Schützenfest – Teil 31

Ein junger Zivildienstleistender namens Tim half ihr am Nachmittag wieder aufzustehen, aber sie schaffte es erneut nicht, sie sackte sofort weg und fiel in seine Arme. Leah war das furchtbar peinlich, aber Tim lachte sie nur entwaffnend an.
„Das ist so ziemlich meine Lieblingsaufgabe. Wann fallen einem schon mal scharenweise Frauen in die Arme?“
Leah musste mitlachen, aber schnell war sie wieder deprimiert. Eine ungeheure Wut auf ihren Körper machte sich breit. Warum konnte er nicht endlich wieder funktionieren?
An diesem Abend beachtete sie das Telefon nicht. Sie stellte es auf leise und setzte sich ihren MP3-Player auf. Sie wollte mit keinem reden, keine Durchhalteparolen hören. Leah suhlte sich in ihrem Leid und ihrem Heimweh.

„Es ist ein wunderschöner Frühlingstag! Guten Morgen!“ Die Schwester kam mit dem Frühstück herein und strahlte Leah an.
„Morgen“, brummte Leah.
„Ach ja – ich bringe dann gleich die Blumen.“ Sie ging aus dem Zimmer und kehrte mit einem neuen Blumenstrauß zurück, Leah war fast schon enttäuscht.
Nur Einer?
„Die obligatorischen floralen Morgengrüße“, flötete Mathilde und überreichte ihr einen Umschlag. „Und dies – tataaaaaa!“ Sie hielt Leah ein kleines Päckchen vor die Nase. „Kam heute am frühen Morgen mit Kurier.“
Offensichtlich hatten die Schwestern viel Spaß mit Leahs morgendlichen Überraschungen, denn auch Petra, eine Lernschwester schaute neugierig vorbei und betrachtete den neuen Strauß aus gelben Rosen.
Die Blumen waren von Viktor, versehen mit einer Karte.
„Es wird bald alles wieder gut. Bitte nicht mehr traurig sein.“
Auf dem Päckchen war kein Absender zu erkennen. Leah wartete, bis die Schwestern endlich weg waren und öffnete es. Es waren Ohrringe mit Bernsteinen, sie waren ähnlich gefertigt wie Leahs ‚Verlobungsring’ und wunderschön. Ein kleiner Brief steckte im Deckel des Etuis.
“I say a little prayer for you.”
Leah lächelte über die Anspielung an ihren Fernsehabend mit Jonas. Er hatte sie ‚erwischt’, als sie mit Pitti wild hopsend auf dem Sofa herumsprang und dieses Lied dabei sang. Sie wischte sich gerührt eine Träne aus den Augen.
Sie wählte Jonas‘ Nummer, der sich sofort nach dem zweiten Klingeln meldete.
„Leah! Warum bist du gestern nicht mehr ans Telefon gegangen?“, schimpfte er direkt los.
„Ich war nicht gut drauf …“
„Wegen deines Entlassungstermins?“, fragte er mitfühlend nach.
„Ja, ich weiß, ich benehme mich kindisch. Aber ich würde so gerne nach Hause.“
„Nein, du bist nicht kindisch, Leah. Na ja, zumindest jetzt nicht“, neckte er sie.
„Ah ja – ich weiß schon.“ Sie musste kichern. „Jetzt kann ich ja auch nicht mehr auf Sofas rum springen. Danke für die Ohrringe – sie sind sehr schön.“
Jonas lachte auf. „Freut mich, dass sie dir gefallen“.
Die Schwester kam ins Zimmer und winkte Leah zu. „Jonas, ich muss aufhören.“
„Telefonieren wir heute noch mal?“, fragte er sehnsüchtig.
„Ja, bestimmt.“
„Frau Paulsen, da ist eine Überraschung für sie vorbereitet.“ Die Schwester schob einen Rollstuhl hinein.
„Eigentlich dürfen wir das nicht, aber der junge Mann war so überzeugend.“ Leah bekam eine Halskrause verpasst und die Schwester holte für sie eine Jacke.
„Und jetzt los.“ Sie half ihr in den Rollstuhl, Leah war so überrumpelt, dass sie nichts sagen konnte.
Sie wurde in den Park gefahren. Es war zwar noch morgens, aber die Luft war schon recht warm und Leah genoss die Sonnenstrahlen, viel zu lange war sie schon nicht mehr an der frischen Luft gewesen.
Auf einer Wiese war ein Bett aus ganz vielen Kissen hergerichtet. Eine große Decke lag auf dem Rasen und es war alles für ein Picknick vorbereitet, Leah kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

„Guten Morgen, Frau Paulsen.“ Viktor trat strahlend hinter einem Baum hervor.
„Herr Pech“, presste Leah mühsam hervor. „Wo … wo kommen Sie denn her?“
„Jetzt gerade in dieser Minute? Ich hatte mich hinter dem Baum, na, sagen wir mal versteckt. Wenn Sie das alles doof gefunden hätten, wäre mir so ein unerkannter Rückzug gelungen. Niemals hätten Sie erfahren, wer sich das hier ausgedacht hat.“ Er grinste so jungenhaft, dass Leah lächeln musste.
„Ich … ich meine … wann sind Sie angekommen?“ Leah hatte Mühe ihre Sprache wiederzufinden.
„In dieser Nacht mit der Bahn. Nachdem Sie gestern am Telefon so traurig klangen, dachte ich, wir könnten das Picknick vielleicht etwas vorverlegen.“
Leah rang immer noch um Fassung. „Danke“.
„Ich helfe Ihnen mal.“ Die Schwester stützte Leah, damit diese aus dem Rollstuhl herauskam und machte es ihr auf dem provisorischen Bett bequem.
„Was möchten Sie essen?“ Viktor deckte alle Körbe und Schalen auf. Er hatte wirklich an alles gedacht, Leah war richtiggehend gerührt.
„Das … das ist alles … unglaublich“, flüsterte sie. „Das haben Sie alles für mich gemacht?“
„Ja und nein.“ Er wurde leicht rot. „Ich habe auch Hunger“, versuchte er seine Verlegenheit zu überspielen.
Leah hatte zum ersten Mal seit langem wieder richtig Appetit. Viktor verstand es spielerisch, sie aufzuheitern und ihr Trübsinn verflog. Er machte es sich neben ihr auf der Decke gemütlich und so lagen sie dicht nebeneinander.
„Schön, Sie lachen zu sehen. Das hat mir gefehlt …“ Viktor sah Leah tief in die Augen, sie blickte irritiert weg, das wurde ihr jetzt doch zu intim.

„Leahlein– möchtest du mir den jungen Mann denn nicht vorstellen?“ Leah zuckte zusammen, sie hatte Trude nicht kommen hören und ihr giftiger Tonfall erschreckte sie bis aufs Blut.
„Tante Trude …“, Leah konnte nicht zu ihr aufsehen, die Halskrause zwang sie, ihren Kopf still zu halten. „Das ist Viktor Pech. Unser PR-Chef.“ Er hat mich heute Morgen überraschend besucht… Herr Pech, das ist Gertrude Kravizek, meine Tante.“
Viktor sprang auf und reichte Trude die Hand. „Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen, gnädige Frau.“
„Viktor?“ Trude musterte ihn unverhohlen von oben bis unten. Ihr Blick blieb an seiner giftgrünen Krawatte hängen, die Trude wohl besonders ins Auge stach, schaudernd sah sie Viktor wieder ins Gesicht.
Er lachte auf. „Viktor Pech, ganz genau.“
„Setz’ dich doch“, bot Leah ihrer Tante an.
„Hier? Auf den Boden?“
Viktor breitete ein paar Kissen für sie aus und Trude ließ sich gnädig darauf nieder.
„Sie sind der PR-Chef von ‚Mandebach’?“ Sie setzte ihren bohrenden Frageblick auf.
Leah wurde nervös, die Situation war sehr angespannt und Viktor tat ihr leid.
„Ja, genau.“ Er blieb erstaunlich gelassen und beobachtete Trude ebenfalls sehr genau.
„Ist es üblich, dass die PR-Chefs ihre kranke Chefin besuchen kommen?“ Trude zog die Augenbrauen hoch.
„Durchaus“, lächelte Viktor sie an. „Frau Paulsen war jetzt schon so lange nicht mehr in der Firma und es ist wichtig, manche Aufträge persönlich durchzusprechen. Und warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?“
Leah musste zugeben, dass sein Lächeln durchaus entwaffnend war, auch Trude wirkte nicht mehr ganz so skeptisch.
„Und wo sind dann Ihre Unterlagen?“, fragte Trudchen nach.
„Oh – soweit waren wir noch nicht!“ Viktor sprang auf und zog aus einer Tasche mehrere Präsentationsmappen hervor, Leah musste ihm bescheinigen gut vorbereitet zu sein. „Interessieren Sie sich für Werbung?“
„Ähm, nein“, winkte sie ab. „Kommen denn jetzt noch mehr Kollegen von Ihnen zu Besuch?“
„Das glaube ich nicht.“ Viktor verlor nichts von seiner Souveränität.
„Leah, was macht denn Jonas so?“ Trude verstand sich auf blitzschnelle Themenwechsel, das musste Leah anerkennen, sie spürte ihren prüfenden Blick auf sich.
„Er hat viel zu tun. Warum?“
„Na, weil ich mich immer wieder frage, wann ihr es schafft euren Hochzeitstermin festzulegen“, sagte sie lächelnd.
Viktor prustete im hohen Bogen den Kaffee aus und Trudchen reichte ihm schnell eine Serviette. „Geht es wieder, Herr Pech?“
„Ja“, japste er. „Alles klar“.
„Die beiden sind ja ein so schönes Paar, nicht wahr?“, säuselte sie weiter. „Und so verliebt.“
Leah bekam einen liebevollen Kniff in die Wange von ihr.
Trude – lass’ es!, schrie es in ihr auf.
„Ja, sie sind wirklich … ein schönes Paar“, stammelte Viktor.
„Wissen Sie, ich war ja auch dreimal verheiratet. Und ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als meine Männer um mich freiten. Und an diese erste zarte Verliebtheit.“ Trude blickte verträumt in den Himmel.
Viktor sah Leah unsicher an, sie machte hinter Trudes Rücken eine hilflose Geste.
„Genau wie bei Jonas und Leah. Ich und mein Erwin konnten auch die Finger nicht voneinander lassen …“
Leah lief knallrot an, jetzt stand sie unter Viktors Beobachtung.
„Trude, möchtest du noch einen Kaffee?“, startete sie ein Ablenkungsmanöver, doch sie wusste, dass Trude etwas ganz anderes im Schilde führte und ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt war.
„Aber Erwin konnte auch sehr eifersüchtig sein. Einmal hat er einem – vermeintlichen – Verehrer von mir mit seiner Schrotflinte einen gehörigen Schrecken eingejagt. Hach ja, mein Erwin, der war schon aufbrausend. Jonas ist ihm in manchen Dingen schon sehr ähnlich.“ Der warnende Unterton in ihrer Stimme war deutlich auszumachen.
„Ah ja“, entgegnete dieser.
„Entschuldigt mich bitte, Ihr Lieben.“ Trudchen machte Anstalten aufzustehen, Viktor half ihr galant auf. „Ich glaube, ich muss mal telefonieren.“

„Tut mir leid, Herr Pech. Tante Trude ist eben … na ja, ein wenig eigenwillig“, lächelte Leah verlegen.
„Eine nette Umschreibung.“ Viktor blickte Trude immer noch fassungslos hinterher. „Sie denkt also noch, dass Sie und Herr Steffen verlobt sind?“ Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage.
„Ja, wir haben das erstmal nicht aufgeklärt. Es bestand kein Grund dazu. Und … und wenn ich geahnt hätte, dass Sie kommen wollten, hätte ich Sie auf jeden Fall darauf vorbereitet“, stammelte Leah.
„Na ja, es sollte ja eine Überraschung sein.“
„Die ist Ihnen auch geglückt – und ich habe mich wirklich gefreut. Vielen Dank.“
„Dann hat es sich ja gelohnt.“ Er nahm ihre Hand, sein Blick fiel auf ihren Ring. Er schaute sich ihn genauer an und seine Gesichtszüge verfinsterten sich etwas.
„Ist das ein ‚J’ und ein ‚L’?“, fragte er traurig.
„Ja. Eigentlich der offizielle Verlobungsring – aber jetzt mehr ein Symbol für Freundschaft“.
Viktors Miene hellte sich wieder etwas auf. „Ach so.“
Sie blieben noch eine Weile sitzen und redeten über Gott und die Welt, Trudchen gesellte sich wieder zu ihnen.
„Herr Pech – wie lange bleiben Sie denn?“, fragte sie ihn ausgesprochen freundlich.
„Bis morgen. Montag muss ich ja wieder zu ‚Mandebach’“, antwortete er höflich.
„Leah hat bestimmt nichts dagegen, wenn Sie in meinem, ich meine natürlich, ihrem Haus übernachten. Wir haben so viele Zimmer, nicht wahr, Liebelein?“
Leah war verblüfft, fand aber nichts auf die Schnelle, was dagegen sprechen könnte. „Natürlich – wenn Sie mögen.“ Sie schaute Viktor an.
„Ähm, ja. Vielen Dank.“ Man merkte ihm an, dass ihm das nicht so recht war, aber auch er fand wohl keine Ausrede.
„Na, dann ist ja alles klar. Ich fahre jetzt nach Hause und lasse Dorothea ein Zimmer herrichten. Wir sehen uns dann später, Herr Pech.“
Trude reichte ihm die Hand und verabschiedete sich mit einem Kuss auf die Stirn von Leah.

Sie atmete erleichtert auf, als Trude weg war, auch von Viktor fiel etwas Anspannung ab.
„Meinen Sie, Sie dürfen im Rollstuhl mit zum Strand?“, fragte er.
„Ich weiß nicht.“
Er hob Leah vorsichtig in den Rollstuhl und schob sie zum Zimmer zurück. Sie krabbelte wenig elegant in ihr Bett, mit enttäuschtem Gesicht kehrte er zurück.
„Leider nein. Zu viele Erschütterungen auf dem Weg dahin wären nicht gut. Okay, dann machen wir es uns hier gemütlich“, grinste Viktor. „Einen kleinen Moment …“
Er war gerade weg, als das Telefon klingelte.
Leah nahm gutgelaunt ab, der Tag mit Viktor hatte ihr bisher sehr gefallen.
„Leah – na toll, dass du auch mal da bist!“ Jonas‘ Stimme klang schneidend, offenbar war er sehr aufgebracht.
„Hallo Jonas. Ist was passiert?“
„Trude hat mich angerufen – sie hat mich darüber informiert, dass ein gewisser Herr Pech bei dir ist!“, schnaubte er durchs Telefon.
„Ja, er kam heute Morgen überraschend vorbei.“
„Na klar – überraschend! Deswegen sollte ich nicht kommen! Mach’ mir doch nichts vor!“ Er klang verletzt und wütend zu gleich.
„Jonas – ich habe das nicht gewusst, ehrlich. Und ich weiß auch nicht, warum Trude dich angerufen hat!“
„Das weißt du nicht? Vielleicht weil wir verlobt sind in ihren Augen? Leah – wenn du dich mich Pech treffen willst, dann ist das ja okay, obwohl … Na egal. Aber ich war völlig unvorbereitet auf Trudes Anruf. Sie wollte mich warnen!“
„Tut mir leid, Jonas. Aber wie gesagt – ich war selbst überrascht von seinem Auftauchen.“
Jonas atmete tief durch. „Na ja, jedenfalls konnte ich Trude beruhigen. Sie sieht jetzt keine Gefahr mehr für unsere Beziehung.“ Jonas lachte bitter auf.
Leah wurde neugierig. „Was … was hast du denn gesagt? Ich meine, weswegen sieht sie denn keine Gefahr mehr in ihm?“
„Ich habe ihr gesagt, dass Viktor eher Männern zugetan ist. Was anderes ist mir auf die Schnelle nicht eingefallen!“
„DU HAST WAS?“, schrie Leah.
„Herr Pech mag Männer! Sei froh, dass mir überhaupt was eingefallen ist. Immerhin habe ich so unsere Beziehung gerettet, Schatz!“ Jonas schien sich etwas beruhigt zu haben und amüsierte sich offenbar sehr über ihre Reaktion.
„Spinnst du eigentlich? Oh Gott!“ Sie dachte daran, dass Viktor bei Trude übernachtete – und dass sie sich also zwangsläufig über den Weg laufen würden. Und sie würde ihn ausfragen, das war so sicher, wie das Amen in der Kirche. Leah musste ihn also darauf vorbereiten.
„Maus? Bist du noch dran?“ Jonas klang jetzt sehr fröhlich.
„Nenn’ mich nie wieder so. Und auch nicht Schatz oder sonst wie! Du bist so gemein, Jonas!“