Schützenfest – Teil 15

Wie sie es anstellte, wusste sie nicht mehr. Aber Leah war tatsächlich irgendwann in der Nacht eingeschlafen, nachdem sie sehr lange Zeit auf Jonas Rücken gestarrt hatte.

„Guten Morgen, Bunny.“ Zwei braune Augen schauten sie amüsiert an.
Leah blinzelte verschlafen, so langsam realisierte sie, wo sie war und wer sie da jetzt so ansah.
Aufwachen mit Jonas, eigentlich ein schöner Gedanke, dachte sie verträumt.
„Gut geschlafen?“, erkundigte er sich weiter.
„Geht so“, murrte Leah, sie streckte ihr Arme aus und reckte sich, plötzlich fiel ihr wieder ein, was er zuerst gesagt hatte.
„Wieso nennst du mich Bunny?“, stutzte sie.
Jonas grinste übers ganze Gesicht. „Na, wegen des Häschens auf deinem Schlafanzug. Ich räume ein, ich habe schon öfters Nachtwäsche mit Häschen gesehen, aber die sah doch dann etwas anders aus.“
„Ja klar, das glaube ich sofort. Willst du zuerst unter die Dusche?“ Ein Themawechsel erschien ihr die vernünftigste Idee zu sein, um von ihrem Schlafanzug abzulenken.
„Nee, geh’ ruhig.“ Jonas stützte sich auf seinen Ellenbogen auf und sah ihr zu, wie sie ihre Sachen zusammensuchte, um im Bad zu verschwinden.

Prima Leah, dachte sie genervt unter der Dusche. Wenn du jetzt noch an deine Unterwäsche gedacht hättest, wäre es dir möglich gewesen, das Bad angezogen zu verlassen. Du bist so doof! Aber wie soll man auch nachdenken, wenn Jonas Steffen einen vom Bett aus beobachtet?
Sie wickelte ihre Haare ein und band sich ein Duschhandtuch um.
Selbstsicherheit Leah – du hast eine tollen Job und viel Verantwortung darin übernommen – und du verlässt jetzt mit Würde dieses Badezimmer’.
Sie atmete tief durch und betrat wieder das Schlafzimmer.
Jonas lag immer noch im Bett und schaute interessiert hoch, als sie hineinkam. Sie fühlte, dass er ihr mit den Augen folgte. Leah beachtete ihn nicht und holte sich ihre Unterwäsche aus dem Schrank. Schnell ging sie wieder zurück und zog sich an. Ging doch ganz einfach, atmete sie tief durch.

„Und habt ihr gut geschlafen?“, erkundigte sich Trude beim Frühstück.
„Ja, ganz hervorragend“, antwortete Jonas höflich.
„Ja, ich auch“, beeilte sich Leah schnell zu sagen.
„Leah, sollen wir gleich mal die Kleider durchsehen? Hast du Lust?“
„Gerne.“ Sie war wirklich gespannt, was der Kleiderschrank ihrer Tante so hergeben würde.
Sie folgte Trudchen in ihr Schlafzimmer. Leah staunte nicht schlecht, die Kleider waren keineswegs altmodisch geschnitten, sondern von zeitloser Eleganz. Mit großen Augen starrte sie auf die Etiketten der Designer.
Chanel, Dior, Versace – nicht schlecht …

„Komm‘, schlüpf mal hinein!“ Trude hielt ihr ein langes schwarzes Abendkleid vor. Leah zog sich Jeans und T-Shirt aus und wollte gerade hinein steigen, da kommandierte Trude schon los. „Nein, Leah, BH aus, sonst sieht das nach nix aus!“
„Okay“, grummelte sie und Trude löste ihr den Verschluss, dann bestaunte sie sich sprachlos im Spiegel.
„Na, das sieht doch klasse aus an dir!“ Trude war ganz begeistert, bevor Leah protestieren konnte, rief sie schon aufgeregt nach Jonas.
„Komm’ mal schnell, dass musst du dir ansehen!“, brüllte Trude durchs Treppenhaus. Jonas, gefolgt von Pitti, der auch neugierig geworden war, kam ins Schlafzimmer gelaufen.
Leah versuchte noch irgendwie an dem gewagten Ausschnitt herumzufummeln, weil sie sich mehr aus- als angezogen fühlte, aber da war er auch schon bei ihr.
„Finger weg, Leah, man sieht nichts“, befahl Trude.
Jonas schaute sie mit großen Augen an. „Du … du sieht toll aus…“, stotterte er.
„Nicht wahr?“, schwärmte Trude. „Hach, wenn ich doch auch noch mal so einen schönen strammen Busen hätte …“
Bitte, warum kann jetzt nicht der Boden aufgehen und mich verschlucken?
„Zieh‘ doch jetzt mal das Blaue an.“ Trude hielt ihr schon das nächste Modell mit nicht weniger gewagtem Ausschnitt hin. „Ich meine, wenn du etwas ändern möchtest an den Kleidern, dann nur zu.“
„Da muss nichts geändert werden. Die Kleider sind wirklich wunderschön“, sagte Jonas, nachdem er offenbar seine Sprache wieder gefunden hatte. Sein Blick ruhte auf Leah, sie sahen sich kurz in die Augen und prompt wurde sie wieder nervös. Sie konnte diesen Blick nicht deuten, aber er versetzte sie in höchste Aufregung.
„Leah, bitte. Zieh mal das Blaue an.“ Trude stuppste Leah ungeduldig an.
„Ja, ähm, ich geh’ mal nach nebenan mich umziehen …“
„Nach nebenan? Vor wem schämst du dich denn? Kindchen, ich hab’ dich gerade schon Oben-ohne gesehen und dein Verlobter wird diesen Anblick doch auch schon kennen. Also los jetzt!“
Ruhig bleiben, Leah. Ganz ruhig bleiben! Sie versuchte mit zitternden Händen den Reißverschluss zu öffnen, doch es gelang ihr nicht.
„Hilf ihr doch mal“, forderte Trude Jonas auf. Sie war gerade auf allen Vieren unter ihrem Bett verschwunden und zog einen Karton mit Fotos hervor.
„Komm her, Schatz.“ Jonas trat hinter Leah und öffnete das Kleid. Leah konnte seine warmen Hände auf ihrer nackten Haut spüren und sie bekam eine Gänsehaut.
„Ich glaub’, ich geh’ mal wieder hinunter“, sagte Jonas leise und drehte sich schnell um.
„Warte mal, Jonas. Schau’ mal, ich hab’ noch Fotos von den Kleidern, als ich sie getragen habe.“ Sie grinste ihn an und klopfte neben sich aufs Bett. „Kennst du den hier?“
Jonas setzte sich neben Trude und schaute Leah entschuldigend an.
„Leah, zieh’ dich doch mal um!“ Trudchen wurde immer ungeduldiger.
Leah zog sich schnell das Kleid herunter und schnappte sich das Blaue. Sie wusste, dass sie einen knallroten Kopf hatte – und sie spürte auch Jonas‘ Blick auf sich.
Na was soll’s? Er hat schon so viele nackte Frauen gesehen, er wird’s verkraften …, machte sie sich selbst Mut.

Leah drehte sich wieder zu den beiden um.
„Das ist ja Edgar Willms“, hörte sie Jonas erstaunt sagen, Trude und er hingen über der Fotokiste.
Leah räusperte sich um auf sich aufmerksam zu machen, obwohl sie eigentlich doch am liebsten durchsichtig wäre.
„Wow“, rutschte es ihm heraus.
„Genau das richtige Wort“, antwortete Trudchen zufrieden. „Perfekt Leah. Du siehst aus wie eine Göttin.“
Jonas ließ sie nicht aus den Augen, was auch Trude nicht entging. „Ich sehe, dir gefällt dein Schatz, nicht wahr?“
„Ja … allerdings“, stotterte er. Er stand auf und kam auf Leah zu. Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden, Jonas nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. „Ich bin so froh, dass ich dich habe“, sagte er leise und küsste Leah zärtlich. Sie hatte erneut das Gefühl, jeden Moment die Bodenhaftung zu verlieren.
Das macht er nur, weil Trude zusieht. Denk dran!, hämmerte eine Stimme auf sie ein, sie schob ihn schnell von sich.
„Ich glaub’ das reicht für heute“, sagte sie mehr zu ihm als zu Trude.
„Ach schade …“, seufzte Trudchen auf. „Morgen probieren wir mal die anderen.“
„Ja“, flüsterte Leah – und immer noch ruhte sein Blick auf ihr.

„Und was macht ihr heute Abend?“ Trude schaute neugierig zwischen Leah und Jonas hin und her. Sie hatte sich für ihren Bridge-Abend fertiggemacht und zog ihren Mantel über.
„Oh, ich schaue mir einen Film an“, antwortete Leah. Heute lief eine Liebeskomödie und sie hatte sich eine Jumbopackung Nachos gekauft – und Bier.
„Und ich werde mir mal die Kneipen hier ansehen.“ Jonas lächelte Trude an.
„Ach so, hier sind die Hausschlüssel, falls Leah schon schlafen sollte, wenn du kommst.“ Trude drückte ihm ein Schlüsselbund in die Hand. „Und Pitti muss noch mal raus. Ihr seid selbst schuld, ihr wolltet, dass er heute an Dorotheas freien Tag hier bleibt.“
„Schon gut, ich gehe noch mal mit ihm“, sagte Leah freundlich. Sie war froh, als Trude endlich weg war, der Tag heute hatte ihr mehr als gereicht. Die Aktion mit den Kleidern steckte ihr noch in den Knochen. Sie wurde selbst beim Gedanken daran, dass sie fast nackt vor Jonas gestanden hatte, noch rot im Gesicht.
Sie schnappte sich ihre Jacke und Pittis Leine, der sofort begeistert zu ihr gerast kam.
„Na, dann komm’ mal mit.“ Leah leinte ihn an und streichelte dem kleinen Hund über das Köpfchen.
„Kann ich mitkommen?“, fragte Jonas.
„Ja klar, natürlich.“ Sie freute sich insgeheim, dass er mitwollte. Mal nur mit ihm allein und das nicht im Bett, ohne Trude und den Druck, keinen Fehler machen zu dürfen, das erschien ihr verlockend.

Die erste Zeit gingen sie schweigend nebeneinander her, dann räusperte Jonas sich.
„Leah – die Situation heute … beim Kleideranprobieren. Mit tut es so leid , es muss sehr unangenehm für dich gewesen sein. Ich wollte ja gehen, aber …“
„Schon gut. Du konntest ja nichts dafür. Und Trude …“ Sie verdrehte die Augen. „Ist eben Trude …“
Jonas lächelte. „Ja, deine Tante ist wirklich ein wenig anstrengend.“ Er blieb stehen und nahm Leahs Hand, gedankenverloren spielte er mit ihren Fingern und schaute nachdenklich auf den Ring. „Aber was ich dir noch sagen wollte … Du hast unglaublich schön ausgesehen in den Kleidern. Und …“ Er sah auf und grinste Leah schelmisch an. „Und ohne Kleider auch – da sogar eigentlich noch mehr.“
„Jonas Steffen – du bist unmöglich!“ Leah knuffte ihn an die Schulter.
„Und wenn du rot wirst, siehst du noch umwerfender aus“, lachte er.
Leah stimmte verlegen in sein Lachen mit ein, dann fasste sie sich ein Herz und umarmte ihn zaghaft. „Danke Jonas“, sagte sie leise.
„Wofür?“ Er schob sie ein Stück von sich und sah ihr in die Augen.
„Dafür, dass du hier bist – mit mir.“ Sie senkte den Blick, weil sie schon wieder diese Verwirrung in sich spürte.
Jonas intensivierte die Umarmung. „Es gibt keinen Ort, an dem ich im Moment lieber wäre, Leah.“ Er küsste sie auf die Stirn und löste sich von ihr.
Leahs Herz machte einen kleinen Hüpfer und sofort schimpfte sie mit sich deswegen wieder. Doch trotzdem sang eine kleine Stimme ‚Er ist gerne hier bei dir’ immer wieder in ihrem Kopf.