Schützenfest – Teil 13

Dorothea kam mit dem Gepäck hinein, Pitti nutzte die Chance und hüpfte keck ins Bett.
„Pitti, du ungezogene Töle. Komm’ sofort da raus, sonst hole ich die Schrotflinte von meinem Heribert!“ Trudchen schimpfte los.
Dorothea eilte ans Bett und zog Pitti an den Hinterläufen aus der Überdecke, in der er sich schon richtig eingewickelt hatte. Immerhin, die Situation mit dem kleinen Hund entspannte Leah etwas und sie lachte laut los.
„Dorothea hat eine Kleinigkeit zu essen vorbereitet. Wenn ihr wollt, zeige ich euch danach mal den Ort und den Strand“, erklärte Trude ihnen.
„Sehr gerne.“ Jonas sah Leah aufmunternd an und nahm sie an die Hand.

„Kann er nicht mitkommen?“, fragte Leah beim Essen, Pitti saß zu ihren Füßen und machte Männchen.
„Von mir aus. Dann müssen wir aber nachher zum Hundestrand abbiegen.“ Trude zuckte mit den Schultern.
„Macht doch nichts.“ Leah strahlte den kleinen Hund an, sie hatte ihn sofort ins Herz geschlossen.
Kurz darauf schnappte sie sich die Leine und ging mit Pitti hinter Jonas und Trude her, wenigstens ersparte ihr dies das Händchenhalten mit Jonas.
Trude machte sie auf die Sehenswürdigkeiten aufmerksam, Leah kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Die vielen alten Villen waren einfach wunderschön.
Auf der Strandpromenade fand ein kleiner Kunsthandwerkermarkt statt. Leah blieb fasziniert an einem Stand mit Silberschmuck stehen und betrachtete die filigranen Arbeiten.
„Schön nicht, wahr?“, Trude kam zu ihr.
„Ja wirklich, sehr schön“, antwortete Leah. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Jonas sie nachdenklich musterte.
Trude ging mit Leah schon weiter Richtung Hundestrand. Jonas blieb etwas zurück, er entschuldigte sich, dass er noch telefonieren müsse.

„Du hast dich wirklich gemacht, Leah“, lobte Trudchen sie. „Aus dir ist eine richtig hübsche junge Frau geworden.“
„Danke“, lachte Leah verlegen. Sie ließ Pitti von der Leine und warf ihm ein Stöckchen, in einem Wahnsinnstempo rannte er hinter der vermeintlichen Beute hinterher.
„Hast du schon ein Brautkleid?“
„Ich? Nein. Soweit sind wir noch gar nicht mit der Planung“, sagte Leah schnell.
„Ach Leah, bevor ich’s vergesse … Ich bin dabei, meine Schränke auszumisten.“ Trude musterte Leahs Figur von oben bis unten.
„Ich habe noch eine Menge von Designer-Abendkleidern. Willst du die nicht mal anprobieren? Sie sind alle relativ zeitlos, aber zu mir passen sie jetzt nicht mehr. Die Ausschnitte sind teilweise sehr gewagt und da bin ich doch schon etwas zu alt für.“
„Ja, warum nicht?“, antwortete Leah.
Dann lenkte Pitti sie wieder ab und Leah tollte mit ihm über den Strand.

Mittlerweile war auch Jonas wieder bei ihnen. Er unterhielt sich weiter angeregt mit Trude und Leah nutzte die Gelegenheit, um sich mit Pitti ein wenig abzusetzen. Sie war froh, ein bisschen Distanz zwischen ihn und sich bringen zu können. Dann krempelte sie ihre Jeans hoch, zog Schuhe und Strümpfe aus und ging mit Pitti ans Wasser.
Die See war noch ziemlich kalt, aber sowohl Leah wie auch der kleine Hund hatten viel Spaß und flüchteten immer wieder vor den herannahenden Wellen. Sie bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging und Trude rief sie nach einer Weile zu sich.
„Sollen wir mal langsam zurückgehen?“, fragte sie Leah.
Leah nickte enttäuscht, sie wäre noch lieber mit dem kleinen Hund am Strand geblieben.
„Wo ist denn Jonas?“, fragte sie überrascht.
„Der ist schon mal vorgegangen. Keine Ahnung, wieso…“

An der Promenade trafen sie schließlich auf ihn. Er grinste Leah an und nahm sie in den Arm.
Versuche dich daran zu gewöhnen, beschwor sie sich selbst. Es ist nur eine harmlose Geste, nichts weiter …
Leah atmete tief durch und legte auch ihren Arm um seine Hüfte, so umschlungen gingen sie langsam zu der Villa zurück.

Dorothea hatte ein leckeres Abendessen zubereitet. Trudchen erzählte Episoden aus dem Leben ihrer Ehemänner und trug damit deutlich zu einer aufgelockerten Stimmung bei.
Als sie mal kurz aus dem Esszimmer verschwand, nahm Jonas Leahs Hand, ein warmes Gefühl machte sich sofort in ihr breit.
„Ich würde gerne mal mit dir reden. Können wir vielleicht in den Garten gehen?“
Leah wunderte sich, stimmte aber sofort zu und er sagte Dorothea Bescheid.

Trudchens Garten war eher eine kleine Parkanlage mit einem großen Teich, dessen Mitte ein Springbrunnen zierte und überall standen kleine Skulpturen mit mehr oder weniger bekleideten Männern.
„Das passt zu Trude“, kicherte Leah und betrachtete eingehender die Anatomie einer Skulptur.
„Sag’ mal, stehlen die mir hier die Schau?“, sagte Jonas gespielt empört.
„Das kann ich ja nicht beurteilen“, Leah kicherte frech und deutete mit ihrem Finger auf ein Feigenblatt, das eine wichtige Stelle der steinernen Figur bedeckte. Erst jetzt bemerkte sie, was sie da gerade gesagt hatte und lief knallrot an.
„Also … ich meine, ich kenne ja dich nicht so genau … also sooo genau“, stotterte sie.
Jonas lachte laut auf, er saß auf einer Bank und deutete auf den Platz neben sich. „Setz’ dich doch mal kurz zu mir, ja?“
Leah sah sich kurz um, ob Trude in der Nähe war. Sie war offenbar im Haus und so ließ sie einen großen Abstand zwischen Jonas und sich.
Zu ihrer Verblüffung schien er ganz verlegen zu sein, er schaute sie nicht an, sondern fixierte den Springbrunnen im Teich.
„Ich hab’ schon in Berlin mächtig Ärger mit deiner Tante bekommen, weil du keinen Verlobungsring hast“, begann er stockend.
„Was wirklich? Ach, Jonas, das tut mir leid. Das hab’ ich nicht gewusst. Ich werde ihr bei Gelegenheit sagen, dass ich mir nichts aus Schmuck mache …“.
Oh nein, der Arme!, dachte sie verzweifelt.
Jonas sah sie enttäuscht an. „Ehrlich nicht? Das ist … schade, weil …“ Er kramte umständlich in seiner Hosentasche und zog eine kleine hübsch verpackte Schachtel hervor, dann atmete er tief durch. „Weil ich hab’ da was für dich …“ Zögernd schob er die Schachtel über die Bank in Leahs Richtung.
Sie sah ihn fassungslos an. „Für mich?“
„Jahaaa, für dich.“ Jonas rollte mit den Augen, immer noch sah er sie nicht an.
Leah öffnete mit zitternden Händen das kleine Geschenk und stieß einen Schrei aus. Es war ein silberner Ring, ähnlich denen, die sie heute auf dem Kunsthandwerkermarkt gesehen hatte. Er war sehr filigran gearbeitet, doch was Leah am meisten faszinierte, waren die Buchstaben ‚L’ und ‚J’, die miteinander kunstvoll verschlungen waren.
„Jonas, der ist wunderschön“, rief sie begeistert aus.
Er schaute sie erleichtert an, ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Ja, dann … dann gefällt er dir? Also es ist ja kein Verlobungsring im herkömmlichen Sinne, aber du hast dir heute so interessiert die Sachen des Schmuckhändlers angeschaut und da hab’ ich ihn gefragt, ob er so einen Ring machen könnte. Er hat es sogar in den drei Stunden geschafft, die wir am Strand waren.“
Jonas sprach sehr hastig. „Und …“ Er schaute sich kurz um, ob vielleicht ungebetene Zuhörer in der Nähe waren. „Und eigentlich sind wir ja auch gar nicht verlobt, also … deshalb dachte ich… sieh ihn als Symbol für unsere Freundschaft und als Erinnerung an die verrückte Zeit, die wir gerade durchmachen.“
Verrückte Zeit, dachte sie traurig.
Sie steckte den Ring auf und betrachtete ihn lange. Er war wirklich wunderschön und für sie bedeutete er so unendlich viel mehr als eine ‚verrückte Zeit’.
„Danke Jonas.“ Sie musste kurz schlucken. „Danke für den … Verlob …, ähm, ich meine natürlich Freundschaftsring.“ Einem Impuls folgend gab sie ihm einen zarten Kuss auf den Mund.
Zitternd stand sie auf und ging zurück ins Haus. Sie kämpfte mit den Tränen und hoffte, dass Jonas das nicht bemerkt hatte.