Schützenfest – Teil 27

„Leah, es geht dir doch nicht gut, ich sehe es dir doch an. Warum soll ich gehen?“
Sie kämpfte mit ihrer Beherrschung, doch es fiel ihr immer schwerer diese nicht zu verlieren, ihre Nerven lagen blank.
„Weil ich nicht möchte, dass du nur aus Mitleid hier bleibst – oder wegen einem schlechten Gewissen. Das könnte ich nicht ertragen, Jonas! Und jetzt geh doch endlich, verdammt!“, schrie Leah ihn an.
Jonas sah sie entsetzt an. „Mitleid? Schlechtes Gewissen? Leah, was redest du denn da? Ich bleib’ doch nicht deswegen bei dir!“
„Warum denn dann?“ Sie versuchte ruhig zu sprechen, aber es ging nicht. Leahs Stimme zitterte und wieder fing sie an zu weinen.
„Weil …“ Er schluckte. „Weil wir Freunde sind, Leah. Und du mich auch nie alleine gelassen hättest.“
„Ja – wir sind Freunde“, sagte sie bitter. „Und als gute Freundin bitte ich dich jetzt zu gehen“.
Jonas wirkte wie erstarrt.
„Jonas geh doch endlich!“
Sie versuchte so gut es ging den Kopf von ihm weg zu drehen. Als sie die Tür hörte, rollte sie sich trotz Schmerzen auf die Seite und kauerte sich zusammen. Leah bekam mit, wie jemand mit ihr sprach und ihr wieder die Stirn fühlte. Aber sie verstand die Worte nicht. Irgendwer in einem weißen Kittel spritzte ihr etwas, redete auf sie ein, doch sie konnte nicht reagieren. Sie war dankbar, als sie spürte, wie sie langsam wegdämmerte.

Sie wachte in der Nacht wieder auf, Jonas lag neben ihr und sah sie an. Keiner der beiden sprach ein Wort, ihre Augen versanken einfach nur ineinander, unfähig, den Blick vom anderen zu lösen.
Irgendwann brach Jonas diesen Bann. „Ich fahre morgen, wenn du das möchtest“, flüsterte er.
„Ja, ist gut“, antwortete sie leise.
„Okay.“ Er nahm ihre Hand und führte sie an seinen Mund. „Leah?“
„Ja?“
„Ich … ich wünschte, ich könnte mehr für dich empfinden. Ich würde dich so gerne glücklich machen. Aber du findest bestimmt bald jemandem, der das schafft.“
Leah schluckte und entzog ihm ihre Hand. „Wer weiß das schon …“
Mühsam drehte sie sich auf die andere Seite, so dass sie ihn nicht mehr ansehen musste.

„Guten Morgen, Frau Paulsen.“ Die Schwester kam herein und sah sie nachdenklich an. „Sie sehen nicht so aus, als ob sie viel geschlafen hätten. Hatten Sie Schmerzen?“
„Nein“, flüsterte Leah, sie sah sich vorsichtig im Zimmer um, Jonas war nicht da.
„Ihr Verlobter hat seine Sachen gepackt und ist schon fort. Ich glaube, er wollte sie nicht wecken.“
„Ah ja.“ Eine große Traurigkeit breitete sich in Leah aus.
Er ist einfach so gegangen – ohne sich zu verabschieden.
„Ich würde gerne wieder nach Hause. Geht das irgendwie?“
„Wie stellen Sie sich das vor? Sie müssen noch mindestens drei Tage Bettruhe einhalten, bevor Sie das erste Mal langsam aufstehen dürfen.“
„Das kann ich doch aber auch zuhause“, antwortete Leah.
„Sie wollen verlegt werden? Ich werde mal mit dem Doktor reden. Warten Sie bitte …“ Sie ging aus dem Zimmer und kam mit dem Oberarzt zurück.
„Sie wollen uns verlassen?“, lächelte er sie an.
Leah nickte leicht.
„In ihrem momentanen Zustand geht das leider noch nicht. Der Bruch ist noch zu frisch und ein Transport birgt da zu große Risiken. Wenn Sie sich noch vier bis fünf Tage gedulden, könnte es vielleicht gehen.“
Leah versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Sie wollte so schnell wie möglich zurück zu ihrer Familie. Weg von Usedom, weg aus diesem Krankenhaus, wo sie ja doch nur alles an die Zeit mit Jonas erinnerte.
„Haben Sie einfach noch etwas Geduld.“

Kurze Zeit später kam Trude mit Jonas im Schlepptau zur Tür hinein. „Hallo Leahlein.“ Trudchen kam an ihr Bett und kniff ihr leicht in die Wange. „Dein Jonas muss zurück nach Berlin? Wie schade!“
Er schaute Leah traurig an. „Ja, es geht nicht anders.“
„Bei ‚Mandebach’ geht alles drunter und drüber“, ergänzte Leah schnell.
„Na, da kann man wohl nichts machen. Prof. Sanders sprach mich an, du hattest um eine Verlegung gebeten?“
„Ja, Trude. Ich möchte gerne wieder zu meinen Eltern. Ich hoffe, du bist nicht böse?“
„Ach nein. Und wenn dein Schatz auch weg ist … ich kann das schon verstehen. Hab’ übrigens gefragt, ab heute darfst du auch telefonieren.“
„Danke“, sagte Leah erleichtert. Man hatte sie in letzten Tagen wirklich von der Außenwelt abgeschnitten.
Bloß jegliche Aufregung vermeiden, hatte sie immer zu hören bekommen. Jetzt würde sie endlich wieder mit ihren Eltern und Jochen reden können.
Jonas setzte sich zu ihr ans Bett. „Ich werde jetzt fahren, Leah. Ich rufe dich an, wenn ich da bin, ja?“
„Ja.“
„Ich komme dich abholen, wenn du das möchtest.“
„Ich werde einen First-Class-Transport organisieren, Jonas“, mischte Trude sich ein.
Jonas beachtete sie gar nicht, er sah Leah tief in die Augen. Sie hatte wieder das Gefühl, sich in ihnen zu verlieren. „Ich vermisse dich jetzt schon, dabei bin ich noch nicht einmal weg“, sagte er leise.
Trude schluchzte leise im Hintergrund auf.
„Ich werde dich auch vermissen“, flüsterte Leah.
Jonas‘ Kopf näherte sich ihrem, ganz sanft berührten seine Lippen ihre. Leah schloss die Augen, wollte nur noch fühlen in diesem Moment. Zu ihrer Verwunderung stupste seine Zunge sie zärtlich an.
Trude ist dabei, schoss es ihr durch den Kopf. Langsam öffnete Leah den Mund, sie erschauerte, als sich ihre Zungen trafen. Behutsam spielten sie miteinander, wurden immer mutiger und erforschten einander. Leah spürte, wie Jonas mit einer Hand zärtlich durch ihre Haare fuhr und ihren Nacken streichelte. Sie hob ihre Arme und legte sie um seinen Hals.
Ein Räuspern riss sie zurück in die Wirklichkeit, schnell löste sich Jonas von Leah.
„Tut mir leid, ich lasse euch jetzt mal allein“, sagte Trude und ging lächelnd zur Tür hinaus.
Leah wurde rot und schaute verlegen auf die Bettdecke, auch Jonas schien einige Augenblicke zu brauchen, um sich zu sammeln.
„Du willst dich verlegen lassen?“, stotterte er.
„Ja, ich möchte so schnell wie möglich hier weg“, sagte Leah heiser.
„Wie gesagt, ich kann ich abholen …“
„Nicht nötig, ich werde wohl mit einem Krankentransport fahren müssen.“
„Ach ja …“ Jonas nahm Leahs Hand. „Wir haben es geschafft …“ Scheu lächelte er sie an.
„Ja, das haben wir. Dank dir.“
„Ich hab’s gern getan“, sagte er nachdenklich. „Es war … trotz allem – eine schöne Erfahrung. Du bist wirklich eine tolle Frau.“
Leah wurde verlegen. „Na ja, aber jetzt ist es vorbei. Und ich bin froh, wenn ich wieder bei meinen Eltern bin. Ich sehne mich nach Menschen, die ich nicht erst bitten muss so zu tun, als ob sie mich lieben“, flüsterte sie, im gleichen Moment hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen.
Jonas sah sie verletzt an. „Das ist nicht fair, Leah. So war es nun mal abgesprochen.“
„Tut mir leid, Jonas. So hab’ ich das auch nicht gemeint. Es war nur so nervenaufreibend. Ich wollte dich nicht kränken. Vergiss es bitte wieder, ja?“
„Schon gut. Ich glaube, du hast mir viel mehr zu verzeihen.“
Leah nahm seine Hand und legte sie an ihre Wange, sie schmiegte ihr Gesicht hinein. „Keine Entschuldigungen mehr, okay?“ Sanft küsste sie seine Handfläche. „Danke für deine Hilfe.“
Jonas nahm sie behutsam in den Arm und drückte sie leicht an sich, dann sah er sie ernst an. „Du machst, was die Ärzte dir sagen!“ Er drohte ihr mit dem Finger.
„Ja.“
„Versprich es!“
„Ja, versprochen.“
Jetzt fang doch nicht wieder an zu heulen, Leah!
„Wir telefonieren ganz oft, ja?“ Auch in seinen Augen glitzerte es verräterisch.
„Ja“, flüsterte sie.
„Okay, dann… dann fahr ich jetzt mal, oder?“ Er sah sie fast schon verzweifelt an.
„Ja.“
„Wir sehen uns bald wieder.“ Schnell küsste er sie noch mal auf den Mund, dann ging er rasch zur Tür.
„Mach’s gut, Jonas“, rief Leah ihm nach.
Er winkte ihr kurz zu und trat hinaus auf den Flur.