Schützenfest – Teil 36

Leah schluckte, sein Geständnis rührte sie zu Tränen. Sie wollte etwas sagen, doch sie spürte, dass er noch nicht fertig war und ließ ihn in Ruhe.
„Mir ist das erste Mal richtig klar geworden, dass ich ohne dich nicht leben kann, Leah. Wie bescheuert muss man eigentlich sein, erst zu verstehen, wen man wirklich liebt, wenn man denjenigen fast verloren hätte.“ Er wischte sich schnell die Tränen aus dem Gesicht.
„Warum hast du dann gesagt, dass du hoffst, dass ich jemanden finde, der mich liebt?“
„Ich war enttäuscht. Du hast mich nach Berlin zurückgeschickt. Und ich hab’ mir eingeredet, dass es das Beste ist. Dabei wäre ich so gerne bei dir geblieben.“
„Ich hab’… ich hab’ die ganze Heimfahrt über geweint“, sagte er verlegen. „Aber wehe, dass erzählst du jemanden!“ Er zog ihr scherzhaft an den Haaren, dann wurde er aber wieder ernst.„Ich habe mir geschworen, dass ich es dir endlich sage, wenn du wieder gesund bist. Ich wollte dich nicht im Krankenhaus damit überfallen. Ich hab’ nicht gewusst, dass ich dich damit so quäle, Leah. Bitte, dass musst du mir glauben“.
„Oh Gott Jonas – es hätte so einfach sein können“, seufzte Leah auf, er nickte traurig.
„Dann kam der Anruf von Trude, dass Pech hier wäre. Ich bin fast durchgedreht und hätte mich am liebsten sofort ins Auto gesetzt. Ich hab’ Angst gehabt, er würde dich mir wegnehmen.“ Jonas machte ein zerknirschtes Gesicht. „Die zwei Tage, wo ich wusste, dass er bei dir war, bin ich fast Amok gelaufen …“
Leah zog es vor, zu dem Thema Viktor Pech nichts zu sagen.
Er muss nicht alles wissen, dachte sie. Jonas sah sie lange an, als hoffte er auf eine Bestätigung von ihr, dass zwischen Viktor und ihr nichts wäre.
„Leah – ich bitte dich noch mal mir zu verzeihen. Und mir zu glauben, dass ich dich liebe. Ich will keine Minute mehr ohne dich sein. Ich will dich immer um mich haben, mit dir reden, dich spüren, dich lieben … Ich halte es ohne dich nicht mehr aus.“ Er streichelte über ihren Ring.
„Aber wenn du mich nicht mehr willst, nach alldem, was ich dir angetan habe, dann ist das okay, ich werde es akzeptieren. Ich hab’ dich durch die Hölle geschickt – dabei bist du die Frau, die über alles liebe.“
Er sah sie treu an.
Hast du diesem Blick schon jemals widerstehen können, Leah?
„Kannst du mir verzeihen?“
Leah tastete nach seinem T-Shirt, sie zog ihn an dem Stoff zu sich hinunter und legte die Arme um seinen Hals.
„Ja“, flüsterte sie leise. „Ich glaube, das geht.“
„Auch wenn ich der größte Idiot bin, den die Welt hervorgebracht hat?“
„Auch dann.“
Sein Mund näherte sich ihrem, er küsste sie ganz sanft und behutsam, es war ein Kuss voller Liebe. Entschuldigend, fragend, bittend – und voller Gewissheit.

„Das reicht aber für heute.“ Ein Arzt war in Leahs Zimmer gekommen und hatte sich vor ihrem Bett aufgebaut.
Leah und Jonas schraken auseinander, keiner von beiden hatte ihn kommen hören.
„Ähm, kann er nicht bleiben?“, fragte Leah schüchtern.
Er musterte Jonas scharf, dann fiel sein Blick auf die Rose, doch er schüttelte den Kopf. „Sie waren heute elf Stunden ohne Bewusstsein. Es wäre besser, wenn Sie eine ruhige Nacht verbringen würden.“
Jonas nickte. „Ich gehe gleich“.
„In Ordnung.“ Dr Arzt verließ wieder Leahs Zimmer.
„Er hat Recht. Und wir haben doch noch alle Zeit der Welt.“ Jonas zwinkerte ihr zu. „Er hat nichts davon gesagt, dass du nicht telefonieren darfst. Ich ruf’ dich gleich an, ja?“
„Ja“, strahlte Leah.
Er stand auf und wollte gerade gehen, doch Leah hielt ihn noch mal an der Hand fest, erstaunt sah Jonas sie an.
„Danke, dass du so ehrlich warst“, flüsterte sie.
Er wurde verlegen und schaute auf seine Schuhe. „So etwas hab’ ich noch nie zu jemandem gesagt. Du bist was ganz Besonderes, Leah Paulsen“.
„Ich liebe dich, Jonas“.
Er lächelte und ging schnell aus dem Zimmer.

Kurze Zeit später klingelte auch schon das Telefon.
„Hi Leah.“
„Ich wünschte, du wärst hier.“ Jetzt, wo sie wusste, dass er sie auch liebte, wollte sie am liebsten keine Sekunde mehr ohne ihn sein.
„Vielleicht kann ich ja morgen bleiben. Aber das ist nicht so wichtig Leah. Du musst wieder gesund werden. Ich will keine Frau, die ständig umfällt.“
Leah musste kichern. „Sei doch froh, dann bin ich wenigstens still.“
Jonas lachte mit, dann wurde er sehr ernst. „Nein, Leah. Still warst du in der letzten Zeit oft genug – zu still“.
„Frau Paulsen, ‚Ruhe’ bedeutet auch: Keine Telefonate!“ Die Nachtschwester stand drohend vor ihrem Bett.
„Ich hab’ schon gehört … Ich liebe dich“, flüsterte er ins Telefon.
„Ich dich auch – bis morgen.“
„Nehmen Sie unsere Anweisungen bitte ernst – in ihrem eigenen Interesse“, meckerte die Schwester weiter.
„Ja, mach ic.…“
„Und wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf – so schön, die Blumen auch sind, die sie jeden Tag bekommen … Diese hier …“ Sie nahm die einzelne Rose, „… schlägt alle um Längen. Ich hole mal eine Vase für sie“.

„Leah-Maus – hast du mal auf die Uhr geguckt? Es ist gerade mal sechs Uhr zwölf!“ Jochen blaffte sie vorwurfsvoll durchs Telefon an. „Und wie geht es dir überhaupt? Hast ja wieder ordentlich für Wirbel gesorgt!“
„Er hat gesagt, dass er mich liebt“, jubelte Leah ins Telefon.
„Wer?“, fragte Jochen verdutzt.
„Der Chefarzt“, brummte sie.
„Echt?“
„JOCHEN!“
„Okay, okay. Bin noch ein bisschen müde … Warte mal – das ist jetzt nicht dein Ernst. Du meinst doch nicht etwa Jonas Steffen – der Mann mit der längsten Leitung seit der Erfindung des Überseekabels?“
„Doch – genau der!“, juchzte Leah in den Hörer.
„Und? Wie hast du reagiert?“ Jochen schien sich etwas sortiert zu haben.
„Also … zuerst bin ich in Ohnmacht gefallen“, sagte sie zerknirscht.
„Gute Taktik, Leah-Maus. Zeit gewinnen – immer wichtig!“ Sie konnte hören, dass Jochen grinste. „Und dann … Nach der Dornröschen-Nummer? Offenbar biste ja wieder wach?“
„Ich hab’ ihn zum Teufel gejagt … Jochen – bitte …“
Er lachte. „Und jetzt bist du glücklich, was?“
„Ja“, sagte Leah leise.
„Ach Schatzi – ich könnte dich knutschen. Ich freu mich für dich. Aber wie kam es denn zu dem plötzlichen Geständnis?“
Leah erzählte ihm grob die Geschehnisse des letzten Tages.
„Meine Güte. Ihr macht das alles aber auch kompliziert – aber wie gesagt: Mein Glückwunsch. Und jetzt habt ihr die ehegattenmordende Tante ja noch nicht einmal mehr betrogen…“
„Na ja“, räumte Leah ein. „Doch, das haben wir schon. Und ich werde es ihr sagen.“
„LEAH – NEIN! Bist du verrückt? Mensch, haben dir die Hormone das Hirn vernebelt? Bloß nicht! Die ist im Stande und will das Haus zurück!“
„Und wenn schon? Ich bin es leid zu lügen.“
„Och Leah! Ist es denn die Möglichkeit? Ehrlich währt nicht immer am längsten! Jetzt habt ihr so viel wegen des Hauses auf euch genommen – und jetzt willst du so etwas tun?“
„Ja“.
„Dann warte aber, bis ich zumindest einmal da Urlaub gemacht habe! Und den hab’ ich mir redlich verdient, nachdem ich hier immer den Seelentröster für deinen Viktor spielen muss …“
„Seelentröster? Warum denn das?“
„Der leidet doch so, weil du noch nicht wieder zurück bist. Und das mit dem Jonas, das musst du ihm gaaaaanz vorsichtig beibringen. So ein kleines sensibles Seelchen ist leicht zerstört“, Jochen kicherte.
„Ich versuch’s“, sagte Leah und legte auf.
Wie auf Kommando wurde wieder ein Blumenstrauß ins Zimmer gebracht. Wieder von Viktor und mit einer lieben Karte.
Ich sollte wohl wirklich mal mit ihm reden, seufzte Leah.

Doch dazu kam sie erst mal nicht, denn Jonas, ihre Eltern und Trude kamen schon früh zu Besuch.
Jonas küsste Leah so stürmisch, dass ihr der Atem wegblieb.
„Nicht, dass sie wieder umfällt, Jonas. Gib’ Ihr Zeit, Luft zu holen“, sagte Trude amüsiert.
„Entschuldige“, grinste er, er setzte sich neben Leah und zog sich nah zu sich heran. „Ich hab’ dich so vermisst“, flüsterte er in ihr Ohr und sein Atem kitzelte an ihrem Hals. Leah bekam eine Gänsehaut, bemühte sich aber um Fassung.
„Wie geht es dir denn, Leahlein?“, fragte ihre Mutter besorgt.
„Besser, Mama. Viel besser“, strahlte Leah und drückte leicht Jonas‘ Hand.
„Das freut mich Schneckchen. Du darfst auch heute wieder versuchen aufzustehen. Was hältste denn davon, mit deinem Herrn Papa mal eine Runde durch den Park zu drehen?“ Hans sah seine Tochter liebevoll an.
„Gerne, wenn ich das darf.“
„Ach, wenn ich dabei bin, dann passiert schon nichts“, zwinkerte Hans.