Schützenfest – Teil 30

Gegen Abend arbeitete Leah ihre Anrufer-Liste ab. Nach einem aufwühlenden Telefonat mit ihrem Vater, der sich unter Tränen entschuldigte, ihr das alles aufgehalst zu haben, berichtete sie Jochen von ihrem Tag.

„Noch mal zum Mitschreiben: Du hast Blumen bekommen? Von Jonas und von Viktor?“ Es zischte laut, Jochen schien sich eine Bierflasche zu öffnen.
„Ja, genau. Und ich hab’ mich verplappert. Ich hab’ mich aus Versehen bei Jonas für die Rosen bedankt, dabei waren die von Viktor.“
„Verplappert? Ach komm, mein Häschen. Das hast du extra gemacht, du Luder.“
„Nein! Wirklich nicht. So was ist doch unhöflich, geschenkte Sachen verwechseln“, rechtfertigte sich Leah empört.
„Meine Güte Leah. Da hab’ ich gehofft, du hättest ihm einmal richtig eins ausgewischt! Aber trotzdem war es gut so.“
„Jonas schien beleidigt zu sein …“
„Der ist nicht beleidigt – der ist stinke-eifersüchtig auf Viktor und Henning.“
„Eifersüchtig? Quatsch. Warum sollte er? Ich bin doch nur seine Freundin – das betont er doch immer wieder.“
„Ich weiß ja nicht, welche Drogen der Steffen Jr. nimmt, aber das, was er tut und das, was er sagt, scheinen zwei ganz verschiedene Dinge zu sein.“
„Ach Quatsch.“ Leah wollte sich da keinerlei falschen Hoffnungen hingeben.
„Und wenn er nur eifersüchtig auf die Tatsache ist, dass jetzt zwei andere Männer um deine – äh, ‚Freundschaft’ – buhlen. Eifersüchtig isser, ich sag’s dir.“
„Ich werde aus ihm einfach nicht schlau. Er hat gesagt, er hätte mich vermisst letzte Nacht.“
„Wow – ich glaube, der merkt überhaupt nichts mehr“, lachte Jochen. „Aber deine Taktik ist gut, Leah-Schatz. Erzähl’ ihm ruhig, von wem du Blümchen bekommst, mit wem du so telefonierst und wer dich besucht … Vielleicht kommt da ja doch noch mal mehr bei herum.“
„Du bist unmöglich – erst erzählst du mir, dass er nur meine Freundschaft will – und jetzt … und jetzt machst du mir wieder Hoffnung!“, maulte Leah durchs Telefon.
„Entschuldige. Das wollte ich nicht. Aber er verhält sich wirklich komisch. Nein, gehe nach wie vor erstmal davon aus, dass er dein Freund sein will. Auch auf Freunde kann man eifersüchtig sein. Wenn du zum Beispiel dein Herzchen nicht mehr mir ausschütten würdest, sondern Viktor, wäre ich auch beleidigt.“
„Apropos Viktor: Den rufe ich jetzt auch an.“
„Jau, tu das mal. Der freut sich bestimmt ein Loch in den Bauch, da vollbringst du wirklich ein gutes Werk. Aber denk’ dran: ‚Tu Gutes – und sprich drüber’. Vor allem mit Jonas.“
Leah konnte sich Jochens grinsendes Gesicht lebhaft vorstellen.

Das Telefonat mit Viktor wurde angenehm und lustig. Sie bedankte sich bei ihm für die Rosen und er erzählte ihr den neusten Klatsch, der bei ‚Mandebach’ kursierte. Leah musste ein paar Mal herzhaft lachen, bereute dies aber sofort, weil ihr Kopf sich dafür strafend zurückmeldete.
Nachdem sie aufgelegt hatte, überlegte sie, ob sie Jonas noch mal anrufen sollte. Sie war nicht gerade nett zu ihm gewesen, als Henning da war. Und eigentlich wollte sie ihn auch gar nicht ärgern. Oder doch?
Ich hab’ auch schon soviel gelitten wegen dir, Jonas Steffen!, dachte sie böse. Aber machte ihm das alles wirklich etwas aus? Und war es die Eifersucht eines Freundes oder wirklich die von jemandem, der mehr für sie empfand?
Sie wusste selbst, dass sie sich schon wieder viele zu viele Gedanken machte, aber sie kam nicht aus ihrer Haut und wählte seine Nummer.
Es war schon nach 23.00 Uhr, sie hoffte, dass sie ihn nicht wecken würde.
Eine ziemlich brummige Stimme meldete sich, Leah bekam ein schlechtes Gewissen.
„Hallo Jonas, hab’ ich dich geweckt?“
„Oh Leah – nein, hast du nicht.“ Er wirkte erschöpft.
„Ist alles klar bei dir?“
„Ja, natürlich. Hör mal, Leah. Das mit heute Nachmittag, das… war nicht richtig. Wenn du Hennings Angebot annehmen willst, dann habe ich kein Recht, dagegen etwas zu sagen …“, kam es zerknirscht. „Das war blöd von mir, mich da einzumischen.“
„Schon gut“.
„Leah?“
„Ja?“
„Ich … ich hab’ mir überlegt, in zwei Tagen ist doch Wochenende. Soll, also, soll ich nicht vorbeikommen? Vielleicht freust du dich ja über Gesellschaft? Also, ich meine, über meine Gesellschaft.“ Er klang so unsicher, dass Leah fast dahin schmolz.
Leahs Herz schrie laut ‚Ja’, doch ihr Verstand sagte ihr, dass ihr das mit Sicherheit nicht gut tun würde. Sie war froh, dass er ihr nicht gegenüber stand, sondern sie die Distanz des Telefons hatte. Wenn sie in seine Augen blicken würde, könnte sie ihm garantiert nicht widerstehen.
„Jonas – es ist nicht nötig, dass du kommst. Wir sehen uns ja bald in Berlin wieder. Und ich will dir die weite Fahrt nicht zumuten.“
„Das würde mir nichts ausmachen.“
„Danke für dein Angebot. Das ist wirklich sehr lieb von dir. Aber bleib lieber zuhause.“ Sie stockte, es ihr so unglaublich schwer, dies zu sagen.
„Okay.“ Jonas räusperte sich. „Dann freue ich mich schon darauf, wenn du wieder bei …, also wenn du wieder hier bist.“
„Ja, darauf freue ich mich auch.“ Sie schluckte. Er klang so enttäuscht und sie hasste es, ihn zu enttäuschen oder zu kränken. Auch wenn ihr Kopf ihr sagte, dass er es schon sooft mit ihr getan hatte.
„Ich würde dich jetzt so gerne in den Arm nehmen und dich festhalten.“ Er sprach so leise, dass Leah es kaum verstehen konnte. „Also … einfach nur festhalten.“
Leahs Nackenhaare stellten sich auf und ein Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus.
„Weißt du noch? So wie an dem Abend auf dem Sofa, als du auf mir gelegen hast …“
„Gute Nacht, Jonas. Wir … wir können ja morgen noch einmal telefonieren.“ Leah war verwirrt und wütend zugleich, schnell legte sie auf.
Wieso sagst du immer so was? Wieso Jonas?
Wieder stand Leah eine schlaflose Nacht bevor – wieder eine Nacht, in der nur ein Name in ihrem Kopf Platz hatte. ‚Jonas.’

„Also eines sage ich Ihnen …“ Laut polternd wurde die Tür zu Leahs Krankenzimmer aufgestoßen. Sie schrak hoch und wurde schmerzhaft daran erinnert, dass sie eine Verletzung hatte.
„Au“, schrie Leah und hielt sich den Kopf.
„… wenn Sie aus dem Krankenhaus entlassen werden und Usedom verlassen, werden die Floristen hier auf der Insel einen Trauertag einlegen.“
Die Schwester schob keuchend einen Wagen ins Zimmer hinein, zwei riesengroße Blumensträuße thronten darauf.
„Hier sind die Karten …“ Schwester Mathilde schaute ein wenig verzweifelt. „Ach Mist, jetzt weiß ich nicht mehr, welche Karte zu welchem Strauß gehörte …“ Kopfkratzend sah sie Leah an.
„Macht nichts“, flüsterte diese und schaute verblüfft auf die neuen Blumen. „Ist mir auch schon passiert.“
Die Schwester machte gerade Anstalten zu gehen, da hielt Leah sie auf. „Dann nehmen sie doch die beiden Sträuße von gestern mit und verteilen Sie sie auf die anderen Zimmer oder nehmen sie mit ins Schwesternzimmer“, bat sie.
Mathildes Gesicht erhellte sich. „Ja danke. Das werde ich machen“.
Sie räumte kurz die Vasen um und schob mit den anderen Blumen wieder hinaus.
Leah öffnete die Karten. Wie gestern war eine von Viktor und eine von Jonas.
“Miss U“, stand auf Jonas‘ Karte und Viktor hatte sich mit “Ich kann es gar nicht abwarten, Sie wiederzusehen“ verewigt, ein wenig ratlos blickte Leah zwischen den Sträußen hin und her.

„So, Frau Paulsen will also nach Hause …“ Der Chefarzt baute sich vor Leahs Bett auf, sein Gefolge stand in gebührendem Abstand hinter ihm.
„Ja, gerne“, antwortete Leah wahrheitsgemäß.
„Dann stehen Sie doch mal auf“, forderte er sie auf, Leah schaute ihn verwirrt an.
„Frau Paulsen sollte morgen erst aufstehen“, flüsterte ihm ein anderer Arzt ins Ohr.
„Wir versuchen es heute schon mal. Kommen Sie …“
Leah rappelte sich vorsichtig im Bett hoch. In ihrem Kopf begann es wieder zu Pochen. Langsam hob sie ihre Beine über die Bettkante und rutschte auf ihre Füße. Ein Schwindelgefühl machte sich in ihr breit, sie schloss kurz die Augen.
„Ich helfe Ihnen …“, kam Mathilde schnell zu Leah.
„Nein. Sie soll es alleine versuchen“, wies der Chefarzt sie an.
Leah öffnete die Augen und stand auf, dann spürte sie noch, wie sie schwankte und ihre Knie nachgaben.
Als sie erwachte, lag sie wieder in ihrem Bett.
„Frau Paulsen … Das üben wir jetzt ein paar Mal am Tag. Aber eines kann ich Ihnen jetzt schon sagen: So lange Ihr Kreislauf nicht einigermaßen stabil ist, werde ich einen Transport erstmal nicht gutheißen. Und den Bruch müssen wir uns auch noch mal genauer anschauen. Ach …“ Er schaute in ihr Patientenblatt.
Leah war frustriert. Sie hatte insgeheim gehofft, nach dem Wochenende ernsthaft mit der Planung für ihre Rückreise beginnen zu können, aber das schien jetzt doch weiter entfernt zu sein, als sie befürchtet hatte.
Dabei sehnte sie sich nach ihren Eltern, nach Jochen … und nach Jonas, obwohl sie dieses Gefühl wieder ärgerlich von sich schob.
Das Telefonklingeln lenkte sie aus ihren Gedanken ab.
„Hallo Frau Paulsen.“ Viktors fröhliche Stimme klang aus dem Hörer.
„Hallo Herr Pech“, schniefte Leah.
„Was ist denn los? Weinen Sie?“, besorgt fragte er nach.
„Ich … ich sollte aufstehen und es hat nicht geklappt, und jetzt hat der Arzt gesagt, dass er mich erstmal nicht weglässt!“, sprudelte es aus ihr heraus und sie schluchzte laut auf.
„Oh … Aber das kommt bestimmt bald wieder in Ordnung. Haben Sie Geduld.“ Viktor redete eine zeitlang beruhigend auf Leah ein. „Hey, was halten Sie davon, wenn wir ein Picknick machen, wenn Sie wieder da sind?“
Leah musste lächeln. „Hört sich gut an“, sagte sie leise.
„Kopf hoch, Frau Paulsen. Sie werden bald wieder zuhause sein.“
„Ich hoffe es“, schluckte Leah.

Sie kämpfte mit sich, Jonas anzurufen und sich von ihm trösten zu lassen. Doch wie sollte sie es schaffen, Distanz zwischen sich und ihn zu bringen, wenn sie ständig mit ihm telefonierte? Also wählte sie Jochens Nummer.
Leah erzählte ihm von der Visite und das sie noch nicht aufstehen konnte. Auch er ließ nur die üblichen Floskeln ab und verhielt sich auch sonst ein wenig merkwürdig.
„Ist was mit dir? Kannst du nicht reden?“, wunderte sie sich.
„Ich soll dich von Jonas grüßen, er trinkt gerade seinen Kaffee hier“, antwortete Jochen.
„Oh – alles klar“, sagte Leah, deswegen also die gebremste Reaktion von ihm.
„Dann grüß ihn zurück“, sagte sie.
„Warte mal …“ Jochen gab den Hörer weiter.
„Hallo Leah, was ist los?“
Leah freute sich – gegen jede Vernunft – seine Stimme zu hören. Das Telefonat mit ihm gestern Abend hatte sie aufgewühlt – und sie hatte sich zum wiederholten Male gezwungen, ihn zu vergessen.
„Ach, es ist nur … Man kann mir noch nicht sagen, wann ich verlegt werde. Das … das ist ein bisschen frustrierend …“ Sie bemühte sich, nicht zu traurig zu klingen.
„Oh Leah. Das tut mir leid. Aber es soll ja kein Risiko für dich darstellen, nach Hause zu kommen. Wir wollen alle nicht, dass dir noch etwas passiert.“
„Nee bloß nicht!“, hörte sie Jochen aus dem Hintergrund rufen.
„Jonas?“
„Ja?“
„Danke für die Blumen. Und für dein Angebot gestern. Das war sehr nett“.
„Das Angebot steht noch“, flüsterte er.
„Wir sehen uns in Berlin, ja? Mach’s gut.“ Leah schloss die Augen.
„Okay Leah. Ich ruf’ dich an.“
Sie legte auf. Aber seine Stimme hatte sie noch die ganze Zeit im Ohr.