Schützenfest – Teil 28

Leah registrierte aus den Augenwinkeln, dass eine Schwester hereinkam und Jonas‘ Bett mitnehmen wollte, schnell riss sie sich wieder zusammen.
„Bitte warten Sie noch einen Moment.“ Sie hob mühsam ihren Kopf hoch, ihn zu bewegen, verursachte Leah immer noch Schmerzen. Dann zog sie ihr Kissen hervor und tauschte es gegen das aus, das Jonas benutzt hatte. „Jetzt können Sie das Bett mitnehmen“, keuchte sie angestrengt.
Leah drückte ihr Gesicht in sein Kissen, der vertraute Geruch beruhigte sie ein bisschen und sie döste ein.

Erst das Klingeln des Telefons weckte sie wieder, verschlafen tastete sie danach.
„Hallo Leah, ich bin gerade angekommen. Geht es dir gut?“ Seine sanfte Stimme verursachte prompt wieder eine Gänsehaut bei Leah.
„Ja“, murmelte sie noch ein wenig müde.
„Ist irgendwas mit dir oder hast du geschlafen?“, fragte er besorgt.
„Ein bisschen geschlafen“, räusperte sie sich, sie schaute auf die Uhr, er war seit vier Stunden weg.
„Und – hast du schon was Neues von ‚Mandebach’ gehört?“
„Nein, ich fahre gleich erstmal hin. Ich wollte nur … Ich wollte nur sagen, dass ich angekommen bin und wissen, ob es dir gut geht.“
Wenn du wissen willst, ob ich nur geweint habe, seit du weg bist, dann denk’ mal nicht, dass ich dir das erzähle!, dachte Leah trotzig.
„Ja, danke. Schön, dass du nachfragst. Mir geht es ganz gut.“
„Okay. Ich fahr dann mal. Ich rufe dich wieder an, ja?“
„Ja, tu das.“ Leah beendete das Gespräch und lachte bitter auf.

Entschlossen wählte sie Jochens Nummer.
„WAAAAAAHHHH! LEAH! Mein kleines Meerungeheuer! Meine unkaputtbare Piratenbraut!! Wie geht es dir denn? Fit für den ‚Admirals Cup’?“
Leah war zwar eigentlich zum Heulen zumute, doch sie musste spontan loskichern.
„Du Spinner! Ich werde niemals wieder ein Segelboot betreten. Niemals nie!“
„Dabei hast du doch so einen Dickschädel! Und trotzdem passiert dir so etwas! Und ich wollte dir schon zum Geburtstag einen Kurs für einen Segelschein schenken …“
„Jochen! Du bist unmöglich“, lachte Leah.
„Aber mal im ernst. Weißt du eigentlich, wie viel Sorgen ich mir um dich gemacht habe? Wie kannst du nur so was bringen, Leah? Du spinnst wohl!“
„Ach Jochen … glaub’ mir, wenn ich die letzten zwei Wochen ungeschehen machen könnte, würde ich das tun“, flüsterte sie.
„So schlimm? Und ich nehme an, du meinst jetzt nicht deinen Unfall?“
„Nein“, sagte Leah leise.
„Spuck’s aus! War’s so arg mit Jonas – oder hat die Gottesanbeterin doch was gemerkt?“
„Jochen! Keine Vergleiche von Trude mit Insekten …“, sagte Leah empört. „Nein, Trudchen hat nichts gemerkt. Das Haus ist auf meinen Namen überschrieben.“
„Aha, also Mission gelungen! Meine Glückwünsche zur neuen Immobilie.“
„Danke“.
„Und jetzt kommt das große ‚Aber’… Ich bin ganz Ohr …“ Leah hörte, wie Jochen die Tür vom Kiosk zuschloss.
„Er hat … er hat mit einer anderen geschlafen. In dieser Nacht, als ich so betrunken war. Wo er vorher noch mit ein paar Leuten losgezogen ist.“ Leah tat es weh, darüber zu sprechen. Vor ihrem inneren Auge sah sie immer wieder Jonas und Emanuela.
„Was? Er hat was? Spinnt der jetzt komplett? Was für ein hormongesteuertes Arschloch“, fluchte Jochen. „Hat er dir das von sich aus erzählt?“
„Nein, meine ‚Mitsegler’ haben mir das berichtet“, sagte Leah leise. „Und … und ich habe dann später mit ihm darüber gesprochen. Jochen, es tut so weh.“ Leah kämpfte mit den Tränen – und verlor, wie so oft in letzter Zeit.
„Oh, Leah. Das tut mir alles so Leid für dich. Wie kann er nur so etwas tun? Ich versteh’ den Kerl nicht. Er hat dich nicht verdient, Maus. Versuch’ ihn so schnell wie möglich zu vergessen, ja?“
„Wie soll das denn gehen? Auch wenn er jetzt weg ist, aber … aber eben hat er schon angerufen und nachher will er sich noch mal melden.“
„Hast du ihm eigentlich gesagt, dass du ihn liebst?“
„Das muss er doch merken!“
„Leah – er ist ein Mann und ich muss zur Schande meiner Spezies gestehen, dass es da mit dem Erkennen von weiblichen Signalen manchmal ein bisschen hapert“, gab Jochen zu Bedenken.
„Nein – ich hab’ mich nicht getraut. Aber … du hast Recht. Er hat mir gestern Nacht gesagt, dass er hoffte, er könne mehr für mich empfinden. Aber das ich bald jemanden finden würde, der das schafft. Also scheint er das doch irgendwie zu wissen.“
„Ach Leahmaus – sei froh, dass er erstmal weg ist. Versuch irgendwie, dich zu ‚entlieben’. Und wenn er angeschleimt kommt, dann lass’ ihn mal am ausgestreckten Arm verhungern. Ich weiß sonst auch nichts anderes“, seufzte Jochen.
„Ich versuch’s“, schluchzte Leah. „Jochen?“
„Ja?“
„Ich will nach Hause.“
„Wann kannst du denn raus?“
„In vier bis fünf Tagen darf ich vielleicht mit einem Krankentransport nach Berlin. Und ich drei Tagen kann ich endlich mal aufstehen.“
„Hm. Weißte was? Setz’ dir ‚nen Helm auf und schmeiß dich in die nächste Bahn!“
„Es tut so gut mit dir zu reden…“, kicherte sie.
„Und es tut gut, endlich deine Stimme wieder zu hören.“
„Aber weißt du was: Der Pech ist völlig durchgedreht, als er gehört hat, was mit dir passiert ist. Ich glaube, du bedeutest ihm sehr viel. Zieh’ den doch mal in die engere Wahl, wenn du wieder hier bist. Oder ruf’ ihn doch zumindest mal an. Der würde sich sehr freuen.“
„Ich will keinen anderen Mann“, sagte Leah trotzig. „Aber ich werde ihn anrufen.“
„Tu das. Leah, ich muss den Laden wieder aufschließen. Gib’ mir mal deine Nummer…“
Als sie aufgelegt hatte, bemerkte sie erst, wie sehr sie es vermisst hatte mit Jochen zu sprechen.
Er hat recht, du musst ihn einfach vergessen – es hat keinen Sinn.

Am frühen Abend kam Trude noch mal vorbei, sie brachte eine große Portion Eis mit. „Ich dachte, ich päppel’ dich mal ein bisschen hoch. Du hast auch zuviel abgenommen in der letzten Zeit, mein Kind.“ Trude tätschelte ihre Hand und setzte sich zu Leah ans Bett. „Du siehst so unglücklich aus. Vermisst deinen Jonas ganz schön, was?“
„Ja.“
„Bald seht ihr euch wieder, Liebelein. Und ihr seid so ein schönes Paar.“
„Danke.“
„Kommt mich doch mal in der Toskana besuchen“, strahlte Trude sie an, prompt verschluckte Leah sich an einem Schokostückchen der Stracciatella-Eiscreme.
„Ja, wenn es geht“, sagte sie, nachdem sie wieder einigermaßen Luft bekam, durch den Hustenanfall meldete sich ihr Kopf schmerzhaft zurück.
„Das Klima ist so wundervoll dort – dir würde es ganz bestimmt gut tun, nach alldem, was du jetzt durchgemacht hast.“ Ihre Tante sah sie durchdringend an, ihr Blick hatte sich schlagartig verändert und sie musterte Leah scharf.
„Bestimmt“, antwortete Leah unsicher.
„Überlegt es euch …“ Jetzt sprach Trudchen wieder ganz sanft. „Ich komme morgen wieder. Benötigst u etwas?“
„Nein, danke.“
„Gut, bis dann“. Trude entschwand aus Leahs Zimmer.
Sie ist manchmal echt komisch, dachte Leah verstört. Ihr Gewissen meldete sich wieder zu Wort.
Du hast sie so gemein betrogen – du bist ein schrecklicher Mensch!

Leah versuchte sich abzulenken und rief Viktor an.
„Frau Paulsen! Meine Güte, sind Sie es wirklich? Wie geht es Ihnen? Was macht Ihr Kopf? Tut es sehr weh? Können Sie sich erinnern, wie das passiert ist?“ Viktor schien fast überzuschnappen vor Freude und verhaspelte sich beim Sprechen.
„Ähm, es tut jetzt nicht mehr so weh. Ich bekomme noch zweimal am Tag Schmerzmittel, aber nicht mehr so hochdosiert. Was hatten Sie noch gefragt?“, fragte Leah verwirrt nach.
„Erinnern Sie sich, wie das passiert ist?“ Er schien richtig aufgeregt zu sein.
„Nein, ich weiß nur aus Erzählungen, wie es dazu gekommen ist …“ Sie schilderte ihm, was sie von den anderen wusste.
„Wissen Sie denn, wann sie wieder nach Hause kommen können?“
„Vielleicht in knapp einer Woche. Dann kann ich aber immer noch nicht arbeiten. Das wird wohl noch eine ganze Zeit dauern.“
„Ja, das ist klar, nach so einer schlimmen Verletzung. Frau Paulsen, wir haben Sie hier alle bei ‚Mandebach’ wirklich vermisst. Und ich … ich ganz besonders.“ Sie hörte ihn schlucken.
Leah war ganz gerührt von seinem Geständnis. „Danke. Das ist nett, dass Sie das sagen. Ich bin auch froh, wenn ich alle wiedersehen kann.“
„Vielleicht können wir ja mal Essen gehen? So als ‚Fast-Schein-Verlobter’ hab’ ich da doch fast ein Anrecht drauf, oder?“ Er lachte und Leah musste mit einstimmen.
„Ja, eigentlich schon denke ich.“
„Ich freu mich schon darauf.“
„Ich mich auch“, entgegnete Leah und das war noch nicht einmal gelogen. Sie dachte an ihre gemeinsamen Spaziergänge und das sie dabei immer viel Spaß hatten. Sie verabschiedete sich von ihm und versprach, sich morgen wieder zu melden.
Sie war tatsächlich ins Grübeln gekommen. Viktor war ein liebenswerter Mensch. Und er war witzig. Aber die kleine giftige Stimme schrie in ihrem Kopf laut auf: ‚Aber er ist nicht Jonas!‘