Eine zweite Chance – Teil 1

Charlotte bemühte krampfhaft, ihre Fassung nicht zu verlieren, schon allein wegen ihrer beiden Mädchen. Aber jetzt, nach diesem Lied, war es darum endgültig geschehen. Sie konnte ein lautes Aufschluchzen einfach nicht mehr zurückhalten.
Er hatte dieses Lied immer so geliebt und mit den beiden Kleinen gesungen.
Auch Suri hatte jetzt mitgesungen, sie hatte sich richtig gefreut, als sie es erkannte und hatte begeistert in die Händchen geklatscht. „Hör!“ Aufgeregt hatte sie an Charlottes Ärmel gezupft und sie angestrahlt. „Papa singt!“
„Das ist doch nicht Papa“, wurde sie prompt darauf von ihrer Schwester Luna zurechtgewiesen. „Papa liegt da doch da drin!“
Luna wies auf den Sarg, der mit vielen weißen Rosen geschmückt war.
„Gar nicht“, hatte Surya laut protestiert.
Charlotte hatte sie über die blonden Löckchen gestreichelt und ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben. „Doch, meine Süße. Aber jetzt müssen wir wieder leise sein.“
Während der Predigt war Suri auf ihren Schoß geklettert und hatte sich an sie gekuschelt, während Charlottes Vater Stefan die kleine Luna fest im Arm hielt.
Sein Gesicht war einfallen, die Augen von tiefen Rändern untergraben. Auch ihn hatte sein Tod sehr mitgenommen.
Mit Suri auf dem Schoß fiel es ihr jetzt ein wenig leichter, nicht zu weinen. Um sich herum hörte sie viele leise Schluchzer, dann war der Gottesdienst beendet und Charlotte nahm ihre beiden kleinen Töchter fest an die Hand.

Sie gingen langsam hinter dem Sarg her. Wenn die kleine Suri jemanden in der Kirche erkannte, winkte sie demjenigen freundlich zu.
Nein, sie schien es noch nicht wirklich zu begreifen, dass dies hier die Beerdigung von ihrem Papa war.
Luna war dagegen ganz anders. Seit seinem Tod war sie sehr ernst und hatte sich in sich zurückgezogen. Charlotte brach es das Herz, sie so traurig zu sehen.
Sie hatte so sehr an ihrem Paps gehangen und sie war sein exaktes Ebenbild, wie eine kleine weibliche Version von ihm.
Suri ähnelte vom Gesicht ein bisschen mehr Charlotte – auch die blonden Locken hatte sie von ihr, doch auch sie hatte seine braunen Augen geerbt.
Als sie am Grab standen, zupfte Luna ihre Mutter am Ärmel. Charlotte beugte sich zu ihr hinunter und sah es in ihren dunklen Augen glitzern.
„Ich will nicht, dass man Paps da reinlegt.“ Sie zeigte auf die ausgehobene Grube. „Da ist es doch kalt.“
„Luna, mein Schatz. Paps merkt das gar nicht mehr. Er ist schon längst im Himmel und schaut uns von oben zu“, sagte Charlotte leise.
„Papili ein Engel“, flüsterte Surya ehrfürchtig und nickte ihrer Schwester so eifrig zu, dass ihre blonden Löckchen wild umherflogen.
„Ich will aber, dass Papa hier ist!“ Luna schob ihre bebende Unterlippe vor und jetzt kullerten die ersten Tränen.
„Ich auch, mein Schatz.“ Charlotte ging in die Hocke und nahm ihre Tochter fest in den Arm. „Ich auch“, weinte sie leise.

Irgendwie bekam Charlotte vom Rest der Zeremonie nur noch am Rande etwas mit. Sie hielt ihre beiden Töchter ganz fest im Arm und schließlich war es ihr Vater, der sie behutsam hochzog.
„Komm Mäuschen, verabschiede dich von ihm, es ist Zeit“, sagte er mit tränenerstickter Stimme.
Charlotte nickte nur, nahm die Schaufel und gab damit etwas Erde auf den Sarg, dann warf sie eine rote Rose hinterher. „Mach’s gut. Ich werde dich immer lieben.“ Wieder brach sie in Tränen aus, fand schließlich Trost in den Armen ihres Vaters, der sie um die Hüfte packte und vorsichtig vom offenen Grab wegzog.
Ihre Mutter Heidi nahm die beiden Mädchen an die Hand und folgte ihnen.

Sie fuhren in das Lieblingsrestaurant von Charlotte und ihrem Mann. Es lag sehr verträumt an der Alster, und man konnte von drinnen auf den Fluss schauen.
Doch jetzt im Januar war es noch trübe und leicht neblig. Es passte zu Charlottes Stimmung, sie hätte es nicht ertragen, wenn heute die Sonne geschienen hätte.
Sie selbst rührte keinen Bissen von dem Essen an, ermunterte Luna und Suri aber dazu, etwas zu sich zu nehmen.
Suri stürzte sich sofort auf den Kuchen, während Luna nur den Kopf schüttelte. „Hab keinen Hunger.“
„Aber hey, meine kleine Mini-Mausi. So was will der Opa Stefan nicht hören.“ Energisch schob er ihr etwas Suppe hin.
„Hab keinen Hunger“, beharrte sie trotzig.
„Lunalein… Du musst doch was essen, nur ein bisschen.“ Stefan zog jetzt ebenfalls eine Schnute und nahm sich Lunas Stoffpuppe. „Sonst ist der kleine Affe hier auch ganz traurig.“
„Er heißt Pippo“, sagte Luna leise.
„Na gut, dann isst halt der Pippo zusammen mit mir dein Süppchen“, erklärte Charlottes Vater und begann, die heiße Flüssigkeit anzupusten.
„Der Pippo kann doch gar nicht essen. Der ist doch ein Stoffaffe“, warf Luna ein und schaute ihren Opa fassungslos an.
Auch Suri hing jetzt an Stefans Lippen.
„Klar kann Pippo essen – passt mal auf!“ Der Opa hielt sich jetzt Pippo vor den Mund und drehte sich etwas, sodass es wirklich fast so aussah, als würde der kleine Stoffaffe etwas Suppe abkriegen.
„Du schummelst, Opa Stefan“, protestierte Luna, doch sie fing an zu kichern.
„Opa Stefan Ssummler“, rief jetzt auch Suri lachend.
Charlotte atmete für einen Moment auf. Sie war froh, dass ihre Eltern ihr in den letzten Tagen beigestanden und sich mit um die Kinder gekümmert hatten. Sie hätte nicht gewusst, wie sie es ohne die beiden überhaupt alles hätte schaffen sollen.

„Hey Charlie.“ Ihr bester Freund Michael holte sich einen Stuhl und setzte sich zu ihr. Er war gestern angekommen und sie war ihm sehr dankbar, dass er hier war. „Wie geht es dir?“
Charlotte zuckte nur mit den Schultern und schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, Michael. Ich fühle mich so leer. Und alles ist so sinnlos geworden.“
„Ist es nicht. Du hast doch deine beiden Mädchen.“ Michael nahm Charlottes Hand und sah sie ernst an. „Schon allein für sie macht doch alles einen Sinn.“
„Ich weiß. Und er hätte bestimmt auch nicht gewollt, dass ich so rede, was?“ Sie versuchte ein Lächeln.
„Nein, hätte er nicht.“ Ihr Freund streichelte ihr sanft durchs Haar. „Du weißt, wie gerne Jonny gelacht hat, wie fröhlich er immer war. Es hätte ihm nicht gefallen, dich hier so sitzen zu sehen.“
„Aber … aber was soll ich denn bloß tun ohne ihn?“
Michael sah ihr fest in die Augen. „Du kennst meine Antwort, Charlie.“
Sie schüttelte nur den Kopf. „Nein, ich gehe nicht zurück nach Köln.“
„Aber was willst du denn noch hier?“
„Ich habe Freunde hier. Und hier ist mein zuhause“, antwortete Charlotte heiser.
„Freunde hast du in Köln auch – schau doch nur.“ Er deutete mit dem Kopf hinter sich. Dort saßen an einem Tisch Philipp und Svenja, alte Bekannte aus Köln. Und Mike Herbertz, Hannah und Inka, Kollegen von dem renommierten Verlagshaus, in dem Charlotte einmal tätig gewesen war – und in dem sie auch Jonny kennengelernt hatte.
Doch nach ihrer Hochzeit war sie mit ihrem Mann nach Hamburg gezogen. Er hatte dort einen gut bezahlten Job angeboten bekommen und Charlotte hatte nicht gezögert und ihn begleitet.
„Ich gehöre hierhin…“, antwortete Charlotte ausweichend.
„Charlotte, Jonny ist tot. Was sollte dich hier halten? Wir sind doch alle in Köln. Und auch deine Eltern. Du weißt, wie sehr Luna und Suri an ihnen hängen. Schau doch nur…“ Er wies auf Stefan Melzer, der jetzt auf jedem Bein eine kleine Enkeltochter balancierte und mit ihnen Späße machte.
„Bitte hör’ auf, Michael.“ Charlotte wollte darüber einfach nicht nachdenken. Köln war mit so vielen Erinnerungen verbunden, sie wollte sich dem jetzt nicht aussetzen.
„Okay, vielleicht ist das hier nicht der richtige Zeitpunkt“, lächelte er. „Aber bitte versprich mir, dass du es dir wenigstens überlegst.“
„Ach Michael…“, wollte sie protestieren, doch er schaute sie so voller Wärme an, dass ihn nicht so schroff abweisen konnte. „In Ordnung, ich werde darüber nachdenken.“

Die Gesellschaft löste sich nach und nach auf. Man verabschiedete sich herzlich und zu Charlottes Erleichterung hatten ihre Eltern die beiden kleinen Mädchen so abgelenkt, dass sie von der traurigen Stimmung und den Tränen um sie herum gar nicht viel mitbekommen hatten.
„Charlotte. Ich möchte nochmals sagen, wie sehr mir dein Verlust leidtut. Das Gleiche soll ich dir auch von meinem Mann ausrichten. Er wäre gerne auch zur Beerdigung gekommen, aber es gab einfach zu viele Termine.“ Magdalena Herbold sah, wie eigentlich immer, blendend aus. Sie war die Frau ihres Ex-Chefs aus Köln. Charlotte bewunderte diese Frau insgeheim für ihren Stil.
„Danke, das ist nett“, antwortete Charlotte heiser.
„Wenn du irgendwas brauchst, dann lass’ es uns wissen.“
„Danke, aber ich komme schon klar.“ Charlotte versuchte möglichst zuversichtlich zu klingen.
„Wo sind… wo sind denn Jonnys Eltern?“
„Sie sind nicht zur Kirche gekommen. Sie müssten jetzt auf dem Friedhof sein, ich werde sie nachher treffen. Seine Mutter hat das sehr mitgenommen, wir fanden es besser, wenn sie sich in aller Ruhe von ihm verabschiedet“, flüsterte Charlotte mit tränenerstickter Stimme.
„Verstehe. Es muss sehr schwer für sie sein“, antwortete Magdalena Herbold.
„Ja.“
Magdalena zog sie fest in ihre Arme. „Charlotte. Ich weiß, was dein Freund Michael dir vorgeschlagen hat. Und ich habe mit meinem Mann Julius auch schon darüber gesprochen. Es wäre wirklich schön, wenn du zurück nach Köln kämst. Überleg’ es dir doch. Für dich ist immer eine Stelle frei.“ Sie streichelte Charlotte sanft über den Rücken. „Auch wenn es jetzt vielleicht zu überhastet ist, Entscheidungen zu treffen. Aber du sollst wissen, dass wir uns alle darüber freuen würden.“
„Danke Magdalena“, sagte Charlotte leise.
„Versprich mir, dass du darüber nachdenkst, ja?“
„Okay“, presste Charlotte nur mühsam hervor.