Schützenfest – Teil 33

Leah genoss das Zusammensein mit Viktor, sie wurden immer vertrauter miteinander. Und sie war richtig traurig, als er wieder abreiste. Er verabschiedete sich mit einem sanften Kuss auf ihren Mund.
„Bis bald“, flüsterte er ihr zu.
Trude schneite am Sonntagabend noch einmal ein, sie lobte Viktor als einen sehr netten Mann. „Schade, dass so jemand für die Damenwelt tabu ist …“
„Ja, schade“, murmelte Leah in Gedanken. Immer wieder verglich sie Viktors und Jonas‘ Küsse – und der Vergleich fiel nie zugunsten von Herrn Pech aus.
Aber vielleicht sollte ich ihm einfach eine Chance geben …
Sie antwortete Trude nur einsilbig, und diese gab es dann auch bald auf, mit Leah zu reden.
„Ich komme morgen wieder“, verabschiedete ihre Tante sich dann.

Leah ging langsam zum Fernseher, legte die DVD ein und begann sich den Film anzuschauen. Natürlich hielt sie sich nicht an die geforderte Stunde und schaute ihn bis zum Ende. Zur Strafe schlug sie sich den Rest des Abends mit Kopfschmerzen herum und sah nur noch alles verschwommen.
Entnervt zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und schlief ein.

Für den Montag stand die Untersuchung ihrer Fraktur an, das Ergebnis war niederschmetternd für Leah.
„Es beginnt gerade langsam zu verheilen. Ein Transport ist aus unserer Sicht nicht zu empfehlen. Sie sollten noch eine Woche hier bleiben.“
Leah wollte gerade protestieren, doch der Arzt fuhr ungerührt fort. „Es ist zu riskant, Frau Paulsen. Eine falsche Erschütterung und es kann wieder brechen.“
Für Leah brach eine Welt zusammen. „Eine Woche?“
„Ja, es ist das Beste, glauben Sie mir.“
„Bitte machen Sie meine Papiere fertig, ich werde auf eigene Gefahr morgen das Krankenhaus verlassen“, sagte sie leise.
„Frau Paulsen – das dürfen Sie nicht. Das wäre wirklich in höchstem Maße unvernünftig!“ Die Stimme des Chefarztes wurde etwas sanfter, er redete auf sie ein wie auf einen störrischen Esel, doch Leah ließ sich nicht umstimmen.
„Das ist meine Entscheidung“, sagte sie knapp.
„Wie Sie wünschen“, antwortete er schließlich missmutig.
Leah vergrub ihr Gesicht in ihrem Kissen, dann sammelte sie sich und rief Jochen an. Sie bat ihn, für sie herauszubekommen, wie man einen privaten Krankentransport organisierte, nervös wartete sie auf seinen Rückruf.
„Leah-Mausi, das ist wirklich ein Problem. Aus versicherungstechnischen Gründen weigern sich alle, dich mitzunehmen. Wenn die behandelnden Ärzte dagegen sind, transportieren die keinen.“
„Aber das kann doch nicht wahr sein!“, schimpfte Leah. „Jemand muss mich doch mitnehmen.“
„Leah – das Vernünftigste wäre wirklich, wenn du noch abwartest. Stell’ dir doch mal vor, wenn wirklich etwas passiert…“
„Es wird schon nichts passieren. Dann nehme ich mir eben ein Taxi“, schniefte sie ins Telefon.

Kurze Zeit später rauschte Trude herein. „Was soll das Leah? Der Professor hat mich eben angerufen. Du willst auf eigene Gefahr hier raus?“
„Ja.“ Leah schob trotzig die Unterlippe vor.
„Kommt nicht in Frage!“, meckerte Trude.
„Und ob – die können mich nicht gegen meinen Willen hier festhalten. Ich werde morgen das Krankenhaus verlassen.“
„Nein – auf keinen Fall. Und wenn ich dich festbinden muss!“, fauchte Trude.
„Ha! Versuche es ruhig. Ich gehe Trude. Ich halte es hier nicht mehr aus. Das hat nichts mit dir zu tun, aber ich will einfach nicht mehr!“
„Leah – verhalte dich nicht wie ein trotziges Kind!“
„Ich verhalte mich so, wie ich es für richtig halte!“
Trude seufzte auf und kramte nach ihrem Handy, wütend schaltete sie es ein.
„Du darfst hier nicht mit Handy telefonieren!“, giftete Leah sie an.
„Sag’ du mir nicht, was ich darf und was nicht!“, kam es ebenso barsch zurück. „Ja Jonas, Trude hier …“
Leah schreckte hoch. „TRUDE!“, schrie sie erbost auf, sie versuchte, schnell aufzuspringen und ihr das Telefon wegzuschnappen, doch sofort drehte sich wieder alles um sie herum und Trude schob sie entnervt zurück aufs Bett. Widerwillig hörte Leah dem Telefonat zu.
„Nein, es ist nicht alles klar. Deine Leah dreht hier völlig durch. Sie will morgen das Krankenhaus auf eigene Verantwortung verlassen. Die Ärzte sind komplett dagegen. Bring‘ du mal dieses störrische Weib zur Vernunft!“ Sie reichte Leah das Handy, doch diese drückte das Gespräch sofort weg.
„Kindchen …“ Trude setzte sich zu ihr, Leah hatte sich mittlerweile die Bettdecke über den Kopf gezogen.
„Ich rede nie wieder ein Wort mit dir“, schluchzte sie.
Alle sind gegen mich!
Sie fand nur noch alles ungerecht und vergrub sich im Bett.

Als sie bemerkte, dass Trude weg war, stand sie mit zitternden Knien auf und begann ihre Sachen einzupacken. Sie hatte zwar noch Kleidung in Trudes Haus, aber da die Villa ja sowieso ihr gehörte, würde sie sie irgendwann selbst abholen.

Mathilde, zwei weitere Ärzte und Tim versuchten verzweifelt, Leah umzustimmen.
„Sie können sich doch kaum auf den Beinen halten – wie wollen Sie dann so eine lange Fahrt überstehen?“ Die Schwester sah sie bittend an.
„Das geht schon irgendwie“, meckerte Leah.
Schließlich war sie die Überredungsversuche leid und setzte sich mit ihrem MP3-Player aufs ihr Bett. Das Packen und Diskutieren hatte ihre Kopfschmerzen zurückkommen lassen und sie schloss die Augen. Der morgige Tag würde anstrengend werden, aber das war ihr egal.
Ich gehe – und wenn ich trampen muss …
Irgendwann sank sie mit dem Kopf in die Kissen und schlief ein.
Sie wachte auf, weil die Musik ausging, dann spürte sie, wie jemand über ihr Haar strich und öffnete verschlafen die Augen.
„MAMA!“ Leahs Herz machte einen Hüpfer.
Hannelore schloss ihre Tochter fest in die Arme und drückte sie an sich. „Leahlein, was machst du denn für Sachen?“, sagte sie mit Tränen in den Augen.
„Genau Schneckchen, wir sind ja bald vom Stuhl gekippt, als wir gehört haben, waste vorhast.“ Ihr Vater drängte Hannelore zur Seite und schloss Leah fest in die Arme.
„Papa!“ Leah fing an herzzerreißend zu weinen, sie hatte ihre Eltern so vermisst. In den Telefonaten mit ihnen hatte sie sich nie anmerken lassen, wie groß ihr Heimweh war. Sie wollte sie nicht beunruhigen, doch jetzt brach alles aus ihr heraus. Sie hatte beide an den Händen gefasst – und so schnell wollte sie sie nicht mehr loslassen.
„Wie … wie kommt ihr denn hierher?“, flüsterte sie heiser.
Hannelore lächelte sie warm an. „Wir sind mitgenommen worden.“
„Von wem …?“
„Na, dreimal darfste raten – von deinem Bräutigam“, strahlte Hans. „In seiner flotten Kiste – ich durfte sogar mal fahren. Fährt schlappe 280.“
„Hans, das ist doch jetzt ganz egal.“ Hannelore stupste ihren Mann an und mit einem Kopfnicken gab sie ihm zu verstehen, dass er aufstehen sollte.
Erst jetzt registrierte Leah, dass Jonas zusammen mit Trude in der hintersten Ecke des Krankenzimmers stand.
Hannelore winkte ihn herbei, er kam schnell zu Leah und setzte sich an ihr Bett.
„Hey Maus, was hast du denn für Dummheiten vor?“ Jonas nahm ihre Hand und führte sie an seinen Mund. „Du glaubst doch nicht, dass wir zulassen, dass du auf eigene Faust in deinem Zustand nach Hause kommst.“ Er küsste immer wieder zärtlich ihre Handinnenfläche.
„Genau, Jonas hat uns dann direkt mit ins Auto gepackt und mir freigegeben, bist die Ärzte sagen, dass du nach Hause darfst“, ergänzte Hannelore, sie sah gerührt zwischen Leah und Jonas hin und her.
„Danke“, schluchzte Leah. „Danke, dass ihr da seid!“

Jonas hielt immer noch Leahs Hand in seiner. Er sah sie die ganze Zeit liebevoll an und Leah war wie gebannt von ihm. Immer wieder trafen sich ihre Blicke und sie schauten sich lange in die Augen.
„Aber Leah, du bist ganz schön dünn geworden – schmeckt dir die Krankenhauskost nicht? Soll ich dir morgen was zu essen vorbeibringen?“, Hannelore sprach ihre Tochter an und Leah schaffte es jetzt endlich, den Blick von Jonas abzuwenden.
„Hm? Ähm, ich hab’ gerade nicht zugehört Mama“, sagte Leah verlegen, ihre Mutter grinste.
„Schneckchen, ob du hier ordentlich was zu Futtern bekommst, hat die Mama gefragt?“, mischte Hans sich ein.
„Oh ja“, stotterte Leah.
„Dann wird es ja Zeit, dass wir dich wieder aufpäppeln“, beschloss Hannelore.
„Tja, das hat der Herr Pech auch schon versucht – mit einem Picknick“, mischte Trude sich ein. „So ein netter Mann …“
Jonas‘ Hand verkrampfte sich.
„Pech? Ist das nicht der Vollpfosten…, äh, ich meine der Typ, der bei euch arbeitet?“, korrigierte sich Hans schnell.
„Der Herr Pech war hier?“, staunte auch Hannelore.
„Ja, übers Wochenende. Er hat Leah mit einem Picknick überrascht. Und ihr immer wieder beim Aufstehen geholfen“, erzählte Trude genüsslich. Sie ließ während ihrer Erzählungen Jonas keine Minute aus den Augen, während er einen imaginären Punkt auf dem Boden fixierte.
„Sehr zuvorkommend, wirklich.“ Trude genoss es sichtlich, Leahs Eltern mit den Neuigkeiten zu konfrontieren. „Und so gut erzogen. Aber das sind ja solche Männer öfters, hört man zumindest immer wieder.“
„Was heißt denn ‚solche Männer?’“, runzelte Hannelore die Stirn.
„Trude meint damit Männer, die auf einem katholischen Internat waren“, mischte Leah sich ein, sie warf ihrer Tante einen warnenden Blick zu.
„Ach, war er das auch?“ Trudchen sah Leah überrascht an. „Ich meinte aber eigentlich, seine sexuelle Orientierung …“
„Das sollte eigentlich keinen interessieren“, fuhr Leah fort.
Wag es nicht, Trude!
Doch ein Blick in das entschlossene Gesicht ihrer Tante genügte und Leah wusste, was jetzt kommen würde.
„Sexuelle Orientierung? Trude was redest du denn da?“ Hannelore schaute Trudchen verblüfft an.
„Na, der Herr Pech ist doch homosexuell.“
„Was? Der ist schwul?“ Hans schaute sich vorsichtig im Raum um, so als befürchtete er hinter den Ecken noch mehr neugierige Mithörer.
„Also, das hätte ich jetzt aber nicht gedacht“, sagte Hannelore erstaunt.
„Mama – und es wäre auch besser, wenn du das für dich behalten würdest, ja?“, bat Leah sie. „Das muss bei ‚Mandebach’ ja niemand wissen. Das gleiche gilt für dich Papa.“
„Nö, von mir erfährt keiner was … Is’ ja auch Privatsache …“, nuschelte Hans. „Ist der schwul … haste da noch Töne …“ Er sah nachdenklich aus.
„Ehrensache, Leahlein“, antwortete Hannelore.
„Was ist denn hier für ein Auftrieb?“ Die Nachtschwester kam herein und sah sich verblüfft um.
„Schwätzen Sie nicht soviel, sondern holen doch bitte wieder das Bett für den Verlobten meiner Nichte “, fuhr Trude sie an.
Sie ist bestimmt äußerst beliebt beim Personal, mutmaßte Leah über ihre Tante.
„Ja, natürlich“, sagte die Schwester sofort. „Frau Paulsen geht es Ihnen wieder besser?“
„Ja danke. Viel besser“, antwortete Leah lächelnd.
„Das freut mich. Dann kann ich die wohl wieder mitnehmen.“ Sie deutete mit ihrem Kopf auf eine Schale mit Tabletten und verschwand.
Die hätte ich sowieso nicht genommen, dachte Leah bockig. Sie hatte mitbekommen, als sie sich unter ihrer Bettdecke verkrümelt hatte, dass sich ein Arzt und eine Schwester darüber unterhalten hatten, Leah Beruhigungsmittel zu verabreichen.
Sie kam kurze Zeit später mit einem Bett zurück.
„Natürlich können Sie auch gerne bei ihrer Tochter schlafen“, bot Jonas Hannelore das Bett sofort an.
„Na, die beiden brauchen doch etwas Zeit für sich“, schaltete Trude sich direkt ein. „So frisch verliebt will man doch möglichst viel Zeit zusammen verbringen, nicht wahr?“ Sie grinste in Jonas‘ Richtung.
„Äh, ja“, sagte er verlegen, er sah Leah entschuldigend an.
Hannelore war immer verwirrter, beschloss aber offensichtlich, zu dem Thema zu schweigen. Hans beobachtete argwöhnisch, wie Trude das Bett direkt an Leahs heran schob.
Jonas zuckte mit den Schultern und machte es sich bequem. Er stellte das Kopfteil auf und lehnte sich zurück.
„Komm‘ Schatz“, seine Augen blitzten auf. Er zog Leah zwischen seine Beine, so dass sie sich mit dem Rücken an seine Brust anlehnen musste. Er umfasste ihre Taille und streichelte mit seinen Händen über ihren Bauch.

Leah war wie elektrisiert. Sie versuchte, möglichst unbeteiligt zu tun, aber seine Hände auf ihrem Bauch versetzten sie innerlich in Aufruhr.
Ihre Eltern betrachteten die Szene ungläubig, Hannelore bekam sich aber eher wieder in den Griff und erzählte den neusten Klatsch aus Gotschenbach.
Leah bemühte sich den Erzählungen zu folgen, doch es ging nicht. In ihrem Körper tobte alles, Gott sei Dank waren ihre Eltern jetzt lebhaft in ein Gespräch mit Trude vertieft, und hatten sich offensichtlich an den Anblick von Jonas und Leah gewöhnt.
Jonas kam mit seinem Mund an Leahs Ohr. „Ich hab’ dich so vermisst, Leah“, flüsterte er leise. Sein Atem kitzelte sie am Hals und eine Gänsehaut machte sich auf ihrem ganzen Körper breit. Seine Hand erwischte eine kleine Lücke zwischen ihrem T-Shirt und der Jogginghose, die sie anhatte, und er streichelte über ihre nackte Haut.
Das reicht, dachte Leah. Sie griff nach seiner Hand und verschränkte ihre Finger in seinen, zumindest stoppte sie so seine Streicheleinheiten.

Der Plausch zwischen ihren Eltern und Trude war in vollem Gange. Langsam machte sich in Leah Müdigkeit breit. Der Tag mit seinen ganzen Streitereien war anstrengender für Leah gewesen, als sie sich selbst eingestanden hatte und sie kämpfte, trotz Jonas‘ Nähe, gegen den Schlaf. Doch irgendwann gab sie auf – sie schmiegte ihr Gesicht in seine Halsbeuge und schloss die Augen.