Schützenfest – Teil 21

Sie öffnete vorsichtig die Schlafzimmertür. Jonas lag auf dem Bett und arbeitete an seinem Laptop. Als er Leah entdeckte sprang er auf und kam sofort auf sie zu.
„Hey, wie geht es dir?“ Behutsam nahm er sie in den Arm und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. „Wo warst du denn so lange? Ich hab’ mir schon Sorgen gemacht.“
„Es geht mir gut. Danke für die Frage.“ Sie schob ihn energisch weg, Jonas schaute sie verblüfft an.
Leahs Knie zitterten, eigentlich fühlte sie sich der Situation überhaupt nicht gewachsen, doch mit brüchiger Stimme begann sie zu reden.
„Hör zu Jonas. Ich … ich hab’ mich unmöglich benommen gestern. Es tut mir wirklich sehr leid. Und ich hoffe …, ich hoffe, dass du jetzt nicht so … sauer auf mich bist, dass du die Sache hier abbrechen willst, oder so was …“
„Ach Leah, ich war doch auch nicht besser. Ich muss mich wohl auch entschuldigen. Können wir die Sache nicht einfach vergessen?“ Er legte einen Finger unter ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich. Sein Blick war so liebevoll und das tat Leah fast noch mehr weh, als seine Zurückweisung. Ruckartig wandte sie ihr Gesicht ab.
„Vergessen?“ Sie sprach ganz leise, kaum noch hörbar. „Wenn du das kannst … Aber, aber ich verspreche dir, dass das nicht mehr passieren wird, okay?“
Sie hasste sich dafür, doch sie fing wieder an zu weinen. „Ich mute dir das alles hier zu, wegen diesem idiotischen Haus, und dann bringe ich dich auch noch in so eine Situation.“
Jonas zog sie in seine Arme. „Leah, es ist unser beider Schuld. Wir haben gestern beide nicht richtig gehandelt. Und dann war auch noch Alkohol mit im Spiel. Lassen wir die Sache auf sich beruhen, ja?“
Sie löste sich von ihm und schob ihn weg. „Also … also ziehst du das noch mit mir durch? Und tust weiter so, als ob wir verlobt wären?“ Sie wischte sich einige Tränen aus dem Gesicht und schaute ihn schüchtern an.
„Natürlich werden wir das Ding hier zusammen durchziehen.“
Er machte wieder einen Schritt auf sie zu und wollte sie gerade übers Haar streicheln, doch Leah wich vor ihm zurück.
„Danke Jonas.“
Sie ging schnell ins Bad, ließ die Dusche laufen, damit er nicht hörte, dass sie laut aufschluchzte.

Als sie sich einigermaßen wieder gefangen hatte, schlug sie Jonas vor, mit ihr hinunter zum Essen zu gehen. In der Gegenwart ihrer Tante nahm Leah wieder seine Hand und er hielt sie ganz fest.
„Da seid ihr beiden ja“, strahlte Trude. „Ich habe eine Überraschung für euch. Mögt ihr Segeln?“
„Oh ja, sehr gerne“, antwortete Jonas erfreut.
„Ich hab’s noch nie gemacht“, brummte Leah misstrauisch.
„Oh, das ist kein Problem. Die Hofmanns haben zwei Boote und gefragt, ob ihr nicht Lust hättet, morgen mit ihnen einen Törn zu machen. Emanuela kommt auch mit und noch einige andere aus deren Clique. Ihr kennt sie aber alle von Majories Feier gestern.“
„Ach, eigentlich hab’ ich nicht soviel Lust“, maulte Leah.
Emanuela und ihre Schicki-Micki-Truppe waren Leah ein Graus. Außerdem musste sie dann ja den ganzen Tag auf engem Raum mit Jonas ‚verlobt’ spielen – und Emanuela würde sicher ganz genau hinsehen. Was für eine Vorstellung!
„Ihr solltet die restliche Tage hier richtig ausnutzen, Leahchen. Und die Küste vom Meer aus zu sehen, ist wirklich wunderschön.“ Ihre Tante sah Leah aufmunternd an. „Es wird dir bestimmt Spaß machen.“
„WETTEN NICHT?“, fauchte sie zurück. Dann besann sie sich aber schnell. „Ich werde bestimmt seekrank“.
„Ich hab’ Tabletten“, mischte sich Trudchen lächelnd ein.
„Ich kümmere mich dann schon um dich.“ Jonas sah sie liebevoll an. Leah musste schlucken und er gab ihr einen zärtlichen Kuss. Sie schloss kurz die Augen und betete, dass die Zeit einfach stehen bleiben würde.
„Hach, das wird bestimmt ein unvergessliches Erlebnis für euch werden.“ Trude musterte beide scharf. „Dann rufe ich mal Henning und Torben Hofmann an, und sage, dass ihr mitkommt“.

Leah wälzte sich unruhig im Bett auf und ab.
Ein Segeltörn – was soll das denn geben? Sie starrte wütend auf Jonas‘ Rücken. Der schläft mal wieder seelenruhig – wie immer…
Sie streckte ihm die Zunge raus und drehte sich wieder um. Zumindest hatte sie seinen ‚Gute-Nacht-Kuss’ abblocken können. Und zu ihrer totalen Verunsicherung sah er deswegen sogar richtig enttäuscht aus.
Sie schnappte sich ihr Handy und simste Viktor ihr Leid, dass sie morgen segeln müsse und sie keine Lust habe und dass überhaupt alles doof sei. Er schrieb ihr liebe und aufmunternde Worte zurück.
Jonas stöhnte genervt auf, drehte sich kurz zu Leah um, sah, dass sie ihr Handy in der Hand hatte und vergrub seinen Kopf unter dem Kissen.

Natürlich schlief sie kaum in dieser Nacht. Dementsprechend gelaunt wachte sie morgens auf. Jonas war schon wach und beobachtete sie, wie sie kopfkratzend und laut gähnend ins Bad schlurfte.
„Was guckst du so?“, meckerte Leah sofort los.
„Nichts. Schon gut.“ Er grinste und stand schnell auf.

Trudchen erwartete die beiden schon aufgeregt am Frühstückstisch. „Die Hofmanns haben euch ein paar Segelsachen vorbeigebracht. Ihr müsst gleich unbedingt mal anprobieren“, säuselte sie los.
Kann es kaum erwarten, dachte Leah böse. Sie musterte die diversen Jacken und Hosen und zog sich widerwillig um.
„Passt perfekt. Siehst richtig gut aus, Leah.“ Trude kniff ihr in die Wange.
„Finde ich auch“, lächelte Jonas. „Du wirst schon sehen, es macht Spaß.“
Leah verdrehte nur die Augen und tat sich unglaublich leid, als Trude sie zum Hafen fuhr. Trudchen dozierte während der Autofahrt über die Familienverhältnisse von Henning und Torben Hofmann, zählte die Grundstücke auf, die in deren Familienbesitz waren und betonte beiläufig, dass sowohl Torben (gerade geschieden, aber keine Kinder und keinerlei Unterhaltsverpflichtungen) wie auch Henning (unentschlossen in Liebesdingen und noch auf die Richtige wartend) noch auf Freiersfüßen wandelten. Beide natürlich extremst gutaussehend (blond und blauäugig) und von Haus aus stinkendreich (alter Usedomer Geldadel – große Werftanlagen und so). Jonas schaute während Trudchens Erzählungen betont gelangweilt aus dem Fenster und Leah heuchelte Interesse.

Mit finsterer Miene beobachtete sie die Wellen, es war zu allem Überfluss auch noch recht windig an diesem Tag. Sie hatte insgeheim auf Windstille gehofft, und dass sie ein bisschen auf glatter See rumdümpeln würden. Aber so wie es aussah, würde es wohl ein ‚richtiger’ Segeltag werden.
Henning und Torben begrüßten Jonas und Leah freundlich. Auch Emanuela, ihre Freundin Gitte und noch ein weiteres Pärchen, Peter und Sarah, waren schon da.
Sofort war Emanuela an Jonas‘ Seite, Leah bemühte sich um eine gelassene Miene. Esmachtdirnichtsaus, Esmachtdirnichtsaus, Esmachtdirnichtsaus, hämmerte sie sich immer wieder selbst ein.
Im Gegenzug kümmerte sich Henning sehr nett um Leah. Er war bemüht, ihr alles zu erklären und zeigte ihr ausführlich das Schiff. Charmant reichte er ihr dabei immer wieder die Hand, und fing Leah auf, als sie fast über ein paar Taue gestolpert wäre.
„Das hier ist der Segelbaum, bei Wenden und Halsen musst du dich vor ihm in Acht nehmen, da er dann zur anderen Seite schlägt. Und du solltest ihm dann nicht im Weg stehen. Mit den Kurbeln bedienen wir die Segel. Ich sag’ dir dann aber Bescheid, was du in diesem Fall zu tun hast.“
Aus den Augenwinkeln registrierte Leah, dass Jonas jeden ihrer Schritte aufmerksam verfolgte.
„Wisst ihr was? Wir sind doch zu Acht, da könnten wir doch mit beiden Booten fahren, oder?“, schlug Henning vor. „Machen wir eine Mini-Regatta, bis Ahlbeck und wieder zurück. Die Gewinner werden in die ‚Seemannsklause’ zum Essen eingeladen.“
Die meisten waren damit einverstanden, Leah zuckte nur mit den Schultern.
Mir doch egal – Hauptsache so schnell wie möglich wieder runter von dem blöden Boot.
Henning und Torben brüteten über den Seekarten, planten eine Route mit diversen Wenden um irgendwelche Tonnen und schrieben dann die Namen aller auf Kärtchen.
„So, jetzt losen wir die Mannschaften aus.“
Jonas sah Leah erschrocken an und wollte gerade etwas einwenden, da hatten die ersten beiden schon gezogen.

Nach Ende der Ziehungen kam heraus, dass Leah mit Henning, der ihr daraufhin sofort begeistert zuzwinkerte, Sarah und Peter in eine Mannschaft kam. Jonas wurde mit Emanuela, ihrer Freundin und Torben zusammengesteckt. Das passte ihm offenbar gar nicht, denn er sah sehr unglücklich aus.
Er ging zu Leah und zog sie fest in den Arm. „Jetzt kann ich gar nicht auf dich aufpassen“, murmelte er in ihr Ohr.
„Oh, das übernehme ich dann schon“, grinste Henning, der offenbar gut zugehört hatte, er nahm Leahs Hand und zog sie von Jonas weg.
„Komm Leah, ich zeig dir, was deine Aufgabe sein wird.“ Leah ließ sich bereitwillig wegführen.
„Jonas, kommst du?“, gurrte Emanuela vom anderen Schiff herüber, Jonas antwortete genervt und sprang auf das andere Boot.

Zu Leahs Überraschung machte es ihr tatsächlich Spaß. Henning hatte eine nette Art und brachte sie immer wieder zum Lachen. Die Schiffe entfernten sich nicht weit voneinander und so konnte Leah auch Jonas immer wieder sehen. Wie nicht anders zu erwarten war, hing Emanuela wie eine Klette an seiner Seite.
Henning folgte ihrem Blick. „Dein Verlobter beobachtet dich mit einem Fernglas“, lachte er. „Komm’ doch mal kurz her …“
Leah stand auf und ging zu Henning, der hinter dem Steuer stand. „Stell’ dich vor mich, Leah, dann erkläre ich dir mal, wie man steuert“.
Leah gehorchte brav und Henning stellte sich dicht hinter sie. Er griff unter ihren Armen hindurch und legte seinen Kopf wie selbstverständlich auf ihrer Schulter ab. Dann erklärte er ihr nüchtern die Instrumente.
Leah war zunächst etwas verwirrt wegen seiner Nähe, als Sarah dann aber grinsend berichtete, dass Jonas immer noch mit dem Fernglas da stand, wurde ihr der Sinn dieser Aktion bewusst. Schnell trat sie vom Steuer weg und setzte sich wieder auf ihren Platz.
„Ich dachte, ihr führt eine so lockere Beziehung“, grinste Henning. „Jedenfalls kam mir das so vor, als Jonas mit Emanuela vorgestern zusammen war.“
„Henning hör auf!“, warnte Sarah.
Leah sah zwischen den beiden ratlos hin und her. „Äh, ja“, stotterte sie. „Na ja, ein bisschen Flirten ist ja erlaubt.“
„Ach ja? Flirten nennt ihr das?“ Henning musterte Leah neugierig.
„HENNING!“ Sarahs Stimme wurde immer schärfer.
„Wenn das flirten ist, dann möchte ich gerne auch mal mit dir flirten, Leah. In dem einen Club, wo wir nach Majories Party waren, ging es jedenfalls ganz schön zwischen deinem Verlobten und Emanuela zur Sache.“
„Lass das, genug jetzt!“ Sarah setzte sich neben Leah. „Hör nicht auf ihn.“
„Wenn es doch so ist, liebe Sarah. Oder lüge ich etwa, Peter?“ Er sah ihn auffordernd an. Peter räusperte sich und starrte auf das Segel. „Nein, das stimmt schon, was Henning sagt. Wir haben uns alle gewundert.“
Sarah verdrehte die Augen, sie sah Leah entschuldigend an. Leah schluckte und wusste nicht mehr, wo sie hinschauen sollte. Sie wünschte sich an einen anderen Ort, zurück nach Gotschenbach, in ihr kleines Zimmer. Am besten unter der Bettdecke verkriechen und alles vergessen.
„Jedenfalls sind die beiden ziemlich schnell zusammen abgezogen“, fuhr Henning fort.
„Ja, und keiner von uns war dann mehr dabei und wir wissen alle nicht, was danach passiert ist“, zischte Sarah ihm böse zu.
„Aber wir kennen alle Emanuela, oder?“ Er grinste. „Sie ist kein Kind von Traurigkeit und so wie die beiden sich im Club aufgeführt haben, wird es danach mit Sicherheit heiß weitergegangen sein.“
Sarah nahm Leah in den Arm. „Fühlst du dich jetzt besser, Henning?“, fragte sie ihn gereizt.
„Es ist doch wahr, Sarah. Dieser Typ ist ein Arschloch. Entschuldige Leah. Aber hier macht er einen auf eifersüchtig und selbst lässt er nichts anbrennen. So was kotzt mich nun mal an.“
Leah spürte einen dicken Kloß im Hals. Sie starrte immer wieder auf ihre Hände und drehte nervös an Jonas‘ Ring.
Er ist frei, Leah. Er kann machen was er will!, beschwor sie sich immer wieder. Doch die kleine giftige Stimme in ihrem Kopf gab keine Ruhe. Ist doch klar, dass er dich abgewiesen hat. Emanuela ist eine wunderschöne, temperamentvolle Frau, die mit Sicherheit jede Menge Erfahrung hat. Eine Träne bahnte sich den Weg über Leahs Gesicht.
„Jetzt schau dir an, was du angerichtet hast“, giftete Sarah Henning zu, sie reichte Leah ein Taschentuch.
„Danke“, flüsterte sie. Leah schaute traurig zu dem anderen Boot hinüber, es lag ein wenig hinter ihrem. Sie konnte Jonas erkennen und Emanuela, die mit ihm zusammen hinter dem Steuerrad stand. Ihre langen dunklen Haare flatterten im Wind, sie warf sie immer wieder mit einer Hand nach hinten und ihr Lachen wurde bis zu ihrem Schiff hinübergetragen.
„Können wir uns jetzt bitte wieder auf das Segeln konzentrieren?“, fragte Peter genervt. „Noch liegen wir nämlich in Führung und da vorne kommt der nächste Wendepunkt. Und ich will das Essen gewinnen.“
„Klar.“ Henning beobachtete das andere Schiff. „Leah kannst du wieder auf deine Position gehen?“
Sie nickte und stand auf. Sie warf noch einen Blick auf Jonas. Emanuela hatte ihn jetzt umarmt.
„Alles klar zu Wende?“, rief Henning. Leah achtete gar nicht drauf. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Jonas und Emanuela schienen sich jetzt zu küssen. Leah konnte es nicht richtig erkennen, aber Henning nach dem Fernglas zu fragen, verbat ihr ihr Stolz.
„Leah pass auf, der Baum!“ Den entsetzten Schrei von Sarah bekam Leah nur am Rande mit. Alles war sie spürte, war ein harter, schmerzhafter Schlag am Hinterkopf – dann wurde es schwarz um sie.