Schützenfest – Teil 10

Leah erstattete ihrer Mutter einen Bericht über den gestrigen Abend, allerdings verschwieg sie natürlich Jonas‘ Kuss und das Chaos, was er in ihr ausgelöst hatte.
„Trude hat mich eben angerufen und war ganz begeistert von euch beiden. Ihr hättet so verliebt gewirkt.“ Hannelore strahlte Leah an. „Das klappt bestimmt mit dem Haus!“
Wenn du wüsstest, wie egal mir das ist!
„Ja – mal sehen“, antworte Leah nur ausweichend.
„Ach was. Es könnte nur sein, dass du zu ihr nach Usedom reisen musst. Sie wollte dir noch alles zeigen. Das wäre doch eine nette Idee, oder? Du könntest Urlaub gebrauchen, Leahlein.“
„Ich alleine?“
„Na ja, also sie hat schon gesagt, dass ihr es natürlich am liebsten wäre, wenn ihr beide kämt.“
„Wir beide?“
Leah hatte es gewusst. Die ganze Sache war ein Fehler gewesen – von Anfang an. „Jonas soll mit?“ Ihr Herz verkrampfte sich. Das war ganz unmöglich, das durfte nicht geschehen – wie sollte sie es denn so lange mit Jonas aushalten?
Mal davon abgesehen, dass er das bestimmt nicht machen würde …
„Meinst du, er würde mitkommen?“ Hannelore sah ihre Tochter aufmerksam an. „Es wäre schon glaubhafter.“
„Ich werde ihn nicht fragen – auf gar keinen Fall! Er …. er hat schon genug geholfen! Das kann man ihm nicht zumuten!“

Sie schloss die Türe und ließ sich erschöpft in ihren Bürosessel fallen. Die ganze Sache setzte ihr doch viel mehr zu, als sie das jemals vermutet hätte.
Und irgendwie verging die Zeit an diesem Tag überhaupt nicht. Leah starrte immer wieder auf die Zahlen, die vor ihr lagen und versuchte daraus eine vernünftige Kalkulation zu erstellen, aber es wollte ihr heute nichts gelingen, nicht mal in der Arbeit fand sie Ablenkung.
Entsprechend genervt war sie auch, als es an der Tür klopfte.
„Ja …“
„Hallo Leah. Hast du mal einen Moment Zeit?“ Jonas steckte den Kopf durch den Spalt und lächelte sie verunsichert an.
Leah hätte am liebsten laut ‚NEIN’ geschrien, aber sie versuchte sich zusammenzureißen. „Ja, was gibt es denn?“ Sie zwang sich, ihm in die Augen zu schauen. Auch Jonas schien etwas nervös zu sein, denn er lief in ihrem Büro auf und ab.
„Bitte setz’ dich doch. Dein Gerenne macht einen ja ganz wuschig“, fuhr Leah ihn an.
Jonas atmete tief durch und setzte sich auf den Stuhl. „Leah – wegen gestern Abend. Ich mache mir da große Vorwürfe …“, kam es gequält aus ihm heraus.
Leah wandte den Blick schnell von ihm ab. Sie presste ihre Lippen zusammen und starrte angestrengt auf ihren Monitor, so als ob auf dem Bildschirm wichtige Tipps für das richtige Verhalten stehen würden. „Ja? Warum denn?“
Cool bleiben, Leah!
„Na, weil wir uns geküsst haben. Das war wohl eine Spur zu übertrieben. Und ich will nicht, dass du jetzt vielleicht denkst, da könnte was sein … also, das war ja alles nur wegen deiner Tante, aber ich bin da etwas zu weit gegangen. Hatte ja auch schon was getrunken … Jedenfalls tut es mir leid, dass es so weit gekommen ist.“ Jonas hatte schnell gesprochen und sich ein paar Mal verhaspelt.
Leah schluckte schnell. „Was sollte ich denn denken, Jonas? Es war doch nur ein Kuss, nichts Besonderes.“ Sie zwang sich zu einem beiläufigen Ton und zuckte gelangweilt mit den Schultern.
Jonas lächelte sie erleichtert an. „Gott, ich bin so froh, dass du das genauso siehst. Ich hatte schon ein richtig schlechtes Gewissen!“
„Das brauchst du nicht, Jonas. Vergiss es einfach.“
Er nickte heftig. „Gut Leah. Und an unserer Freundschaft hat das auch nichts geändert?“
„Ach was, natürlich nicht. Alles ist okay, alles beim Alten“, versicherte sie ihm.
„Ich bin so froh!“ Jonas stand auf und kam zu ihrem Entsetzen hinter ihren Schreibtisch, er zog sie aus ihrem Sessel hoch und nahm sie in den Arm, Leah versuchte sich nicht zu sehr zu versteifen. „Ich möchte deine Freundschaft auf keinen Fall verlieren. Das hätte ich mir nie verziehen“, murmelte er an ihrem Hals.
Warum tust du mir das an, Jonas?
Sie kämpfte gegen ihre Tränen und drückte ihn kurz an sich. Sie genoss diesen kurzen Moment der Nähe und schob ihn dann weg.
„Mich verlierst du nicht so schnell“, sagte sie leise und starrte auf den Boden.
„Da bin ich sehr froh.“
Leah spürte seinen Blick auf sich, doch sie setzte sich schnell wieder hin. „Wenn du sonst nichts mehr hast, ich hab’ hier noch eine wichtige Kalkulation zu machen.“ Sie deutete auf ihren Monitor und hoffte, dass er jetzt endlich gehen würde.
„Na klar. Natürlich. Bis später.“
Warum kannst du mich denn nicht lieben?, fragte sie ihn immer wieder in Gedanken.
Leah rutschte an der Tür hinunter und blieb auf dem Boden sitzen. Warum denn nicht wenigstens ein ganz kleines bisschen?

Mit ihrer Konzentration war es jetzt gänzlich hin. Sie packte ihre Sachen und ging zum Aufzug, vielleicht würde ihr ein wenig frische Luft gut tun, in ihrem Büro hielt sie es einfach nicht mehr aus.
„Frau Paulsen? Machen Sie schon Schluss für heute?“ Viktor schaute sie freundlich an, sie hatte ihn gar nicht bemerkt, obwohl er neben ihr am Fahrstuhl stand.
„Ja, ich … ich brauche ein wenig Bewegung. Muss meinen Kopf frei kriegen“, erklärte sie ihm.
„Oh, also wenn Sie möchten, dann könnte ich sie begleiten. Mein Meeting ist geplatzt und ich wollte ein paar Überstunden abbummeln.“
Eigentlich wäre Leah lieber alleine geblieben, aber sie wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen, nachdem er ihretwegen in eine peinliche Situation gekommen war. Sie fühlte sich da immer noch ein bisschen schlecht wegen. „In Ordnung.“
„Okay, ich hole nur meine Sachen.“ Viktor eilte in sein Büro und stand kurze Zeit später wieder bei ihr. „Auf geht’s.“

Sie landeten schließlich im Zoo und Leah musste sich eingestehen, dass Viktor ein angenehmer Gesellschafter war. Nach kurzer Zeit brachte er sie schon zum Lachen und sie fühlte sich wohl in seiner Nähe. Er kaufte ihr Zuckerwatte und sie kicherten beide, als Leah bei dem Versuch, sie möglichst geschickt zu essen, sich immer mehr mit der klebrigen Masse einsaute. Mit Viktor war es unkompliziert und fröhlich und sie verbrachten einen unbeschwerten Nachmittag.

Doch zuhause holten Leah die Erinnerungen wieder ein. Sie versuchte sich immer und immer wieder einzureden, dass es wirklich nichts Besonderes war, einen Kuss zu bekommen. Doch es wollte ihr nicht gelingen. Der Gedanke an den gestrigen Abend saß wie ein bohrender Stachel in ihr.

Ihre Mutter kam abends zu ihr ins Zimmer. Leah saß auf ihrer Fensterbank und betrachtete nachdenklich die Sterne.
„Wie geht es dir?“, fragte sie vorsichtig.
„Danke, gut“, log sie.
„Die Sache … die Sache mit der Scheinverlobung, wie hast du die verkraftet?“
„Wie soll ich die verkraftet haben? Jonas und ich sind Freunde. Alles ist in Ordnung.“ Leah versuchte unbeteiligt zu klingen.
„Wirklich?“, hakte Hannelore nach.
„Ja wirklich! Jonas sieht die Sache genauso locker wie ich.“
„Ja, das hab’ ich schon erfahren. Ich hab’ nämlich heute Nachmittag, nach dem du weg warst, noch mal mit ihm gesprochen …“
Leah horchte auf. „Ach? Und warum? Trude fährt doch morgen. Alles ist erledigt, oder?“ Sie wurde langsam nervös, irgendwas war wieder im Busch, das spürte sie.
„Na ja, also Trudchen hat gefragt, ob ihr in zwei Wochen kommen wollt. Für ein paar Tage oder eine Woche. Sie will das Haus nämlich ausräumen und ihr sollt sagen, was ihr behalten wollt. Dann sind auch die Papiere fertig und die Villa gehört dir.“
Nein, bitte nicht!, flehte Leah.
„Aber … aber ich kann da doch alleine hinfahren. Da muss doch Jonas nicht dabei sein.“ Leah schluckte. Der Gedanke daran, mit Jonas mehrere Tage verbringen zu müssen, machte sie wahnsinnig.
„Tante Trude hat ausdrücklich darum gebeten, dass ihr beide kommt. Sie hat wohl einen Narren an Jonas gefressen. Ich hab’ auch schon mit ihm geredet, er würde das machen.“
„WAS? Du hast ihn schon gefragt? Und ich werde nicht informiert, oder wie?“
„Ich habe heute Nachmittag mehrfach versucht, dich zu erreichen. Aber dein Handy war ausgeschaltet!“
Mist, stimmt, dachte Leah sauer. Und sie hatte keine Lust gehabt, ihre Mutter zurückzurufen.
„Und Leah, du hast doch eben gesagt, dass ihr Freunde seid und dass es dir gut geht …“
„Ja, aber … aber das ist doch wieder etwas ganz anderes!“ Leah versuchte, nicht zu entsetzt zu klingen.
„Dann ist doch aber alles über die Bühne.“ Hannelore legte ihr eine Hand auf das Knie.
Leah kämpfte mit den Tränen. Ich schaff’ das nicht!, dachte sie verzweifelt.
„Auf nach Usedom“, hörte sie sich dann aber bitter sagen.