Schützenfest – Teil 22

„Verdammt, verdammt, verdammt!“
Leah hörte Stimmen, die wild durcheinander redeten. Sie versuchte die Augen zu öffnen, hatte entsetzliche Kopfschmerzen, dann rief jemand ihren Namen. Verschwommen erkannte sie Henning, der ihr übers Gesicht streichelte, er sah sie entsetzt an. „Leah kannst du mich hören?“
„Ja“, flüsterte sie.
„Oh Gott, Henning! Sie blutet aus dem Ohr!“, hörte sie eine Frau entsetzt schreien. War das Sarah?
„Mir ist schlecht“, stöhnte Leah leise, jemand hielt ihren Kopf und prompt musste sie sich übergeben.
„Ich verständige einen Hubschrauber, bei dem Wellengang können wir sie in dem Zustand nicht an Land transportieren“, warf Peter ein.
Leah versuchte dies alles zu verstehen, sie wusste überhaupt nicht, was los war, doch dann flackerten ihre Augenlider wieder, es wurde erneut dunkel um sie herum.

Was ist das für ein Krach? Sie öffnete schwerfällig die Augen, ihr Kopf tat immer noch schrecklich weh. Schemenhaft erkannte sie einen Mann, der einen Helm aufhatte und unentwegt in ein Mikrofon sprach, das an diesem befestigt war. Als er sah, dass sie wach war, redete er beruhigend auf sie ein. Er wickelte sie in eine Decke ein und zurrte an ihr herum.
„Machen Sie sich keine Sorgen“, sprach er sie an.
Wieso Sorgen?, dachte Leah verwundert. Plötzlich spürte sie, wie sie hochgezogen wurde und sah über sich einen Hubschrauber, Leah bekam panische Angst. „Ich will nicht“, schrie sie leise auf.
„Keine Angst, wir bringen Sie in ein Krankenhaus“, rief der Mann gegen den Lärm an, sie wunderte sich, dass er komischerweise mit ihr in die Luft schwebte.
Leah wurde immer panischer, ihr Kopf schmerzte und sie konnte sich nicht bewegen, scheinbar war sie festgeschnallt.
„Leichtes Schmerz- und Beruhigungsmittel“, wies der Mann Jemanden an. Er setzte ihr eine Sauerstoffmaske auf und lächelte ihr zu. „Wir sind gleich da.“
Für Leah kam es vor wie eine Ewigkeit, ihr wurde zwischendurch wieder schlecht und sie fühlte sich einfach nur hundeelend. Immer wieder fielen ihr die Augen zu, doch jedes Mal riss sie sie panikartig wieder auf.
Endlich waren sie am Ziel und sie wurden von zwei Ärzten empfangen, die Leah direkt in eine Röhre schoben.
„Frau Paulsen? Können Sie mich hören?“ Ein anderer Arzt sprach sie an, er leuchtete mit einer Lampe in ihre Augen.
„Ja“, sagte Leah leise.
„Sie haben einen Schädelbruch. Zum Glück sind die Knochenplatten aber nicht verschoben und es sieht nicht so aus, als ob ihr Gehirn Schäden davongetragen hat. Wir geben Ihnen jetzt etwas gegen die Schmerzen und ein Beruhigungsmittel.“
„Ja“, krächzte sie.
„Ihre Tante ist verständigt worden, auch Ihr Verlobter wird bald hier sein.“
Der Arzt streichelte Leah über die Hand, dann stellte er ihr noch allerlei Fragen, doch Leah war viel zu müde, um sie zu beantworten.
„Schlafen Sie jetzt ein bisschen …“

„Leahlein, du meine Güte!“
Leah öffnete mühsam die Augen, verschwommen konnte sie erkennen, dass Trudchen sie verheult anschaute. „Wie konnte das denn passieren?“
„Weiß nicht mehr.“ Leah versuchte angestrengt, sich die letzten Momente vor dem Unfall ins Gedächtnis zu rufen, aber es war alles komplett weg. Ihre letzte Erinnerung war die Fahrt zum Hafen.
„Wie fühlst du dich?“ Trude tätschelte ihr übers Gesicht.
„Bin müde …“
„Dann ruh’ dich aus. Ich werde warten, bis Jonas hier ist. Deine Eltern hab’ ich schon verständigt. Sie waren natürlich außer sich. Ich habe ihnen aber gesagt, dass es nicht nötig ist, dass sie kommen. Und du wirst natürlich in mein Privatzimmer hier im Krankenhaus verlegt.“
Leah nickte nur und wurde wieder schläfrig.
Irgendwann spürte sie eine Berührung an ihrer Hand. Hörte eine warme, raue Stimme mit ihr reden. Doch sie schaffte es nicht, ihre Augen zu öffnen und glitt wieder hinab in eine tiefe Nacht.

Schon wieder dieses Licht. Sie erschrak sich und versuchte es mit ihrer Hand weg zu schlagen. Doch sie spürte einen stechenden Schmerz in ihrem rechten Arm und zuckte zusammen.
„Nicht, Frau Paulsen. Bitte bleiben Sie ruhig liegen. Sie haben eine Zerrung im Arm.“ Irgendjemand redete mit ihr.
Leah öffnete gequält die Augen, ihr Kopf drohte zu explodieren.
„Hallo, sind Sie wach?“ Wieder dieser Stimme.
„Ja“, antwortete Leah.
„Haben Sie Schmerzen?“
„Ja.“ Ihr rannen Tränen hinunter. Sie erkannte schemenhaft einen Mann in einem weißen Kittel.
„Wir geben Ihnen gleich etwas dagegen. Können Sie erkennen, wie viele Finger ich Ihnen zeige?“
Sie schaute konzentriert auf die Hände des Arztes. „Sechs“, antwortete Leah heiser.
„Fast richtig.“ Der Mann drehte sich zu einer anderen Person um. „Das wird schon wieder.“
„Bitte tun Sie doch endlich was gegen ihre Schmerzen.“ Sie hörte eine vertraute Stimme. Leah versuchte, den Kopf zu drehen, doch es ging nicht.
„Ja, ich komme sofort wieder.“
„Leah, kannst du mich hören?“ Eine Hand griff nach ihrer und streichelte sie.
Sie versuchte zu nicken, doch es bereitete ihr höllische Schmerzen. Sie flüsterte leise „Ja“.
Sie erkannte Jonas, er setzte sich zu ihr aufs Bett und kam mit seinem Gesicht ganz nah an ihres heran. „Wie geht es dir?“
Er berührte vorsichtig ihre Wange. Seine Hand war warm und trotz ihrer Schmerzen fühlte Leah sich für einen kurzen Moment geborgen.
„Nicht gut“, sagte sie leise. Sie versuchte ihn mit ihren Augen zu fixieren, doch sein Gesicht blieb verschwommen.
„Dir wird es bald wieder besser gehen.“ Seine Stimme klang brüchig und sie hörte ihn hart schlucken.
„W … was ist passiert?“ Leah dachte angestrengt nach, doch sie konnte keine Erklärung für ihre Situation finden.
„Du hattest einen Unfall beim Segeln.“
Sie versuchte das Gehörte einzusortieren, aber es ergab für Leah keinen Sinn. „Segeln?“
„Ja.“ Es klang fast so, als ob er weinte, doch sie konnte sein Gesicht einfach nicht klar erkennen. „Leider“, fügte er leise hinzu.
„Mein … mein Kopf und mein Arm tun weh“, wimmerte Leah.
„Du hast bei einem Wendemanöver den Segelbaum an den Kopf bekommen. Dabei wärst du fast ins Wasser gefallen, wenn Peter dich nicht am Arm gepackt hätte.“
Segelbaum? Peter?
Leah versuchte sich zu erinnern, doch sie konnte es nicht. „Was ist … Segelbaum?“
„Oh … das ist die Querstange, die vom Mast wegführt. Bei einer Wende schlägt der Baum auf die andere Seite. Und du standst ihm offenbar im Weg.“
Leah schloss die Augen. „W … wie ungeschickt …“
„Nein, Leah. Es war ein Unfall.“
Sie hörte, dass die Tür aufging, der Arzt kam zu ihr. „Ich gebe Ihnen jetzt etwas gegen die Schmerzen, Frau Paulsen.“
Er nestelte an ihrem Arm herum und spritzte etwas in ihren Zugang hinein, Leah wartete, bis er weg war.

Peter? Sie überlegte fieberhaft und versuchte, ein Bild zu dem Namen zu bekommen, dann fiel es ihr ein.
„Der Peter von Marjories Party?“, krächzte sie. Das Sprechen fiel ihr immer schwerer und in ihrem Kopf dröhnte es, aber sie brauchte Klarheit.
„Ja, genau der. Er, Sarah und Henning waren mit dir auf dem Schiff.“
„Und … wo … wo warst du?“
„Ich war auf einem anderen Segelboot. Leah, mir tut das alles so furchtbar leid. Ich hätte auf dich aufpassen müssen, ich hätte dich beschützen müssen.“ Seine Stimme war immer leiser geworden. Er legte seine Wange behutsam an ihre, dann küsste er sie zärtlich auf den Hals.
Leah runzelte die Stirn. Was tut ihm leid?
„Es … es war doch … ein Unfall“, stammelte sie. Sie spürte, wie sie wieder müde wurde. „Dann kannst du … doch … nichts dafür …“ Die Lider fielen ihr langsam zu, obwohl sie verzweifelt dagegen ankämpfte.
„Schlaf jetzt“, flüsterte er.
Mit letzter Kraft öffnete sie noch mal die Augen. „Wie … wie spät ist es?“ Es war dunkel im Zimmer, nur ein kleines Licht brannte.
„Gleich zwei Uhr nachts“, antwortete Jonas.
„Dann… musst du auch schlafen. Fahr nach Hause.“
„Ohne dich? Wie soll ich denn ohne dich in Trudes großem Bett schlafen? Ich bleibe hier bei dir.“
Leah versuchte ein Lächeln. Sie wollte noch etwas sagen, aber es gelang ihr nicht mehr.