Schützenfest – Teil 32

Viktor kam kurze Zeit später gut gelaunt in Leahs Zimmer zurück.
Oh Gott, ich muss es ihm sagen!, dachte sie entsetzt.
„Frau Paulsen? Ist irgendwas? Sie sehen so aus, als hätten Sie einen Geist gesehen?“ Er musterte sie neugierig.
„Herr Pech, setzen Sie sich doch mal zu mir bitte …“ Leah überlegte krampfhaft, wie sie ihm das am wohl am besten beibringen sollte.
„Wie Sie wissen, denkt meine Tante, dass ich und Jonas verlobt sind. Und als sie Sie eben gesehen hat, hat sie es für nötig befunden, Jonas anzurufen.“
„Oh – aber da ist ja nichts dabei, oder? Wir haben nur gepicknickt“, schmunzelte Viktor.
„Ja, ja. Aber meine Tante hat das wohl anders gesehen. Jedenfalls hat sie Jonas gewarnt. Ich weiß, dass hört sich lächerlich an, aber so ist es.“ Leah verkrampfte ihre Hände ineinander, sie suchte fieberhaft nach den richtigen Worten.
„Gewarnt? Vor mir?“ Er schaute immer noch ahnungslos wie ein Lämmchen.
„Ja, und ähm, also Jonas hat ihr gesagt, dass sie sich keine Sorgen wegen Ihnen machen solle. Sie wären keine Gefahr für seine und meine Beziehung …“
Oh Gott Leah! Das ist ein Albtraum!
„Na ja. Das wäre ja erst noch abzuwarten, oder?“ Viktor lächelte sie zweideutig an.
Leah beschloss seine Bemerkung zu ignorieren, für irgendwelche Andeutungen hatte sie jetzt keinen Nerv. „Jedenfalls hat Jonas das damit untermauert, in dem er angedeutet hat … also er hat Trude erzählt … na ja, er meinte zu ihr, dass Sie mehr an Männern interessiert seien.“ Sie konnte ihn nicht anschauen und spielte nervös mit ihrem Verlobungsring.
Viktor wurde blass. „Er hat was?“, fragte er leise.
„Gesagt, Sie seien schwul“, flüsterte Leah.
Viktor stand auf und ging zum Fenster, erst einmal sagte er gar nichts mehr, es entstand ein unbehagliches Schweigen, dann schien er sich wieder gefasst zu haben und kam zu Leah zurück. „Ihre Tante denkt also jetzt, dass ich schwul bin. Okay. Immerhin kann ich mich so in Ihrer Gegenwart aufhalten, ohne dass sie weiteren Verdacht schöpft. Hat ja auch was für sich“, grinste Viktor.
„Sie … Sie sind nicht sauer?“, wunderte sich Leah.
„Ich gebe zu, dass die letzten Begebenheiten mit Ihnen immer etwas … äh, merkwürdig waren, Frau Paulsen. Aber ich bin jemand, der sich Herausforderungen stellt und ich bin an der Situation ja auch nicht unschuldig. Ich bin einfach hier aufgetaucht, also muss ich jetzt auch mit den Konsequenzen leben.“ Er lächelte sie an. „Und im Vergleich zu Ihnen, hab’ ich es ja noch gut getroffen. Ich muss wenigstens nicht ständig Jonas Steffen küssen.“
„Sie sind wirklich sehr nett.“ Leah fiel ein Stein vom Herzen.
Viktor strich Leah eine Strähne aus dem Gesicht. „Sie auch.“

Sie unterhielten sich noch lange und Leah war froh über seine Gegenwart. Er riss sie aus ihren trüben Gedanken und half ihr immer wieder aufzustehen. Immerhin war ihr Kreislauf mittlerweile so in Schwung gekommen (sie schickte in Gedanken ein paar böse Verwünschungen zu Jonas, der mit seiner Geschichte über Viktor nicht unerheblich dazu beigetragen hatte, ihren Blutdruck nach oben zu jagen), dass sie ein paar Schritte laufen konnte, ohne das ihr direkt schwindelig wurde.
Als Viktor abends aufbrach, verabschiedete er sich mit einem kleinen Kuss auf Leahs Wange.
„Es war ein schöner Tag“, sagte er leise.
„Fand ich auch“, entgegnete sie.

Sie war viel zu aufgekratzt, um einzuschlafen. Ihre Gedanken kreisten um Viktor und Jonas, sie ertappte sich dabei, die beiden miteinander zu vergleichen. Viktor war ein lieber netter Kerl, verständnisvoll, witzig und originell. Und Jonas?
Jonas ist der Mann, der dir den Verstand raubt! So einfach ist das, Leah.

Sie musste mit jemandem reden und rief Jochen an, eine Minute später bereute sie diesen Entschluss allerdings zutiefst.
„MUAHAHAHAHAHAHAHAHAHAHA!“ Er japste, röchelte und keuchte.
„Hol’ Luft, Jochen!“, entgegnete Leah sauer.
„NEIN! Erst denkt Trudchen, Jonas und du seid ein Paar. Und jetzt muss Viktor auch noch den Schwulen spielen! WIE GEIL! Oh bitte, bitte, Leah: Darf ich auch noch kommen und mitmachen? Als was könnte ich denn bei euch aufkreuzen? Vielleicht als unehelicher Sohn von Hans … Genau, dann wäre ich dein Halbbruder und erhebe auch Ansprüche auf die Stasi-Villa…. MUAHAHAHAHAHAHA!“
„Ich will keinen Halbbruder – weder dich noch sonst wen! Was für eine bescheuerte Idee!“, schnaufte Leah genervt.
Nachdem sie Jochen noch davon abbringen konnte, einen Betriebsausflug von ‚Mandebach’ nach Usedom zu planen, legte sie einfach auf.
Verzweifelt versuchte Leah einzuschlafen, ein Unterfangen, das fast unmöglich schien. Als sie dann doch schließlich langsam einschlummerte, riss sie das Telefonklingeln wieder hoch, genervt tastete sie nach dem Hörer.
„Ja?“, brummte sie.
„Bist du noch böse?“, kam es leise aus der Leitung.
„Ach Jonas …“, seufzend setzte sie sich auf. „Ich wünschte, wir hätten uns nie auf dieses Spiel eingelassen.“ Sie hatte sich eigentlich fest vorgenommen, ihn zu beschimpfen und ihm üble Flüche an den Kopf zu werfen. Aber seine zärtliche Stimme ließ sie wieder mal alle Vorsätze über den Haufen werfen.
„Das wünschte ich nicht“, flüsterte er. „Dann wären mir viele schöne Momente mit dir entgangen. Ich … ich gebe zu, ich war wirklich wütend, als Trude mir erzählte, dass dieser Pech bei dir ist. Und das war nicht richtig. Aber es fiel mir in dem Moment nichts anderes ein.“
„Er hat es gut aufgenommen. Ist in Ordnung jetzt“, antwortete Leah. „Viktor hat gesagt, dass er dann wenigstens in meiner Nähe sein könnte, ohne dass jemand Verdacht schöpft. So gesehen hast du ihm damit sogar einen Gefallen getan.“
„Oh, hat er das gesagt … hm“, knurrte Jonas, dann fasste er sich aber wieder. „Wie lange bleibt er denn?“
„Morgen noch. Und dann fährt er wieder zurück“, sagte Leah wahrheitsgemäß.
„Leah?“
„Ja?“
„Ist da was zwischen dir und ihm?“
„Ich finde ihn sehr nett“, antwortete sie vage.
„Das war nicht meine Frage.“
„Das ist aber die einzige Antwort, die ich dir geben werde.“
„Okay.“ Er klang geknickt. „Dann … dann wünsche ich dir noch ein schönes Wochenende.“
Leahs Herz krampfte sich zusammen, sie hasste es, wenn er so deprimiert klang. „Danke Jonas. Schlaf gut“, flüsterte sie.
„Ich versuch’s.“

Mit recht blassem Viktor im Schlepptau schwebte Trude am Sonntagmorgen ein, er brachte Leah wieder einen wunderschönen Blumenstrauß mit.
„Danke sehr, Sie verwöhnen mich ganz schön“, lächelte Leah.
„Das tu’ ich doch gern“, sagte er strahlend und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Euer PR-Chef ist ja so ein charmanter Mann“, säuselte Trudchen und küsste Leah ebenfalls herzhaft auf die Wange. „So einfühlsam und sensibel – aber das sagt man Männer ihres, äh, Wesens ja oft nach.“ Trude tätschelte Viktor den Arm.
Leah schluckte, sie blickte ihn entschuldigend an, er zwinkerte ihr aber nur aufmunternd zu.
„Wir haben uns so nett unterhalten – und er liebt meinen selbstgemachten Eierlikör“, plapperte Trude weiter. Viktor verzog hinter ihrem Rücken schmerzhaft sein Gesicht und deutete angewidert auf seinen Magen.
Leah biss sich auf die Unterlippe um nicht loszulachen.
„Na ja, ihr habt ja bestimmt noch viel zu besprechen, nicht wahr? Dann breche ich mal wieder auf. Herr Pech, wenn Sie mal in die Toskana kommen, dann besuchen Sie mich doch mal.“ Sie streckte ihm die Hand hin und Viktor verabschiedete sich höflich.
Leah sank erleichtert in die Kissen, als Trude endlich weg war.
„Es tut mir so leid, Herr Pech“, stotterte sie.
„Ach – es war alles nicht so schlimm. Wenn man mal von dem Eierlikör absieht.“ Er schüttelte sich bei dem Gedanken daran. „Trude glaubt offenbar, dass homosexuelle Männer so was mögen. Ich habe da allerdings große Bedenken!“
„Oh je … Und wie war es sonst so mit Trude?“, fragte sie besorgt.
Viktor verdrehte die Augen. „Na ja, sagen wir mal, sie war sehr interessiert an meinem Privatleben.“
„Oh weia.“ Leah konnte sich Trudes Interesse gut vorstellen. „Konnten Sie sich denn einigermaßen gut wehren?“
„Ich denke, ich habe mich tapfer geschlagen.“ Er lächelte etwas schief. „Aber bei der Anzahl meiner bisherigen Freunde hab’ ich dann doch lieber geschwiegen. Nicht dass sie noch denkt, ich sei ein Schwerenöter, der reihenweise gebrochene Männerherzen zurücklässt.“
„Das … das tut mir alles so leid…“, wiederholte Leah zerknirscht.
„Oh das macht nichts. Schwierig war auch die Frage, ob ich noch nie etwas mit einer richtigen Frau gehabt hätte …“
Leah starrte ihn immer entsetzter an. „Oh – nein!“
Trude hat ganze Arbeit geleistet! Schäm’ dich, Tante!
„Und ob ich in einer Beziehung eher die ‚Frau’ oder der ‚Mann’ wäre.“ Er runzelte die Stirn und schien ernsthafter darüber nachzudenken.
„NEIN! Wie peinlich!“
„Macht nichts.“ Er sah sie liebevoll an. „Ich kann mir jetzt ungefähr vorstellen, wie schwierig ein ‚Coming out’ sein muss. Aber viel wichtiger: Wie geht es Ihnen?“
Leah lächelte verkrampft. „Na ja, die Kopfschmerzen sind fast weg. Sehen kann ich auch wieder gut. Ich kämpfe halt noch mit den Schwindelanfällen und ich muss die nächste Röntgenuntersuchung abwarten…“

Schwester Mathilde schob ein Fernsehgerät und einen DVD-Recorder hinein. „Ihr Verlobter hat uns gebeten, Ihnen, sobald sie fernsehen dürfen, das hier zu bringen.“ Sie reichte Leah die DVD ‚Die Hochzeit meines besten Freundes’, versehen mit einem Zettel ‚Weil ich dich zu sehr abgelenkt habe …’, und einer Packung Nachos.
Leah strahlte.
„Aber heute nicht länger als eine Stunde“, ermahnte Mathilde sie. „Und sobald Sie Probleme mit den Augen bekommen, bitte sofort ausschalten.“
„Ich pass’ schon auf“, lächelte Viktor sie an, er betrachtete stirnrunzelnd Jonas‘ Zettel.
Leah las ihn immer wieder durch, sie bemerkte gar nicht, dass Viktor ihr eine Frage stellte.
„Frau Paulsen?“
Sie zuckte zusammen und sah ihn an. „Ja?“
„Kann es sein, dass Sie und Jonas Steffen doch mehr verbindet als nur Freundschaft?“
Leah erschrak über diese direkte Frage. „Wie … wie kommen Sie darauf?“
„So sehnsüchtig wie sie über den Zettel streicheln …“ Viktor schaute sie ernst an.
„Nein. Wir sind Freunde, mehr nicht“, sagte sie knapp.
Er zog eine Augenbraue hoch.
„Und ich möchte jetzt auch nicht mehr über Jonas reden.“