hat er mich nah an sich gezogen und dann erst meinen Hals und … und … dann irgendwann …“
„IIIIIEEEEEK!“, schrie Jochen auf. „Also richtig heftig! Leah Donnerwetter. Ihr habt rumgeknutscht. Du meine Güte, dass ich das noch erleben darf!“
„Mach’ dich nicht lustig, bitte …“ Leah konnte gerade kein Gespött ertragen.
„Leah – ihr habt geknutscht. Und? Gehörte das nicht zu Absprache? Zu der Scheinverlobten-Aktion?“
„Wir haben gar nichts abgesprochen. Aber … aber der Kuss … er wirkte so … so echt. Also vom Gefühl her. Ich dachte wirklich, er meint es auch ernst.“
„Jonas hat eben viel mehr Erfahrung als du. Und er scheint ja ein toller Küsser zu sein …“ Jochen schaute Leah mitleidig an. „Und jetzt bist du unsterblich verknallt, was?“
„Es fühlte sich aber wirklich … richtig an.“ Sie kämpfte wieder mit den Tränen. „Ich weiß, ich bin eine blöde Kuh.“
„Nein, Leah, das biste nicht. Aber Jonas ist nun mal der falsche Mann für dieses Spielchen – jedenfalls für dich.“ Jochen zog sie in die Arme. „Kleine Paulsens und kleine Wagners kriegen nun mal keine Steffens oder andere Kaliber. Das ist nun mal so…“
Sie schluchzte laut auf. „Was soll ich denn bloß machen?“
„Du, liebe Leah, gehst jetzt in die Firma und tust so, als wäre nichts Besonderes passiert. Ist es ja im Grunde auch nicht, oder?“ Er schaute Leah bohrend an. „Nur Geknutsche, nichts weiter… Hämmer’ dir das immer wieder in deinen Schädel. So was passiert nun mal manchmal. Und es ist nichts dabei. Hast du das verstanden?“ Jochen schüttelte Leah leicht. „Verstanden?“
Leah nickte.
„Gut. Dann geh! Und schlag dich wacker.“