Schützenfest – Teil 41

Leah spürte einen Luftzug und fröstelte.
Wieso ist es jetzt so kalt?, war ihr erster Gedanke. Sie öffnete die Augen und sah, dass Jonas nicht mehr neben ihr lag, verwirrt schaute sie sich im Zimmer um. Wahrscheinlich ist er im Bad …
Sie zog die Decke fester um ihren nackten Körper herum, verträumt dachte sie über die vergangenen Stunden nach. Doch langsam wurde Leah unruhig, sie lauschte aufmerksam auf Geräusche, aber aus dem Bad hörte sie nichts.
Komisch … Sie setzte sich im Bett auf und machte eine kleine Lampe an, dann stellte sie fest, dass Jonas‘ und sein auch sein T-Shirt fort waren, langsam wurde ihre Verwunderung durch Angst abgelöst.
Ist er weggegangen? Eine leichte Panik kroch wieder in ihr hoch. Sie dachte an sein Geständnis, damals mit Emanuela geschlafen zu haben – und das beunruhigte sie noch mehr.
Sie sprang schnell aus dem Bett und schnappte sich ein Shirt, hastig zog sie sich an und rannte ins Treppenhaus, was sie prompt mit einem Schwindelgefühl quittiert bekam.
Was stehst du auch so ruckartig aus dem Bett auf, du dumme Nuss!, schimpfte sie mit sich, sie griff an das Treppengeländer und hielt sich zitternd fest. Leah hoffte, dass der Schwindelanfall schnell wieder vorübergehen würde. Als das Schwanken nicht mehr ganz so bedrohlich war, tastete sie sich am Geländer schrittweise in Richtung der Stufen vor. Ängstlich schaute sie die Treppe hinunter.
Wenn ich mich gut festhalte, kann doch nichts passieren …

Sie legte beide Hände an das Holz des Geländers und setzte vorsichtig einen Schritt auf die oberste Stufe, immer noch rotierte alles leicht um sie herum. So muss sich Harry Potter gefühlt haben, als die Treppen in Hogwarts ihre Richtung änderten, dachte sie verzweifelt.
Nach drei Stufen setzte sie sich entnervt hin. Das Schwindelgefühl war noch da, aber der Drang, Jonas zu suchen, war stärker. Sie zog sich wieder hoch und irgendwie schaffte sie es tatsächlich unfallfrei bis nach unten. Im Wohnzimmer war alles dunkel, doch Leahs Blick fiel auf die Verandatür, die nur leicht angelehnt war.
Ein lauer Wind kam ihr entgegen, als sie nach draußen trat. Sie hatte vergessen, sich Schuhe anzuziehen, doch jetzt noch mal umkehren mit der Aussicht, wieder die Treppen hoch- und runtergehen zu müssen, war nicht gerade verlockend. Barfuß ging sie hinaus auf den Rasen, sie brauchte ein wenig, um sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen und das permanente Schwanken um sie herum machte es ihr auch nicht gerade leichter, sich zu orientieren.
Doch dann sah sie ihn. Er saß auf einer Bank, hatte den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen geschlossen, torkelnd ging sie auf ihn zu, mittlerweile war sie schweißgebadet, sie sah ihn dreifach vor sich. Nimm den in der Mitte!
„Jonas?“ Sie wollte ihn rufen, doch sie bekam nicht mehr heraus, als ein Krächzen, er reagierte nicht.
Leah vermisste das Treppengeländer, an dem sie sich eben festgehalten hatte. Sie kam an einer von Trudchens Statuen vorbei und umklammerte sie zitternd.
„Jonas!“, versuchte sie es ein wenig lauter, die drei Jonasse hoben den Kopf und schauten schnell in ihre Richtung.
„Leah! Was machst du denn hier?“ Mit wenigen Schritten war er bei ihr und zog sie in seine Arme.
„Ich hab’ dich gesucht“, flüsterte sie. „Warum bist du weggegangen?“ Leahs Beine knickten kurz weg, aber sie drückte sie fest wieder durch.
„Mein Gott Leah. Ist dir wieder schwindelig?“, fragte er besorgt, er hakte Leah fest unter und führte sie zu der Bank. „Besser?“
„Geht schon wieder …“, sagte sie leise. „Warum bist du weggegangen?“, wiederholte sie ihre Frage.
„Ich konnte nicht einschlafen. Und ich wollte nachdenken“, antwortete er,
Leah spürte wieder die Angst in sich hochkriechen.
„Nachdenken? Über … über uns?“ Ihre Stimme klang heiser, sie räusperte sich. „Also, ähm, Jonas, also ich, also wenn, also ich kann das schon verstehen, wenn das für dich… letzte Nacht nicht so schön war.“ Mittlerweile zitterte sie am ganzen Körper. Vielleicht war es auch ein Fehler, ihn so direkt darauf anzusprechen und ihre Angst schnürte ihr fast die Kehle zu. Ihn nach dieser Nacht verlieren zu müssen, würde für sie eine Welt zusammenbrechen lassen. Aber ihr war auch klar, dass wenn er sich nach anderen Frauen sehnte, sie ihn nie würde halten können.
„Sag mal Leah, was redest du denn da?“ Sie konnte verschwommen erkennen, dass er die Stirn runzelte.
„Ja, ich meine … Emanuela ist halt wunderschön und so … so ganz anders als ich.“
Sie bemühte sich verzweifelt nicht zu weinen, doch natürlich konnte sie es nicht verhindern, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen.
„Leah, wie kommst du denn auf so was?“ Er klang fassungslos. Jonas zog sie auf seinen Schoss und drückte ihren Kopf behutsam an seine Schulter.
„Ich liebe dich. Und die Nacht mit dir war die Schönste, die ich je mit einer Frau hatte.“ Er küsste sie sanft auf den Mund.
Leah schloss die Augen und erwiderte zögernd seinen Kuss.
„Aber als du nicht mehr im Bett warst … Da habe gedacht … also ich dachte, du wärst weggegangen.“
„Oh Leah, das tut mir leid. Aber ich war so aufgewühlt und konnte nicht einschlafen. Ich hab’ dich die ganze Zeit beobachtet, am liebsten hätte ich dich wieder geweckt.“ Er lächelte verlegen. „Aber du hattest so fest geschlafen, da bin ich dann lieber aufgestanden. Wenn ich gewusst hätte, dass ich dich damit so verunsichere, wäre ich natürlich geblieben.“
Leah atmete erleichtert auf. Sie stand von seinem Schoss auf und hielt sich an der Lehne der Bank fest.
„Dann gehe ich jetzt wieder hinein und … lasse dich weiter nachdenken.“ Sie zitterte immer noch leicht und das Schwanken war noch nicht ganz verschwunden. Aber mit der Gewissheit, dass Jonas sie tatsächlich noch liebte, würde sie den Weg ins Bett schon wieder alleine finden.
Jonas zog sie einfach wieder zu sich auf die Bank.
„Ich bin fertig mit Nachdenken!“ Er räusperte sich. „Ich hab’ mich gefragt, was das Besondere an dir ist, Leah. Was das ist, was mich so anzieht. Und ich weiß jetzt, spätestens seit der letzten Nacht, dass es einfach daran liegt, dass ich vorher noch nie eine Frau so geliebt habe wie dich. Mit dir ist alles anders – es ist einfach perfekt.“ Er senkte schüchtern den Blick. „Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll.“
Leah hatte wieder einen Kloß im Hals – diesmal aber vor Rührung. Du bist eine sentimentale Kuh, Leah Paulsen!
„Und ich habe darüber nachgedacht, ob es nicht zu früh ist, dir eine Frage zu stellen. Aber ich bin mir sicher, dass es der richtige Zeitpunkt ist, weil ich ganz genau weiß, dass du die Frau bist, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte.“
Der Kampf gegen die Tränen war jetzt endgültig verloren. Leah konnte nichts mehr sagen, sondern schaute Jonas nur noch gebannt an.
„Vielleicht ist es Wahnsinn dich jetzt schon zu fragen, aber … aber ich mach’s jetzt einfach …“ Jonas schob trotzig die Unterlippe vor und sah Leah fest in die Augen. Er nahm ihre Hand und zeigte auf ihren Ring. „Du trägst einen Ring von mir – damals hatte ich dir gesagt, es sei ein Symbol für unsere Freundschaft …“ Jonas stockte. „Aber das stimmt nicht mehr. Er bedeutet jetzt viel mehr. Ich würde dir gerne noch einen Ring schenken, Leah. Einen Ehering.“ Er zögerte kurz. „Willst du mich heiraten?“
Leahs Herz drohte fast stehen zu bleiben. Dann breitete sich ein ungeheures Glücksgefühl in ihr aus. Sie brauchte nicht zu überlegen, sondern nickte heftig.
„Ja …“
Jonas hatte sie gespannt angesehen. Jetzt breitete sich ein Strahlen auf seinem Gesicht aus. Er umarmte sie stürmisch und küsste sie so leidenschaftlich, dass sie nach Luft ringen musste. „Du weißt gar nicht, wie glücklich du mich machst.“ Jonas lehnte seine Stirn an Leahs. Er nahm ihre Hand und verschränkte seine Finger in ihren. Sein Blick fiel wieder auf den Ring. „Du bekommst natürlich auch noch einen schöneren Verlobungsring“, sagte er leise.
„Nein!“ Leah versuchte krampfhaft, ihre Fassung wieder zu gewinnen. „Ich will keinen anderen. Er ist wunderschön. Und für mich hatte er damals schon mehr bedeutet.“
Jonas schluckte und senkte den Blick. „Ich hab’ wohl eine ziemlich lange Leitung, was?“
Leah lachte leise. „Das kann man wohl sagen.“ Sie streichelte ihn sanft über das Gesicht. „Ich liebe dich“.