Schützenfest – Teil 35

Sie versuchte zu verstehen, was er da gerade gesagt hatte, doch sie konnte es nicht glauben, zu oft hatte sie sich in ihm getäuscht.
„Leah, ich liebe dich“, wiederholte er nochmals, es klang unbeholfen und schüchtern.
„Wieso sagst du das jetzt?“, flüsterte sie. „Hast du Mitleid mit mir? Das brauchst du nicht. Ich komm’ schon klar, Jonas.“ Ihre Knie knickten kurz weg, doch sie raffte sich nochmals hoch.
Du stehst das hier mit so viel Würde wie möglich durch, Leah!
„Du … du musst das jetzt nicht sagen. Man sagt so was nicht zu jemandem, wenn man es nicht so meint. Das ist nämlich gemein! Und unfair! So was tut man doch nicht.“ Sie schluchzte wieder auf. „Das macht man einfach nicht …“
„Gemein? Unfair? Leah – das ist die Wahrheit! Ich liebe dich!“ Jonas wirkte ganz verzweifelt. „Ich … ich weiß, dass es jetzt überraschend für dich kommt, mein Timing ist denkbar schlecht, und … und ich wollte warten, bis du wieder ganz gesund bist.“
Sie spürte seine Arme um ihren Körper, ein warmes Gefühl durchflutete sie sofort. Trotzdem zitterte sie immer mehr, der Raum schwankte mittlerweile bedrohlich.
„Du bist so krank und verletzlich im Moment. Und du hast so viel durchgemacht. Ich wollte es dir sagen, wenn wir beide wieder zuhause sind, wenn wir Ruhe und Zeit für uns haben, versteht du das?“
„Ich würde dir so gerne glauben, Jonas.“
„Du musst mir glauben, Leah.“ Er zog sie ganz fest an sich, sie spürte seinen Mund an ihrem Ohr. „Ich liebe dich, mein Schatz“.
„Du liebst mich?“, flüsterte sie ungläubig. „Jetzt wirklich? Ganz wirklich?“
„Ja! Ja! Ja!“ Jonas küsste sie sanft auf die Stirn, dann schrak er zurück. „Leah, du glühst ja!“
Er liebt mich …
Leah spürte noch, wie ihre Beine endgültig ihren Dienst versagten und sie aufgefangen wurde, dann wurde es dunkel.

Leah öffnete langsam die Augen. Es war dunkel im Zimmer, nur ein kleines Licht brannte. Sie runzelte die Stirn und schaute sich um. Das Bett neben ihr – Jonas‘ Bett – war frisch bezogen und unberührt. Sie war allein.
Wo ist er? Panik kroch in Leah hoch. Hab’ ich das alles etwa nur geträumt?
Sie beschwor ihre Erinnerungen hoch. Nein, er hat gesagt, dass er mich liebt – das war doch kein Traum, das DARF kein Traum gewesen sein!
Langsam setzte sie sich im Bett auf. Ihr Kopf tat etwas weh und sie fühlte sich schlapp, aßerdem hatte sie wieder einen Zugang in der Hand.
Sie wollte aufstehen, um eine Schwester zu fragen, doch als sie sich hinstellen wollte, fing sich wieder alles um sie herum an zu drehen. Frustriert setzte sie sich wieder aufs Bett und drückte auf den Rufknopf.
Kurze Zeit später öffnete sich die Tür und eine Nachtschwester kam herein.
„Frau Paulsen, legen Sie sich bitte sofort wieder hin“, sagte sie energisch, sie drückte Leah zurück in die Kissen und fühlte ihre Stirn.
„Ich hole mal den Doktor.“
„Wo ist Jonas … ich meine, wo ist mein Verlobter?“, fragte Leah unsicher.
„Später. Erst will der Professor mit Ihnen sprechen.“
Was soll das denn alles?, fragte sich Leah verzweifelt.

„Aha, Frau Paulsen ist also wieder wach.“ Der Arzt setzte sich auf ihr Bett und musterte sie scharf. „Wie fühlen Sie sich?“
„Ich fühle mich etwas schlapp, aber ganz okay. Wo ist denn der Herr Steffen?“
„Frau Paulsen – Ihr Zusammenbruch von heute Morgen hatte nichts mit dem erneuten Sturz zu tun. Sie belastet etwas ganz anderes. Ihre psychische Lage ist äußerst instabil. Und deswegen haben wir erst mal die Meute, die vor der Tür wartet, von Ihnen fern gehalten.“ Er nahm ihre Hand. „Ihr Verlobter hat uns darüber aufgeklärt, dass er die Ursache für Ihren Zusammenbruch war. Und deswegen bin ich nicht so sicher, ob es so klug ist, wenn Sie ihn jetzt sehen.“
„Doch, bitte. Ich möchte ihn aber sehen“, flehte Leah.
„Und Ihre Eltern? Was ist mit denen? Bitte denken Sie daran, Aufregung ist jetzt wirklich Gift für Sie.“
„Bitte …“
„Gut.“ Er nickte der Schwester zu. „Sie sollen hereinkommen, aber nicht zu lange…“

„Mensch Schneckchen, was machste denn bloß? Kannst doch nicht ständig aus den Latschen kippen!“ Ihr Vater stürmte als Erster an ihr Bett. „Biste wieder fit?“
„Klar“, lächelte Leah.
Ihre Mutter kam zu ihr und drückte sie fest. „Leahlein – ich weiß, dass wir alle zusammen Schuld an deiner Situation haben. Wir hätten dir das nie zumuten dürfen. Es tut mir so leid.“ Sie hatte Tränen in den Augen. „Du musst schnell wieder gesund werden, hörst du?“
Leah nickte. „Ja, das werde ich bestimmt, Mama.“
Hannelore lächelte sie an. „Da ist noch jemand, der ganz dringend zu dir möchte. Wir sollten ihn nicht länger auf die Folter spannen. Deswegen gehen Papa und ich jetzt, ja?“ Sie streichelte Leah über den Kopf. „Wir kommen morgen wieder…“
Ihre Eltern verließen das Zimmer, auch der Professor nickte ihr zu. „Dann lasse ich mal den jungen Mann zu Ihnen, der hier so nervös auf dem Flur herumzappelt“, murmelte er.
„Kommen Sie bitte. Aber denken Sie an unser Gespräch!“ Drohend sprach der Arzt mit jemandem auf dem Gang.
„Ja, natürlich“, hörte Leah Jonas‘ Stimme.
Gott sei Dank!
Er kam langsam zu ihr ins Zimmer. In den Händen hielt er eine rote Rose, die er nervös zwischen den Fingern drehte.
„Leah …“ Er stockte und schaute sie schüchtern an.
„Willst du nicht zu mir kommen?“, fragte sie unsicher.
„Doch – doch natürlich.“ Schnell setzte er sich zu ihr aufs Bett, er hatte ganz verweinte Augen und sah sie verzweifelt an. „Es ist alles meine Schuld Leah – es tut mir so schrecklich leid.“ Er strich ihr zögernd übers Gesicht. „Mein ganzes Verhalten dir gegenüber … bitte verzeih’ mir“.
Mit leicht zitternder Hand gab er ihr die Rose. „Ist vielleicht nicht so opulent wie der da …“ Er deutete mit dem Kopf auf den frischen Blumenstrauß, der auf einem kleinen Tisch stand.
Viktor, dachte Leah nur.
„Danke“, flüsterte sie und streichelte sanft über die Rose.
„Leah – kannst du dich noch daran erinnern, was ich dir gesagt habe, bevor du ohnmächtig geworden bist?“
Leah nickte.
„Ich … ich hab’s wirklich ernst gemeint… Ich hoffe, du kannst mir das glauben.“
Sie spürte einen Kloß im Hals. „Das … das würde ich so gerne, Jonas“.
„Bitte Leah … Das ist die Wahrheit. Ich liebe dich! Aber, aber … wenn du mich nicht mehr willst, dann kann ich das verstehen. Ich hab’ mich aufgeführt wie ein absoluter Volltrottel – wenn es einen Oscar dafür gäbe, wer den größten Fehlstart in eine Beziehung hingelegt hat – dann wäre ich wohl der große Gewinner.“ Er lächelte verlegen. „Ich hab’ so viele Fehler gemacht, und ich habe dich so sehr verletzt …“ Er schluckte, zögernd nahm er Leahs Hand und spielte mit dem Ring.
„Ich … ich schulde dir ein paar Erklärungen, Leah“, stotterte er. Er setzte sich gerade, atmete tief durch. „Also los“, sagte er leise, kaum hörbar.

„An dem Abend, als wir mit Trude in der Bar waren, als wir getanzt haben … Weißt du noch?“
„Ja – natürlich“, flüsterte sie. Als ob ich das vergessen könnte …
„Ich hab’ da schon gespürt, dass etwas anders ist zwischen uns. Dich zu berühren, dich zu küssen, das war so wunderschön.“ Er stockte. „Aber ich hab’ mir eingeredet, dass es nicht richtig wäre. Du warst meine Freundin, du warst der wichtigste Mensch in meinem Leben. Meine kleine Leah – mit der man Pferde stehlen kann, die immer für mich da ist … Und ich habe gedacht, wenn ich mit dir, also wenn ich mit dir etwas Engeres eingehen würde, dann würde vielleicht unsere Freundschaft kaputt gehen. Meine Beziehung zu meiner Ex, wenn man das überhaupt so nennen konnte, war so chaotisch gelaufen – ich war einfach nicht fähig, treu zu sein oder mich auf einen anderen Menschen einzulassen. Eigentlich waren mir die anderen egal. Ich hab’ trotzdem mein Leben weitergelebt. Ich habe viele damit verletzt.“ Er flüsterte fast.
„Und ich habe Angst gehabt, dass ich dich auch verletzen könnte. Und das ich dich dann ganz verliere, deine Freundschaft. Und das … das wollte ich auf keinen Fall. Ich hab’ noch nie so viel für einen Menschen empfunden, wie für dich.“
Leah schluckte heftig gegen einen Kloß im Hals an.
„Als wir dann auf Usedom waren … es ist mir so schwer gefallen, mich von dir fern zu halten. Und es ist mir ja auch nicht oft gelungen.“ Jonas lächelte verlegen. „Der Abend, als wir den Film geschaut haben … Oh Gott Leah, dich im Arm zu halten war das schönste Gefühl, das ich je bei einem Menschen empfunden habe. Es hat sich so gut angefühlt, so richtig. Und ich wollte gerne mehr von dir.“
„Aber warum hast du dann mit Emanuela geschlafen?“ Leah spürte wie ihr wieder die Tränen in die Augen stiegen, Jonas lachte bitter auf.
„Weil ich ein Idiot war vielleicht?“ Er drückte fest ihre Hand. „Ich dachte, ich könnte mich von dir ablenken. Ich dachte, mein Verlangen nach dir würde dann vielleicht aufhören. Aber … aber das Gegenteil war eigentlich der Fall. Es hat mir überhaupt nichts bedeutet und ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht.“ Jonas schaute auf den Boden.
„Und du warst so wunderschön und begehrenswert in dieser Nacht. Aber ich habe mich so schuldig gefühlt. Wie hätte ich mit dir schlafen können, nachdem… ich… also nachdem ich von ihr gekommen bin? Und du hattest etwas getrunken. Ich hätte vielleicht eine Situation ausgenutzt, und dann hättest du das am Ende eventuell bereut. Es hat mir das Herz gebrochen, als du so geweint hast. Ich … meine Güte … ich bin so ein Trottel … Ich hab’ mir immer wieder versucht einzureden, dass ich alles gefährden würde… dabei hab’ ich alles nur noch schlimmer gemacht.“.
Er machte eine kurze Pause.
„Dann kam der Segeltörn. Ich… ich hab’ dich mit Henning gesehen. Ich hätte ihn umbringen können, als er dich angefasst hat.“ Jonas sah sie schüchtern an. „Und dann ist dieser Unfall passiert. Ich hab’ mich so schuldig gefühlt. Sarah hat mir erzählt, warum du abgelenkt warst – wegen mir. Mein Gott, Leah. Das … das hätte alles nicht passieren müssen. Natürlich war es leicht, die Schuld auf Henning abzuschieben. Aber tief in mir drin wusste ich, dass es meine Aufgabe gewesen wäre, dich vor allem zu bewahren.“
Jonas wischte sich hastig übers Gesicht. „Ich wäre fast gestorben, ich habe noch nie in meinem Leben eine solche Angst gehabt“, flüsterte er. „Wenn dir … wenn du ums Leben gekommen wärst …“ Jonas schüttelte den Kopf. „Mein Leben wäre auch zu Ende gewesen.“