Schützenfest – Teil 37

Nach der Visite durfte sie tatsächlich wieder aufstehen. Jonas wollte Leah helfen, doch Hans ließ es sich nicht nehmen, seine Tochter selbst zu stützen.
Tatsächlich ging es besser, als Leah befürchtet hatte. Ihr war zwar noch leicht schwindelig, aber es nicht mehr so schlimm wie die Tage zuvor. Hans setzte sich bei den Ärzten durch und er half Leah in den Rollstuhl.
„Nur ich und mein Schneckchen“, herrschte er Hannelore und Trude an. „Kümmere dich mal um die beiden Damen, Steffen Jr.!“

Als sie im Park angekommen waren, steuerte Hans auf eine Bank zu. Er setzte sich hin und tätschelte nervös Leahs Hände, neugierig betrachtete er den Ring. „Von Jonas?“, lächelte er.
„Ja“, sagte Leah. „Trude hatte ihn schon gerügt, weil ich keinen Verlobungsring hatte.“
„Schön, wirklich schön.“ Hans sah Leah traurig an. „Schnecki, hör‘ zu. Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, dir etwas zu sagen. Die ganze Geschichte …, das alles, das tut mir so unendlich leid. Ich bin so ein Blödmann gewesen, mich darauf einzulassen und dann dich auch noch da mit reinzuziehen. Und das alles nur wegen dem doofen Haus …“
Wegen des Hauses, korrigierte Leah ihn in Gedanken.
„Aber das war es alles nicht wert. Wir haben uns alle so große Sorgen gemacht.“ Er schluckte. „Wenn meinem Schneckchen was passiert wäre … mein Gott …“
„Ach Papa, nicht weinen.“ Leah umarmte ihn so gut es der Rollstuhl zuließ. Sie hasste es, ihren Vater weinen zu sehen.
„Schon gut, Schnecki. Ich möchte nur, dass du weißt, das mir – uns, meine ich, der Mama natürlich auch – das alles furchtbar leid tut.“
„Schon vergessen“, sagte Leah leise. „Papa?“
„Ja?“
„Ich werde es Trude sagen … Dass alles nur eine Lüge war, nur gespielt.“
Hans sah sie lange an. „Ja Leah. Du hast Recht. Es ist nicht richtig gewesen. So was tut man ja auch nicht. Es steht uns nicht zu.“
„Dann … ist das in Ordnung für euch?“
„Na klar. Sind doch auch nur ein paar Steine mit einem Dach druff, oder?“ Ihr Vater grinste sie schief an. „Aber ich meine, die Bude ist schon schön, nicht wahr, Leah?“
„Ja Papa. Wirklich schön“, bestätigte sie. „Weißt du was?“
„Was denn Schneckchen?“
„Jonas hat gesagt, dass er mich liebt … Also in echt jetzt.“ Gespannt wartete sie auf seine Reaktion.
„Ach …“ Hans lächelte nur. „Da wären wir gar nicht drauf gekommen, so wie der gestern auf dem Flur rumgehüpft ist … Nein, im Ernst. Er hat uns das gestern schon erzählt, als du noch … geschlafen hast.“ Er vermied wohl bewusst das Wort ‚ohnmächtig’. „Und ich brauche wohl nicht zu fragen, ob du glücklich bist, oder?“
Leah nickte heftig.

Sie kehrten ins Zimmer zurück, Jonas saß zwischen den plaudernden Frauen und blätterte versunken in einer Zeitschrift. Er schaute erleichtert auf, als Leah und ihr Vater wieder hineinkamen.
Trude erhob sich strahlend. „Ich hab’ mit dem Chefarzt gesprochen. In fünf Tagen machen sie noch mal eine Röntgenuntersuchung. Wenn der Bruch noch ein bisschen besser zugewachsen ist, kannst du raus … – also richtig raus, keine Verlegung.“
Jonas zwinkerte Leah glücklich zu.
„Ist das wahr?“, freute sich Leah.
„Ja, mein Schatz“, sagte Hannelore. „Aber du musst dich dann noch schonen. Und an arbeiten ist natürlich nicht zu denken. Aber du brauchst nicht mehr im Krankenhaus zu bleiben.“
Gott sei Dank! Leah wollte vor Freude am liebsten laut aufschreien. Jonas half ihr aus dem Rollstuhl und umarmte sie ganz fest. „Dann haben wir endlich mal etwas Zeit für uns“, raunte er ihr ins Ohr.
„Ja“, flüsterte sie und streichelte ihm über den Rücken.
Das Telefon riss sie auseinander.
„Soll ich?“, flötete Trude, die am nächsten dran stand.
„Ja, mach’ nur“, antwortete Leah, die viel zu sehr damit beschäftigt war, Jonas in die Augen zu schauen.
„Herr Pech! Wie schön, dass Sie anrufen!“, schrie Trude ins Telefon, sie musterte sofort Jonas scharf, er verdrehte nur entnervt die Augen.
„Ja, ihr geht es wieder gut … Na ja, gestern ist sie wieder mal umgekippt und hat den ganzen Tag verschlafen. Nee, nee, kein Grund zur Sorge, ist ja ein zähes Luder …“ Leah hätte ihrer Tante am liebsten den Hörer aus der Hand gerissen, doch Trude drehte ihr demonstrativ den Rücken zu.
„Ja, sag’ ich ihr. Können wir noch nicht sagen … Werde ich ihr ausrichten … Tschühüsss!“
„Das nächste Mal gehe ich wieder selbst ans Telefon!“, fauchte Leah Trude an.
„Schöne Grüße von Viktor“, flötete Trudchen. „So ein netter Mann“, wiederholte sie zum x-ten Male. „So schade …“
Leah wechselte schnell das Thema, bevor Trude wieder über Viktors Liebesleben sinnieren konnte.

Während ihre Tante mit ihren Eltern redete, dachte Leah lange nach. Sie wollte Trude die Wahrheit sagen – und sie konnte es nicht länger aufschieben.
Jonas spürte ihre Nachdenklichkeit. „Was ist los?“, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Ich werde es ihr sagen“, antwortete sie ihm leise.
Jonas riss die Augen auf. „Bist du sicher?“
„Ja – keine Lügen mehr.“ Leah küsste ihn sanft auf den Mund. „Verstehst du das?“
Jonas zog sich an sich, er küsste sie zärtlich zurück und legte dann seine Stirn an ihre. „Ja. Ich verstehe dich. Aber ich möchte um nichts auf der Welt in deiner Haut stecken“, grinste er. „Viel Glück.“
Leah wartete, bis ihre Eltern und Trude aufbrechen wollten.
„Trude, ich würde gerne einmal mit dir reden.“
„Ja, natürlich Liebelein.“ Trudchen sah sie erstaunt an.
„Ich bin warte draußen“, nickte Jonas und zwinkerte ihr aufmunternd zu.

„Na, was gibt es denn so wichtiges?“, fragte ihre Tante neugierig und machte es sich auf einem Stuhl bequem.
Leah setzte sich auf ihr Bett und atmete tief durch. Sie konnte ihr nicht in die Augen schauen.
„Jonas und ich sind nicht verlobt – und wir waren es auch nicht … Das alles war … nur vorgespielt.“ Schüchtern blickte sie in das Gesicht ihrer Tante.
Trude saß Leah gegenüber und sah so geheimnisvoll aus wie die Sphinx. Nach einer ganzen Weile entschloss sie sich dann offenbar doch, etwas zu sagen. „Vorgespielt … soso …“
„Ähm, ja, es … es … also wie soll ich das am besten erklären? Du … du hattest bei dem Schützenfest zu Papa gesagt, dass du die Villa an mich überschreiben würdest, wenn ich mal heirate. Aber dass das bald geschehen sollte, weil du in die Toskana ziehen wolltest und dann würdest du die Villa verkaufen …“
Sie versuchte verzweifelt in Trudes Gesicht irgendeine Regung zu erkennen, aber es gelang ihr nicht. Trudchens Miene war nach wie vor unergründlich, ihr Blick fixierte Leah.
„Mag sein, dass ich das gesagt habe …“, sagte Trude mit schneidender Stimme.
„Na ja, und … da haben … also da haben wir überlegt …, also bevor du in die Toskana gehst und das Haus verkaufst, würde ich so tun, als wäre ich verlobt.“ Leah atmete tief durch, sie wurde immer nervöser.
„Mit anderen Worten: Ihr wolltet mich betrügen, damit Ihr die Villa bekommt“, resümierte Trude kalt, dann stand sie auf und ging ans Fenster. Sie schaute hinaus, Leah konnte ihr Gesicht nicht mehr sehen.
„Wenn man es so sehen will, ja“, flüsterte Leah zerknirscht. „Ich werde dir selbstverständlich die Villa wieder zurück überschreiben. Das alles war ein Riesenfehler, es war unverzeihlich, dumm … und …“
„SCHWEIG LEAH!“ Trude sprach so laut, dass Leah zusammenzuckte.
„Vor ungefähr zwanzig Jahren war ich mal in Gotschenbach zu Besuch. Damals müsstest du fünf oder sechs gewesen sein …“ Trude sah sie immer noch nicht an. Leah fragte sich, was das jetzt zu bedeuten hatte, wagte aber nicht, noch einmal was zu sagen, verwundert hörte sie ihrer Tante zu.
„Damals bist du mit diesem frechen Wagner-Jungen herumgezogen. Jörg? Joachim? Ah, ich weiß wieder: Jochen hieß er. Er hatte schreckliche Segelohren und immer eine Rotznase …“
Die Segelohren hat er immer noch, schoss es Leah durch den Kopf.
„… eines Nachmittags seid ihr ganz zerknirscht zu deiner Mutter gekommen. Ihr habt erzählt, dass du Äpfel aus Zachowskis Garten geklaut hättest. Jochen wollte nur Schmiere gestanden haben. Aber der alte Zachowski hätte euch gesehen und vertrieben.“
Was soll das denn jetzt? Leahs Unruhe wuchs.
„Du hättest mal dein Gesicht sehen sollen. Man konnte es dir ansehen, dass die Geschichte von vorne bis hinten gelogen war. Natürlich hatte Jochen die Äpfel geklaut – und du hattest Schmiere gestanden. Aber jeder wusste, dass Jochens Vater ihm den Hintern grün und blau versohlt hätte, wenn es herausgekommen wäre. Also habt Ihr euch eine andere Geschichte ausgedacht.“
Trude drehte sich langsam zu Leah um und sah ihr fest in die Augen. „Du konntest noch nie lügen. Und das, liebste Leah, hat sich bis zum heutigen Tage nicht geändert.“
Leah schluckte. Sie konnte dem Blick ihrer Tante nicht standhalten und drehte nervös an ihrem Ring.
Trudchen begann zu grinsen, was Leah nur noch mehr verwirrte.
„Ich gebe zu, ich habe eine Schwäche für kleine Gaunereien. Ihr habt versucht, an das Haus zu kommen – das hätte ich an eurer Stelle auch.“
Leah starrte sie mit offenem Mund an. „Du … du hast es gewusst, ja?“, fragte sie stotternd.
Jetzt lachte Trudchen schallend auf. „Leah, Leah, Leah!“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin vielleicht alt – aber noch lange nicht blöd. Und schon gar nicht blind! An dem Nachmittag, als ich Jonas als deinen Verlobten präsentiert bekommen habe …“ Trude gluckste, „… und er zur Tür hineinkam …“ Sie kicherte weiter. „Erinnerst du dich noch an die erste Begegnung?“
Leah runzelte die Stirn, sie wusste nicht, auf was Trude hinaus wollte.
„Ich habe gesagt, wie schön ich es finden würde, deinen Verlobten endlich kennen zu lernen. Und Jonas … Jonas hat … hihihihi …“ Trude hielt sich am Fensterbrett fest und bekam einen Lachanfall. „ … Jonas hat sich ganz verblüfft im Wohnzimmer umgeschaut, als ob er diesen mysteriösen Verlobten in der Schrankwand vermuten würde! Hahahahahaha!“ Trude japste nach Luft und wischte sich eine Lachträne aus den Augen.
„Und dann … dann hast du etwas von ‚Deinem Jonas’ gefaselt und ihm einen Kuss auf die Wange gegeben“, kicherte Trude weiter. „Aber Jonas hat gut reagiert, dass muss man ihm lassen. Er hat seine Rolle bravourös gespielt.“
Trude goss sich einen Schluck Wasser in Leahs Glas ein und trank schnell einige Züge. Dann sah sie Leah mitleidig an. „Aber du, Leah – du wärst vor Scham bald in den Boden versunken, nicht wahr?“
Leah seufzte. „Es war alles ein Riesenfehler.“
Trude zog Leah am Ohr. „Ein Fehler? Bist du dir da sicher?“, lächelte sie. „Ich habe mir nach diesem Nachmittag lange überlegt, wie ich mich verhalten soll. Natürlich war ich anfangs etwas verärgert – wer lässt sich schon gerne hinters Licht führen? Aber du und Jonas – ihr habt mich dazu gebracht, zu schweigen. Zuerst war es nur Neugier, ich wollte sehen, was ihr mir bieten würdet … Wie weit, habe ich mich gefragt, würdest du gehen, Leah?“
Trude setzte sich zu ihr aufs Bett. „Ich dachte, ich warte das Abendessen mal ab und kläre die Sache dann auf. Doch etwas war anders an diesem Abend. Ich habe dich und Jonas tanzen sehen. Ihr habt euch geküsst – es war richtig romantisch und es sah so aus, als würdet ihr mich für einen Augenblick vergessen haben“.
Leah spürte, wie sie rot wurde.
„Es war so rührend“, seufzte Trude auf. „Ich gebe zu, ich war gespannt, wie die Sache mit euch weitergehen würde. Deswegen war ich auch so bestrebt, dass ihr nach Usedom kommt.“