Schützenfest – Teil 25

Zwischendurch döste Leah ein, aber sie entließ Jonas nicht aus seiner Verpflichtung, denn sie liebte es seiner sanften Stimme zuzuhören.
Ein leises Klopfen unterbrach ihn schließlich und er legte die Zeitschrift zur Seite.
Peter und Sarah lugten vorsichtig durch den Türspalt.
„Hallo Leah.“ Zaghaft traten sie ins Zimmer, sie begrüßten Jonas freundlich und kamen zu ihr ans Bett.
„Wie geht es dir?“ Sarah drückte vorsichtig Leah die Hand.
„Heute geht es etwas besser“, antwortete sie wahrheitsgemäß, dann schluckte sie und wandte sich an Peter. „Ich bin froh, dass ihr gekommen seid. Ich möchte mich bei dir bedanken, wenn du … also wenn du nicht gewesen wärst, dann …“ Leah versuchte nicht loszuweinen, aber die Gedanken an den Unfall waren noch allzu präsent. „Also der Arzt hat gesagt, wenn du nicht gewesen wärst, wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben.“
„Ach Leah, dafür hab’ ich dir den Arm gezerrt, hab’ ich von Trude gehört. Siehst du, so hatte ich wenigstens auch meinen Spaß“, sagte er verlegen.
„Nein, im ernst“, wandte sich Jonas an ihn. „Wenn sie mit dieser Verletzung über Bord gegangen wäre, hätte sie kaum eine Chance gehabt. Und so schnell hätten wir Leah bei dem Wellengang auch nicht erwischt. Ich möchte mich auch bei dir bedanken, dass du so schnell reagiert hast.“
„Na ja, Hauptsache, es geht ihr wieder besser, nicht wahr?“ Peter wurde richtig rot.
„Mein Held“, lachte Sarah und küsste ihn auf die Wange.
Doch Leah lag noch etwas ganz anderes auf dem Herzen. Den ganzen Tag grübelte sie bereits wieder darüber nach, Hennings Worte von gestern ließen sie nicht los. Zwar begann Leahs Kopf wieder zu schmerzen, doch sie musste Klarheit haben.
„Sarah?“
„Ja?“
„Könnte ich dich mal alleine sprechen?“
Sarah sah unsicher zwischen Peter und Jonas hin und her. „Ja, ich denke schon.“
„Könnten du und Peter dann vielleicht mal hinausgehen?“, bat Leah die beiden Männer.
Jonas sah Leah verdutzt an. „Na klar“, er klopfte Peter auf die Schulter. „Komm mit …“

Leah wartete, bis die beiden das Zimmer verlassen hatten. Sie schloss kurz die Augen, versuchte ihre Kopfschmerzen zu ignorieren und atmete tief durch. „Henning war gestern hier“, sagte sie leise. „Jonas ist sofort auf ihn losgegangen, von wegen, er hätte auf mich aufpassen müssen und so.“
„Das hätte er auch“, stimmte Sarah zu.
„Aber Henning hat noch etwas anderes gesagt, Sarah.“ Leah stockte und sah sie an, Sarahs Augen wurden größer. „Er hat Jonas an den Kopf geworfen, dass er mit Emanuela, äh, herumgemacht habe, in dem Club. Und auf dem Schiff auch …“
„Das hat er gesagt? Gestern hier in deinem Krankenzimmer? Er ist so ein Idiot“, schimpfte Sarah los.
Leah nahm ihre Hand und sah sie beschwörend an. „Sarah, ich kann mich nicht mehr an den Segeltörn erinnern. An gar nichts mehr. Und … und das macht mich wahnsinnig. Diese Andeutungen lassen mich nicht mehr los … Bitte – sag’ du mir, was passiert ist.“
Sarah schüttelte den Kopf. „Nein Leah. Das werde ich nicht tun. Und bitte vergiss‘, was Henning gesagt hat, ja?“
„Dann ist also an der Geschichte mit Emanuela und Jonas nichts dran?“ In Leah machte sich Hoffnung breit. Sie redete sich zwar immer wieder ein, dass Jonas ein freier Mann war, aber das Techtelmechtel mit Emanuela hatte sie doch sehr gekränkt.
Sarah räusperte sich, sie sah Leah nicht an.
„Sarah – ist an der Geschichte etwas dran?”, bohrte Leah nach, sie spürte, dass Sarah ihr etwas verschwieg und das ließ sie jetzt fast durchdrehen.
„Leah – man hat uns gesagt, dass du Ruhe brauchst und wir dich nicht aufregen sollen …“ Sie schaute betreten auf den Boden.
„Bitte Sarah, ich kann keine Ruhe finden, so lange ich nicht Gewissheit habe, was auf dem Schiff gewesen ist oder gesagt wurde … Bitte – kannst du das nicht verstehen?“ Sie wurde immer verzweifelter.
Sarah nickte. „Doch, ich würde das auch wissen wollen”, flüsterte Sarah. „Also gut …“
Stockend begann sie zu erzählen. „Zuerst solltest du vielleicht wissen, dass Henning vor ein paar Monaten von seiner Freundin verlassen worden ist. Sie ist mit einem Typen durchgebrannt und hat sich sofort mit ihm verlobt. Das war sehr bitter für ihn, denn er wollte sie auch heiraten, aber sie hat immer wieder abgelehnt. Ihr Verlobter hat sie dann aber dann relativ schnell und relativ häufig betrogen – vielleicht reagiert Henning deswegen so aufbrausend auf Jonas‘ Verhalten. Normalerweise ist er eigentlich die Ruhe selbst. Vielleicht sieht er sich als deinen Beschützer an oder so etwas in der Art …“
„Jonas‘ Verhalten?“, fragte Leah leise nach. „Was … was meinst du denn jetzt mit Jonas‘ Verhalten?“ Ihr Magen krampfte sich zusammen und in ihrem Kopf begann es wieder laut zu Pochen.
Sarah seufzte auf. „Leah …“
„Sarah, bitte! Ich dreh’ sonst noch durch!“
„Also gut … An dem Abend nach Majories Feier waren wir noch zusammen mit Jonas, Emanuela und den Hofmanns in einem Club. Emanuela hat sich ziemlich an Jonas herangemacht. Und er ist da auch voll drauf eingestiegen.“
„Was heißt das? Drauf eingestiegen?” Leahs Hals wurde immer trockener.
„Sie haben sich ziemlich leidenschaftlich geküsst. Und Jonas hat … Ach Leah!“ Sarah schaute sie verzweifelt an.
„Bitte Sarah“, flehte Leah sie wieder an.
„Jonas hat schon sehr an ihr … also, sie konnten die Finger nicht voneinander lassen. Das war dann teilweise so heftig, dass wir die beiden daraufhin gefragt haben, ob sie nicht woanders weiter machen könnten.“ Sarah sah Leah scheu an. „Jonas und Emanuela sind dann gemeinsam gegangen – ich hab’ mitbekommen, dass sie ihn in ihre Wohnung eingeladen hat. Und Jonas hat zugestimmt.“
„Oh …“ Leahs Kopf dröhnte. Sie schloss kurz die Augen und kämpfte gegen einen Schwindelgefühl an.
„Siehst du, jetzt geht es dir nicht gut“, schimpfte Sarah.
„Weiter bitte …“
„Was dann passiert ist, weiß keiner von uns. Und ich weigere mich auch, darüber zu spekulieren. Du kennst deinen Verlobten am besten – du weißt viel eher wie weit er bei Emanuela gehen würde.“
„Was … was war denn dann noch auf dem Schiff? Henning hatte angedeutet, dass ich auch etwas gesehen hätte.“ Das Sprechen fiel Leah immer schwerer. Die Kopfschmerzen waren mit voller Wucht wieder zurückgekommen, sie schaute schnell auf die Uhr, doch bis zur nächsten Schmerzspritze musste sie noch zwei Stunden warten.
„Leah, warum soll ich dich damit weiter quälen?“
„Weil ich die Wahrheit hören möchte.“
„Gut, wenn du wirklich willst …“ Sie erklärte Leah, wie die Mannschaften zustande kamen und um was es bei dem Törn ging. „Emanuela hat sich direkt wieder an Jonas gehängt, sie ist wirklich eine elende Klette!“
„Ich war ja bei dir auf dem Boot, Jonas hat dich mit einem Fernglas beobachtet – und Henning hat das zum Anlass genommen mit dir zu Flirten. Als du die Sache dann durchschaut hattest, hat Henning begonnen, über Emanuelas und Jonas‘ Abend zu erzählen. Dieser Blödmann!“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich hätte ihm am liebsten den Hals umgedreht!”
„Du hast so verzweifelt ausgesehen und hast mir so leidgetan. Du hast geweint und wirktest völlig abwesend.“
Sarah räusperte sich. „Peter hat dann darauf gedrängt, endlich weiterzusegeln und Henning wollte eine Wende machen. Er hat zwar auch gerufen, aber du hast nicht reagiert und hast immer nur auf das andere Boot gestarrt. Ich hab’ bemerkt, dass du Jonas und Emanuela im Blick hattest. Sie hatte wieder die Hände um seinen Hals gelegt und es sah so aus, als würden sie sich küssen. Ich hab’ später Torben danach gefragt, aber er sagte, dass Jonas Emanuela immer wieder abgeblockt habe und dass nichts passiert sei. Aber – wie gesagt, von unserer Entfernung sah es wirklich so aus. Offenbar hat dich das so geschockt, dass du nicht reagiert hast.“
Sarah starrte wütend aus dem Fenster. „Und Henning hat auch nicht aufgepasst. Er hat einfach das Ruder herumgerissen und dann ist der Segelbaum an deinen Hinterkopf geknallt. Du bist ein Stück nach vorne gestoßen worden und wärst fast über die Reling gefallen – Gott sei Dank hat Peter dich noch am Arm packen können. Meine Güte Leah – du hättest jetzt tot sein können.“
Leah spürte, wie ihr Tränen die Wangen hinunterliefen, sie kämpfte wieder gegen das Schwindelgefühl an.
„Danke, dass du so ehrlich zu mir warst“, flüsterte Leah und drückte Sarahs Hand.
„Ich weiß aber, dass das ein Fehler war“, antwortete Sarah, sie sah Leah besorgt an. „Du hast Schmerzen, oder?“
„Ja – aber die wären sowieso heute Abend wiedergekommen.“
„Leah – wenn man euch beide so sieht: Ihr seht so verliebt aus. Vielleicht … vielleicht war Jonas ja gar nicht mehr in Emanuelas Wohnung“, versuchte Sarah sie aufzuheitern.
„Ja vielleicht“, seufzte Leah. Sie dachte an den Abend, als Jonas zurückkam.
‚WarsdennschönmitMissMexiko?’, hatte sie ihn gefragt.
‚Oh ja, danke. Sehr schön sogar’, war seine Antwort gewesen.
Hört sich nicht so an, als hätte er ihre Einladung abgeschlagen, dachte Leah traurig.

„Soll ich dir was zu trinken holen?“, fragte Sarah.
„Nein – lass’ nur. Es geht schon wieder.“ Leah versuchte das Toben in ihrem Kopf zu ignorieren. „Vielen Dank. Ich … ich werde mich noch bei Peter bedanken, wenn ich wieder aus dem Krankenhaus heraus bin.“
„Das musst du nicht. Wir sind alle froh, dass du noch da bist, Leah.“ Sarah lächelte sie lieb an. „Soll ich die Männer wieder hereinholen?“
„Ich wäre eigentlich jetzt ganz gerne einen Moment allein. Sei mir nicht böse.”
„Nein, das bin ich nicht. Ich kann dich verstehen.“ Sarah stand auf und ging leise zur Tür hinaus.
Leah schloss die Augen, sie fühlte sich einfach nur elend. Wenn man es genau betrachtete hatte Jonas sie nicht betrogen, denn sie waren kein Paar.
Aber das war kein wirklicher Trost für Leah, sie war verletzt und sehr enttäuscht von ihm.
Hätte er denn damit nicht warten können, bis wir wieder in Berlin sind? Ist es wirklich so schwer auszuhalten mit mir?

„Frau Paulsen? Frau Paulsen!“ Die Stimme der Schwester wurde wieder lauter. „Hören Sie mich?“ Eine Hand fühlte an ihre Stirn. „Sie hat wieder Fieber.“
Leah öffnete die Augen und sah ihn Jonas‘ Gesicht.
„Was ist los?” Er berührte behutsam ihre Wange.
“Lass mich bitte allein“, flüsterte sie.
Jonas sah sie entsetzt an. „Was hat Sarah dir erzählt?“
Sie schob mühsam seine Hand weg. „Nichts …“
„Schluss mit der Fragestunde!“, maulte die Schwester. „Frau Paulsen, wenn Sie nur noch Besuch bekommen, der sie so aufregt, müssen wir das unterbinden!“
„Nein“, stammelte Leah kurz. Sie sah noch, wie ihr etwas in den Zugang gespritzt wurde und schlief ein.

Die Wellen schlugen über ihr zusammen. Leah griff immer wieder nach der Hand, Jonas‘ Hand, doch sie konnte sie nicht einfach nicht erreichen. Eine Frauenstimme lachte und sie konnte Emanuelas Gesicht erkennen. Sie zog Jonas weg und Leah konnte sich nicht mehr über Wasser halten.