Schützenfest – Teil 17

Leah stapfte ins Schlafzimmer und kurz darauf hörte sie auch Jonas die Treppe hinaufkommen. Sie zog sich die Decke bis zum Hals hoch und wartete gespannt ab, auf welchen Abstand er im Bett zu ihr gehen würde.
„Leah?“, flüsterte er leise.
„Ja?“
„Hast du dein Handy ausgemacht?“
„Nö.“ Leah grinste in sich hinein.
„Dann tu’ das bitte, ja?“
Sie seufzte auf und griff danach. Viktor hatte wieder geschrieben und Leah antwortete ihm noch schnell, was Jonas mit einem Aufstöhnen quittierte.
„Ist jetzt aus“, murmelte sie.
„Sag mal, was findest du eigentlich an dem Kerl?“, fragte er scharf.
„Er ist sehr nett“, antwortete Leah unschuldig.
„Das bin ich auch!“, murrte es von der Seite.
„Und er ist witzig und originell, schlagfertig und charmant. Er bringt mich zum Lachen.“
„SCHON GUT!“
Leah grinste und schlief mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen ein.

Kalte Wassertropfen fielen auf ihr Gesicht, augenblicklich saß sie kerzengerade im Bett. Jonas kniete auf ihrer Betthälfte und schüttelte heftig seine nassen Haare über ihr aus.
„Spinnst du?“, schrie Leah empört auf.
„Bei Pitti lachst du immer, wenn er das macht!“
„Pitti ist auch ein kleiner, liebenswerter Hund!“, keifte Leah. Sie wischte sich ärgerlich übers Gesicht.
„Und ich bin dein großer, noch liebenswerterer Verlobter.“
„Ha! Mit Pittis Charme kannst du nicht mithalten, Steffen Jr.!“ Leah wollte die Bettdecke weg schlagen und aus dem Bett klettern, doch Jonas hielt ihren Arm fest.
„Wie bitte?“ Er sah sie herausfordernd an.
„Du hast schon richtig gehört. Von Pitti kannst du noch viel lernen!“
„Was kann der schon, was ich nicht kann?“, kam es gespielt überheblich von Jonas.
„Sich mit der Hinterpfote am Ohr kratzen zum Beispiel.“
„Okay, ich gebe zu, da muss ich noch dran arbeiten“, räumte er zerknirscht ein, dann blitzte es aber in seinen Augen gefährlich auf. „Aber dafür bin ich besser im Gesichter abschlecken.“
Er packte blitzschnell ihre Hände, drückte sie in die Kissen zurück und setzte sich auf ihren Bauch.
„Jonas, WEHE!“, schrie Leah entsetzt auf, doch als sie seinen entschlossenen Blick sah, ahnte sie, was ihr jetzt blühte.
Jonas beugte sich über sie und fuhr mit seiner Zunge sanft über ihr Gesicht und ihren Hals entlang.
„IIIIEEEEH! Hör sofort auf!“
„Was heißt hier ‚Iiieeh’?“, lachte Jonas. „Na warte, Paulsen. Und weißt du, was ich noch kann? Beißen!“
„Jonas bitte“, quiekte Leah.
Jonas biss ihr zärtlich in den Hals und ins Ohrläppchen, sie schloss für einen Moment die Augen.
Sie versuchte sich freizubekommen und irgendwie schaffte sie es schließlich ihn von sich hinunter zu werfen, Jonas grinste sie frech an.
„Du bist wirklich ein blöder Hund“, zischte Leah ihm böse zu, doch er kugelte sich bei ihren Worten bloß vor Lachen auf dem Bett herum.

„Na, habt ihr es doch noch ins Bett geschafft?“ Trudchen schaute zwischen Jonas und Leah hin und her, sie sah dabei sehr zufrieden aus.
„Ja“, antwortete Leah verlegen.
„Ihr saht so niedlich aus auf dem Sofa. Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, euch zu wecken“, fuhr sie verzückt fort.
Leah warf Jonas einen scheuen Blick zu, er zwinkerte liebevoll zurück.
„Übrigens: Der Notartermin ist in vier Tagen, dann sind alle Papiere fertig.“
Vier Tage noch! Leah fragte sich, wie sie das noch so lange in Jonas Gegenwart aushalten sollte.
„Und morgen Abend gibt Majorie eine Party. Und sie hat ausdrücklich darum gebeten, dass ihr beiden auch kommt. Die sind alle so neugierig auf die neue Besitzerin von meinem Häuschen … Und außerdem will ich mit euch angeben.“
„Wir kommen natürlich gerne mit“, antwortete Jonas.
„Ja klar“, sagte Leah schnell.
Wie schön!, dachte sie verzweifelt. Jetzt nehmen mich Trudes Freundinnen auch noch unter die Lupe!
Jonas und sie mussten also überzeugend sein – und Leah ahnte, was das bedeuten würde. Er schien ihre Gedanken zu erraten, griff nach ihrer Hand und drückte sie beruhigend.

Nach dem Frühstück ging Leah in den Garten. Sie musste mit jemandem reden, in ihr tobte ein Gefühlschaos. Sie versuchte, ihre Empfindungen für Jonas irgendwie unter Kontrolle zu bekommen, doch mit jeder Berührung, jedem Blick von ihm spürte sie immer mehr, wie sehr sie ihn doch eigentlich liebte.
Leah wählte Jochens Nummer und setzte sich auf eine Bank, von der sie sofort sehen konnte, wenn sich jemand näherte.
„Endlich meldest du dich mal“, schrie Jochen ins Telefon. „Wie geht es euch Turteltäubchen denn?“
„Gut, danke.“
„Ist Trudchen euch noch nicht auf die Schliche gekommen?“
„Nein.“
„Hey Leah, wenn du mich schon anrufst, dann will ich aber schon mehr hören als ‚Ja’ oder ‚Nein’! Ich hole mir jetzt eine Tüte Chips und dann bitte jedes schmutzige Detail, ja?“
Leah schluckte, es knurpste und raschelte schließlich durch die Leitung und sie begann stockend zu erzählen. Von dem Ring, dem Freundschaftsring, wie Leah bitter betonte, der peinlichen Anprobierstunde, Jonas‘ Reaktion auf Viktors Nachrichten, dem Abend auf dem Sofa und von seiner Hundeimitation. Bei der Schilderung der letzten Begebenheit verschluckte sich Jochen und hustete laut durch die Leitung.
„Wow“, japste er atemlos. „Er spielt mit dir Hündchen? Und hat dein Gesicht abgeschleckt? Und mit dir auf dem Sofa gekuschelt? Und dir einen Ring geschenkt?“
„Musst du alles wiederholen?“, blaffte Leah genervt los.
„Sag’ mal: Was treibt Ihr denn da eigentlich? Ihr sollt’ doch nur vor Trudchen auf verliebt machen…“
„Wie meinst du das?“, fragte sie noch verunsicherter, als sie sowieso schon war.
„Hm“, begann Jochen nachdenklich. „Es kann natürlich sein, dass Jonas das alles als Spiel sieht … oder er ist einfach nur scharf auf dich, nachdem er deine …, äh, also, nachdem er dich ‚oben-ohne’ gesehen hat“.
„Danke, dass du das extra noch mal erwähnst!“ Leah wurde selbst bei dem Gedanken daran wieder rot.
„Na ja, ist ja auch eine schwere Situation für ihn. Er darf nur mit dir schmusen, wenn einer guckt, kriegt einige appetitliche Einblicke und schläft auch noch jede Nacht neben dir… dafür hält er sich tapfer, dass muss sich schon sagen. Bin gespannt, wie das alles mit euch noch so weitergeht.“
„Ist es schlimm, wenn ich das alles nicht so lustig finde wie du?“, sagte Leah traurig.
„Och Leah. Ich kann mir denken, dass das für dich die Hölle sein muss. Du tust mir wirklich leid“.
„Danke“, flüsterte sie.
„Leah – ich kann Jonas auch nicht in den Kopf gucken. Sein Verhalten ist seltsam, aber er ist mit Sicherheit auch sehr angespannt. Ich würde dir so gerne sagen, dass er bestimmt verknallt in dich ist. Aber das kann ich nicht. Bitte denk’ dran, dass er viel mehr Erfahrung hat als du. Solange er dir nicht seine Liebe erklärt, würde ich es immer noch als eine rein freundschaftliche Beziehung sehen. Vielleicht macht er sich gar keine Gedanken darüber, was er mit seinem Verhalten bei dir auslöst.“
„Du hast ja recht“, antwortete sie leise. „Ich bin nur einfach so durcheinander.“
„Verständlich, Schatzi. Aber was meinst du, wie nervös Herr Pech ist. Der kommt hier jeden Tag ein paar Mal vorbei und fragt, ob es etwas Neues von dir gibt.“
„Viktor? Ja, er schreibt auch regelmäßig.“
„Na, einen Verehrer hast du auf jeden Fall sicher!“. Leah konnte sich Jochens grinsendes Gesicht lebhaft vorstellen.
Plötzlich sah sie Jonas in den Garten kommen. Er suchte sie offenbar und Leah beendete das Gespräch mit Jochen.
„Suchst du mich?“, rief sie ihm zu, sein Gesicht erhellte sich sofort.
„Ja. Ich habe gestern einen Fahrradverleih entdeckt. Gleich hier um die Ecke. Hast du vielleicht Lust mit mir eine bisschen über die Insel zu radeln?“
Leah schaute skeptisch in den Himmel.„Hm. Es zieht sich immer mal wieder zu“, gab sie zu Bedenken.
„Ach, wir fahren nicht so weit. Und wenn es mal regnen sollte, finden wir schon einen Unterstand.“
„Okay. Warum nicht?“ Sie konnte ihm so schlecht etwas abschlagen – wie denn auch, wenn er immer so nett guckte …

Sie sagten Trudchen Bescheid, die davon nicht begeistert war.
„Es sind heftige Schauer angesagt – Aprilwetter eben!“, sagte sie zweifelnd.
„Das wird schon nicht so schlimm.“ Auch bei ihr setzte Jonas sein ‚One-Million-Dollar’-Lächeln ein.
„Ruft mich an, solltet ihr in einen Schauer geraten, dann hole ich euch mit dem Auto ab“, gab Trude zu bedenken und blickte mürrisch in den Himmel.

Sie waren schon eine ganze Weile gefahren, als Leah die dunkle Wolkenwand bemerkte, die auf sie zukam.
„Jonas, lass‘ uns besser schnell zurückfahren“, rief sie ihm besorgt zu.
„Ach, wir schaffen das schon noch bis zum nächsten Dorf, es sind nur noch vier Kilometer …“, verwarf er ihre Bedenken.

Leah fror entsetzlich. Sie waren auf offenem Gelände zuerst in einen Hagelschauer geraten, der später dann in einen heftigen Platzregen überging. Jetzt standen sie in einem kleinen Wäldchen und Jonas sah Leah zerknirscht an.
„Tut mit leid. Ich hätte auf dich hören sollen.“
„Ja!“, motzte Leah, sie waren bis auf die Haut komplett durchnässt. Ihr T-Shirt und ihre Jeans klebten an ihrem Körper – die einzige Genugtuung, die Leah hatte war, dass es Jonas genauso ging.
„Ich rufe deine Tante an, ja?“
Leah nickte, sie presste ihren Mund zusammen, um nicht mit den Zähnen zu klappern.
Nachdem Jonas Trude angerufen hatte, nahm er Leah fest in den Arm. Er streichelte ihr über den Rücken und wrang immer wieder ihre nassen Haare aus.
Schließlich erschien Trude, sie warf Jonas einen bitterbösen Blick zu.
„So ein Leichtsinn – typisch Mann! Eines sage ich Ihnen, Jonas: Wenn meine kleine Leah morgen krank ist und nicht zu Majories Party gehen kann, dann Gnade Ihnen Gott!“ Sie fuchtelte drohend mit ihrem Autoschlüssel vor seiner Nase herum, während er die Fahrräder im Auto verstaute.
Im Auto zog Jonas Leah auf seinen Schoß. Trudchen hatte mehrere Decken mitgebracht und Jonas wickelte sich und Leah darin ein. Leah suchte jetzt ebenfalls Jonas‘ Nähe, was sie normalerweise vermieden hätte. Aber sie versuchte soviel Wärme wie möglich abzubekommen und schlang ihre Arme um seinen Hals. Ihren Kopf legte sie in seine Halsbeuge. Er zog sie so dicht wie möglich an sich heran und umklammerte sie mit beiden Armen. Immer wieder hauchte er ihr kleine Küsse auf ihr Gesicht oder ihren Hals und Leah zitterte am ganzen Körper. Nur jetzt war ihr nicht mehr so klar, ob vor Kälte oder wegen seiner Berührungen. Deutlich spürte sie durch ihr nasses T-Shirt die Hitze, die von seinem Körper ausging und sie wusste auch, dass er ebenfalls jede Kontur ihres Oberkörpers erahnen konnte. Er zog die Decke noch ein bisschen fester um sich und Leah.