Schützenfest – Teil 29

„Hallo, ich versuche schon die ganze Zeit, dich zu erreichen!“ Jonas‘ Stimme klang fast schon vorwurfsvoll durchs Telefon.
„Hallo Jonas – ich hab’ ein paar Mal telefoniert.“
„Ja, das hab’ ich gemerkt. Wie geht es dir?“
„Gut.“ Leah hatte gerade eine Spritze bekommen und diese begann langsam zu wirken.
„Wie war es bei ‚Mandebach’?“, fragte sie nach.
„Alles beim Alten.“ Jonas erzählte, was sich in der Zwischenzeit getan hatte und berichtete über einige neue Begebenheiten.
„Leah?“
„Ja?“
„Ich … ich wünschte, ich könnte bei dir sein.“ Seine Stimme klang ganz rau und traurig.
Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, deswegen beschloss sie die Flucht nach vorne. Mehr als einen Dämpfer zu bekommen, geht ja eh’ nicht, beruhigte sie sich selbst. „Warum Jonas?“
Er stutzte kurz. „Ich vermisse dich, Leah.“
Sie musste schlucken. „Wir … wir sehen uns ja bald wieder. Zumindest hoffe ich, dass man mir möglichst schnell erlaubt, nach Hause zu kommen.“
„Ja, das hoffe ich auch. Du … du hast mir schon gefehlt, als ich im Auto gesessen habe …“, kam es schüchtern aus der Leitung. „Keiner, der ständig auf Toilette musste“, fügte er schnell hinterher. „Wie langweilig.“
Leah lächelte leicht. „Schlaf gut, Jonas.“
„Möchtest du auflegen?“
„Ja, ich hab’ heute so lange telefoniert, ich bin richtig müde vom Reden.“
„Müde vom Reden? Mit wem hast du denn so alles gesprochen?“
Neugierig bist du wohl gar nicht?
„Oh, mit meinen Eltern, Viktor und Jochen“, antwortete sie im Plauderton.
„Viktor? Seid ihr jetzt per du?“, hakte Jonas nach.
„Äh, nein, natürlich nicht“, lachte Leah auf. „Ich meinte natürlich Herrn Pech.“
„Hm. Und sagt er so?“, brummte Jonas.
„So dies und das. Jonas, die Schwester war schon zweimal hier“, log Leah. „Ich muss auflegen.“
„Wieso? Was ist denn? Stimmt etwas nicht?“
„Nein, es ist alles okay. Vielleicht können wir morgen noch mal telefonieren?“
„Ja, auf jeden Fall. Ich rufe dich an.“
„Gute Nacht“, sagte Leah leise.

Die Schwester kam mit einem riesengroßen Blumenstrauß am nächsten Morgen in ihr Zimmer.
„Das ist Nummer Eins“, erklärte sie einer verblüfften Leah. „Hier ist schon mal die Karte.“ Dann verschwand sie wieder, Leah starrte auf die wunderschönen rosa Rosen und öffnete neugierig die Karte.
„In der Hoffnung, dass wir uns bald wieder sehen. Ihr Viktor Pech.“
Kurze Zeit später wurde erneut ein Strauß hineingetragen – ein ebenfalls atemberaubend schöner Strauß Tulpen.
„Und hier ist Karte Nummer Zwei.“ Die Schwester händigte Leah einen weiteren Umschlag aus.
„Für die tapferste Frau, die ich kenne. Dein Jonas.“

Leah freute sich und schaute die ganze Zeit verzückt auf die Blumen, es dauerte nicht lange und das Telefon klingelte.
„Guten Morgen, Leah.“ Jonas klang fröhlich durch die Leitung.
„Hallo – vielen Dank für die schönen Blumen.“
„Oh, sie sind schon da. Schön, dass sie dir gefallen.“
„Ja, die Rosen, äh, Tulpen … sind wirklich wunderschön.“
Leah, du doofe Nuss – die Rosen sind doch von Pech!
„Rosen? Wie kommst du denn auf Rosen?“, fragte er erstaunt.
Ein kleines Teufelchen meldete sich in Leahs Kopf zu Wort. Sag’s ihm – los jetzt – sag’s ihm!
„Entschuldige Jonas. Das ist wirklich unverzeihlich. Ich hab’ die Karten an die falschen Vasen gestellt … Ich glaub’, das sind immer noch die Nachwirkungen von dem Schlag an den Kopf“, lachte Leah verlegen.
„Ähm – hast du sonst noch Blumen bekommen? Das … das ist ja schön.“
„Ja, ich hab’ mich auch gefreut. Direkt zwei so schöne Sträuße heute. Was für ein Start in den Tag.“
„Von wem ist denn der andere? Von deinen Eltern?“ Er klang ein wenig angespannt.
„Nö, von Viktor, also ich meine natürlich, von Herrn Pech.“
„Aha, er schickt dir Rosen?“, bohrte Jonas nach.
„Ja.“ Leah grinste.
Aber die Farbe verrate ich dir nicht, Jonas!
„Wie rührend. Aber Rosen sind nicht deine Lieblingsblumen“, stieß Jonas schließlich hervor.
„Ja, das stimmt, aber das kann Viktor ja nicht wissen. Ich finde es trotzdem nett“, bemerkte Leah.
„Und wie geht es dir? Hast du gut geschlafen?“ Er klang immer noch etwas beleidigt.
„Es geht mir einigermaßen gut – danke. Und ja, ich hab’ auch gut geschlafen.“
Am Telefon lässt es sich doch wesentlich leichter lügen, dachte Leah erleichtert. In Wirklichkeit hatte sie kaum ein Auge zugemacht.
„Und du?“, fragte sie schnell.
„Ja …“, brummte er, dann zögerte er kurz und atmete tief durch. „Nein, Leah, wenn ich ehrlich bin, hab’ ich eigentlich so gut wie gar nicht geschlafen. Ich … ich hab’ immer geguckt, wo du bist und dich gesucht. Du hast mir gefehlt.“
„Na ja, du bist es halt jetzt so gewöhnt. In ein paar Tagen wirst du froh sein, wieder allein schlafen zu können“.
Oder neben jemand anderem eben …
„Ja. Wahrscheinlich. Wahrscheinlich hast du Recht.“ Seine bedrückte Stimme irritierte Leah.
„Danke für deinen Anruf. Ich wünsch’ dir einen schönen Tag. Und noch mal vielen Dank für die Blumen“, bevor er noch etwas sagen konnte, drückte sie ihn weg.
Sie schloss die Augen und sank in die Kissen zurück.
Ging doch ganz einfach.

Trude kam zu Besuch und war ganz verzückt von den Blumen. „Nein wie schön. Und die Rosen erst …“ Sie schnupperte an den Blumensträußen herum. „Die sind doch bestimmt von Jonas, oder?“
„Ja, klar“, antwortete Leah.
Sie plauderte mit Trudchen über die Einrichtung des Hauses, Trude berichtete, was sie alles mitnehmen wollte und was sie Leah dalassen konnte.
Zwischendurch ging immer wieder das Telefon. Viktor, Jochen und ihr Vater riefen an. Sie vertröstete alle auf den Abend, weil sie Trudchen gegenüber nicht unhöflich sein wollte.

Am Nachmittag spähte Henning vorsichtig durch den Türspalt.
„Jonas ist abgereist“, grinste Leah.
„Gott sei Dank“, lachte er erleichtert auf. „Ich dachte schon, er geht wieder auf mich los.“
Schnell kam er zu Leah ans Bett. „Wie geht es dir? Du siehst blass aus?“
„Ich kann nicht besonders gut schlafen, aber es geht mir schon viel besser.“
„Das ist gut zu hören. Ich … ich muss mich bei dir entschuldigen, Leah.“ Zerknirscht sah er zu Boden. „Jonas hatte natürlich Recht – ich hatte die Verantwortung und hätte besser auf dich aufpassen müssen. Es tut mir so leid, was passiert ist.“
„Na ja, ich lebe ja noch“, lächelte Leah ihn aufmunternd an.
„Und das alles wäre vielleicht gar nicht passiert, wenn ich dir das nicht von deinem Verlobten und Emanuela erzählt hätte … Tut mir leid, ich war wirklich ein blöder Laberkopf. Es geht mich natürlich nichts an, wie ihr eure Beziehung führt. Aber so was macht mich einfach nur wütend.“ In Hennings Augen funkelte es auf. „Wieso lässt du es zu, dass er so mit dir umgeht, Leah?“
„Ich liebe ihn“, sagte sie leise.
„Er hat es nicht verdient! Aber solche Idioten kriegen immer die tollsten Frauen.“ Henning wirkte abwesend und schaute aus dem Fenster, Leah ahnte, dass er an seine Ex-Freundin dachte und nahm seine Hand.
„Danke, dass du gekommen bist“.
Er schaute sie wieder an. „Wenn du wieder gesund bist, dann wiederholen wir den Törn noch mal, ja? Ich ziehe dir auch zwei Schwimmwesten und einen Motorradhelm an und ich werde ganz besonders gut auf dich aufpassen.“
„Nein – vergiss das ganz schnell bitte wieder“, lachte Leah. „Ich gehe nicht mehr auf dein Boot“.
Das Telefon klingelte und Leah entschuldigte sich kurz bei Henning, er stand auf und ging leise pfeifend zum Fenster.
„Hallo Leah, stör’ ich?“ Jonas klang etwas nervös.
„Hallo Schatz“, sagte Leah. „Schön, dass du anrufst.“
Henning warf ihr einen giftigen Blick zu, beschloss aber offensichtlich, die Lautstärke seines Pfeiftons zu erhöhen.
„Schatz? Ist Trude bei dir?“
„Nein, stell’ dir vor, Liebling. Henning ist vorbeigekommen.“
„HENNING? Was will DER denn noch?“
„Er hat mich netterweise noch mal zu einem Segeltörn eingeladen, wenn ich wieder gesund bin“, säuselte Leah durchs Telefon, Hennings Augen blitzten sie fröhlich an, er änderte seine Pfeifmelodie in ‚Sail away’.
„Der soll es wagen! So unfähig wie er als Skipper ist!“, schnaufte Jonas durch die Leitung. „Kommt überhaupt nicht in Frage, dass du noch mal einen Fuß auf sein Schiff setzt. Das soll er sich aus dem Kopf schlagen“, wütete Jonas. „Sag’ ihm das!“
„Okay, Liebling. Henning ich soll dir sagen, dass wir uns das noch mal überlegen mit dem Segeltörn“, sagte Leah zuckersüß und zwinkerte Henning zu.
„LEAH!“, brüllte es aus dem Telefonhörer.
„Klar Leah – sag’ mir nur Bescheid, dann kann es wieder losgehen.“ Hennings Tonfall war lauter als es nötig gewesen wäre.
„Jonas-Schatz, ich rufe dich später noch mal an, ja?“ Sie drückte einen lauten Schmatzer auf den Hörer.
„Brauchst du nicht“, kam es giftig durch die Leitung, dann hatte er scheinbar aufgelegt.
„Er war nicht so begeistert“, lachte sie.
„Nein, das kann ich verstehen“, antwortete Henning amüsiert, er setzte sich wieder zu ihr. „Ich bin jedenfalls froh, dass du wieder lachen kannst.“