Schützenfest – Teil 43

Leah schaute nachdenklich aus dem Autofenster, die Landschaft flog nur so an ihr vorbei, sie hatten Usedom schon verlassen und waren auf der Autobahn. Leah dachte an die Hinfahrt – und mit wie vielen Ängsten und Zweifeln sie gestartet war. Es wurde für sie eine Zeit, in der Himmel und Hölle so dicht beieinander gelegen haben, in der sie große Schmerzen, physisch und psychisch, hatte durchleiden müssen – und doch schließlich das ganz große Glück gefunden hatte.
Jonas legte eine Hand auf Leahs Oberschenkel. „Was ist los? Du bist so still?“
Leah schaute ihn an und lächelte. „Das hast du auf der Hinfahrt auch gesagt – ich wäre still- Erinnerst du dich?“
Jonas nickte. „Dabei habe ich selbst keinen Ton raus gebracht. Ich hatte solchen Schiss vor dem, was mich erwarten würde. Und irgendwann hab’ ich dann was übers Wetter gefaselt.“ Er schüttelte den Kopf und lachte.
Leah schluckte, ihr fiel noch etwas ganz anderes ein. „Im Autoradio lief ein Lied – ’I will survive’“, flüsterte sie.
Jonas machte die Warnblinkanlage an und hielt auf dem Standstreifen, er sah sehr betroffen aus. „Du hast ja überlebt Leah. War zwar knapp, aber du hast es geschafft“, sagte er mit rauer Stimme.

„Auf in den Kampf“, stöhnte Jonas und hielt vor der Villa seiner Eltern. Er hielt es für das Beste, es direkt hinter sich zu bringen, auch Leah war aufgeregt und hatte richtig zitternde Knie.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Mein Vater sieht zwar so aus, aber er beißt nicht“, grinste Jonas.

Laura und Friedrich Steffen saßen im Wohnzimmer, Laura malte und Friedrich brütete über einer Wirtschaftszeitung.
„Leah – wie schön Sie zu sehen!“ Laura sprang sofort auf und kam auf sie zu, sie nahm Leahs Hände und drückte sie herzlich. „Wie geht es Ihnen?“
„Danke, es geht mir wieder gut“, antwortete Leah, die freundliche Art von Jonas‘ Mutter beruhigte sie etwas.
„Frau Paulsen, das freut mich zu hören.“ Auch Friedrich war aufgestanden und reichte Leah die Hand. „Können Sie denn bald wieder arbeiten?“
„Also Friedrich“, rügte Laura ihren Mann. „Wie kannst du denn direkt so was fragen?“
„Wieso?“ Friedrich zuckte mit den Schultern. „Was ist denn so schlimm an der Frage?“
„Leah wird morgen mit mir zu ‚Mandebach’ fahren. Sie wird so lange dort bleiben, wie es ihr möglich ist. Sie kann noch nicht allzu lange am PC arbeiten“, erklärte Jonas seinem Vater.
„Ähm, wir haben euch noch etwas anderes mitzuteilen …“, begann Jonas stockend. Leah wusste gar nicht, wo sie hingucken sollte, ihr fiel aber auf, dass Lauras Blick auf ihrer Hand ruhte – der Hand, an dem Jonas‘ Ring steckte.
„Ich habe Leah gefragt, ob sie mich heiraten will. Und zu meiner großen Freude, hat sie ‚Ja’ gesagt.“ Jonas schaute seine Eltern vorsichtig an.
Laura konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Das ging aber schnell, Jonas“.
„Heiraten? Ihr seid doch noch gar nicht so lange zusammen“, sagte Friedrich ernst.
„Was spielt das für eine Rolle? Ich liebe Leah – und habe viel zu lange gebraucht, es zu erkennen. Ich bin mir absolut sicher, dass sie die richtige Frau für mich ist.“ Jonas sah seinen Vater ernst an.
Friedrich hielt seinem Blick stand. „Ach ja? Bist du das? Warst du das bei deiner Ex nicht auch?“
„Es war eure Meinung, dass sie die Richtige für mich ist! Und IHR habt es mir immer und immer wieder vorgebetet.“ Jonas‘ Stimme wurde schärfer.
„Das ist doch alles jetzt total egal“, mischte Laura sich ein. „Ich freue mich für euch“, sie stand auf und nahm Leahs Hand. „Darf ich mal sehen?“
„Ja natürlich“, Leah zog ihren Ring ab.
Laura strahlte sie an. „Der ist wunderschön. Und so liebevoll gefertigt.“
„Und wann wollt ihr heiraten?“, brummte Friedrich dazwischen.
„Das werden wir in den nächsten Tagen überlegen“, blaffte Jonas zurück.
Friedrich sagte gar nichts mehr, sondern verdrehte nur die Augen.

Als sie etwas später Jonas‘ Wohnung betraten, kamen sie aus dem Staunen nicht mehr hinaus. Im Wohnzimmer schwebten lauter rote, herzförmige Luftballons und ein großer Strauß roter Rosen stand auf dem Tisch.
Ein großes Schild hing an der Wand. Leah lächelte über die Aufschrift:

Verlobt – Verliebt – Verlobt – Verheiratet?

Leah sah Jonas mit großen Augen an, dann klingelten Friedrich und Lauras Steffen an der Tür. Sie waren Leah und Jonas unter einem Vorwand gefolgt.
„Hans hat uns in der Nacht angerufen, als ihr ihm und Hannelore von der Verlobung erzählt habt. Er war schon ziemlich angeheitert“, grinste Friedrich.
„Hans? Du nennst ihn Hans?“, staunte Jonas.
„Na ja, immerhin sind wir bald miteinander verwandt“.
„Dann wisst Ihr es also schon ein paar Tage?“, stotterte Jonas.
„Ja“, lachte Laura. „Leahs Vater konnte es offenbar nicht für sich behalten“.
Typisch, dachte Leah.
„Und dann habt ihr extra auf ‚Unwissend’ gemacht …“, resümierte Jonas.
Laura kniff ihrem Sohn in die Wange. „Blitzmerker!“, grinste sie ihn an.
„Ha!“, lachte Friedrich“, auf. „Das war er noch nie!“