Schützenfest – Teil 26

Von ihrem eigenen Zittern wachte sie auf und obwohl ihr so kalt war, war sie schweißgebadet, ihr Atem ging schnell und ihr Puls raste. Sie sah, dass Jonas wieder neben ihr schlief, aber offenbar hatte sie ihn dieses Mal nicht geweckt.

Leah fühlte eine Übelkeit in sich aufsteigen. Sie griff nach ihrem Schränkchen, aber es war kein Tuch oder eine Schale da. Sie begann zu würgen und wollte Jonas Bescheid geben, dass er ihr etwas holte, aber sie spürte, dass sie es nicht mehr schaffen würde.
Vorsichtig stand sie auf. Eine Schwärze machte sich vor ihren Augen breit und sie merkte, dass sie schwankte.
Reiß dich zusammen, Leah!
Sie stützte sich am Stuhl ab, und tastete sich weiter zum Bettende.
Nur noch ein paar Meter bis zur Toilette, beschwor sie sich weiter. Ihr Mageninhalt war unaufhaltsam auf dem Weg nach oben, und so zwang sie sich weiter zu gehen, irgendwie schaffte sie es tatsächlich bis ins Bad. Mit letzter Kraft sank sie vor der Toilette zu Boden und übergab sich, dann wurde es dunkel um sie herum.

Wieder dieses nervige Leuchten, dachte Leah ärgerlich und öffnete die Augen.
„Na, also, Frau Paulsen ist wieder bei uns. Was um alles in der Welt hat Sie dazu bewogen, aufzustehen? Was an der Anweisung ‚Absolute Bettruhe’ haben Sie nicht verstanden, hm?“ Die Augen eines Arztes funkelten Leah böse an.
„Mir war schlecht …“, rechtfertigte sich Leah.
„Warum hast du mich nicht geweckt?“, hörte sie Jonas sagen.
„Weil du geschlafen hast!“, zischte sie ihm zu, ihr Kopf schmerzte wieder ein wenig.
„Frau Paulsen, wissen Sie eigentlich, was alles hätte passieren können? Mit einem Schädelbruch spaziert man doch nicht einfach durch die Gegend!“
„Bin ja nicht spaziert, wollte nur zur Toilette …“
„Dann müssen Sie jemanden rufen! Herrgott noch mal! Sie haben mehr Glück als Verstand! Ihnen ist nichts weiter passiert …“, grummelnd verließ der Arzt Leahs Zimmer.
„Kommen Sie, ich ziehe Sie mal schnell um. Sie habe sich ein bisschen bekleckert“, sagte die Schwester leise, sie holte einen neuen Schlafanzug aus dem Schrank. Leah runzelte die Stirn, den kannte sie gar nicht.
„Ich habe dir ein paar Neue gekauft“, sagte Jonas schnell, als er ihren verwunderten Gesichtsausdruck sah. „Deine Tante hat mich dazu abkommandiert … deinen, äh, also deinen Lieblingsschlafanzug sollte ich nicht einpacken.“
„Aha“, meinte Leah nur. Jonas‘ Modell bestand aus einem weißen Shirt und einer rosafarbenen Hose und sah eigentlich ganz schön aus, wie sie zugeben musste. „Danke.“
Natürlich schämte sie sich in Grund und Boden, als die Schwester sie vor Jonas umzog, aber sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
„Und jetzt schlafen Sie. Wenn Ihnen noch einmal schlecht wird, hier ist eine Schüssel. Und bitten Sie jemanden um Hilfe.“ Die Schwester warf einen scharfen Blick zu Jonas. „Hier ist der Drücker, ich lege ihn direkt neben Ihr Kissen.“
„Warum tust du so was, Leah?” Jonas streichelte ihr übers Gesicht als die Schwester gegangen war. „Warum weckst du mich denn nicht?“
„Hab ich doch schon gesagt“, brummte sie trotzig. „Lass’ mich bitte!“ Leah schob seine Hand weg.
„Irgendetwas ist doch mit dir“, sagte er fragend. „Warum bist du auf einmal so abweisend?“
„Weil mir schlecht ist. Gute Nacht!“ Leah schloss schnell die Augen und kämpfte gegen ihre Tränen an.

***

„So, Leahlein. Das ist Herr Dr. König – mein Notar. Wir haben dir die Papiere mitgebracht.“ Trudchen musterte Leah nachdenklich. „Du bist so blass mein Kind, geht es dir nicht gut?“
„Leah war schlecht letzte Nacht und sie hat beschlossen, aufzustehen. Dann ist sie vor der Toilette zusammengeklappt“, erklärte Jonas grimmig. Seit dem Aufwachen hatte Leah nur die nötigsten Worte mit ihm gewechselt und war nicht auf seine Fragen eingegangen.
„Mein Güte, Liebelein. Was machst du denn für Sachen? Und wie geht es dir jetzt?“ Trudchen tätschelte Leahs Wange.
„Besser“, sagte Leah.
„Gut. Jonas, könntest du bitte?“ Ihre Tante schob ihm die Papiere rüber. Jonas begann, Leah alles vorzulesen.
„Ist eigentlich alles Standard“, erklärte Dr. König, als er fertig war.
„Dann musst du nur noch unterschreiben.“ Trude hielt ihr einen Stift hin.
Leah starrte auf das Papier, ihr Gewissen meldete sich wieder zu Wort.
Du hast sie betrogen Leah. Du hast ihr alles nur vorgespielt!
Nervös drehte Leah den Stift zwischen ihren Fingern hin und her, dann dachte sie wieder an ihre Eltern und unterschrieb hastig.
„Herzlichen Glückwunsch zum neuen Haus.“ Dr. König reichte Leah die Hand.
„Wenn du hier raus bist, trinken wir ein Gläschen Champagner“, lächelte Trude Leah an.
„Ja, das machen wir“, flüsterte sie.

Als Trudchen weg war, schloss Leah erschöpft die Augen. Die letzte Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen, sie fühlte sich kraftlos und einfach nur elend. Und sie wusste, dass das nicht nur etwas mit dem Brechen zu tun hatte. Jonas‘ Verhalten hatte sie tief gekränkt. Aber das, was jetzt kommen würde, war eigentlich noch viel schlimmer.
Sie zwang sich, die Augen wieder zu öffnen und bat ihn, sich zu ihr zu setzen.
„Jonas – jetzt wo alles vorbei ist, brauchst du ja nicht mehr zu bleiben. In drei Tagen wären wir ja sowieso zurückgefahren. Aber wenn du schon früher abreisen möchtest …“
Er schaute sie schockiert an. „Ich … ich kann dich doch hier nicht alleine lassen. Nein, ich bleibe natürlich bei dir!“
„Ich werde meiner Tante sagen, dass du zu ‚Mandebach’ zurückmusst. Und das stimmt ja sogar auch.“ Leah bemühte sich um einen kühlen Tonfall.
„Willst du, das ich fahre?“, fassungslos sah Jonas sie an.
„Ja.“ Sie schluckte schnell einen Kloß im Hals hinunter.
Er nahm ihre Hand. „Leah, was ist los? Das … das hat doch alles was mit Sarahs Besuch zu tun, oder? Was hat sie dir erzählt?“
„Was glaubst du denn, was Sie erzählt hat?“ Leah konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.
Jonas schluckte und schaute verlegen auf den Boden. „Hat sie was von Emanuela und mir gesagt?“
„Ja“, antwortete Leah mit tränenerstickter Stimme. „Sie … sie hat von dem Abend erzählt, als ihr in dem Club ward. Und das ihr zusammen weggegangen seid.“ Leah hasste sich dafür, aber sie schluchzte laut auf. „Es … es geht mich ja auch nichts an, was du tust. Du bist ein freier Mann. Und es war wahrscheinlich langweilig nur mit mir und Trude …“ Leah wischte sich ärgerlich eine Träne aus dem Gesicht. „Aber hättest du nicht wenigstens ein bisschen diskreter sein können?“
„Oh Gott, Leah!“ Jonas sah sie erschrocken an. Er wischte ihr sanft die Tränen aus dem Gesicht. „Ich wollte nie, dass du das erfährst. Es tut mir alles so unglaublich leid. Die ganze Sache mit Emanuela war ein großer Fehler!“
„Es war nicht langweilig mit dir! Niemals! Nicht auch nur eine Minute! Ich … ich weiß selbst nicht, warum ich das getan habe. Hinterher hab’ ich mich über mich selbst so geärgert. Ich hatte gehofft, dass du das nie erfahren würdest“.
Leah raffte ihren letzten Mut zusammen. „Hattet ihr Sex?“, fragte sie traurig, doch sie kannte eigentlich die Antwort schon.
Jonas nickte betreten. „Ja, aber ich wollte dich damit nie verletzen, Leah. Es hat mir auch nichts bedeutet. Bitte verzeih’ mir, ich hab’ mich einfach unmöglich benommen.“
Leahs Herz hatte sich schmerzhaft zusammengezogen. Sie dachte daran, wie sie sich danach geküsst hatten, wie unmöglich sie sich aufgeführt hatte. „Wie lächerlich du mich gefunden haben musst an diesem Abend“, flüsterte sie.
„Nein, um Gottes Willen, Leah. Du warst so süß.“ Er sah sie liebevoll an. „Meine kleine Leah – und du hattest einen ganz schönen Schwips.“
„Ja, den hatte ich wohl.“ Sie haderte mit sich, aber sie musste ihn das fragen. „Liebst du sie denn?“
„Wen?“ Jonas sah sie verwundert an. „Emanuela? Nein!“, rief er entschieden. „Es war nur ein One-Night-Stand.“
„Sieht sie das auch so?“, schluchzte Leah. Sie dachte daran, was Sarah ihr über Emanuelas Verhalten auf dem Boot erzählt hatte.
„Ich war einen Tag später noch mal bei ihr. Als du noch Kopfschmerzen hattest und geschlafen hast. Ich hab’ ihr alles erklärt, doch sie scheint kein ‚Nein’ akzeptieren zu können.“ Er lachte bitter auf. „Ich hab’ jedenfalls nichts mehr mit ihr.“
Leah versuchte sich zu fassen. „Ist schon gut, Jonas. Danke, dass du so ehrlich warst. Dabei geht es mich ja wirklich nichts an.“
„Doch – natürlich geht es dich etwas an. In den Augen der anderen bin ich schließlich dein Verlobter gewesen. Und da hätte so etwas niemals passieren dürfen. Alles hätte auffliegen können …“ Jonas streichelte über ihre Hand. „Bist du sehr sauer?“
„Sauer?“ Leah schniefte erneut auf, doch sie zwang sich, ruhig zu sprechen. „Nein, ich bin nicht sauer. Was sollte das auch bringen? Aber jetzt kannst du ja wieder machen, was du willst.“
„Ich will dich aber nicht allein hier zurücklassen. Ich werde nicht ohne dich nach Hause fahren.“ Jonas fuhr ihr gedankenverloren durch die Haare. „Wer soll dir denn dann vorlesen?“
„Jonas – fahr zurück. Ich werde mich bemühen, so schnell wie möglich hier raus zu kommen.“
„Du schickst mich weg?“
„Ja – wenn du es so sehen willst“, schluckte Leah. „Ich habe schon genug über deine Zeit verfügt. Ab jetzt bist du ganz offiziell ‚Ent-Schein-Verlobt’!“
„Okay, wenn du das willst“, sagte er leise.
„Ja. Würdest … würdest du mich jetzt bitte allein lassen?“, bat sie ihn.