Eine zweite Chance – Teil 2

Hannah, Svenja, Philipp und Mike verabschiedeten sich ebenfalls sehr herzlich von Charlotte. Auch wenn sie sich nur noch ganz selten sahen, so traf sie sich doch gerne mit ihren alten Kollegen – es tat ihr gut, dass sie so an Jonnys Tod Anteil nahmen.
Und mit dem Karikaturisten Mike hatte sie in den letzten Tagen viel telefoniert. Gerade er hatte ihr sehr viel Trost spenden können. Seine Frau war vor einigen Jahren gestorben und er konnte sich gut in sie hineinversetzen.
„Charlotte, mein Liebes, es tut mir so leid.“ Mike nahm sie in den Arm. „Er war so ein toller Mensch. Es ist eine Schande, dass das passieren musste. Und so ungerecht dazu.“
„Danke Mike“, sagte sie und drückte seine Hand.
„Und deine beiden Prinzessinnen – sie sind wunderschöne kleine Mädchen. Einfach bezaubernd.“
„Ja, das sind sie“, lächelte Charlotte. „Sie waren Jonnys ganzer Stolz.“
„Wir müssen leider los“, sagte Hannah bedauernd zu ihr, alle zusammen gingen sie zu Mikes Jaguar.
„Danke, dass ihr da ward. Das hat mir viel bedeutet.“
„Ich hab Jonny sehr gern gehabt. Er war ein klasse Typ.“ Hannah umarmte Charlotte noch einmal heftig.
Jetzt waren nur noch ihre Eltern und Michael da.
Charlotte zog die Mädchen an und man fuhr in Charlottes Wohnung. Es wurde schon langsam dunkel und Charlotte erwartete auch jeden Moment Jonnys Eltern.

Es klingelte, ihr Vater Stefan öffnete die Tür. Jonnys Eltern waren chaotische, aber ungemein liebe Menschen. Nachdem sie zu Jonnys und ihrer Hochzeit nicht gekommen waren, weil sie sich trotz Navigationsgerät andauernd verfahren hatten, hatte Charlotte sich schon Gott weiß was ausgemalt, was die beiden wohl für Charaktere waren. Aber die Sorge war unbegründet. Jonnys Eltern hatten Charlotte sofort in ihr Herz geschlossen. Sie waren einfach nur liebenswert, Jonnys Vater war Maler und die Mutter Musikerin in einem Orchester. Jonnys Vorliebe für alles Bunte und Verrückte kam eindeutig von ihnen.
Sein Vater stammte aus Polen, die Mutter aus Portugal – die Sprache, in der sie sich unterhielten, war ein heiloses Wirrwarr.
Suri und Luna liefen sofort auf ihre Großeltern zu. Opa Konrad hob Luna hoch und Mariana Woźniak drückte Suri an sich. „Ihr werdet ja immer hübscher.“
„Komm Konrad, wir trinken uns erst mal einen.“ Stefan legte einen Arm um Jonnys Vater, der dankbar nickte.
„Aber nicht zuviel, du musst noch fahren“, protestierte seine Frau.
„Lass mal, Mariana. Wir können jetzt alle einen Schluck gebrauchen.“ Charlottes Mutter Heidi zog sie aufs Sofa und schenkte ihr ebenfalls einen Kurzen ein.

Charlotte war froh, dass ihre Eltern sich so gut mit den Woźniaks verstanden. Es war trotz der großen Entfernung, die sie voneinander trennte, eine sehr innige Freundschaft entstanden und wenn man sich zu Geburtstagen sah, wurde es immer eine lustige Runde.
„Du auch, Mäuschen?“, fragte ihr Vater und schaute sie aufmunternd an.
„Nein danke“, antwortete Charlotte. Sie ging mit den Mädchen in Lunas Kinderzimmer und begann mit ihnen zu spielen. Ablenkung konnte sie jetzt wirklich gut gebrauchen.
Die Mädchen stürzten sich mit Feuereifer auf das Memory-Spiel und Charlotte hing viel zu sehr ihren Gedanken nach, als sich zu konzentrieren. Sie verlor mehrere Male haushoch.
Die Woźniaks blieben noch bis zum späten Abend. Charlotte hatte Jonnys Mutter gebeten, sich einige Dinge als Erinnerungsstücke herauszusuchen und so verließ Mariana mit einem kleinen Karton die Wohnung.
„Wir werden morgen wieder nach Hause fahren, Charlotte“, erklärte Konrad ihr.
„Ist gut“, nickte Charlotte nur.
„Komm uns bald mal besuchen“, fest drückte er sie an sich.
„Das mache ich“, versprach sie ihm unter Tränen.

„Kommst du klar, meine Kleine?“, fragte ihr Vater sie schließlich.
„Ja, danke…“, murmelte sie traurig.
„Die Beerdigung ist immer am schlimmsten. Danach wird es besser, du wirst sehen.“
„Das glaub’ ich nicht, Mama“, flüsterte Charlotte heiser.
„Doch Charlotte. Mit der Zeit wird es nicht mehr so wehtun.“ Sie küsste Charlotte auf die Stirn, dann zogen sich die beiden ins Gästezimmer zurück.
Michael blieb noch eine Weile, dann verabschiedete auch er sich. Er schlief in einer Pension in der Nähe, und Charlotte verabredete sich mit ihm am nächsten Tag zu einem Frühstück.

Charlotte sah noch einmal nach ihren Töchtern. Luna schlief tief eingekuschelt mit Pippo in ihrem Arm. Über ihrem Bett war hatte Jonny einen Himmel mit einem großen Mond angebracht, der im Dunkeln leuchtete. Das Motiv des Mondes fand sich noch öfter in ihrem Kinderzimmer wieder.
Sie küsste das kleine Mädchen und strich ihr die wilden dunklen Locken aus dem Gesicht. Es war fast schon schmerzhaft zu sehen, wie sehr sie ihrem Vater ähnelte.
Surya war ebenfalls schon tief eingeschlafen. Charlotte setzte sich einen Moment zu ihr auf die Bettkante. Seit zwei Wochen schlief sie ohne Windel und war sehr stolz darauf. Jonny hatte mit ihr daraufhin eine „Windel-Vernichtungsparty“ veranstaltet. Es war eine riesengroße Sauerei, das Vlies aus den Windeln staubte fürchterlich, doch Suri hatte über das ganze Gesicht gestrahlt.
Surya. Charlotte erinnerte sich an die Diskussion um ihren Namen. Jonny wollte unbedingt, dass Luna ein Gegenstück bekam und er setzte sich schließlich mit diesem indischen Namen für Sonne durch.
Eins der wenigen Male, in denen sie richtig Streit hatten, denn meist gab Jonny nach. Doch in diesem Punkt war er unglaublich stur.
Im Nachhinein fand Charlotte diesen Namen dann auch für die Kleine sehr passend. Denn Suri war wirklich ein kleiner Sonnenschein. Sie lachte viel, war ein offener, sehr kontaktfreudiger Mensch, während Luna, die ein Jahr älter war, zwar sehr temperamentvoll, aber Fremden gegenüber eher schüchtern war. Im Sommer sollte auch Suri in den Kindergarten kommen und sie war schon mächtig gespannt darauf.
Seufzend verließ Charlotte das Kinderzimmer, sie ließ eine kleine Sonnenlampe als Schlaflicht brennen.

Sie ging ins Bad und nahm sich die Kontaktlinsen heraus. Als sie sich fertig abgeschminkt hatte und ihre blonden Haare löste, die sie zu einem Knoten geschlungen hatte, bemerkte sie erst einmal wie müde sie aussah.
In den letzten Nächten hatte sie kaum Schlaf gefunden. Jonnys plötzlicher Tod und die damit verbundenen Formalitäten und Erledigungen hatten ihr sehr zugesetzt.
Sie hing den schwarzen Hosenanzug auf einen Bügel und ging dann in ihr Schlafzimmer. Charlotte konnte nicht glauben, dass seit dem Unfall schon acht Tage vergangen sein sollten. Ihr kam alles so vor, als wäre es erst gerade eben geschehen.

Es war genauso eine ungemütliche Nacht wie diese, leicht neblig und sehr kalt, die Straßen waren glatt und Charlotte hatte ihn in seinem kleinen Verlagsbüro angerufen und gebeten, vorsichtig zu fahren.
Keine Sorge, Charlotte. Ich passe schon auf.
Sie hatte seine Stimme noch gut im Ohr.
Ich liebe dich. Gleich bin ich bei euch.
Das waren seine letzten Worte an sie gewesen.
Aber er kam nicht. Es wurde später und später. Suri und Luna wurden ebenfalls immer unruhiger. Vor allem Luna wirkte total ängstlich. Immer wieder fragte sie nach, wann denn der Papa käme.
Papili kommt gleich? Ja?
Auch Suri nervte Charlotte mit Fragen.

Aber statt Jonny standen am Abend zwei Polizisten vor der Tür. Charlotte spürte, auch ohne dass sie etwas sagten, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste.
Sie hatte ständig versucht, ihn auf dem Handy zu erreichen, er hatte nicht abgehoben.
„Frau Woźniak?“, hatte einer der Beamten sie freundlich angesprochen.
Charlotte nickte nur und ließ sie eintreten, dann schickte sie schnell die Mädchen auf ihre Zimmer.
Sie bekam nur am Rande mit, was geschehen war. Irgendwas von Eisglätte und mehreren Auffahrunfällen durch einen LKW, der die Autos ineinandergeschoben hatte. Jonny sei eingeklemmt gewesen und noch an der Unfallstelle verstorben.
Charlotte hatte eine Zeit lang nur dagesessen und die Beamten angestarrt. Sie wusste, dass das, was sie sagten, stimmen musste. Aber irgendwie rechnete sie trotzdem damit, dass jeden Moment die Wohnungstür aufging und Jonny hineinkommen würde.
„Es tut uns leid“, hatte einer der Polizisten gesagt.
Charlotte hatte wie mechanisch geantwortet. Dann hatte sie ihre Eltern angerufen. Sie hatte es ganz ruhig erzählt, konnte nicht eine Träne weinen.
Ein paar Stunden später waren Heidi und Stefan da. Charlotte wusste nur noch, dass ihr Vater sie in die Arme genommen und es Charlotte dann wie einen Schlag getroffen hatte.
„Er ist tot, Papa…“, hatte sie immer wieder nur geflüstert.

Luna hatte ganz ähnlich wie Charlotte reagiert. Sie hatte zunächst kein Wort gesprochen, was Charlotte Angst gemacht hatte. Sie wollte auch in den Kindergarten gehen, dort – irgendwann im Laufe des Vormittages – hatte sie begonnen zu weinen. Charlotte hatte sie sofort abgeholt und zusammen mit ihren Eltern hatte man es geschafft, sie zu beruhigen.
Suri hatte mit offenem Mund zugehört. Erst fand sie die Vorstellung, dass ihr Papi jetzt im Himmel und ein Engel war, wohl sehr schön.
Erst Luna machte ihr unmissverständlich und sehr drastisch klar, was es bedeutet, wenn jemand tot ist.
Papas Herz tut nicht mehr schlagen. Und er kommt in eine Kiste, dann muss er in der Erde liegen… und wir können ihn nie wieder sehen und mit ihm spielen…
Suri hatte laut angefangen zu schreien und zu trampeln. Es war schlimm für Charlotte, ihre Kleine so verzweifelt zu sehen.

Aber dafür ist der Papa jetzt viel näher bei euch… Er ist im Himmel, also näher an der Sonne und näher beim Mond …
Opa Stefans Erklärung hatte Suri dann beruhigt.
Und außerdem ist er sowieso immer hier. Er hatte auf die Herzen der beiden Mädchen gezeigt, dann auf ihre Stirne. … und hier drin auch. Wir werden ihn immer liebhaben und wenn wir uns an ihn erinnern, dann ist er bei uns.
Ja, immer… Papa bei uns, Luna. Surya hatte ihre Schwester an der Hand genommen und sie getröstet.
Doch für Luna gab es keinen wirklichen Trost. Jonny war ihr ein und alles. Und Charlotte wusste, dass es für sie viel schwerer werden würde, als für ihre kleine Schwester.

Die beiden Mädchen waren zwar nur ein Jahr auseinander. Luna war fast vier, Suri knapp drei Jahre alt, doch Luna war sehr weit und verständig für ihr Alter.
Charlotte lächelte in sich hinein. Zuerst war sie verzweifelt gewesen, als sie drei Monate nach Lunas Geburt wieder schwanger geworden war. Eine kleine Unachtsamkeit und da war es passiert.
Aber Jonny hatte sie liebevoll getröstet und nach Suris Geburt blieb er viel zuhause, erledigte die meiste Arbeit von der Wohnung aus. Er kümmerte sich ausgiebig um Luna und nahm damit Charlotte einiges an schlechtem Gewissen ab, weil Surya als Säugling etwas mehr Aufmerksamkeit von ihr forderte.
Charlotte spürte, wie ihr die Tränen wieder hinab rannen. Wie sollte alles bloß weitergehen? Wie sollte sie weitermachen ohne ihn?
Mit ihm war die Welt bunt und chaotisch – aber voller Liebe und Fantasie gewesen. Er überraschte sie mit den verrücktesten Ideen, war eigentlich das größte Kind von allen.
Mit ihm zu Leben hieß vor allem eines: Lachen.
War dann nicht die logische Schlussfolgerung, dass ein Leben ohne ihn nur traurig werden könnte?