Schützenfest – Teil 23

„Was haben Sie mit meiner Leah gemacht? Was ist hier passiert? So sah sie doch gestern noch nicht aus! Ich verlange Aufklärung und zwar auf der Stelle! Sonst haben Sie eine Riesenklage am Hals!“
In Leahs Kopf pochte es wie verrückt, sie erkannte die Stimme von Trude und öffnete langsam die Augen.
„Frau Kravizek, das sind ganz normale Hämatome. Die bilden sich nach einem Schädelbruch unter den Augen.“ Eine Krankenschwester sprach beruhigend auf Leahs Tante ein.
„Sie sieht aus wie nach einem Boxkampf!“, schrie Trude weiter.
„Könnten Sie bitte etwas leiser sein?“, beschwichtigte die Schwester Trude. „Frau Paulsen braucht jetzt Ruhe!“
„Erst wenn Sie mir sagen …, oh Leahlein, du bist ja wach!“ Trudchen eilte zu Leahs Bett und tätschelte ihre Wange. „Wie geht es denn meiner Kleinen?“
„Geht so“, stöhnte Leah auf.
Die Schwester kam an ihr Bett und leuchtete ihr in die Augen. „Können Sie meinem Finger folgen?“
Leah gab sich Mühe, schließlich gelang es ihr auch. Dann folgte das übliche Fingerzählen, doch die Antwort war wohl wieder nicht richtig.
„Wieso ist das so? Wieso kann sie nicht richtig sehen?“, fragte Trude besorgt.
„Das wird sich wieder geben. Wir müssen noch etwas Geduld haben.“
Trude brummte, dass sie das sehr stark für das Personal des Krankenhauses hoffen würde, dass sich das wieder gibt, sonst würde sie ihre jährliche Unterstützung des Fördervereins drastisch einschränken. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl neben Leahs Bett.
„Kindchen, das alles ist ja so furchtbar. Und es war auch noch meine Idee mit dem Segeltörn.“
„Schon gut“, flüsterte Leah.
„Jonas ist mal kurz zu mir nach Hause gefahren. Er möchte sich duschen und frische Sachen für dich besorgen. Ich habe veranlasst, dass er hier mit bei dir im Zimmer schlafen kann. Behandelt man dich gut?“
„Ja …“
„Hast du Schmerzen?“
„Im Kopf und im Arm“, flüsterte sie.
„Hach ja. Wenn Peter dich nicht festgehalten hätte, nicht auszudenken …“, klagte Trude.
„Ist ja … noch mal gut gegangen …“
Trude plauderte noch weiter auf Leah ein. Erzählte von dem Notar, mit dem sie übermorgen ins Krankenhaus käme, um die Papiere zur Überschreibung des Hauses unterzeichnen zu lassen. „Das heißt, falls es dir bis dahin wieder besser geht“, räumte Trude ein.

Es klopfte leise an der Tür und Jonas kam hinein. Er nickte Trude zu und setzte sich zu Leah aufs Bett.
„Hallo Schatz.“ Vorsichtig gab er ihr einen sanften Kuss auf den Mund.
„Hallo“, sagte Leah leise.
„Ich dachte, wenn du schon nicht so gut sehen kannst, dann bringe ich dir was zum Fühlen mit.“ Jonas nahm Leahs Hand und führte sie unter seine Jacke. Sie spürte etwas Weiches, Fellartiges an ihren Fingern.
Ihr Herz machte einen Hüpfer. „Pitti! Du hast … Pitti mitgebracht“, lächelte Leah mühsam.
Jonas holte ihn unter seiner Jacke hervor und Pitti leckte an Leahs Hand.
„Danke.“ Sie versuchte den Kopf zu dem kleinen Hund zu drehen, doch es gelang ihr nicht. Leah konnte spüren, dass sich Pitti genüsslich auf dem Bett ausstreckte, um sich besser von ihr kraulen lassen zu können.
Sie konnte verschwommen erkennen, dass Jonas sie anstrahlte und hörte Trudchen leise aufschluchzen.

„Ich glaub’, ich seh nicht richtig!“ Die Schwester baute sich böse vor ihrem Bett auf. „Wie kommt denn der Hund hier rein? Sind Sie wahnsinnig?“
„Ich bringe ihn gleich wieder raus“, grinste Jonas entschuldigend.
„Nein, nicht gleich. Unverzüglich! Wenn Frau Paulsen sich jetzt mit irgendwas ansteckt! was für ein Risiko!“
„Ich nehme ihn mit“, sagte Trude entschlossen zu der Schwester. „Und Sie regen sich jetzt bitte mal ganz schnell wieder ab!“
Trudchen schnappte sich Pitti und verabschiedete sich von Leah und Jonas.
„Danke.“ Sie tastete nach seiner Hand.
„Nichts zu danken, ich habe gehofft, dass er dich ein bisschen aufheitern wird. Was macht dein Kopf?“ Er strich ihr langsam über die Wange.
„Es geht. Die Schwester hat mir was gegeben.“ Sie musterte ihn so gut es ihre Augen zuließen. „Du hörst dich müde an.“
„Ja, ich hab’ nicht besonders gut geschlafen“, lächelte er. „Aber seit heute habe ich ja auch ein Bett hier im Zimmer.“
„Du musst nicht hier schlafen, Jonas.“
„Denkst du, ich lass’ dich auch nur noch einmal aus den Augen?“ Er beugte sich über sie und küsste sie auf die Nasenspitze.

Die Tür wurde öffnete sich wieder, Leah erwartete die Schwester oder einen Arzt, doch dann hörte sie eine andere vertraute Stimme.
„Hallo Leah.“
Sie überlegte kurz und erkannte dann, dass es Henning war.
„Verschwinde Henning!“, zischte Jonas.
„Ich soll verschwinden? Das könnte dir so passen!“ Henning kam näher an ihr Bett und sie konnte ihn jetzt undeutlich erkennen. „Wie geht es dir, Leah?“
„Mach sofort, dass du hier wegkommst!“ Jonas‘ Stimme wurde schärfer.
„Du spinnst wohl! Ich werde ja wohl mal nach Leah sehen dürfen!“ Auch Henning wurde lauter.
„Deine Sorge kommt ein bisschen spät. Du hättest gestern besser aufpassen müssen! Du warst der Skipper und hast gewusst, dass sie das erste Mal mitsegelt. Warum hast du nicht gesehen, dass sie da noch stand? Du hattest die Verantwortung!“ Jonas war völlig außer sich, Leah zuckte erschrocken zusammen.
„Es war ein Unfall! Und du hast als letzter das Recht, dich über irgendetwas aufzuregen! Machst mit Emanuela herum – sogar noch auf dem Schiff gestern, wo ALLE es sehen konnten!“
Jonas sprang auf und packte Henning am Kragen. „Was erzählst du hier für einen Mist? Ich habe mit ihr nicht rumgemacht!“
Leah dröhnte es in den Ohren, die Lautstärke, mit der die beiden sich anschrien, war kaum zum Aushalten, sie betete innerlich, dass sie doch endlich aufhören würden.
„Ha! Denkst du, wir sind alle blind, oder was? Sie hat es auch gesehen!“,
Leah konnte verschwommen erkennen, dass Henning auf sie zeigte.
„Da gab es nichts zu sehen!“, fuhr Jonas ihn weiter an.
„Du bist so jämmerlich, Jonas. Erst ziehst du mit Emanuela in den Clubs eine heiße Show ab und dann setzt du das auf dem Boot noch fort – und jetzt machst du auf treu sorgenden Verlobten!“
Die Tür wurde aufgerissen. „Was ist denn hier schon wieder los?“ Die Schwester baute sich zwischen Henning und Jonas auf. „Frau Paulsen braucht absolute Ruhe. Und sie brüllen sich hier an wie zwei hirnlose Idioten. Beide raus jetzt, aber ganz schnell!“ Sie schob die beiden Männer aus der Tür hinaus.
„Meine Güte, erst der Hund und jetzt die beiden.“ Sie kam kopfschüttelnd zu Leah ans Bett.
„Wie geht es Ihnen? Sie haben ganz rote Wangen und Sie zittern ja!“ Sie fühlte Leah die Stirn. „Ich hole mal ein Thermometer.“
Leah konnte nicht mehr reagieren, ihr schwirrte der Kopf. Sie versuchte, das eben Gehörte irgendwie in einen logischen Zusammenhang zu bringen.
Jonas mit Emanuela?
Sie erinnerte sich an den Abend nach der Feier. Jonas war mit ihr und den anderen noch weggegangen…
Und was hab’ ich denn auf dem Boot gesehen?
Leahs Kopf schmerzte, aber sie konnte an nichts anderes mehr denken. Was war denn zwischen Emanuela und Jonas?

Die Schwester kam zurück und maß Fieber bei Leah. „Hab’ ich mir doch gedacht, Sie haben erhöhte Temperatur. Kein Wunder, bei dem ganzen Theater heute hier. Ich hole jetzt einen Arzt!“
Kurze Zeit später kehrte sie in Begleitung eines Arztes zurück.
„Frau Paulsen, ich gebe Ihnen jetzt ein Beruhigungsmittel. Sie brauchen wirklich absolute Ruhe.“
„Und Ihrem Verlobten sage ich mal die Meinung“, keifte die Schwester dazwischen. „Wenn der sich nicht ruhig verhält, schiebe ich sein Bett auf den Gang hinaus!“
„Nein bitte nicht“, flüsterte Leah.
In ihr überschlugen sich die Gedanken. Sie versuchte krampfhaft alles zu ordnen, doch es wurde zunehmend schwieriger.
Was ist denn bloß passiert? Was meint denn Henning?
Dann dämmerte sie wieder weg in einen traumlosen Schlaf.