Schützenfest – Teil 20

„Hallo Leah“, rief Trudchen fröhlich.
Warum muss sie so schreien?
„Guten Morgen“, flüsterte sie. Sie schaute sich im Wohnzimmer um, von Jonas war nichts zu sehen.
„Jonas ist spazieren gegangen“, flötete Trude. „Und was heißt ‚Guten Morgen’? Es ist schon gleich 12.35 Uhr“, grinste ihre Tante.
„Oh …“
„Möchtest du direkt Mittagessen oder erstmal was zum Frühstück?“
„Eigentlich möchte ich nur Kopfschmerztabletten und zwei Flaschen Mineralwasser“, sagte Leah leise.
„Aha, verstehe.“ Trude tätschelte ihr über den Kopf und Leah wich schmerzverzerrt zurück.
„Ich leg’ mich noch was hin, ja?“ Sie sah ihre Tante bittend an.
„Natürlich, Kindchen. Ich schicke Dorothea zu dir hinauf.“
„Danke“.

Nach drei Aspirin und einer Flasche Mineralwasser ging es Leah schon etwas besser. Aber sie wollte einfach nicht aufstehen, Jonas unter die Augen zu treten war momentan noch unvorstellbar für sie.
Doch dann hörte sie Pitti bellen und raffte sich auf.
„Ich geh’ mit ihm Gassi“, sagte sie und nahm seine Leine.
„Ist gut Kindchen, ich sag’ Jonas Bescheid, wenn er wiederkommt“.

Sie machte sich mit Pitti auf den Weg zum Hundestrand. Es war bewölkt und nicht soviel los. Erleichtert, dass sie erstmal keinen Menschen sah, machte sie Pitti los und warf ihm Stöckchen. Ihrem Kopf ging es langsam besser, sie setzte sich in den Sand und sah nachdenklich aufs Meer.
Hör auf mit dem Theater. Sag’ Trude die Wahrheit und dann mach, dass du nach Hause kommst, Leah!
Doch dann fielen ihr wieder ihre Eltern ein. Wie lange sie sich für ihr kleines Häuschen in Gotschenbach krumm gelegt hatten, wie viel Entbehrungen sie dafür in Kauf genommen haben. Warum sollten sie nicht auch einmal in den Genuss von Luxus kommen?
Seufzend wählte sie nach einiger Zeit Jochens Nummer.

„Rede mit dem Vorstand, vielleicht kann man Jonas in eine andere Abteilung versetzen“, kam es trocken aus der Leitung.
„Sag’ mal spinnst du? Weil er mich nicht liebt, oder was?“, keifte sie ins Telefon.
„Nee, da musste dir schon einen besseren Grund aus den Fingern saugen …“
„Jochen – ich wollte eigentlich mit dir ein ernsthaftes Gespräch führen!“
„Entschuldige Leah. Eigentlich wollte ich dich nur aufmuntern“, kam es zerknirscht aus der Leitung.
„Ist dir bestens gelungen“, murrte Leah.
„Was hab’ ich dir gesagt: Der Kerl wird dir wehtun …“
„Ja – aber ich hab’ mich ihm so aufgedrängt. Es ist alles so peinlich“.
„Meine Güte, du hast ein bisschen was getrunken, na und? Und sein Verhalten war auch mehr als zweifelhaft. Schließlich hat er sich ja erstmal drauf eingelassen. Das macht man ja auch nicht unbedingt, wenn man von dem anderen nichts will!“
„Ach Jochen“, Leah schluchzte ins Telefon. „Wie soll ich mich denn jetzt nur verhalten?“
„Ihr müsst das Ding jetzt durchziehen. Sind doch nur noch ein paar Tage, Leah. Du schaffst das schon. Aber lass’ die Finger vom Alkohol – du weißt ja: Paulsens vertragen den nicht. Ist wohl ein Gen-Defekt bei euch. Denk’ an deinen Vater, der hat dir im Suff den ganzen Mist eingebrockt“.
„Ja“, schniefte Leah.

Sie nahm Pitti wieder an die Leine und ging mit ihm langsam zurück.
Es hilft ja nichts. Irgendwann musst du ihm unter die Augen treten …

„Da bist du ja wieder, Liebelein.“ Trude sprang vom Sofa auf. „Geht es dir wieder etwas besser?“
„Ja danke. Ist, äh, ist Jonas schon da?“, stotterte Leah.
„Ja, der ist oben auf eurem Zimmer. Aber ich möchte mal mit dir alleine reden …“ Ihre Tante sah sie ernst an.
„Ja, klar.“ Das passte Leah zwar im Moment gar nicht, aber Widerspruch war bei Trude sowieso zwecklos.
„Dann komm’ mal mit.“ Trudchen hakte Leah unter ging mit ihr in den Garten, sie schob sie auf eine Bank.
„Sag mal, Leahchen“, begann Trude ernst. „Ist alles in Ordnung zwischen dir und Jonas?“
Leah spürte, wie sie knallrot wurde. „Na klar. Alles okay.“ Sie versuchte möglichst beiläufig zu klingen.
„Wirklich? Hm. Ich dachte, da wäre etwas …“
„Nein. Wirklich. Ich habe gestern nur etwas viel getrunken … und mir ging es heute nicht so besonders deswegen.“
„Ja, ja. Das mit dem vielen Trinken hab’ ich auch schon bemerkt. Hat der Wein wenigstens geschmeckt? Es war nämlich die Lieblingssorte von meinem Heribert. Da kostet eine Flasche 389 Euro.“
„Oh ….“ Mehr fiel Leah gerade nicht ein. „Ähm, also, ich werde dir den Wein natürlich bezahlen“, schluckte sie.
„Ach was, Leahlein. Die Plörre mochte ich eh nicht. Aber es hat mich halt gewundert, dass du fast zwei Flaschen davon geschafft hast.“
„Ja, doch, konnte man trinken“.
Das wird ja immer peinlicher …
„Gut, gut. Jonas wirkte übrigens sehr zerknirscht heute. Und ich dachte, das könnte vielleicht etwas mit Emanuela Cortez zu tun haben.“
„Nein, wirklich, Trude. Zwischen Jonas und mir ist alles bestens.“ Leah machte Anstalten aufzustehen, doch ihre Tante hielt sie am Arm fest.
„Bleib’ noch etwas sitzen. Ich plaudere so gerne mit dir.“ Trudchen sah sie durchdringend an. „Hab’ ich dir eigentlich schon mal erzählt, wie ich mit meinem Erwin zusammengekommen bin? Ich war damals sehr schüchtern, musst du wissen …“
„Echt?“
„Ja, wirklich. Und ich war unsterblich verliebt in ihn. Einer der besten Leichtathleten aus dem Usedomer Leistungskader.“ Trude seufzte auf und blickte verträumt in den Himmel. „Er sah so umwerfend gut aus. Und er war so umschwärmt. Und ich war eher eine kleine graue Maus.“
Oh Gott, das kann dauern …, dachte Leah genervt.
„Ich war nur ein kleines Licht in dieser Leichtathletik-Abteilung. Nicht besonders talentiert, aber ich wollte unbedingt in seiner Nähe sein und so hab’ ich es geschafft, zu seinem Betreuer-Stab zu gehören. Ich hab’ alles für ihn getan. Den Boden angebetet, über den er gelaufen ist. Aber er hat mich nicht beachtet, hach ja. Mein Erwin …“ Sie machte eine kurze Pause und schien mit ihren Gedanken ganz weit weg zu sein. „Eigentlich hat er mich nur ausgenutzt. Ich war sein ‚Mädchen-für-Alles’. Hab mich sogar um seine schmutzige Wäsche gekümmert. Ich hab’ mich unentbehrlich für ihn gemacht. Weißt du, was ich meine?“
„Ja, ich glaub schon“, sagte Leah leise.
„Wie gesagt, Erwin war ein richtiger Idiot. Aber ich habe ihn so abgöttisch geliebt. Und hab’ immer wieder was auf die Nase gekriegt. Bis Norbert kam. Auch ein Leichtathlet, lange nicht so talentiert, aber auch sehr gut aussehend. Mit ihm bin ich ein paar Mal ausgegangen. Und siehe da: Mein Erwin war auf einmal eifersüchtig. Hat mir Blumen geschickt und wie verrückt mit mir geflirtet.“ Trude lachte auf. „Ich hab’ ihn natürlich erstmal zappeln lassen …“
„Natürlich“, flüsterte Leah.
„Aber dann hab’ ich ihn erhört und wir haben kurz darauf geheiratet. Tja, manchmal muss man eben einfach mal ein bisschen nachhelfen …“
„Aha. Na ja, das hat ja dann funktioniert“, sagte Leah.
Trudchen sah ihr tief in die Augen. „Ja, das hat funktioniert. Manche Leute kapieren erst, wie wichtig ihnen etwas ist, wenn sie im Begriff sind, es zu verlieren.“ Trude stand auf und hakte Leah wieder unter.
„Aber du gehst jetzt besser mal zu deinem Jonas. Der wartet schon bestimmt ganz ungeduldig.“