Schützenfest – Teil 34

Es war dunkel im Zimmer und Leah musste sich erst einmal orientieren. Sie lag auf der Seite und schlagartig wurde ihr klar, wer da mit ihr im Bett lag. Sein warmer Atem streifte ihren Nacken, aber was sie noch viel mehr beunruhigte, war seine Hand, die unter ihrem T-Shirt auf ihrem nackten Bauch lag. Leah hielt den Atem an. Es fehlte nicht viel und er würde soweit hoch gerutscht sein, dass er ihren Busen berührte. Sie hörte auf seine Atemzüge, sie waren gleichmäßig, er schien wirklich zu schlafen. Leah zog seine Hand unter ihrem T-Shirt hervor und schob sie zurück auf sein Bein.
Jonas Steffen – das machst du doch extra!, dachte sie wütend. Sie drehte sich vorsichtig um und versuchte in sein Gesicht zu sehen. Es fiel nur wenig Licht ins Zimmer ein, aber sie konnte sehen, dass er seine Augen geschlossen hatte und auch sein Gesicht wirkte entspannt. Ihre Wut verflog, als sie ihn so friedlich daliegen sah, langsam schief auch sie wieder ein.

Die Morgensonne kitzelte Leahs Gesicht, sie blinzelte und lag immer noch mit dem Gesicht zugewandt zu Jonas. Auch er hatte seine Position kaum verändert, nur sein Arm war wieder zu Leah herübergewandert und lag auf ihrer Hüfte.
Sie beobachtete ihn lange, ein warmes Gefühl machte sich in ihr breit.
Ich liebe dich, Jonas – warum geht es dir nicht genauso?
Sie rutschte langsam näher an ihn heran und Leah genoss die Wärme, die von ihm ausging. Sein Gesicht war jetzt ganz dicht an ihrem, Leah wurde mutiger. Sie fuhr mit ihrem Finger sanft die Konturen seines Mundes nach.
Ob ich es wagen soll?, fragte sie sich. Er wird dich wegstoßen und du kriegst wieder den größten Katzenjammer! Nimm’ den Pech, der ist für dein Seelenheil ungefährlicher!
Doch Leah schob den Gedanken an Viktor weg. Sie fasste sich ein Herz und küsste ihn sachte auf den Mund. Seine Mundwinkel zuckten kurz, doch dann entspannte er sich wieder, Leah grinste in sich hinein.
Sie rückte wieder etwas von ihm weg, doch Jonas schlug seine Augen auf und sah sie liebevoll an. „Das war’s schon?“, fragte er. Leah war verblüfft und sie spürte, wie sie rot wurde.
„Entschuldige Jonas“, räusperte sie sich. „Ich wusste nicht, dass du schon wach bist.“
Mein Gott wie peinlich!
Jonas streichelte sanft mit den Fingern über ihre Augenbraue, glitt dann langsam über die Nase herab zu ihren Lippen. Er legte seine Hand auf ihre Wange und Leah hielt die Luft an, als sein Mund sich ihrem näherte.
„Du kannst doch jetzt nicht so einfach aufhören.“ Er küsste sie ganz vorsichtig, es war mehr ein Hauch als ein richtiger Kuss. Leah war unfähig, zu reagieren, sie lag wie erstarrt da. Er verharrte kurz und schaute sie liebevoll an. Dann schloss er die Augen und verstärkte den Druck auf ihre Lippen, ein Schauer jagte durch Leahs Körper. Sie wollte sich von ihm abwenden, ihn wegstoßen, doch sie konnte nicht. Es fühlte sich so richtig an. Sie begann behutsam, seinen Kuss zu erwidern und als sie seine Zunge an ihren Lippen spürte, öffnete sie bereitwillig den Mund.
Ein ganzer Schwarm Schmetterlinge begann in ihrem Bauch zu fliegen. Jonas‘ Hand glitt in Leahs Nacken und streichelte sie sanft.
Erst ganz vorsichtig, dann immer mutiger spielten ihre Zungen miteinander. Leahs Hand fuhr langsam über seinen Rücken, leise stöhnte Jonas in ihren Mund.
„Guten Morgen!“
Die Tür wurde aufgerissen und sie zuckte zusammen. Jonas seufzte genervt und zog die Bettdecke über seinen und Leahs Kopf.
Sie sah ihn ungläubig an.
War das gerade wirklich passiert? Ein Kuss, ganz ohne Hintergedanken, ohne Zuschauer – ohne einen ‚Nutzen’ oder tieferen Sinn?
„Ich komm’ dann später noch mal wieder.“ Sie erkannte Mathildes Stimme.
„Gute Idee“, brummte Jonas und grinste Leah unter der Bettdecke an. Als die Tür ins Schloss fiel, schob er die Decke wieder ein Stück herunter.
„Guten Morgen“, sagte er zärtlich.
„Morgen“, stotterte Leah und versuchte, ihre Fassung wieder zu erlangen.
„Kannst du mich bitte jetzt immer so wecken?“, lächelte er.
„Immer so wecken …“, wiederholte Leah wie in Trance. Für einen kurzen Moment schwebte sie im siebten Himmel. Doch dann kamen ihr Zweifel.
Wie meint er das denn jetzt? Für ‚immer und ewig’ oder ‚immer, wenn wir im Krankenhaus sind’ oder ‚immer mal wieder so’?
Ihre Gedanken überschlugen sich. Einerseits würde sie sich gerne dem Rausch hingeben, den dieser Kuss in ihr ausgelöst hatte – andererseits konnte sie die Zweifel nicht abschütteln.
„Leah? Alles klar?“ Jonas stützte sich auf seinen Ellenbogen ab und schaute sie liebevoll an. „Was ist denn?“
Er legte seinen Arm um ihre Taille und wollte sie näher zu sich heranziehen, doch Leah rutschte von ihm weg.
„Wie … wie meinst du das? ‚Immer wieder so wecken’?“
„Wie ich das meine? Ich hätte gerne jeden Morgen so einen wundervollen Kuss zum Aufwachen …“ Jonas griff nach ihrer Hand, doch Leah zog sich noch ein Stück von ihm zurück.
„Ach so …“
Es geht nur um den Kuss. Er ist es so gewohnt, wahrscheinlich hat er es vermisst, von seinen Gespielinnen so geweckt zu werden. Leah versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
„Mal gucken, was sich da machen lässt“, murmelte sie in Gedanken und schlug die Bettdecke ganz weg. Sie machte Anstalten aufzustehen und wollte sich gerade aus dem Bett schwingen, als Jonas ihre Beine festhielt.
„Leah – was ist denn auf einmal mit dir los? Warum bist du jetzt so verändert?“ Er blickte sie fragend an. „Hab ich was Falsches gesagt?“
„Es geht nicht darum, was du gesagt hast – sondern was du nicht sagst“, flüsterte sie kaum hörbar.
„Bitte?“ Jonas verstärkte seinen Griff um ihre Beine. „Leah – ich hab’ es nicht verstanden.“
„Vergiss es“, giftete sie und mit einem Ruck befreite sie ihre Beine.
Zu ihrem Unglück verkalkulierte sie sich mit der Kraft, die sie dazu brauchte. Sie hatte viel zu viel Schwung und landete prompt mit ihrem Hinterteil voran auf dem Boden.
Hallo Steißbein!, fluchte sie innerlich.
„Leah!“ Jonas schrie entsetzt auf und als ob die Situation noch nicht peinlich genug gewesen wäre, öffnete sich die Tür und Mathilde starrte sprachlos auf die am Boden sitzende Leah, die sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ihren Po rieb.
„Um Gottes Willen, Frau Paulsen! Was machen Sie denn da?“
Was für eine bescheuerte Frage!, dachte Leah.
„Bin aus dem Bett gefallen“, murrte sie und rappelte sich so schnell es ging wieder hoch. Sie schwankte etwas und hielt sich krampfhaft am Bett fest.
Mathilde schickte einen strafenden Blick zu Jonas und half Leah, sich hinzusetzen. „Ich hole einen Arzt.“
„Nein!“, rief Leah. „Es geht schon wieder!“
„Vielleicht müssen wir den Kopf nochmals röntgen.“
„Ich bin auf den Hintern gefallen, nicht auf den Kopf“, sagte Leah genervt.
„Bin gleich wieder da!“ Mathilde rannte aus dem Zimmer.
Leah ließ sich zurück aufs Bett fallen. Warum passiert mir das andauernd?
Jonas kniete sich neben sie, er nahm ihre Hand und schaute sie zerknirscht an.
„Leah, was ist denn auf einmal los? Eben war es noch so wunderschön – und jetzt, jetzt bist du so verändert!“
„Nichts Jonas – es ist nichts. Mach’ dir keine Gedanken“, sagte Leah entnervt.
„Das tu ich aber – WAS IST LOS MIT DIR?“, schrie er sie an. „Sag mir endlich, was ich dir getan habe!“ Seine Augen funkelten sie böse an.

„Herr Steffen, so geht das aber nicht. Hören Sie auf, hier so herumzuschreien!“ Ein Arzt stand mit Mathilde im Türrahmen. „Sie sind aus dem Bett gefallen?“
Leah verdrehte die Augen. „Ja, auf den Po.“
„Es geht nicht um Ihr Hinterteil, sondern um die Erschütterung“, belehrte sie der Arzt. „Wie fühlen Sie sich? Tut Ihnen etwas weh?“
„Nein“, knurrte Leah.
„Ihr ist eben wieder schwindelig geworden“, petzte Mathilde.
„Wir röntgen besser noch mal.“
„Nein, es ist alles in bester Ordnung – bitte gehen Sie jetzt endlich“, flüsterte Leah, der Arzt sah sie streng an.
„Heute bleiben Sie den ganzen Tag im Bett. Verstanden? Es wird nicht aufgestanden, herumgelaufen oder sonst welche Mätzchen veranstaltet!“
Leah nickte, erleichtert sah sie, dass Mathilde und er verschwanden.
Sie spürte Jonas‘ Blick auf sich.
Rede endlich mit ihm – und wenn er dir den tausendsten Korb gibt. Rede!
Mühsam wollte sie sich aufsetzen, doch die Stelle, auf der sie eben gelandet war, meldete sich zu Wort. Sie rollte sich auf die Seite und nahm seine Hand.
„Jonas – ich war eben so verwirrt. Entschuldige.“
Er legte sich neben sie und schaute sie zärtlich an.
„Aber … aber warum hast du mich geküsst? Also, SO geküsst?“ Sie konnte ihm nicht in die Augen schauen, sondern starrte krampfhaft auf seine Hand, die in ihrer lag.
„Was gibt es denn Schöneres, als neben einer hübschen Frau morgens aufzuwachen und sie zu küssen?“ Er sah ihr tief in die Augen. „Und vor allem, wenn sie so wundervoll ist, wie du und …“.
„… und deine beste Freundin. Versteh’ schon“, ergänzte Leah zynisch.
„Ja, die auch noch zufällig meine beste Freundin ist und …“ Er sah sie leicht verwirrt an.
„Schon gut, hab’ schon verstanden“, blaffte sie ihn an.
Was hast du erwartet, Leah? Nur Rumgeknutsche – es war wieder mal nicht mehr als das übliche Steffensche Rumgeknutsche!
Leah hielt es nicht mehr im Bett aus, sie brauchte Distanz zwischen sich und ihm.
Sie wackelte leicht und ging mit zitternden Knien zum Fenster.
„Was soll das Leah, du sollst doch liegen bleiben?“ Jonas stand auf und kam auf sie zu.
„Jonas – lass’ mich in Ruhe. Und fass’ mich nicht an, okay?“ Sie sah ihn gekränkt an.
„Leah du schwankst, du kippst jeden Moment um.“ Er ignorierte ihr Bemerkung und fasste sie am Arm.
„ICH HAB GESAGT, DU SOLLST MICH NICHT ANFASSEN!“, schrie Leah. Der Raum drehte sich leicht, aber sie versuchte es zu verdrängen und hielt sich an der Fensterbank fest.
„Ich bin es leid, Jonas. Ich bin dich leid! Für dich mag das alles ein schönes Spiel sein – Leah küssen, Leah streicheln, ihr nette Sachen ins Ohr flüstern – und dann zwischendurch mit einer anderen ins Bett!“
Scheiß-Heulerei!, dachte sie wütend, als sie spürte, dass ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen.
„ABER ICH HALTE DAS NICHT MEHR AUS! Diese Lügen – diese vorgetäuschten Gefühle! Ich kann das nicht. Nicht mehr!“ Die letzten Worte konnte sie nur noch flüstern. Sie schloss die Augen in der Hoffnung, dass das Zimmer dann endlich wieder stillstehen möge, sie spürte wieder eine Berührung am Arm.
„Lass mich los – verdammt noch mal, lass mich endlich los“, weinte sie.
Jonas sah sie geschockt an. Leah sah ihn nur noch undeutlich vor sich, wieder begann der Raum sich leicht zu drehen.
„Hast du eigentlich mal daran gedacht, dass ich vielleicht anders fühlen könnte? Das mir das nicht egal ist, wenn wir uns küssen? Das es mich nicht kalt lässt, wenn du mich berührst?“ Ihre Stimme drohte zu versagen.
Nicht umkippen Leah, halt dich fest! Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Fensterbank an.
„Leah, leg’ dich wieder hin. Wir reden ein anderes Mal weiter, ja?“ Sie konnte seinen Blick nicht richtig erkennen, doch seine Stimme klang besorgt. Sie spürte eine unerklärliche Hitze in sich aufsteigen, das Drehen des Raumes verstärkte sich.
„Ich will mich nicht hinlegen…“
Raus mit der Wahrheit – jetzt oder nie!, schrie alles in ihr. Sie riss sich zusammen und straffte die Schultern. Sie versuchte, ihn zu fixieren, doch sie sah ihn nur noch verschwommen, ein altbekanntes Pochen kehrte in ihren Kopf zurück.
„Hast du schon mal daran gedacht, dass ich dich vielleicht lieben könnte, Jonas?“, flüsterte sie. Wieder brachen alle Dämme und sie schluchzte laut auf. Sie verachtete sich dafür, für diese Schwäche. Sie presste sich gegen die Fensterbank, nahm jetzt noch ihre Hände zur Hilfe, um sich abzustützen. „Ich werde Trude die Wahrheit sagen. Das hätte ich schon längst tun sollen. Und ihr das Haus wieder zurück überschreiben.“
Sie sah nicht mehr auf, doch sie spürte seinen Blick auf sich. „Und ich bitte dich zu gehen.“
„Leah … – darf ich jetzt vielleicht auch mal was sagen?“ Jonas‘ Stimme klang verzweifelt.
„Wenn du mir sagen willst, dass ich ein besonders wertvoller Mensch für dich bin, eine gute Freundin oder sonst was in der Art, dann spar’ dir das“, sagte sie leise.
„Nein Leah – ich will dir sagen, dass du deiner Tante nichts beichten musst. Es … es war kein Spiel, seit unserem Abend in der Bar schon nicht mehr. Seit dem Tanz…“
Leah hörte ihn schlucken. Seine Stimme klang verzweifelt. Sie sah auf, doch sie war einfach nicht in der Lage, ihn klar zu erkennen. „Leah – ich liebe dich“.