Schützenfest – Teil 24

Die bunten Blitze taten Leah in den Augen weh. Doch immer wieder schossen klare Bilder dazwischen. Bilder von Jonas und einer schönen dunkelhaarigen Frau – dann wieder diese farbigen Blitze, die sich teilweise in immer schneller drehende Strudel verwandelten. Leah wurde in einen dieser bunten grellen Strudel hineingezogen, sie versuchte sich noch irgendwo festzuklammern, doch sie fand nirgends Halt. Immer schneller drehte sich alles um sie herum, plötzlich landete sie in einem blauen kalten Gewässer. Sie bekam keine Luft mehr, begann zu frieren, das Wasser schlug über ihr zusammen und sie ruderte wie wild mit den Armen. Dann sah sie eine Hand, panisch griff sie danach. Die Hand umklammerte ihre und sie wurde ein Stück aus dem Wasser gezogen. Wieder sah sie die dunkelhaarige Frau. „Lass sie doch los, Jonas“, sagte diese. Der Griff lockerte sich, Leah schrie laut auf und versuchte nochmals, die rettende Hand zu erreichen, doch sie kam nicht mehr an sie heran. Sie glitt sanft hinab in die blaue Tiefe …

„Leah – schsch, nicht mehr weinen.“ Jemand strich ihr beruhigend übers Haar. Leah öffnete weinend die Augen, sie sah Jonas‘ Gesicht dicht vor ihrem.
„Du hast geträumt.“ Sanft küsste er ihre Tränen weg.
Leah schaute ihn verdutzt an. „Du hast mich… losgelassen“, schluchzte sie auf.
„Wie bitte?“
„Du hast mich … ertrinken lassen.“ Sie konnte sich überhaupt nicht mehr beruhigen.
„Nein, Leah, nein. Du hast nur geträumt. Es war alles nur ein böser Traum.“
Sie zitterte am ganzen Körper. Es kam ihr so vor, als würde sie die Kälte des Wassers immer noch um sich herum spüren.
„Ist dir kalt?“
„Ja …“
Jonas fühlte ihr die Stirn. „Warte …“
Er stand von ihrem Bett auf und sie hörte, dass er irgendetwas durch die Gegend schob, dann spürte sie ihn neben sich liegen. Er legte noch eine Decke über sie und rückte so dicht es möglich war, an sie heran. Sie fühlte sein Gesicht an ihrem Hals und mit einer Hand strich er immer wieder über ihre Arme.
„Besser?“ Sein warmer Atem streifte über ihre Haut.
„Ja“, flüsterte sie.
„Versuch’ wieder zu schlafen, ja?“
Leah überlegte, wie sie das jetzt anstellen sollte. Denn trotz der Schmerzen, trotz ihrer Ängste und den verwischten Erinnerungen an ihn und diese andere Frau – seine Nähe brachte sie immer wieder durcheinander. Doch andererseits wollte sie ihn nicht wegschicken. Sie spürte seinen Körper an ihrem und die menschliche Wärme, die er ausstrahlte, brauchte sie im Moment so dringend.
Er streichelte Leah behutsam weiter und schließlich gelang es ihr doch, in den Schlaf zu finden.

„Guten Morgen, Frau Paulsen. Machen Sie mal bitte die Augen auf!“
Leah blinzelte verschlafen, dann registrierte sie ein Gewicht auf ihrem Bauch. Müde öffnete sie die Augen und versuchte, an sich hinunter zu schauen. Sie sah Jonas‘ Arm auf ihrem Körper liegen.
„Ja, Ihr Verlobter hat es sich neben Ihnen gemütlich gemacht.“ Verschwommen konnte Leah die Schwester grinsen sehen. „Und offensichtlich hat er einen tiefen Schlaf. Bitte folgen Sie meinem Finger.“ Leah gehorchte und machte brav mit. „Und jetzt: Wie viele Finger sehen Sie?“
„Drei“, antwortete Leah, ihr Kopf meldete sich wieder schmerzhaft zurück.
„Geraten oder gewusst?“ Die Schwester lächelte sie an – viel deutlicher konnte Leah sie jetzt erkennen.
„Ich hab’s gesehen“, antwortete sie. „Ich hab’s gesehen!“
„Gut so. Sehen Sie wieder ganz klar?“
Leah fixierte ein Bild im Zimmer, doch ein kleiner Schleier hatte sich noch nicht aufgelöst.
„Nein. Nicht ganz klar. Wie durch einen leichten Nebel, aber schon besser.“
„Das geht auch noch weg, keine Sorge.“ Sie fühlte Leahs Stirn und holte ein Thermometer hervor.
„Sie hatten in der Nacht hohes Fieber“, fuhr die Schwester fort. Dann las sie den Wert ab. „Aber jetzt ist die Temperatur normal. Das ist gut. Denn sonst hätten wir sie gründlicher auf den Kopf stellen müssen. Wie sind denn die Schmerzen auf einer Skala von 1 – 10?“
Leah hasste diese Spielchen, in ihrem Kopf hämmerte und pochte es immer noch wie verrückt.
„8“, antwortete Leah.
„Ich geb’ Ihnen gleich etwas.“
Sie ging aus dem Zimmer und Leah streichelte sanft über Jonas‘ Arm. Sein Gesicht hatte er jetzt ganz an ihrem Hals vergraben. Doch statt aufzuwachen, legte er sein Bein über ihres, umfasste mit einem Arm ihre Taille und zog sie ein Stück näher zu sich.
Die Bewegung schmerzte in Leahs Kopf. Sie zuckte zusammen und schrie leise auf.
„Jonas nicht!“ Sie versuchte ihn weg zu schieben.
Langsam wurde er wach, er sah sie müde an.
„Hey du bist ja munter“, murmelte er und küsste sie auf die Wange. „Guten Morgen.“
„Guten Morgen“, antwortete Leah verkrampft. „Die Schwester kommt gleich wieder. Kannst du vielleicht aufstehen?“
„Warum? Ist doch viel gemütlicher so“, raunte er an ihr Ohr.
„Bitte Jonas …“
Er kniete sich aufs Bett und streichelte sanft über ihr Gesicht.
„Wie geht es dir?“
„Ich kann besser sehen“, sagte sie leicht lächelnd.
„Hey, das sind gute Neuigkeiten. Soll ich dir etwas zu Lesen besorgen?“

„Lesen? Ich glaub, ich hör nicht richtig!“ Die Schwester trat ins Zimmer und funkelte Jonas böse an, schnell sprang er vom Bett auf.
„Nicht Lesen, nicht Fernsehen oder sonst etwas, was die Augen und den Kopf anstrengen könnten – für die nächsten sechs Tage.“
Jonas verdrehte hinter ihrem Rücken die Augen und zog eine Grimasse, Leah musste grinsen.
„Gut, dann kaufe ich ein paar Zeitungen und lese dir vor, ja?“
„Danke, das wäre lieb.“
Die Schwester gab ihr das Schmerzmittel. „Bitte halten Sie sich daran. Umso schneller wird es Ihnen besser gehen.“
„Natürlich“, flüsterte Leah.

Jonas ging er los und kehrte mit einem Stapel Zeitungen zurück.
„Zuerst mal die Tageszeitung. Übrigens war gestern ein Bericht über dich drin.“ Er wühlte in Leahs Schränkchen.
„Hier: Bergung einer Schwerverletzten auf hoher See durch Rettungshubschrauber!“
„Oh je“, stöhnte Leah auf, Jonas las den Artikel vor, er endete mit den Worten „Wenn die Unachtsamkeit des Skippers Henning P. nicht gewesen wäre, hätte dieser schlimme Unfall verhindert werden können.“
„Das steht da?“, wunderte sich Leah.
„Nein – das steht da nicht“, brummte Jonas. „Das SOLLTE da aber stehen.“
Dann zog er einen Stapel Auto- und Yachtmagazine hervor. „Aus welcher Zeitschrift willst du jetzt was hören?“
„Bei der Auswahl? Aus keiner!“
Jonas zog eine Schnute. „Was denn dann?“
„Gab es denn keine Klatschzeitungen?“
„Doch klar. Ist das dein ernst?“ Er sah sie angewidert an.
„Ja – und ob!“
Jonas zog murrend wieder ab und kehrte mit Leichenbestatter-Miene zurück.
„Na gut, welche Neuigkeiten möchtest du zuerst hören? Königshäuser oder die B-Prominenz aus Deutschland?“
Leah musste trotz Schmerzen lachen. „Königshäuser bitte – angefangen mit dem Englischen.“
Jonas ergab sich tapfer in sein Schicksal, sparte allerdings nicht mit gehässigen Kommentaren über den Modegeschmack der royalen Persönlichkeiten und äffte den Akzent bekannter Modedesigner nach. Während des Lesens rutschte er immer näher an sie heran, bis er schließlich mit dem Kopf an ihrer Schulter lehnte.
Nach einer Stunde bat er um eine kleine Pause.
„Wenn’s denn sein muss …“, grinste Leah.
Jonas setzte sich auf und küsste sie auf die Nase. „Ich bin so froh, dass es wieder etwas besser geht.“ Er sah sie ernst an. „Leah?“
„Ja?“
„Ich würde dich niemals loslassen – eher würde ich mit dir ertrinken.“
Sie runzelte die Stirn. „Wie bitte?“
Jonas lächelte schüchtern. „Du hattest einen Albtraum letzte Nacht. Als du Fieber hattest.“
„Oh …“ Leah konnte sich nicht mehr an den Inhalt des Traums erinnern. Nur noch daran, dass ihr kalt war. „D … danke, dass du dich so nah zum mir gelegt hast.“
„War mir ein Vergnügen“, grinste Jonas. „Jederzeit wieder.“

„Ach, was sehen meine Augen da? Mein Leahchen kann ja schon ein bisschen Lächeln!“ Trude stürmte an ans Krankenbett.
„Sie kann wieder besser sehen“, berichtete ihr Jonas erleichtert.
„Na, Gott sei Dank. Dann kann ich ja morgen mit dem Notar kommen, oder?“
„Ich darf noch nicht lesen”, sagte Leah leise.
„Na und? Jonas kann dir das doch vorlesen, nicht wahr?“
„Ja klar”, sagte er. „Darin hab’ ich ja jetzt Übung.“
„Also alles bestens …“ Trude war sehr zufrieden. „Ich komme morgen mit ihm gegen zehn Uhr.“ Sie plauderte noch eine Weile, fragte nach, was Leah bräuchte und rauschte dann wieder ab. Vor der Tür drehte sie sich noch einmal um.
„Ach Leahlein, fast hätte ich es vergessen: Peter und Sarah haben gefragt, ob sie dich heute besuchen dürften?“
Leah atmete auf. Es war ihr sowieso ein Anliegen gewesen, sich bei Peter zu bedanken, dass er sie davor bewahrt hatte, ins Wasser zu fallen. „Ja gerne.“
„Du brauchst Ruhe“, gab Jonas zu bedenken.
Leah legte ihre Hand auf seine. „Es liegt mir aber sehr viel daran.“

Jonas las ihr im Verlauf des Tages weiter vor. Er legte seinen Kopf auf Leahs Bauch und suchte hin und wieder ihren Blick. Sie streichelte ihm gedankenverloren immer wieder durch die Haare und Jonas lächelte sie liebevoll an. Die Vertrautheit dieser Situation löste in Leah ein warmes Gefühl aus.
Wie schön wäre es, wenn es immer so sein könnte …, dachte sie verträumt. Doch die giftige kleine Stimme in ihrem Kopf riss sie in die Wirklichkeit zurück. Vergiss das mal ganz schnell! Bald seid Ihr wieder zuhause – und alles wird beim Alten sein!