Schützenfest – Teil 44

Leah konzentrierte sich auf eine Kalkulation, seit etwas über einer Stunde arbeitete sie jetzt schon daran und langsam kehrten ihre Kopfschmerzen zurück, doch sie wollte die Tabelle unbedingt noch fertig bekommen.
Das Telefon riss sie aus ihren Gedanken.
„Okay, Leah. Speicher’ ab und schalte den Computer aus. Mach’ eine Pause.“ Jonas‘ Stimme klang sanft durch den Hörer.
„Bitte noch fünf Minuten, dann hab’ ich alles fertig“, maulte Leah.
„Das hast du vor fünf Minuten auch gesagt. Speichere ab und ausschalten!“ Seine Stimme wurde langsam energischer.
„Ja, ganz bestimmt.“ Leah legte schnell auf und begab sich an die letzten Zahlen.
Plötzlich gab es ein leises Geräusch und der Bildschirm wurde schwarz. Sie schaute entsetzt auf den Monitor und auf den Rechner, nichts tat sich mehr.
Oh nein!, dachte sie verzweifelt. Natürlich hatte sie in der letzten halben Stunde nichts abgespeichert. Sie versuchte ihre Schreibtischlampe anzumachen, doch das war auch zwecklos.
Kurz darauf stand Jonas in ihrem Büro und grinste sie an.
„Na? Abgespeichert?“, lächelte er sie an.
„Warst DU das? Die Hälfte meiner Kalkulation ist jetzt weg!“, schimpfte sie los.
„Du solltest abspeichern!“
„Ach Jonas! Jetzt kann ich gleich noch mal von vorn anfangen!“
„Nein, Leah. Nicht gleich – morgen!“ Er kam auf sie zu und nahm sie in den Arm.
„Sei mal ehrlich … Wie geht es dir?“, fragte er sie zärtlich.
„Gut“, log sie.
Er legte einen Finger unter ihr Kinn und zwang sie so, ihn anzusehen. „Du sollst ehrlich sein …“
Sie wich seinem Blick aus. „Ein bisschen Kopfschmerzen, aber nicht schlimm“, gab sie kleinlaut zu.
„Dachte ich mir schon. Ich fahr’ dich jetzt nach Hause!“ Jonas holte ihre Jacke und zog sie hinter sich her zum Aufzug.
„Danke“, sagte sie leise zu ihm, als sich Aufzugstüren hinter ihnen schlossen. „Danke, dass du da bist.“ Sie streichelte ihm durchs Gesicht und bei seinem liebevollen Blick bekam sie eine Gänsehaut.

***

„Okay, haben wir alles?“ Leah hatte die letzte Tasche ins Auto gepackt.
„Ich denke schon“, antwortete Jonas.
„Ich bin schon sehr gespannt auf Trudchens Abschiedsfest.“ Leah war wirklich aufgeregt. Ihre Eltern und die Steffens waren schon mit dem Zug vorausgefahren und sie zappelte nervös auf dem Autositz herum.
„Jetzt bleib’ mal ruhig“, grinste Jonas sie an und legte eine Hand auf ihren Oberschenkel.
Doch Leah hatte irgendwie ein mulmiges Gefühl. Ihre Tante hatte ein Händchen für spektakuläre Auftritte – und Leah wollte nicht unbedingt Teil eines solchen werden.
Sie erreichten die Insel nach mehreren Toiletten-Pausen, für die Leah immer spöttische Kommentare von Jonas erntete.
Trudchen begrüßte sie herzlich und Pitti sprang aufgeregt an den beiden hoch,
Laura und Friedrich kamen ebenfalls rasch dazu.
„Meine Güte Leah – das Haus ist ein Traum“, schwärmte Jonas‘ Mutter.
„Ja, ist schön“, knurrte auch Friedrich, zwinkerte Leah aber mit einem Auge zu.

Nach und nach trudelten die Gäste ein. Leah hatte sich ein sündhaft teures Kleid gekauft und Trude lobte sie in den höchsten Tönen.
Ihre Laune sank allerdings in den Keller, als sie Emanuela Cortez entdeckte. Auch diese sah Jonas und Leah sofort und steuerte zielstrebig auf sie zu. Leah schnappte sich Jonas‘ Hand und hielt sie ganz fest. Er sah sie verwundert an, raunte ihr aber ein „Verstehe“ zu, als er ebenfalls bemerkte, wer da kam.
„Hallo Jonas.“ Emanuela strahlte ihn an und Leah bewunderte sie insgeheim für ihr makelloses Zahnpastalächeln. „Hallo Leah, geht es deinem Kopf wieder besser?“ Sie musterte Leah von oben bis unten.
„Danke. Alles wieder bestens.“ Leah versuchte so freundlich wie möglich zu sein.
„Tanzt du mit mir?“, gurrte Emanuela und sah Jonas glutäugig an.
„Später vielleicht“, versuchte er sich höflich, aber bestimmt herauszureden, doch bei Emanuela schien das irgendwie nicht anzukommen.
„Ich freu mich schon.“ Sie strich Jonas mit ihrer Hand aufreizend langsam über den Hals. Leah starrte auf ihre rotlackierten Fingernägel – in ihr begann es mächtig zu brodeln.
Plötzlich stutzte Leah, als sie die Person entdeckte, die gerade zur Tür hineinkam. Das kann doch nicht wahr sein!, dachte sie überrascht. Sie schaute zu Jonas, der gerade krampfhaft versuchte, Emanuela auf charmante Art los zu werden. Er hatte die Person offenbar noch nichts entdeckt.
Leah steuerte zielstrebig auf ihn zu. „Was machst du denn hier?“, fragte sie verblüfft.
„Hallo Leah. Also erst mal: Guten Abend.“ Er strahlte sie an und seine Augen leuchteten. „Du siehst wunderschön aus“.
„Danke und ähm, ja: Guten Abend. Aber bitte, ich möchte nicht unhöflich erscheinen. Was tust du hier?“
„Deine Tante hat mich eingeladen. Nett, nicht wahr?“ Offenbar entdeckte er Trude und winkte ihr fröhlich zu.
„Aha …“ Mehr fiel Leah nicht ein, sie blickte sich um und sah an Jonas‘ Gesichtsausdruck, dass er ihn jetzt auch bemerkt hatte.
„Möchtest du tanzen?“ Viktor wartete keine Antwort ab und zog Leah zur Tanzfläche.

Aus den Augenwinkeln sah Leah Trude zur den Musikern eilen und mit dem Bandleader reden, prompt setzte langsame Musik ein.
Was soll das, Trude?, dachte Leah böse.
„Oh …“ Viktor grinste noch breiter und zog Leah eng an sich heran. „Welch’ ein Glück mit der Musikauswahl“.
Leah versuchte Jonas auszumachen, sie sah ihn mit finsterer Miene am Rande der Tanzfläche stehen und sie beobachten.
Sie warf ihm einen entschuldigenden Blick zu, doch das schien seine Stimmung nicht zu bessern. Trude gesellte sich zu ihm und zog ihn auf die Tanzfläche.
Leah registrierte, wie sie heftig auf ihn einredete und Jonas immer unglücklicher aussah. Schließlich fuchtelte sie heftig mit ihrem Zeigefinger vor seiner Nase herum, scheinbar bekam er gerade eine Standpauke von ihr. Leah hielt es kaum noch aus vor Neugier, Viktor bemerkte Leahs Unaufmerksamkeit und zog sie in eine andere Ecke der Tanzfläche, damit sie nicht ständig Jonas und Trude im Blickfeld hatte.
„Ich … ich möchte nicht mehr tanzen“, Leah wollte sich von Viktor lösen, sie musste jetzt unbedingt wissen, was da los war zwischen Trude und Jonas.
„Warte, lass’ Trude mit ihm reden.“ Viktor hielt sie fest.
„Wie bitte?“, Leah schaute ihn fassungslos an. „Was geht hier vor?“
„Trude möchte Jonas etwas sagen, also warte noch einen Moment.“
Schließlich beobachtete Leah, wie Jonas aus dem Wohnzimmer in den Park ging, er sah nachdenklich aus. Sie entschuldigte sich bei Viktor und wollte ihm hinterher, doch jetzt hielt Trude sie auf.
„Komm‘ mal her, Leah. Und lass Jonas mal einen Augenblick allein“, bat sie sie.
„Was geht hier vor, verdammt!“, schrie Leah ihre Tante an, Trude schob Leah energisch in ein Zimmer, in dem sie ungestört waren.

„Ich habe vor zwei Wochen erfahren, was damals mit Emanuela und Jonas war. Sarah hat mir die ganze Geschichte erzählt. Und ich bin mehr als entsetzt darüber!“ Trude wirkte mächtig wütend.. „Auch wenn ihr nicht verlobt ward, sein Verhalten war schändlich und in höchstem Maße verletzend für dich. Und so was toleriere ich nicht – nicht in meiner Familie!“
Leah runzelte die Stirn. „Aber ich hab’ ihm das doch längst verziehen … Es ist doch alles in Ordnung jetzt.“ Sie legte ihrer Tante eine Hand auf die Schulter.
„Ich habe Herrn Pech gebeten zu kommen – und um dich zu werben. Jonas soll sehen, was es heißen könnte, dich an einen anderen Mann zu verlieren. Er soll sich immer bewusst sein, was für eine tolle Frau du bist.“ Leah bemerkte, dass Trude Tränen in den Augen hatte – und war selbst gerührt.
„Trudchen – es ist wirklich alles okay zwischen Jonas und mir“, beruhigte Leah sie.
„Wenn du das sagst, Liebelein …“ Trude tätschelte ihr die Hand, dann grinste sie wieder verschlagen. „Und ich hab’ ihm noch was gesagt.“ Sie zwinkerte Leah zu. „Ich hab’ ihm gesagt, dass kein Mann ungestraft davon käme, wenn man eine Frau aus unserer Familie betrügt“.
„TRUDE!“, schrie Leah empört auf.
Trudchen lachte. „Du hättest mal sein Gesicht sehen sollen!“ Sie bekam sich jetzt nicht mehr ein.
„Du bist unmöglich! Du sollst ihm doch keine Angst machen – der arme Jonas!“ Leah konnte nur noch den Kopf schütteln.
„Der arme Jonas wird es verkraften“, kicherte Trude. „Und jetzt kannst du zu ihm gehen. Aber Leah …“
„Ja?“ Leah war schon im Begriff in den Garten zu gehen, sie wandte sich noch einmal ihrer Tante zu. „Lass’ ihn doch noch ein bisschen in dem Glauben was den Männern mit uns Paulsen-Frauen blühen könnte – der Schock könnte ganz heilsam für ihn sein“, gluckste sie weiter.

„Hey, was ist los?“ Leah legte eine Hand von hinten auf Jonas‘ Schulter, er drehte sich zu ihr um und zog sich ganz fest an sich. „Ich liebe dich, Leah. Hörst du? Und ich werde dir nie mehr wehtun.“ Er sah sie treu an.
Sie küsste ihn zärtlich. „Komm wir gehen wieder hinein …“

Es wurde eine lange Nacht, eine Nacht, in der Emanuela Cortez die Lust an Jonas verlor. Eine Nacht, in der sie offenbar jemanden fand, der auch an ihr ernsthafter interessiert zu sein schien, denn man sah sie mit Viktor Pech engumschlungen verschwinden.

Eine Nacht, in der Trude plötzlich verschwand und still und heimlich in die Toskana abreiste, ohne jemandem etwas davon zu erzählen.

Eine Nacht, in der ein Kind gezeugt wurde…

ENDE