Schützenfest – Teil 18

„Ich habe Dorothea gebeten, für euch in meinem Whirlpool Wasser einzulassen. Ein warmes Bad ist jetzt genau das Richtige“, dozierte Trude beim Autofahren.
Istesnicht, istesnicht, isesnicht, dachte Leah panisch. Ein Bad mit Jonas – HILFE!
„Mir reicht eine Dusche“, warf sie schnell ein.
„Nichts da, Leah. Du hast ja schon ganz blaue Lippen – und Jonas auch.“ Trude sah sich strafend nach den beiden um. „Ihr geht in die Wanne – Widerspruch zwecklos!“
Leah schaute Jonas an, der wiederum angestrengt aus dem Autofenster starrte.

„So, wenn Sie noch etwas wünschen …“ Dorothea legte ein Telefon neben den Whirlpool. „Die 1 wählen.“ Damit verließ sie das pompöse Badezimmer.
„Geh du zuerst, ich springe gleich schnell unter die Dusche.“ Jonas wirkte richtig verlegen.
„K … kannst du dich bitte mal umdrehen?“, bat sie ihn.
„Oh, natürlich. Klar.“ Er wandte ihr den Rücken zu und Leah zog sich schnell das nasse T-Shirt aus. Doch beim Jeansknopf scheiterten ihre klammen Finger. Sie versuchte es immer wieder und stapfte wütend mit dem Fuß auf.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“, kam es aus der Badezimmerecke.
„Ja verdammt!“ Leah war mit ihren Nerven am Ende. „Ich kriege den blöden Jeansknopf nicht auf“, schluchzte sie verzweifelt.
Jonas drehte sich herum und kam schnell zu ihr, sie wäre am liebsten im Erdboden versunken. Auch wenn er sie schon leichtbekleidet gesehen hatte – nur im BH so nah vor ihm zu stehen, verwirrte sie immer noch. Er öffnete schnell ihren Hosenknopf und Leah sah, dass auch seine Hände zitterten und er eine Gänsehaut hatte. Sie bekam Mitleid und betrachtete die Größe des Whirlpools.
„W … wenn du willst, kannst du auch mit hinein“, stotterte sie nervös.
Jonas sah ihr kurz in die Augen. „Gerne.“
„Dann warte, bis ich drin bin, ja?“
„Natürlich.“ Er drehte sich nochmals um und Leah schlüpfte schnell aus ihren restlichen Sachen. Das warme Wasser war eine Wohltat.
„Du kannst jetzt“, sagte sie schüchtern. Jonas zog sich ebenfalls schnell aus und Leah starrte krampfhaft an die mit badenden Engeln verzierte Decke.
Verlegen saß Leah ihm gegenüber, Jonas drückte neugierig auf die diversen Knöpfe an der Seite des Whirlpools.
Sie waren immer verblüffter über die ganzen Funktionen und als schließlich zwei goldene Frösche anfingen, Wasser zu speien, löste sich ihre Anspannung und sie prusteten beide laut los.
„Soll ich dir den Rücken schrubben?“ grinste er sie frech an.
„NEIN!“, protestierte sie energisch. Sie war sowieso schon die ganze Zeit damit beschäftigt, ihn nicht mehr als nötig zu berühren. Trotzdem spürte sie immer wieder seine Beine an ihren.
„Ach komm’: So als Entschädigung für die verpatzte Fahrradtour?“ Er sah sie treu an.
„Bleib’ wo du bist!“, keifte Leah und schmiss eine gelbe Gummiente an seinen Kopf.
„Na warte!“ Jonas griff zielsicher nach ihren Kniekehlen und zog sie unter Wasser, keuchend tauchte Leah wieder auf.
„Lass’ das sein!“, schnaufte sie empört, sie angelte nach ihrem Bademantel und verließ fluchtartig die Wanne.
„Leah, bleib’ doch“, bat er glucksend.
„Nein, ich muss raus hier!“ Sie schnappte sich ein Handtuch, band es um ihre Haare und rannte aus dem Bad.

„Was soll ich denn morgen Abend anziehen?“, fragte Leah Trudchen beim Abendessen.
„Wir finden schon was“, lächelte Trude milde.
Zu Leahs Erleichterung fand die Kleideranprobe diesmal ohne Jonas statt und auch der weitere Abend verlief für sie weitestgehend nervenschonend. Man saß im Wohnzimmer zusammen und Trude erzählte Details über das Haus. Zwar hielt Jonas Leah den ganzen Abend im Arm und küsste sie auch hin und wieder, aber gemessen an dem, was schon geschehen war, versetzten Leah diese Zärtlichkeiten nicht mehr so sehr in Aufruhr.

Wieder dauerte es lange, bis Leah in den Schlaf fand, aber diesmal war es mehr die bevorstehende Party, die sie beunruhigte, als der schlafende Jonas neben ihr.
Trude überredete Leah zu einem weinroten Kleid, das sehr elegant war. Eigentlich mochte Leah sich darin nicht, aber Jonas‘ bewundernder Blick überzeugte sie dann doch.
„Du sieht toll aus“, raunte er ihr immer wieder zu.

Majories Haus war ebenfalls eine alte Villa und es waren so um die hundert Leute geladen.
Leah musste einen Vorstellungsmarathon absolvieren und sie war jetzt sogar über Jonas‘ Nähe dankbar. Es freute sie innerlich, wenn jemand Komplimente über ihr Äußeres machte und er sie daraufhin stolz ansah.

Leah fiel die Frau sofort auf. Sie war umwerfend schön und ließ Jonas keinen Moment aus den Augen. Sie hatte lange schwarze Haare und braune Augen, ihre Haut war ein wenig dunkler, Leah tippte daher auf eine Lateinamerikanerin.
Ob er sie auch bemerkt hat?, fragte sich Leah. Sie versuchte, die ganze Zeit in Jonas‘ Nähe zu bleiben. Und diesmal war sie es, die ihn immer wieder mit kleinen Berührungen und Küssen überraschte. Sie rechtfertigte sich vor ihrem Gewissen damit, die Fassade aufrechterhalten zu müssen und Jonas ging nur allzu gern auf die kleinen Liebkosungen ein.
Doch als Leah ihn dann einmal kurz alleine lassen musste, war er lebhaft in ein Gespräch mit der unbekannten Schönheit vertieft. Leah spürte einen Stich in ihrem Herzen, beschimpfte sich aber direkt selbst als eifersüchtige Kuh.
„Das ist Emanuela Cortez, die Tochter eines mexikanischen Diplomaten. Sie scheint Gefallen an Jonas zu haben … Sei auf der Hut, Kindchen.“ Trude war Leahs Blick gefolgt und gesellte sich zu ihr.
„Jonas ist mir treu“, sagte Leah schnell.
„Pah!“, schnaubte Trudchen verächtlich. „Bei Männern sollte man sich nie zu sicher sein! Meinem Erwin musste ich auch hin und wieder mal auf die Finger klopfen.“
Leah lächelte gequält und schnappte sich ein Glas Champagner.
Nach einiger Zeit kam Jonas wieder zu Leah zurück und machten einen zufriedenen Eindruck.
„Gefällt es dir hier?“, fragte sie ihn betont beiläufig.
„Ja sehr“, strahlte er. Leah zog seinen Kopf zu sich hinab und küsste ihn zärtlich auf den Mund, sie schnappte daraufhin einen giftigen Blick von Emanuela auf.

Gegen Mitternacht verabschiedeten sie die älteren Gäste. Auch Trude und die meisten ihrer Freundinnen waren bereits weg.
„Emanuela hat gefragt, ob wir noch mit ihr und den Hofmanns ein wenig durch die Kneipen ziehen“, fragte Jonas Leah.
Leahs Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Am liebsten hätte sie ihn gebeten, mit ihr nach Hause zu gehen, doch ihr Gewissen meldete sich zu Wort.
Lass ihn gehen. Er ist ein freier Mann und scheint Emanuela zu mögen. Er opfert schon genug Zeit für dich. Soll er seinen Spaß haben.
„Leah? Träumst du?“ Jonas strich ihr sanft übers Gesicht.
„Ich? Nein, ähm. Geh ruhig mit den anderen mit, Jonas. Ich bin müde und möchte nach Hause“, stammelte Leah.
„Dann komm’ ich mit!“.
„Nein Jonas. Wenn du mit möchtest, dann geh’ doch. Das ist okay.“
„Wirklich? Ich bringe dich aber zuerst noch nach Hause.“
„Nicht nötig, ist doch nicht weit.“
„Bist du sicher?“ Jonas bohrte noch ein paar Mal nach, doch Leah versicherte ihm, dass alles in bester Ordnung wäre.

Vor Majories Haus trennten sich ihre Wege. Leah sah ihm traurig nach, Jonas wurde sofort von Emanuela in Beschlag genommen und sie hakte sich wie selbstverständlich bei ihm unter.
„Viel Spaß“, flüsterte sie ihm leise hinterher.
So schnell es ihre hochhackigen Schuhe zuließen, lief sie nach Hause. Und sie konnte es nicht verhindern, bereits nach wenigen Schritten liefen ihr die Tränen über die Wangen.
Zum Glück schlief Trude schon, als sie die Villa betrat. Leah holte sich zwei Flaschen Wein aus dem Keller und ging damit auf ihr Zimmer. Sie setzte sich aufs Bett und schaute auf ihr Handy, Viktor hatte wieder mehrere SMS geschickt.
Warum kann ich ihn nicht lieben? Alles wäre soviel einfacher …

Der Alkohol zeigte langsam Wirkung. Leah fühlte sich leicht benebelt und schaltete den Fernseher in ihrem Zimmer ein. Als die Weinflasche leer war, zog sie unbeholfen ihr Kleid aus und schmiss es genervt durchs Zimmer. Umständlich versuchte sie dann ihren Schlafanzug anzuziehen, nachdem sie aber das dritte Mal mit dem Kopf im Ärmel gelandet war, flog auch das Oberteil weg.
„Blödes Ding“, lallte Leah und schaute strafend ihren Schlafanzug an. „Issdoch eh egal, was ich anhab‘ oder nicht … Jonas wird mich niemals nie nich’ lieben…“, schluchzte sie auf und warf sich voller Selbstmitleid aufs Bett.
Die Emanuelas dieser Welt werden ihn dir immer wieder wegnehmen!
In ihrer Phantasie stellte sie sich Jonas und Emanuela bei wilden Liebesspielen vor und bekam einen Weinkrampf, nur im Slip krabbelte sie dann schließlich unter die Bettdecke.
Doch das Zimmer verfiel in merkwürdige Rotationen und Leah setzte sich vorsichtshalber wieder hin. Sie schaltete den Fernseher erneut ein und zappte gelangweilt durch die Programme.
„Kommmaherdu …“ Leah schnappte sich die zweite Weinflasche und öffnete sie. Sie sparte sich das Suchen nach ihrem Glas und nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche.
Kichernd schaute sie eine Sendung, in der eine Frau mit einer Bratpfanne hinter der Haustür auf ihren Ehemann wartete.
„Dassmachichauchgleich, Steffen Jr.“, gluckste Leah.