Schützenfest – Teil 11

Leah beschloss, sich für den Besuch in Usedom neue Garderobe zuzulegen. Und sie fand in Viktor Pech einen ausdauernden Begleiter und sachkundigen Einkaufsberater.
In den letzten Tagen hatten sie sich öfters zu einem Kaffee verabredet oder waren spazieren gegangen. Leah genoss es, mal die volle Aufmerksamkeit von einem Mann für sich beanspruchen zu können, es schmeichelte ihr ungemein. Auch wenn sie Jochens Frage, ob sie sich denn schon eine Hundepfeife für Viktor angeschafft hatte, weil er ihr doch immer so treudoof folgen würde, mehr als geschmacklos fand.

Zu Jonas war sie erstmal auf Abstand gegangen. Auch er suchte sie für seine Verhältnisse recht selten auf. Sie begegneten sich freundlich, aber distanziert. Und Leah begann sich zu fragen, ob dies nicht vielleicht doch etwas mit dem Kuss zu tun hatte.
Umso überraschter war sie, als er am Nachmittag an ihre Bürotür klopfte.
„Hey Leah. Können wir mal über Usedom sprechen?“ Er steckte seinen Kopf durch den Türspalt, seine Miene war freundlich.
„Ja klar, das werden wir wohl früher oder später eh’ tun müssen.“ Leah klappte ihre Unterlagen zu und bat Jonas sich hinzusetzen.
Wieso muss er eigentlich immer so gut aussehen?, dachte sie böse.
Er trug ein dunkelblaues Hemd, das ihm unverschämt gut stand. Sie starrte auf die obersten Knöpfe, die – wie immer – nicht geschlossen waren.
„Hab’ ich da mit Kaffee gekleckert?“ Jonas folgte ihrem Blick und begutachtete sein Hemd.
„Fussel …“, stotterte Leah. „Da war nur ein Fussel.“
Wie peinlich! Wenigstens hatte er seinen Hosenstall nicht auf – wer weiß, wie lange du dann dahin gestiert hättest!
„ … so ca. dreieinhalb Stunden. Was meinst du?“ Jonas sah sie fragend an.
„Ähm. Wie bitte?“
„Erde an Leah. Bist du wieder da?“
„Ja, ich hab’ nur …, also ich hab’ nur an was gedacht“, stotterte sie.
Du bist sooo schlagfertig, Leah!
„Okay … Ich habe gesagt, dass wir um zehn Uhr morgens losfahren könnten. Dann wären wir so gegen 13.30 Uhr oder 14.00 Uhr da. Man braucht ca. dreieinhalb Stunden.“
„Ja, toll. An … an welchem Tag fahren wir denn?“ Sie spielte verlegen mit ihrem Puppenkopf-Stift.
„Immer noch am Samstag in einer Woche, Leah.“
„Oh, du … du hattest das schon mal erwähnt?“ Nervös schlug sie mit dem Stift auf ihrem Schreibtisch herum, allerdings einen Tick zu heftig, so dass der blaubehaarte Kopf des Stiftes in hohem Bogen durchs Zimmer flog.
„Ups!“ Leah eilte los, um ihn aufzuheben.
„Ja, ich hatte das schon mehrfach erwähnt“, sagte Jonas und beobachtete interessiert, wie Leah eine Tube Sekundenkleber aus der Schreibtischschublade zog, um dem nun kopflosen Stift erste Hilfe zu leisten.
„Äh gut. Ja, dann bis Samstag“, grinste sie verlegen.
Jonas runzelte die Stirn. „Bis dahin ist es ja noch über eine Woche. Ich denke, wir sehen uns eventuell früher noch mal, oder?“
„Ach so, ja klar!“ Leah lachte eine Spur zu laut.
„Okay, bis später.“ Jonas verließ leicht kopfschüttelnd ihr Büro.

***

„Und was willst du mitnehmen?“
Hannelore Paulsen inspizierte ratlos Leahs Kleiderschrank.
„Ich meine, es ist April und schon noch etwas frisch – so an der Küste. Andererseits könnte es auch ein paar warme Tage geben.“
Leah verdrehte die Augen. „Ich packe meine Tasche selbst, Mama. Danke.“
„Aber den willst du ja wohl nicht mitnehmen, oder?“ Hannelore hob mit spitzen Fingern einen verwaschenen gräulich-grünen Frotteeschlafanzug mit Häschen-Motiv auf.
„Doch, genau den nehm’ ich mit!“ Leah machte ein trotziges Gesicht.
„Aber du schläfst doch bestimmt mit dem Herrn Steffen in einem Zimmer, oder? Hast du denn keine Angst, dass der dich in dem Ding sieht?“ Ihre Mutter schaute Leah ungläubig an.
„Na und? Und wenn schon. Ich bin ja nicht mit ihm verlobt. Also kann ich anziehen, was ich will. Und in dem Schlafanzug fühle ich mich einfach am wohlsten.“ Leah setzte sich im Schneidersitz auf ihr Bett und verschränkte die Arme.
„Leah …“
Jonas wird mich eh’ nicht beachten, da kann ich auch so schlafen, wie ich will!
Für tagsüber – unter der Beobachtung von Tante Trude – hatte sie sich bereits neue Garderobe zugelegt. Ansonsten hätte sie die gehässigen Kommentare von Trudchen sicherlich auf ihrer Seite.
Entschlossen packte Leah ihre Reisetasche und Hannelore verzog sich seufzend.

***

„Und morgen geht es also zur Schwarzen Witwe?“, Jochen schenkte Leah einen Kaffee ein.
„Würdest du bitte aufhören, meine Tante immer mit männermordenden Insekten zu vergleichen?“, keifte Leah.
„Ja ja, schon gut“, grinste Jochen.
„Ja, morgen gegen zehn Uhr fahren wir los.“
„Und hat Viktor schon viel geweint?“, stichelte er weiter.
„Du bist so doof, Jochen“, empörte sich Leah. Viktor war ein lieber Freund von Leah geworden und sie hasste es, wenn Jochen über ihn herzog.
„Lass’ ihm wenigstens ein Bild von dir da. Dann kann er nachts den Mond anheulen, während du mit dem schicken Steffen Jr. durch die Betten tobst.“
„JOCHEN!“
„Natürlich alles nur zum Schein … Hat Tante Trude eigentlich versteckte Kameras in eurem Schlafzimmer aufgestellt?“
„Ich geh’ gleich!“, drohte Leah, doch Jochens Bemerkungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Sie dachte an ihren Häschen-Frotteeschlafanzug und musste doch kichern.
„Na, dann bekäme sie auf jeden Fall was zu sehen“, grinste Leah.
Jetzt wechselte Jochens Gesichtsausdruck von schadenfroh zu ungläubig. „Wie jetzt? Wollt’ Ihr es da so richtig krachen lassen?“
Leah verdrehte die Augen. „Jochen – Jonas und ich sind Freunde. Das mit dem Kuss ist geklärt und wir haben ein rein arbeitsmäßiges Verhältnis. Nur für Tante Trudchen spielen wir halt wieder … verlobt.“
Ein fettes Grinsen strahlte Leah entgegen. „Ja, ja. Aber ich hab’ schon die Klinikpackung Zewatücher für deine Heimkehr geordert. Das geht doch wieder in die Hose Leah.“
„Nein!“, sagte sie entschlossen. Sie befürchtete zwar, dass Jochen wieder mal Recht haben könnte, aber in den letzten Tagen hatten Jonas und sie sich so reserviert und kühl behandelt, dass Leah nicht mehr sofort schwindelig in seiner Gegenwart wurde.
„Okay, komm’ mal her …“ Er kam zu Leah und nahm sie fest in den Arm.
„Du kannst mir nix vormachen, Mausi. Ich weiß, was in dir vorgeht. Und ich weiß auch, wie es in deinem kleinen Herzen aussieht.“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Danke“, sagte sie leise.

Leah war am nächsten Morgen schon um neun Uhr komplett fertig und saß nervös auf dem Sofa. Sie hatte sich einen Zopf gemacht und ein bisschen geschminkt. Und sie war selbst erstaunt über ihr Spiegelbild. Auch ihre Eltern waren begeistert. „Du bist so schön, Leahlein“, Hannelore hatte Tränen in den Augen. „Aber das warst du ja schon immer.“
„Danke Mama“, flüsterte Leah verlegen.
„So Schneckchen – aber immer dran denken: Is’ nur für Tante Trudchen zum Schein, ‚ne?“ Vater Hans sah Leah ernst an.
„Ja ich weiß.“ Sie wunderte sich über seine Aussage – merkte er etwas?
„Ich meine, wenn du schon mit dem Steffen in einem Zimmer schlafen musst… Aber der wird sich ja wohl benehmen!“ Er ballte die Fäuste.
„Ja Papa, das wird er bestimmt“.
Ich kann mir ja jeden Abend eine Gurkenmaske machen – gepaart mit dem Schlafanzug wird das der Abtörner schlechthin.

Jonas kam überpünktlich. Leah überkam doch wieder ihre Nervösität. Was würden die nächsten Tage ihr wohl bringen? Die Distanziertheit im Büro würde sie jetzt wieder aufgeben müssen – und das über längere Zeit.
„Alles klar?“, fragte Jonas und ließ den Motor an.
„Ja, kann losgehen“, nickte sie ihm mutig zu.