Schützenfest – Teil 12

Leah war dankbar, dass Jonas das Radio angemacht hatte, nach einem Gespräch mit ihm stand ihr erstmal nicht der Sinn und so konnte sie ihren Gedanken freien Lauf lassen.
Doch mit jedem Kilometer, der sie ans Ziel brachte, wurde sie unruhiger.
„Was ist los?“, durchschnitt seine Stimme plötzlich das Schweigen.
Leah zuckte zusammen, sie fühlte sich ertappt und schaute ihn fragend an.
„Nichts, was soll denn sein?“
„Du bist so still.“ Jonas schaute kurz zu ihr hinüber.
„Ach, ich mache mir nur Gedanken, ob ich auch alles erledigt habe“, log sie.
„Ach so“.
„Und Du redest auch nicht gerade viel!“, maulte sie zurück.
Jonas lächelte verlegen. „Stimmt. Ich mache mir Gedanken, was in den nächsten Tagen geschehen wird.”
Wie meint er das denn jetzt?
„Na ja, du kennst doch meine Tante. Aber … aber, wir, also, wir müssen ja nicht ständig Händchenhalten oder so“, sagte sie schnell.
Jonas zog die Augenbrauen hoch. „Das meinte ich eigentlich gar nicht. Und es stört mich auch nicht, mit dir Händchen zu halten. Dich etwa?“
Nö, warum auch? Es macht mich nur komplett kirre, aber stören tut’s mich nicht.
„Natürlich nicht. Ist doch albern, warum sollte es?“
„Eben.“ Jonas räusperte sich. „Wir sind schließlich Freunde.“
„Ja, genau, so sehe ich das auch.“ Leah lachte übertrieben fröhlich auf.
„Aber wieso machst du dir denn dann Gedanken?“, hakte Leah dennoch nach.
„Wie bitte?“
„Du hast eben gesagt, du machst dir Gedanken, was in den nächsten Tagen geschehen wird …“, erinnerte sie ihn.
„Öh, ach so. Ja, ähm, wie das Wetter so wird. Also ist ja April, da weiß man ja nie so richtig …”
„Nee, stimmt. Das kann schon unbeständig werden”, stimmte Leah zu.
HÄ? Wir reden übers Wetter – klasse. Gut, dass Jochen das jetzt nicht mitbekommt!
Leah wurde von einem Lied im Autoradio abgelenkt.
„Darf ich lauter machen?“, fragte sie Jonas schüchtern und streckte die Hand aus.
„Ja“, sagte er freundlich, er griff ebenfalls danach und ihre Fingerspitzen berührten sich kurz, beide zuckten heftig zurück.
„Mach du“, lächelte er verlegen.
Leah drehte voll auf und schloss die Augen.
Wie passend …, schoss es ihr durch den Kopf, als sie in Gedanken den Text von ‚I will survive‘ mitsang.
Sie spürte, dass Jonas sie während des Liedes immer nachdenklicher musterte. Doch es war ihr egal. I will survive, dachte Leah trotzig. Du wirst schon sehen, Jonas Steffen.

Nach zwei Stunden Fahrtzeit wurde es Leah immer ungemütlicher, sie begann nervös auf dem Autositz hin und her zu rutschen.
Was musstest du auch soviel trinken?, meckerte sie mit sich selbst.
Sie wartete, bis sie es fast nicht mehr aushielt. „Du, äh, Jonas?“
„Ja?“
„Könnten wir vielleicht gleich mal anhalten?“, räusperte sie sich.
„Wo anhalten? An einer Raststätte oder was?“
„Am besten.“
„Okay, die nächste, die kommt, ist unsere.“
Leah atmete erleichtert auf, zu ihrem Entsetzen begann aber wenige Kilometer vor der erlösenden Toilette ein Stau.
Sie versuchte durch ständiges wechseln der Sitzposition ihre Lage etwas zu entspannen, aber es half nichts, es war kaum noch auszuhalten.
„So schlimm?“ Jonas sah sie leicht amüsiert an.
„Ja!“
Mir läuft es gleich aus den Augen raus!, schrie sie ihn innerlich an.
„Da vorne sind Bäume. Kletter’ doch einfach über die Leitplanke und schlag’ dich ins Gebüsch“, schlug er grinsend vor.
„Witzig – sehr witzig!“, brummte Leah.
„Nein, ich meine es ernst. Das hat doch jeder schon mal gemacht.“
„Ich bin aber nicht jeder! Ihr Männer habt es da doch sowieso leichter.“
„Ich sag’s auch nicht weiter – jedenfalls nicht allen. Wäre doch eine nette Schlagzeile: ‚Mandebach’-Mitarbeiterin konnte den Druck nicht mehr aushalten’!“, Jonas prustete los, offenbar fand er sich wahnsinnig komisch, Leah rollte genervt mit den Augen.
„Da ich mich immer noch auf DEINEM Autositz befinde, solltest du solche Späße vielleicht lieber nicht machen!“, funkelte sie ihn angriffslustig an. „Wäre doch schade um das schöne Leder.“

Nach zwanzig Minuten ging es endlich weiter und sie erreichten die Raststätte. Leah wartete nicht ab, bis das Auto stand, sondern sprang noch aus dem rollenden Wagen und sprintete los, erleichtert kam sie mit zwei Bechern Kaffee zurück.
„Oh danke schön. Du bist ein …, nein, bald bist du ja wieder mein Schatz.“ Er lächelte sie etwas schüchtern an.
Leah spürte wieder, wie sie errötete. „Ja, bald geht es wieder los. Und ich hab’ mich noch gar nicht bedankt, dass du wieder bereit bist, das Spiel mitzumachen.“
„Das tu’ ich gern. Ich habe mich noch für so viele Sachen zu revanchieren“, sagte Jonas leise.
Sie konnte ihm nur zustimmen, wie oft hatte sie ihm schon aus der Patsche geholfen mit kleinen Gefälligkeiten, doch trotzdem breitete sich wieder diese Traurigkeit in ihr aus. Schade, dass du es nur deswegen machst …

Nach weiteren zwei Stunden Autofahrt und einer erneuten Pause, waren sie endlich da. Jonas stoppte den Wagen vor Trudchens Haus – und beide schauten mit offenen Mündern die Villa an.
„Du hast nicht gesagt, dass sie in einem Schloss wohnt“, stotterte Jonas und kontrollierte nochmals das Navigationsgerät, ob die Adresse auch wirklich stimmte.
„Es ist eine alte Jugendstilvilla“, erklärte Leah. „Von Achtzehnhundertschlagmichtot.“
Sie öffnete ihre Tür und stieg aus, dann drückte sie den Klingelknopf und sah sich verwundert um. Jonas saß immer noch im Auto und starrte auf das Haus.
„Kommst du nicht mit?“, fragte sie ihn amüsiert.
„Doch, klar!“ Er zuckte zusammen und ging zu ihr.

Eine freundliche Dame kam zu dem Tor, neben ihr hüpfte aufgeregt kläffend ein kleiner Jack-Russel-Terrier auf und ab.
„Hallo Frau Paulsen und Herr Steffen. Ich bin Dorothea, die Hausdame von Frau Kravizek. Sie erwartet Sie bereits“, dann wandte sie sich zu dem kleinen Hund. „Pitti, jetzt gib’ aber Ruhe!“

Leah und Jonas folgten der Hausdame, Tante Trudchen kam ihnen strahlend entgegen. „Meine Lieben, da seid ihr ja. Hattet ihr eine angenehme Fahrt?“
„Ja danke, Trude. Ich wusste ja gar nicht, dass du einen Hund hast?“, staunte Leah und kraulte Pitti, der sich vor ihre Füße geworfen hatte und sich genüsslich den Bauch streicheln ließ.
„Das ist der Hund von Dorothea. Sie bringt ihn immer mit, hier ist ja genug Platz. Aber lass’ dich mal ansehen, Kindchen.“ Sie zog Leah an der Hand zu sich hoch.
„Sehr schick bist du! Was für eine hübsche junge Frau meine Leah doch ist. Nicht wahr, Jonas?“ Trudchen schaute ihn erwartungsvoll an.
„Ja, sie ist wunderschön“, strahlte er.
„Wie bist du nur an so einen charmanten Mann geraten, liebste Leah? Den Trick musst du mir mal verraten“, säuselte Trude. „Ich führe euch mal ein bisschen herum. Folgt mir.“
Jonas und Leah trotteten ihr brav hinterher. Die Villa war wirklich wunderschön und sehr geschmackvoll eingerichtet, Leah staunte immer wieder über ihre Tante.
„Ihr bekommt natürlich das Schönste von meinen Gästeschlafzimmern. Als frischverlobtes Paar ist das ja selbstverständlich.“
Leah lächelte verlegen und traute sich gar nicht Jonas anzuschauen, dann stockte ihr der Atem. Mehrere Vasen mit roten Rosen waren aufgestellt und auch auf dem Bett waren Rosenblätter verteilt. Das Bett selbst war zu Leahs Erleichterung sehr groß.
Sie bekam ein richtig schlechtes Gewissen wegen des Theaters, dass sie Trudchen vorspielten. Sie hatte alles so liebevoll hergerichtet, Leah schluckte gegen einen Kloß im Hals an.
„Gefällt es euch?“, fragte Trude die beiden.
„Es ist einfach … bezaubernd“, sagte Leah leise.
Jetzt fang bloß nicht an zu heulen, sonst merkt sie noch was!
Jonas trat hinter Leah und schlang seine Arme um ihre Taille, seinen Kopf legte er auf ihre Schulter. Leah schloss kurz die Augen, da seine Nähe sie wieder aus der Fassung zu bringen drohte.
„Wir werden uns hier bestimmt sehr wohl fühlen. Vielen Dank“, sagte er freundlich zu Trudchen. Er hauchte Leah einen Kuss auf die Wange und streichelte ihr beruhigend über den Rücken.