Schützenfest – Teil 19

Zu ihrer Verwunderung hörte sie auf einmal Schritte im Flur. Es war kurz nach drei Uhr nachts und Jonas war gerade mal etwas über zwei Stunden weg gewesen.
Schnell schaltete Leah den Fernseher aus und zog die Decke bis zu ihrem Hals hoch.
Sie tastete nach dem Lichtschalter, doch erreichte ihn nicht mehr rechtzeitig, Jonas öffnete leise die Tür und kam vorsichtig hinein.
„Was ist denn hier passiert?“, hörte sie ihn flüstern.
Leah blinzelte und sah, dass er ihr Kleid und das Schlafanzugoberteil stirnrunzelnd aufgehoben hatte, dann stieß er mit dem Fuß gegen die leere Weinflasche.
„Dabissuja…“
Hör auf zu lallen, Leah! Konzentrier’ dich!
„Oh, Leah, tut mir leid. Hab’ ich dich geweckt?“
„Nichrichtich“, antwortete sie betont schläfrig.
Jonas hielt die Weinflasche hoch. „Hast du die etwa noch alleine getrunken?“
„Unnwennessowäre?“, brummte Leah.
„Ist ja schon gut“, grinste er.
„WarsdennschönmitMissMexiko?“ Sie wollte diese Frage nicht stellen, aber die Worte sprudelten einfach aus ihr heraus.
„Mit Emanuela? Oh ja, danke. Sehr schön sogar.“ Jonas schaute Leah nicht an und zog sich aus, dann verschwand er im Bad.
Hättest du dir doch denken können, oder? Natürlich war es schön!

„Unnwarumbissedannschonwiedahier?“, fragte sie als er wieder hinaus kam, erneut kämpfte sie mit den Tränen.
Jonas legte sich neben sie und küsste sie sanft auf die Wange. „Vielleicht weil ich müde war?“
„Aha – na dann, schlafschön“, sagte Leah enttäuscht.
„Und weil ich lieber bei meiner kleinen süßen Leah bin, als durch irgendwelche Kneipen zu ziehen …“
Jonas gähnte und rutschte ganz nah an Leah heran, seine Hand streichelte über ihren Arm.
„Du hast ja gar nichts an!“, rief er entsetzt auf.
„Hassudochgesehen, oder?“, maulte Leah.
„Ja, aber ich dachte, du hättest ein T-Shirt oder so was an!“
„Nee, habichnich’. Kanndirdochegalsein, oder? Kennstmichdochschonso!“
„Das ist mir aber nicht egal. Du … du wirst bestimmt frieren!“
„Unwennschon“, blaffte Leah los. „Dann kuschelichmichhaltanmeinenVerlobten!“
Mutig Leah, Bravo! Und jetzt?
Zur Bekräftigung ihrer Worte drehte sie sich um und rückte ganz nah an ihn heran. Sie legte einen Arm auf seine Hüfte, mit klopfendem Herzen wartete sie auf eine Reaktion.
„Leah, lass das, ja?“ Jonas‘ Stimme klang rau.
„Warum? Wirumarmenunsdochsowiesoandauernd!“ Sie streichelte sanft über seinen Rücken.
„Das … das ist was anderes“, stammelte er.
Leah schluckte. Na klar, alles nur für Tante Trude!
Sie konnte durch das einfallende Mondlicht sein Gesicht genau erkennen und sah ihm direkt in die Augen.
„Isses soschlimm für dich, mich innen Arm zunehm, wenn keiner zusieht?“ fragte sie ihn traurig.
„Natürlich nicht, aber …“
Leah fuhr ihm mit ihren Fingern die Konturen seines Mundes nach, er küsste sie zärtlich auf die Fingerspitzen und nahm ihre Hand dann aber weg.
„Unwäreessoschlimm, wenndu deine Scheinverlobte mal ohne Zuschauer küssenwürdest?“
„Leah, du hast einen Schwips“, flüsterte er.
Sie legte eine Hand in seinen Nacken und zog seinen Kopf etwas zu sich heran. Ein Schauer durchfuhr sie, als sich ihre Münder trafen, Leah ließ ihre Zunge sanft an seine Lippen stoßen.
„Wir sollten besser nicht …“, sagte Jonas heiser, sein warmer Atem streifte ihr Gesicht. Leah verschloss behutsam seinen Mund und küsste ihn wieder vorsichtig. Jonas‘ Widerstand ließ spürbar nach und er begann ihren Kuss zärtlich zu erwidern. Sie fühlte sich wie elektrisiert, noch war es mehr ein sanftes Abtasten, wie eine Frage, die auf eine Antwort wartete. Ihre Zungen trafen sich immer wieder und begannen, vorsichtig miteinander zu spielen. Ein unglaubliches Kribbeln machte sich in Leahs Bauch breit. Der Kuss wurde leidenschaftlicher, fordernder. Sie streichelte seinen Nacken und durch seine Haare, Jonas stöhnte leise auf.
Seine Hand fuhr behutsam die Linie ihres Halses entlang und schob die Bettdecke hinunter. Leah hatte das Gefühl, als ob ihre Haut an den Stellen, die er berührte, fast verbrannte. Sanft glitten seine Finger ihr Dekolletee hinunter und seine Hand umschloss zärtlich ihre Brust.
Leah seufzte auf, sein Mund löste sich von ihrem und er fuhr mit seiner Zunge langsam ihren Hals hinunter. Immer wieder küsste er ihre Haut und als seine Lippen ihre Brustwarze umschlossen, sog Leah scharf den Atem ein.
Doch plötzlich schreckte Jonas hoch.
„Oh Gott, Leah, was tun wir hier?“ Er sah sie verzweifelt an, Leah war verwirrt.
„Hab’ … hab’ ich etwas falsch gemacht?“
„Nein! Ja! Wir beide haben etwas falsch gemacht!“ Er schrie sie förmlich an. „Wir sind Freunde, die nur so tun als ob, erinnere dich!“
Leah fühlte sich, als ob ihr jemand mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen hätte.
„Freunde küssen sich nicht so – und sie schlafen auch nicht miteinander. Verdammt!“ Er setzte sich auf und fuhr sich mit den Händen durch die Haare.
Sie schluckte. „Es tut mir leid, Jonas.“ Schnell drehte sie sich herum und zog die Decke hoch.
„Sex würde alles nur kaputt machen. Es würde unsere Freundschaft zerstören – und das will ich nicht. Verstehst du?“
„Ja“, hauchte Leah. Sie vergrub ihr Gesicht unter der Decke, damit er ihre Tränen nicht sah.
Sie versuchte, ihr Schluchzen zu unterdrücken, doch es gelang ihr nicht.
Jonas legte sich wieder neben sie.
„Hey Leah. Bitte nicht weinen.“ Er küsste sie in den Nacken. „Du bist der wertvollste Mensch in meinem Leben – du bist meine beste Freundin. Und ich will dich niemals verlieren.“
Leah zwang sich, sich zusammenzureißen. „Ich versteh’ schon“, sagte sie leise.

Wie sie es überhaupt schaffte einzuschlafen, wusste Leah nicht mehr. Sie wusste nur noch, dass sie sich die Decke über den Kopf gezogen und darunter weitergeweint hatte. Zwar hatte Jonas immer wieder versucht, mit ihr zu reden, doch Leah hatte es nicht mehr richtig wahrgenommen.

Ihr Kopf schmerzte und jedes Mal, wenn sie die Augen öffnete, fand sie es unerträglich hell im Zimmer. Immerhin hatte sie schon bemerkt, dass Jonas schon aufgestanden war, denn sein Bett war leer und aus dem Badezimmer waren auch keine Geräusche zu hören. Leah setzte sich ganz langsam auf und schaute sich um. Die Weinflaschen waren weggeräumt und sie hatte zu ihrer Verwunderung eines von seinen T-Shirts an.
Wann hab’ ich das denn angezogen?
Ihr Blick fiel auf das rote Kleid, das sie am Vorabend auf der Party getragen hatte. Schlagartig fiel ihr alles wieder ein.
Meine Güte, ich hab’ mich ihm ja regelrecht an den Hals geworfen!
Die Erinnerung kehrte mit voller Wucht zurück, Leah ließ sich mit einem Stöhnen in die Kissen fallen.
Wie peinlich – wie entsetzlich peinlich!
Doch dann machte sich eine große Traurigkeit in ihr breit.
Er will dich nicht – er hat dich zurückgestoßen!
Eine bittere Erfahrung, die körperlich schmerzte.
Sie stand mit wackeligen Beinen auf und stützte ihren Kopf beim Gehen, weil sie Angst hatte, dass er irgendwie von ihrem Körper hinunterfallen könnte. Tapsig ging sie ins Badezimmer und sah in den Spiegel.
Ihre Haare standen wirr ab und ihre Augen waren verquollen und rot. Entnervt zog sie Shirt und Slip aus und stieg unter die Dusche, aber auch nach dem Zähneputzen ging es ihr nicht besser.
Ich werde wohl Trude nach Tabletten fragen müssen, dachte sie zerknirscht. Leah zog sich im Schneckentempo an und ging leise nach unten.