Eine zweite Chance – Teil 3

„Ist das wirklich in Ordnung, wenn ich mal kurz weg bin?“ Charlotte sah ihre Eltern fragend an.
„Ja, Mäuschen. Bestell dem Michael schöne Grüße.“ Ihr Vater Stefan gab Charlotte ihre Jacke und schob sie Richtung Tür.
Eigentlich hatte Charlotte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Eltern mit den beiden kleinen Mädchen alleine ließ. Doch sie versprachen, Luna gleich zum Kindergarten zu bringen und mit Suri auf den Spielplatz zu gehen.
„Jetzt geh schon, Charlotte!“ Auch ihre Mutter redete beruhigend auf sie ein. „Wir haben hier alles im Griff“.

Es war gerade mal halb neun Uhr und Charlotte fuhr bei der Pension vorbei, in dem ihr Freund Michael Unterkunft bezogen hatte. Sie war ein bisschen erleichtert, dass sie mal ein paar Minuten für sich hatte, ohne Kinder.
„Hey Charlie.“ Michael wartete schon vor der Pension, er hatte seine Reisetasche dabei. Sie wollten zusammen frühstücken gehen und danach würde Charlotte ihn zum Bahnhof bringen.
Sie fanden ein gemütliches Bistro. Charlotte saß vor einer großen Tasse Milchkaffee und frischen Croissants.
„Wie geht es dir?“, fragte Michael behutsam.
„Es geht“, seufzte Charlotte. Natürlich hatte sie fast die ganze Nacht kein Auge zugemacht, doch irgendwann hatte sie sich in den Schlaf geweint.
„Charlotte, du siehst beschissen aus. Gib es doch zu, wenn es dir schlecht geht.“ Michael griff nach Charlottes Hand und drückte sie leicht.
„Okay, es geht mir beschissen.“ Sie schaute ihn böse an. „Ich bin traurig – und auch wütend. Wieso musste das passieren? Wieso?“ Sie stützte ihr Gesicht auf ihren Händen auf. „Warum hat man uns auseinandergerissen? Es ist doch alles so komplett unnötig.“ Charlotte biss sich auf die Lippe, sie wollte hier in dem Café nicht
weinen.
„Tja, warum? Eine gute Frage, Charlotte. Warum passieren solche Dinge? Ich wünschte, ich könnte dir darauf eine Antwort geben.“ Michael lächelte sie traurig an.
„Die Kinder haben ihn so sehr geliebt – und ich auch“, flüsterte sie heiser.
„Ich weiß. Aber dein Leben ist noch nicht vorbei. Auch wenn sich das jetzt unheimlich klugscheißerisch anhört: Ein Abschnitt davon ist jetzt vorüber – aber du musst nach vorne sehen“, beschwor Michael sie.
„Wie soll ich das denn tun?“, zischte sie ihm zu. „Ich hab ihn verloren, Michael! Und Suri und Luna haben keinen Vater mehr. Da ist es nicht gerade leicht, nach vorne zu sehen…“ Ihre Stimme zitterte, aber sie kämpfte gegen die Tränen an.
„Du musst dich einfach dazu zwingen. Auch wenn es dir jetzt komplett irreal vorkommt, Charlotte. Wenn die Zeit der Trauer vorbei ist, musst du einfach weitermachen. Das bist du den süßen Mäusen schuldig.“ Er streichelte ihr sanft über die Haare. „Ich weiß, dass du das schaffst, Charlie. Du bist doch eine Kämpferin. Und früher hast du dich doch auch nicht unterkriegen lassen.“
„Das kann man nicht vergleichen.“
„Wie wäre es denn, wenn du ein paar Tage wegfährst mit den Kleinen? Urlaub machst, mal raus aus Hamburg?“
„Ich hab’ noch einiges zu regeln. Ich muss mir überlegen, was ich mit seinen Sachen mache.“
„Seinen Anziehsachen? Willst du sie in die Altkleidersammlung geben? Das kannst du nicht machen. Stell’ dir mal vor, Hamburgs Obdachlose müssten in Jonnys Klamotten herumlaufen! Na ja, das wäre zumindest ein buntes Bild.“ Michael grinste übers ganze Gesicht.
„Du bist unmöglich, weißt du das?“, zuerst war Charlotte empört, doch dann musste sie bei dem Gedanken an Jonnys Garderobe doch lachen. Ihr verstorbener Mann hielt sich nicht an die neusten Modetrends. Für ihn galt nur eine Devise: Hauptsache bunt und schrill.
„Manche Sachen sind aber auch schrecklich“, kicherte sie. „Aber er ließ sich da nicht beirren.“
„Er war schon ein schräger Vogel.“
„Ja, das war er. Und Luna hat seinen Modegeschmack geerbt. Sie kombiniert jetzt schon die grellsten Farben, hat immer irgendwelchen Schmuck an. Jonny hat den beiden immer die buntesten Ringe, Ketten oder Haargummis mitgebracht.“ Charlotte musste bei dem Gedanken an das Sammelsurium der beiden Mädchen lächeln. Sie hatten jede eine kleine Schatzkiste, er hatte sie mit ihnen zusammen gebastelt, und dort hüteten sie ihre Schmuckstücke.
„Vielleicht wird Luna ja mal eine Modedesignerin“, lachte Michael.
„Ja vielleicht. Oder Suri Sängerin – sie hat schon ein lautes Organ. Oma Mariana meint das auch.“
Michael betrachtete sie eine Weile. „Schön, dass du wieder lachst, Charlotte“, sagte er leise.
Charlotte beugte sich zu ihm hinüber. „Danke, dass du gekommen bist.“

Als Michael in den Zug stieg, wurde sie immer wehmütiger. Es hatte so gutgetan, mit ihm zusammen zu sitzen und zu reden. Früher hatte sie das oft getan, als sie noch in dem Verlagshaus in Köln arbeitete.

Ihre Eltern blieben noch ein paar Tage, halfen ihr bei den restlichen Formalitäten und schließlich fand man auch ein Secondhand-Geschäft, das Jonnys Anziehsachen haben wollte. Ein paar Kleidungsstücke von ihm behielt sie aber, davon konnte sie sich einfach nicht trennen.
Als ihre Eltern dann fort waren, kam sie sich so einsam wie noch nie in ihrem Leben vor.
Charlotte kümmerte sich liebevoll um ihre Mädchen. Das machte ihr Spaß und war eine schöne Aufgabe. Aber spätestens wenn auch Suri im Sommer in den Kindergarten ging, war sie vormittags alleine. Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn sie sich eine Stelle suchen würde?
Als Jonny noch lebte, hatte sie daran nicht gedacht. Er war öfters zuhause, konnte sich seine Zeit gut einteilen. Manchmal hatten sie Luna nicht in den Kindergarten gebracht und stattdessen Ausflüge gemacht, oder sie waren für ein verlängertes Wochenende ans Meer gefahren.
Charlotte liebte das. Von Hamburg aus war es nicht weit zur Nord- oder Ostsee. Und auch den Mädchen hatten es viel Spaß gemacht.
Vielleicht hatte Michael recht. Vielleicht sollte sie doch einmal mit ihnen wegfahren …

******

„Ach, sieh mal an. Traust du dich auch mal wieder hier hinein?“
David fing Michaels wütenden Blick auf und fragte sich, ob es so eine gute Idee gewesen war, schon bei ihm in der Tankstelle aufzukreuzen.
„Wie meinst du das?“, fragte David möglichst unbeteiligt und griff sich ein Segelmagazin.
„David. Schämst du dich eigentlich gar nicht? Du hättest – wenn du deinen Hintern schon nicht zur Beerdigung nach Hamburg bewegen konntest – Charlotte wenigstens eine Karte oder einen Brief schreiben können. Das ist ja wohl das Mindeste, was man von dir hätte erwarten können!“, tobte Michael los. David hatte ihn selten so wütend erlebt.
„Immerhin ward Ihr ja mal so was wie „Freunde“, oder hab ich da was falsch in Erinnerung“, giftete er weiter. „Nein, lass mich nachdenken. Ihr ward ja sogar kurzzeitig einmal mehr als das!“
David verdrehte die Augen. Natürlich hatte Michael Recht, aber er konnte es einfach nicht. Sich nach all den Jahren jetzt bei ihr zu melden – und dann zu so einem Anlass – er hatte dies nicht als richtig empfunden.
„Fang du nicht auch noch damit an! Meine Eltern haben mir damit auch schon in den Ohren gelegen!“
„Aha!“ Michael verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Und warum hast du es dann nicht getan?“
„Was?“
„Herrgott David! Mir platzt gleich wirklich der Kragen! Dich bei Charlotte gemeldet! Ihr wenigstens dein Beileid bekundet!“
„Michael, es ist schon so lange zwischen Charlotte und mir Funkstille. Was soll das also bringen? Es wäre ihr bestimmt nicht recht gewesen“, murmelte er trotzig. Was ging das Michael eigentlich an?
„Ja, ja! Rede dir das nur ein. Hast ein schlechtes Gewissen, was?“, legte sein Gegenüber nach.
Langsam packte David die Wut. „Wieso sollte ich das haben? Dazu gibt es keinen Grund!“
„Wenn ich bedenke, was Charlotte früher alles für dich getan hat, dann ist dein Verhalten einfach nur mies!“
„DAS IST JAHRE HER!“, wütete David. Dann knallte er ihm ein paar Euros für die Zeitschrift auf die Ladentheke und stürmte aus der Tankstelle.
Es tobte in ihm. Was sollte das alles? Er hatte keinen Kontakt mehr zu ihr und das war auch gut so.

*****

Der Wind war eisig, aber trotzdem war Charlotte froh, mit ihren beiden Mädchen an die Ostsee gefahren zu sein. Sie hatte Suri und Luna warm eingepackt, ihre Löckchen wurden durch bunte Fleecemützen verdeckt und über den Schneeanzügen hatte jede noch eine Buddelhose an. Ab und zu gab es heißen Tee und ein paar Kekse.
So ließ sich es auch im Januar an der See aushalten.
Doch nach vier Stunden am Meer wurde es Charlotte dann doch zu kalt. Mit zwei wütend tobenden Mädchen machte sie sich auf den Weg zurück in ihre kleine Ferienwohnung.
Seit einer Woche waren sie jetzt hier. Der erste Urlaub mit Kindern, ohne dass er dabei war.
Und sie vermisste ihn so sehr, es tat einfach nur weh.
Die Kinder ließen sich ablenken, doch ihr gelang dies nicht.
Es ist erst drei Wochen her, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Irgendwann wird der Schmerz nachlassen.
Doch sie konnte es sich nicht vorstellen.
Nach einer weiteren Woche kehrte sie dann zurück nach Hamburg. Irgendwie musste sie einen Trott finden und den Alltag für sich zurückgewinnen.

Sie brachte Luna wieder in den Kindergarten und ging mit Suri, sooft es das Februarwetter zuließ, hinaus. Nachmittags lud sie andere Kinder zum Spielen ein. Meist blieben ihre Mütter auch auf einen Kaffee und Charlotte genoss die Gesellschaft.
Auch ihre Freunde, die sie hier in Hamburg gefunden hatte, kamen regelmäßig vorbei und kümmerten sich um sie.
Aber die Nächte waren einsam. Sie hatte immer noch seine Bettwäsche draufgelassen, brachte es nicht übers Herz, sie abzuziehen und zu waschen. Sie roch noch etwas nach ihm, schaffte Nähe.
Er fehlte. So einfach war das.

Das Telefonklingeln unterbrach das Frühstück von Charlotte und ihren Mädchen. Luna war als Erste am Telefon, was einen wütenden Schreianfall von Suri zur Folge hatte.
„Ruhig jetzt!“, wies Charlotte die Kleinen an und griff sich rasch den Hörer.
„Woźniak“, meldete sie sich.
Man hörte nur ein Lachen am anderen Ende der Leitung. Charlotte erkannte es sofort.
„Hallo Charlotte. Hier ist Julius Herbold.“
„Hallo Julius. Warte mal kurz.“ Charlotte legte das Telefon rasch weg und rief die sich immer noch wütend anschreienden Mädchen zur Räson. Dann ging sie schnell in ihr Schlafzimmer.
„So, jetzt kann ich dich besser verstehen“, erklärte sie ihm hastig.
„Ich hab schon gehört, es gab einen Disput, wer ans Telefon gehen darf.“
„Ja, das ist immer das Gleiche“, erklärte ihm Charlotte verlegen. „Was kann ich für dich tun?“
„Ich möchte gerne mit dir sprechen. Ich habe ein Anliegen und es wäre mir wichtig, wenn wir das persönlich bereden könnten. Ich wäre auch bereit, nach Hamburg zu kommen. Wäre dir das recht?“ Seine Stimme klang einschmeichelnd und freundlich.
„Natürlich. Aber um was geht es denn?“ Charlottes Neugierde war jetzt geweckt.
„Wie gesagt. Das möchte ich nicht am Telefon machen. Ich könnte morgen da sein. Geht das?“
„In Ordnung. Ich werde schauen, dass ich Surya zu einer Freundin bringe. Luna ist im Kindergarten. Sollen wir uns um zehn Uhr in der Innenstadt treffen? Oder ist dir das zu früh?“, schlug sie ihm vor und nannte ihm eine Adresse.
„Nein, ich fahre gegen halb sechs los, das schaffe ich schon. Bis morgen dann“, antwortete er freundlich.

Aufgeregt wartete sie dann im Café. Sie war eine Viertelstunde zu früh, Julius kam überpünktlich. Dann sah sie überrascht auf, denn ihr Vater war auch dabei.
Die beiden Männer hatten eine gute Beziehung zueinander, das wusste sie ja. Ihr Vater arbeitete seit Jahren in der Villa von den Herbolds als Hausmeister.
„Hallo Charlotte. Entschuldige bitte nochmals, dass ich im Januar nicht zur Beerdigung kommen konnte, aber ich hatte leider wichtige Termine.“ Julius begrüßte sie herzlich.
„Ist schon gut.“ Charlotte versuchte ein Lächeln. „Deine Frau war ja da. Das hat mich sehr gefreut“.
„Das war ja wohl selbstverständlich.“ Er tätschelte kurz über ihre Hand und setzte sich hin.
„Mäuschen!“ Ihr Vater presste sie zur Begrüßung fest an sich und erdrückte sie fast.
„Hallo Papa. Was machst du denn hier?“, fragte sie erstaunt.
„Später, Mausi, später“, zwinkerte er ihr zu. „Erst mal brauch ich was zwischen die Kauleisten.“ Er schnappte sich die Karte und studierte sie eingehend.
Nachdem sie bestellt hatten, hielt es Charlotte aber nicht mehr aus. „Julius, Papa, bitte. Ihr macht es spannend. Was gibt es denn so Wichtiges?“
Julius lächelte ihr warm zu. „Tut mir leid, wenn ich dich auf die Folter gespannt habe. Es geht um meine Assistentin“, begann er schließlich.
Charlotte sah ihn misstrauisch an. „Was hab ich damit zu tun?“
„Viel – wenn es nach mir ginge“, antwortete er.
Charlotte setzte an und wollte gerade etwas einwenden, doch mit einer Handbewegung bat er sie zu schweigen. „Bitte Charlotte. Höre dir erst einmal an, was ich dir vorschlagen möchte“, lächelte er.
„Der Julius hat ein super Angebot für dich, Mäuschen.“ Ihr Vater rutschte aufgeregt auf dem Stuhl hin und her.