Schützenfest – Teil 14

„Zeig‘ mal sofort her!“ Trudchen thronte auf dem Sofa und starrte auf Leahs Hand.
„Bitte?“, fragte Leah erschrocken, sie war von der barschen Ansage ihrer Tante völlig überrumpelt.
„Du hast einen Ring an deinem Finger, der eben noch nicht da war“, motzte Trude weiter.
„Oh, ja, natürlich.“ Leah ging zu ihr und präsentierte ihr Jonas‘ Ring.
„Ohhhh, wie romantisch. ‚L’ + ‚J’. Kinders, ist der Ring schön!“ Trudchen war hing und weg. „Dagegen können sämtliche Klunker bei ‚Tiffany’s nicht gegen anstinken. Wunderbar, ganz bezaubernd.“ Sie schien sich erstmal nicht mehr beruhigen zu können. „Was hast du für einen tollen Mann. Er muss dich sehr lieben, Leah.“ Ihre Tante sah sie gerührt an.
Wie schön das wäre, dachte Leah traurig.
„Ja, er ist was ganz Besonderes“, antwortete sie, etwas Unverfänglicheres fiel ihr in dem Moment nicht ein.
Jonas gesellte sich dazu und küsste Leah zaghaft auf die Wange.
„Also Jonas, das Eine muss ich dir mal sagen“, begann Trude und Leah ahnte Schlimmes. „Der Ring ist das Schönste und Romantischste, was ich je an Verlobungsringen gesehen habe. Ihr beide seid aber auch ein bezauberndes Paar“, schwärmte sie weiter.
Leah senkte den Kopf und Jonas zog sie fest an sich. „Danke, das hört man gerne.“

Sie blieben noch eine Zeitlang sitzen, Trude und Jonas verfielen in einen Smalltalk.
„Ach, bevor ich es vergesse: Morgen Abend ist mein Bridge-Abend. Und Dorothea hat frei. Ihr müsst euch also selbst beschäftigen“, erklärte Trude.
„Bridge?“, fragte Leah verwundert. „Du spielst Bridge?“
„Ach ja …“, seufzte Trudchen. „Schrecklich langweilig, aber meine Freundin Majorie liebt dieses Spiel. Und sie hat immer so Heimweh nach ihrer Heimat, sie kommt aus der Nähe von Oxford, deshalb haben wir diesen Abend zusammen mit einigen anderen Witwen eingeführt.“ Trude verdrehte die Augen. „Aber ihr werdet euch schon zu beschäftigen wissen, nicht wahr?“
„Ja klar“, antwortete Jonas. „Wir werden mal in den restlichen Räumen verstecken spielen.“
Trudchen lachte schrill auf, Leah reichte es jetzt. Sie wollte einfach nur noch allein sein und ertrug dieses oberflächliche Geplauder nicht länger.
„Ich gehe schon mal schlafen. Ich glaube, Pitti hat mich geschafft“, sagte sie und gähnte zur Bekräftigung herzhaft.
„Ach, dann mach’ das mal. Die Seeluft macht müde.“ Trudchen wünschte ihr eine Gute Nacht.
„Gute Nacht, Schatz.“ Jonas stand auf und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf den Mund, Leah löste sich schnell und ging hinauf ins Schlafzimmer.

Sie machte sich in Rekordtempo bettfertig und schlüpfte in ihren Frottee-Schlafanzug. Als sie die Überdecke weg schlug bemerkte sie zu ihrem Entsetzen, dass sie und Jonas nur eine gemeinsame Bettdecke hatten.
„Oh nein“, stöhnte sie verzweifelt auf, doch dann siegte ihr Trotz. „Meine Decke, die gehört mir allein, Steffen Jr.“
Sie wickelte sich mumienartig ein und schnappte sich ihr Handy.
Viktor hatte ihr schon fünf SMS geschickt und bekräftigt, wie sehr er sie vermissen würde. Leah schrieb ihm etwas Belangloses zurück und machte die Lampe aus.

Natürlich machte sie kein Auge zu. Nach circa einer Stunde hörte sie Jonas kommen. Sie stellte sich schlafend, konnte sich aber ein Zwinkern nicht verkneifen, als er sich auszog.
Blöder Kerl, schimpfte sie. Kann der sich nicht im Badezimmer ausziehen. Und dann auch noch die Nachtischlampe brennen lassen … So war sie ja quasi ‚gezwungen’ ihm immer wieder anzuschauen. Sie hielt den Atem an, als er sich bis auf die Shorts auszog und ins angrenzende Bad verschwand. Leah hörte die Dusche rauschen und ein Pfeifen, sie kicherte in ihr Kopfkissen.
Nach einiger Zeit kehrte er mit T-Shirt und Shorts ins Schlafzimmer zurück, Leah presste die Augen zusammen, dann ließ Jonas sich ins Bett plumpsen.
„Wo ist …?“, hörte sie ihn sagen, er stand wieder auf und öffnete die Schlafzimmerschränke. Leise fluchend krabbelte er schließlich ins Bett zurück.
Leah hielt den Atem an, Jonas zupfte vorsichtig an ihrer Decke, die sie ungefähr dreimal um ihren Körper geschlungen hatte, wieder kam das leise Fluchen.
Sie spürte, wie er sie vorsichtig antippte. „Leah?“, flüsterte er. „Leah, schläfst du schon?“
„Hm“, grummelte sie und rieb sich die Augen, ihr Herz klopfte bis zum Hals. „Was’n?“
„Ähm, also, wir haben nur eine Decke. Und ich finde auch keinen Ersatz. Könntest du, also, ähm, würde es dir etwas ausmachen, mir ein Stück abzugeben?“, stotterte Jonas.
Jetzt gib’ ihm die Decke!, maulte ihr Gewissen. Sie seufzte auf und versuchte sich einigermaßen elegant aus den Lagen zu befreien.
Er schaute fassungslos zu. „Sag mal, frierst du so dermaßen oder hast du dich extra so dick eingemummelt?“
„Mir ist eben schnell kalt“, zickte sie ihn an, natürlich hatte sie wieder einen knallroten Kopf.
„So, so“, lachte Jonas, er schnappte sich einen Teil der Decke, der ihm angemessen schien und legte sich hin.
Leah versuchte, mit dem Stück, das ihr gehörte, sich ans andere Bettende zu begeben, doch durch den enormen Abstand der beiden, drang viel kalte Luft hinein und sie begann nach kurzer Zeit zu frieren, genervt stöhnte sie auf.
„Was?“, fragte Jonas. Sie lag zwar mit dem Rücken zu ihm, aber sie konnte an seiner Stimme hören, dass er grinste.
„Es zieht unter die Decke!“
„Und was machen wir dagegen?“
„Ich würde sagen, du gibst mir noch ein Stück, damit ich meinen Rücken abdichten kann“, maulte Leah.
„Dann hab’ ich aber nicht mehr genug, geht also leider nicht“, stellte Jonas kühl fest.
„Du bist so fies“, meckerte Leah.
„Wie wäre es denn, wenn du ein Stück näher an mich heranrutschen würdest, dann hätten wir beide genug Decke und es würde auch nicht ziehen?“, schlug Jonas vor.
„Hm. Dann friere ich lieber“, antwortete sie zähneklappernd.
„Ach, Leah. Sei doch nicht so stur. Komm’ her.“
Sie spürte, wie sich das Bett bewegte und er näher rückte, er strich behutsam über ihren Arm. „Geht es jetzt besser?“, fragte er sanft.
„Hm“, brummte sie abweisend. Doch Jonas schien es irgendwie falsch zu verstehen. Er rückte noch ein Stück an sie heran, sie spürte seinen Körper an ihrem Rücken, in ihr überschlug sich alles.
„Sag’ mal …“, begann er und schlug die Bettdecke wieder weg. „Was hast du denn an? Fühlt sich komisch an.“ Er tastete vorsichtig an ihr entlang.
„Das nennt man Schlafanzug“, giftete Leah.
„Ist das Frottee?“, fragte er ungläubig.
„Und wenn es so wäre?“, schnaubte Leah.
„Du trägst einen Frottee-Schlafanzug? So was habe ich das letzte Mal mit fünf Jahren angehabt“, lachte Jonas.
„Ja, trage ich. Und wenn du jetzt bitte die Klappe halten würdest!“ Leah war am Ende mit ihren Nerven.
„Okay, schlaf gut.“ Jonas strich ihr die Haare weg und küsste sie zärtlich hinters Ohrläppchen. „Gute Nacht.“
„Nacht“, presste sie hervor.
Danke Jonas. Um meine Nachtruhe ist es geschehen.
Sie war völlig durch den Wind, er lag dicht hinter ihr und sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken.

Sie schaute im dunklen Schlafzimmer herum. Seine Atemzüge wurden immer gleichmäßiger, offenbar konnte er schlafen.
Leahs Handy meldete eine Nachricht, Jonas schreckte hoch.
„Nur mein Handy“, murmelte Leah und griff danach, Viktor hatte wieder gesimst.
Leah begann, eine Antwort einzutippen und Jonas stöhnte auf. „Es ist schon so spät, kannst du nicht morgen antworten?“
„Nö, ich bin eh wach“, plapperte Leah gutgelaunt.
„Dann stell’ doch wenigstens die Tasten auf lautlos“, meckerte er weiter.
„Weiß’ nicht, wie das geht“, erklärte sie gelangweilt.
Jonas rollte sich entnervt auf die andere Seite. „Mit wem textest du denn noch zu solch’ einer Zeit?“
„Mit Herrn Pech“, antwortete Leah wahrheitsgemäß, Jonas drehte sich schnell wieder um.
„Mit dem? Wieso denn mit dem? Äh, ich meine, gibt es Probleme bei ‚Mandebach’?“
„Nein, bei ‚Mandebach’ ist alles in Ordnung. Und außerdem ist heute Samstag, Jonas. Da ist erfahrungsgemäß eh’ nicht viel los“.
„Und was will er dann?“
„Fragen, wie es mir geht zum Beispiel.“ Langsam hatte Leah Spaß an dem Verhör.
„Um diese Zeit?“
„GERADE um diese Zeit“, säuselte Leah und tippte munter weiter. „Soll ich ihm schöne Grüße von dir bestellen?“
„NEIN!“ Wütend drehte sich Jonas wieder auf die andere Seite.
Leah grinste in sich hinein und schickte die Nachricht ab.
Dann rutschte sie so nah es nötig war an ihn heran. „Gute Nacht, Jonas.“
„Gute Nacht, Leah“, kam es ziemlich schlechtgelaunt zurück.