Schützenfest – Teil 38

Ihre Tante nahm Leahs Hand. „Ich weiß, dass es für dich sehr schwer war, Leah. Du warst vorher schon in ihn verliebt, stimmt’s?“
Leah nickte. „Ich wollte ihn gar nicht fragen, ob er das Spiel mitmacht. Ich hatte Viktor gefragt und er wollte es auch machen, er ist aber leider gestürzt. Auf dem Bürgersteig vor unserem Haus in Gotschenbach. Zufällig war Jonas auch dabei und Papa hat ihn einfach ins Haus geschickt. Er wusste davon überhaupt nichts.“
„Zufällig? Nein, Leah – es gibt keine Zufälle“, grinste Trude. „Jedenfalls seid ihr so nett miteinander umgegangen, es wirkte wirklich echt. Und man konnte Jonas ansehen, dass er sich immer mehr in dich verliebte. Es war so spannend.“
„Spannend?“, flüsterte Leah ungläubig, langsam wurde sie etwas wütend. „Spannend? Wie schön! Schön, dass wir dich so gut unterhalten haben!“
„Ja, das habt ihr.“
„Toll für dich!“
„Jetzt hör mir mal zu Leah. Es tut mir leid, was dann geschehen ist. Und vielleicht hätte ich sogar alles stoppen sollen, es war auch von mir falsch, euch immer weiter zu triezen. Aber …“ Trude lächelte wieder. „Ich habe einfach die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ihr beide zusammenfindet. Und zwar richtig zusammenfindet.“
Sie deutete auf den Ring. „Ich hoffe, dass dieser Ring bald wirklich ein Verlobungsring wird.“
Leah lächelte verlegen und winkte ab. „Soweit sind wir noch lange nicht.“
„Ach und noch was: Jonas ist Geschäftsführer von ‚Mandebach’?“ Trudes Stimme wurde wieder schärfer, Leah schaute sie überrascht an.
„Ja.“
„Dann sorge dafür, dass er seinen Job verliert. Er ist untragbar“, sagte Trudchen barsch.
„Was? Wie bitte? Warum sollte ich das tun?“ Leah war geschockt, immer wieder schaffte es Trude, sie zu überraschen.
„An dem Tag als ich mit Dr. König hier war – dem Notar Dr. König, erinnerst du dich?“
„Ja.“ Leah fragte sich, was wohl jetzt kommen würde.
„Jonas hat dir die Papiere vorgelesen, stimmt’s?“
Leah nickte verwirrt.
„Die Papiere waren wertlos – absolut nutzlos. Und König ist auch kein Notar, er ist der Mann von Renate – und Handwerkermeister in Ahlbeck. Na ja, egal, jedenfalls waren bei den ganzen Papieren auch die Grundbuchauszüge dabei. Hätte Jonas aufgepasst, wäre ihm aufgefallen, dass das Haus bereits seit 1995 auf deinen Namen überschrieben ist, Leah.“
Leah konnte nichts mehr sagen, sie schaute Trude nur fassungslos an.
„Wenn er immer wichtige Dokumente so durchsieht – dann gute Nacht ‚Mandebach‘“, grinste sie.
„19 …95“, stotterte Leah.
„Mund zu, Leah. Na ja, ich halte Jonas mal zugute, dass er durch deinen Unfall neben sich gestanden hat. Ich dachte eigentlich, so würde alles aufgeklärt werden.“
Leah schwirrte der Kopf, sie lehnte sich im Bett zurück und schloss für einen Moment die Augen.
„Warum schon seit 1995?“, flüsterte sie.
„Ach Leah. Ich habe keine Nachkommen. Ich wollte Georg Kravizek in diesem Jahr heiraten. Aber ich wollte nicht, dass das Haus im Falle einer Scheidung mit unter den Zugewinn fällt. Und ich hatte sowieso vor, es dir zukommen zu lassen.“
„Aber wieso das Ganze, Trude? Wieso hast du meinen Eltern das Alles erzählt beim Schützenfest?“ Leah wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.
„Hm, na ja, das war irgendwie ein Selbstläufer. Dieser unangenehme Herbert Wagner hat gesagt, du würdest keinen Mann abkriegen. Dein Vater war darüber sehr aufgebracht und hat daraufhin behauptet, du seist verlobt. Eigentlich wollte ich Herbert Wagner nur eins auswischen und hab’ dann gesagt, dass du das Haus kriegen würdest, wenn du heiratest …Ich gebe zu, mich hat da etwas der Teufel geritten. Aber wie gesagt: Ich habe eine Schwäche für kleine Gaunereien – aber ich hätte nie gedacht, dass das solche Auswüchse annimmt.“ Jetzt lächelte Trudchen verlegen.„Unterm Strich betrachtet, ist doch alles gut ausgegangen, oder?“
„Gut ausgegangen …“, wiederholte Leah fassungslos.
„Ach – und noch was …“, begann Trudchen erneut.
Was kommt denn jetzt noch?, dachte Leah entsetzt, sie schaute ihre Tante mit schreckensgeweiteten Augen an.
„Viktor Pech ist nie im Leben schwul – stimmt’s?“
Leah nickte.
„Ha! Ich wusste es! So grimmig wie Jonas immer guckt, wenn von ihm die Rede ist“, kicherte Trude. „Und so wie Viktor dich anhimmelt!“
Sie stand von Leahs Bett auf. „So, ich glaube jetzt wäre alles geklärt, oder?“
Leah hatte es die Sprache verschlagen, sie konnte nur noch nicken.
„Ich bin sehr stolz auf dich, Leah. Und ich hab’ dich in mein Herz geschlossen, Liebelein.“ Sie kniff sie in die Wange. „Und jetzt erhol’ dich mal gut von deiner hinterhältigen Tante.“

Sie ging hinaus und Jonas stürmte direkt zu Leah ans Bett. „Und?“, fragte er aufgeregt.
„Frag nicht. Die ist mit allen Wassern gewaschen“, sagte Leah, immer noch stark unter dem Eindruck des Gesprächs mit Trude stehend.
Jonas sah sie erstaunt an, stockend begann Leah zu erzählen. Seine Augen weiteten sich immer mehr, während Leah ihm von dem Gespräch berichtete.
„Donnerwetter“, sagte er schließlich. „Die Frau ist unglaublich …“
„Sie ist eine Paulsen …“
„Das macht mir Angst“, grinste Jonas.
Zärtlich fuhr er mit seinem Finger über Leahs Gesicht.
„Weißt du eigentlich, wie schön du bist?“, raunte er ihr zu. Er hatte sich mit seinem Ellenbogen abgestützt und betrachtete sie verträumt.
„Sag’ das nicht“, flüsterte Leah verlegen.
„Es stimmt aber“, Jonas beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie sanft auf den Mund. Er knabberte behutsam an ihrer Unterlippe, Leah legte die Arme um seinen Hals und zog ihn noch ein Stück näher zu sich. Jonas verstärkte den Druck auf ihre Lippen und stieß sie mit seiner Zunge vorsichtig an. Sie spürte wieder dieses unvergleichliche Kribbeln, wie immer, wenn er sie küsste, bereitwillig erwiderte sie seinen Kuss.
Seine Hand glitt langsam ihren Hals hinab und fuhr vorsichtig über den Stoff ihres T-Shirts, ein Zittern lief durch ihren Körper.
Sein Kuss wurde immer leidenschaftlicher, Leahs Finger streiften durch seine Haare und sie streichelte sanft seinen Nacken.
Sie spürte wie, wie Jonas‘ Hand immer weiter hinunter glitt. Ganz vorsichtig berührte er ihre Brust, und selbst durch den Stoff ihres Shirts hindurch hatte sie das Gefühl, als ob sie verbrennen würde.
„Ich liebe dich“, flüsterte er in ihren Mund, dann verschloss er ihre Lippen wieder und küsste sie fordernder.
Leahs Sinne schwanden immer mehr. Sie ließ ihre Hände weiter seinen Rücken hinab gleiten und zog sein T-Shirt hoch, Jonas stöhnte leise auf, als sie mit ihren Fingern über seine nackte Haut streichelte.
Seine Hand glitt ebenfalls weiter hinunter und verschwand unter ihrem Oberteil. Leah wand sich unter ihm, Gefühle, die sie noch zuvor verspürt hatte, überrollten sie förmlich.
Jonas berührte ganz zärtlich ihre Brustwarze, behutsam spielten seine Finger mit ihr.
Leah seufzte auf, noch nie hatte sie ein solches Verlangen nach einem anderen Menschen gespürt.
Er legte ein Bein zwischen ihre und drückte sie vorsichtig auseinander, dann löste er sich von ihren Lippen und sein Mund glitt langsam abwärts. Vorsichtig schob er ihr Shirt nach oben und küsste ihre nackte Haut. Unendlich langsam näherte er sich ihren Brüsten und Leah stöhnte auf, als er ihre Brustwarze mit seinen Lippen umschloss.
„Jonas“, keuchte sie und zog seinen Kopf wieder nach oben. „Wir sind im Krankenhaus“, sagte sie atemlos.
Jonas vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge. „Tut mir leid, Du hast natürlich Recht.“ Er räusperte sich und zupfte ihr Shirt wieder zu recht.
Leah kuschelte sich in seinen Arm und legte eine Hand auf seinen Bauch.
„Ich bin so froh, wenn wir beide endlich mal nur für uns sind“, sagte er leise.
„Ja, ähm, ich auch“, flüsterte Leah.

Aber das war nicht die ganze Wahrheit. Sie hatte auch Angst davor, mit Jonas allein zu sein. Obwohl sie ihn so sehr liebte und sich nach ihm sehnte, fürchtete sie sich. Sie war wesentlich unerfahrener als er in sexuellen Belangen – und sie hatte Angst, dass sie ihm nicht genügen würde. Hier hatte sie den Schutz des Krankenhauses. Aber wie würde es danach weitergehen?

Leah schob die Gedanken beiseite und schmiegte sich noch etwas näher an ihn. Wenn sie etwas von der Zeit auf Usedom mitnehmen würde, dann war es die Erkenntnis, das Hier und Jetzt zu genießen.