Eine zweite Chance – Teil 4

Charlotte wurde immer mulmiger. Ganz offenbar hatten die beiden etwas ausgeheckt. Und irgendwie hatte sie schon eine leise Ahnung, was das sein könnte.
„Also es ist Folgendes: Meine jetzige Assistentin, deine Nachfolgerin Frau Schneider, wird im Sommer den Verlag verlassen. Sie wird mit ihrem Mann nach Italien gehen“, begann Julius zaghaft.
„Und jetzt pass auf, was Julius dir anbieten möchte“, unterbrach Charlottes Vater ihn hastig.
„Ich weiß, dass du gerne hier in Hamburg lebst, Charlotte, aber könntest du dir nicht vorstellen, wieder für mich zu arbeiten? Wir haben doch immer gut harmoniert“, fuhr Julius Herbold fort.
„Aber es dürfte doch kein Problem sein, für diesen Job eine passende Kraft zu finden.“ Charlotte runzelte die Stirn.
„Ja, natürlich wäre das möglich. Aber ich habe deine Arbeit immer sehr geschätzt. Du kennst meine Arbeitsabläufe und ich habe keine Lust, Jemanden ganz neu einzuarbeiten. Ich werde vielleicht noch drei oder vier Jahre aktiv tätig sein und dann in den Ruhestand gehen. In meinem Alter gewöhnt man sich nicht mehr gerne an neue Gesichter. Du würdest mir wirklich einen großen Gefallen damit tun“, sagte Julius leise und ließ Charlotte nicht aus den Augen.
„Das wäre eine große Umstellung für mich“, lächelte Charlotte und rührte ihren Milchkaffee um.
„Charlotte, mir läge das wirklich sehr am Herzen. Mir ist auch klar, dass du wegen der beiden Mädchen nicht den ganzen Tag arbeiten kannst, Frau Schneider hatte auch nur eine Halbtagsstelle. Aber zumindest ein paar Stunden wären doch sicherlich möglich, und Einiges lässt sich ja auch von zuhause erledigen. Die kleine Suri kommt doch bald in den Kindergarten, stimmt’s?“, fuhr Julius fort.
„Ja, das kommt’se, das kleine Flöckchen.“ Stefan nickte eifrig und lächelte Charlotte aufmunternd an.
Sie versteifte sich. Ihre Ahnung hatte sie nicht getrogen und ganz offensichtlich war ihr Vater mitgekommen, um sie ebenfalls zu überreden. Aber alles in ihr sträubte sich dagegen, wieder in Köln zu arbeiten. „Ich lebe hier in Hamburg, Julius, und ich habe nicht vor, dies zu ändern.“
„Aber Mausi – überleg’ doch mal. Was willste denn hier so ganz allein? Der Jonny ist jetzt seit vier Monaten tot und du musst an deine Zukunft denken. Und wir sind doch auch in Köln … Wir könnten auf die kleinen Muckelchen aufpassen sooft du willst. Und du hast wieder ‚ne Beschäftigung.“ Ihr Vater nahm ihre Hand und drückte sie.
„Sehe ich so unterbeschäftigt aus?“, zischte sie ihm zu, doch ihre barschen Worte taten ihr sofort wieder leid.
„Nee, Mäuschen, wirklich nicht. Aber der Jonny wird davon auch nicht mehr lebendig, wenn du nur in der Stube hockst und um ihn weinst“, sagte Stefan mit heiserer Stimme.
Charlotte biss sich auf die Unterlippe. „Ich wohne hier. Hier ist mein Zuhause.“
„Mit Jonny war es das, Mäuschen, mit Jonny. Aber du hast Freunde in Köln – der Michael ist da, die Hannah. Svenja und Philipp mit ihren Schätzchen. Und Mama und ich. Und wir würden uns alle wie verrückt freuen, wenn du wiederkämst. Und noch dazu kannst du Julius einen großen Gefallen tun – und du hast einen sicheren, gut bezahlten Job. Mausi, überleg’ es dir doch wenigstens mal!“ Ihr Vater war mit seinem Stuhl immer näher an sie herangerutscht.
Doch in Charlotte rebellierte es. Natürlich waren das alles vernünftige Gründe. Und sie sehnte sich tatsächlich nach einer Beschäftigung. Aber zurück nach Köln? Zurück in das Verlagshaus? Und ihm wieder über den Weg laufen?
Sie bemühte sich um einen möglichst beiläufigen Tonfall, dann sah sie Julius fest in die Augen. „Was sagt David denn zu deiner Idee? Immerhin leitet er mit dir zusammen den Verlag und ich würde zwangsläufig ja auch mit ihm zusammenarbeiten müssen.“
„Die Entscheidung darüber, welche Assistentin ich einstelle, liegt bei mir“, sagte Julius entschlossen. „Da hat mein Sohn kein Mitspracherecht.“
Sie riss erstaunt die Augen auf. „Ihr arbeitet eng zusammen, du solltest darüber mit ihm reden.“
„Charlotte … Mich interessiert es nicht, was er darüber denkt!“, beharrte Julius Herbold energisch.
„Das sollte es aber! Und davon abgesehen: Ich werde nicht nach Köln zurückkommen.“ Charlotte faltete ihre Serviette zusammen und stand auf. „Wie ich schon gesagt habe, ich wohne hier, hier ist mein Zuhause“.
Sie legte einen Geldschein auf den Tisch und ging hastig hinaus.

Draußen angekommen holte sie erst mal tief Luft. Das Gespräch hatte sie doch mehr mitgenommen, als sie gedacht hatte.
„Mäuschen bitte …“ Sie hörte die Stimme ihres Vaters hinter sich, völlig außer Atem war er ihr gefolgt.
„Warum willst du denn nicht? Wegen dem jungen Herbold? Das sind doch olle Kamellen. Das ist doch alles schon vergessen.“ Er fasste Charlotte an ihren Schultern.
„Ach was, nicht wegen David.“ Charlotte fixierte ihre Schuhspitzen. „Ich … ich käme mir so vor, als würde ich Jonny verraten, wenn ich wieder zurück nach Köln gehe.“
„Charlie.“ Stefan hob leicht ihr Kinn an. „Jonny ist tot. Das ist leider eine Tatsache. Und dass du deswegen noch traurig bist, das ist vollkommen klar. Aber denk doch auch mal an dich – und an die Flöckchen. Wir sind doch auch dein Zuhause, oder?“ Ihr Vater sah sie mit einem herzerweichenden Blick an.
„Ja, Paps, ich weiß, aber…“ Charlotte schluckte, sie fühlte sich immer unsicherer. Natürlich würde es schön sein, wieder ihre Eltern in der Nähe zu haben. Auch für die Kleinen. Aber was war mit ihr?
Und was war mit David? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es ihn freuen würde, wenn sie ihm wieder täglich über den Weg lief.
„Mäuschen, ich gehe nicht eher hier weg, bis du mir versprochen hast, dass du es dir wenigstens in aller Ruhe überlegst.“

„Das wäre auch mein Wunsch – und mit David werde ich reden, wenn es das ist, was dir Sorgen macht.“ Auch Julius war jetzt neben sie getreten.
„Ich muss nachdenken.“
„Tu das.“ Ihr Vater zwickte sie in die Nase.
„Kommt … kommt Ihr noch mit?“, fragte sie die beiden Männer scheu.
„Nee – wir müssen zurück nach Köln. Deine Mutter hat in der Kantine viel zu tun und ich hab’ versprochen, ihr zu helfen. Mäuschen, auch sie wäre so froh, wenn du zurückkommen würdest“, begann er wieder.
„Ich werde es mir überlegen“, versprach sie ihnen und verabschiedete sich herzlich von den beiden. Dann ging sie zu ihrem Auto.

Auch wenn sie sich mit aller Macht dagegen sträubte – es arbeitete doch sehr in ihr. In jeder stillen Minute dachte sie über die Vorschläge der beiden nach. Und obwohl sie eigentlich sicher war, dass sie in Hamburg bleiben wollte, zerbrach sie sich den Kopf darüber, was wohl das Beste sei.
Sie verbrachte viel Zeit auf dem Friedhof, hielt stumme Zwiesprache mit Jonny. Versuchte zu ergründen, was er ihr raten würde.
Würde er es gut finden, wenn sie zurückginge? Was hätte er ihr geraten?
Er hatte immer gewollt, dass sie glücklich war. Würde sie es in Köln eher schaffen können als hier?
In den nächsten Tagen fand sie keine Lösung. Ihre Mutter rief oft an, versuchte sie zu überreden, genauso wie Michael, Hannah und Svenja.
Doch Charlotte blieb sich unschlüssig.

*****

„Du wolltest mich sprechen?“ David betrat das Büro seines Vaters und setzte sich auf einen Stuhl.
„Ja.“ Julius klappte einen Ordner zu und sah ihn ernst an. „Du weißt, dass Frau Schneider gekündigt hat und im Sommer den Verlag verlassen wird?“
„Ja, das tut mir auch sehr leid“, antwortete David. „Ich habe schon mit meiner Assistentin gesprochen und sie darauf vorbereitet, dass auf sie mehr Arbeit zukommen wird, bis du einen Ersatz gefunden hast.“
„Ich habe schon einen Ersatz gefunden, ich warte nur auf die Zusage.“
David wurde misstrauisch. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass die Stelle ausgeschrieben worden war, normalerweise war er mit in Personalfragen einbezogen.
„Ich habe Charlotte gebeten, wieder für mich zu arbeiten“, kam es kurz und knapp.
David sah ihn entgeistert an. „Charlotte? Was soll das? Warum gerade sie? Außerdem lebt sie doch gar nicht hier, oder?“
„Nein. Aber du weißt ja – auch wenn du es geflissentlich ignoriert hast – dass ihr Mann gestorben ist. Ihre Eltern machen sich Gedanken um sie, hätten sie gerne wieder hier. Und eine Beschäftigung würde ihr sicher guttun.“
„Dann soll sie stricken lernen“, blaffte David los. „Was soll das? Wir sind doch kein Therapieplatz für vereinsamte Witwen!“
Julius schlug mit seiner Hand wütend auf die Schreibtischplatte. „Ich dulde nicht, dass du so über sie sprichst. Immerhin ward ihr mal liiert – was soll das also?“
„Betonung auf WAR“, brüllte David zurück. Er fasste es einfach nicht. Charlotte – ausgerechnet sie! – wollten sie ihm wieder vor die Nase setzen.
„Es reicht. Hier geht es darum, was das Beste für unser Verlagshaus. Sie würde sich ja nicht in deine Belange einmischen, sondern wieder für mich arbeiten. Und sie wäre auch nicht den ganzen Tag hier, sie hat zwei Kinder. Also höre auf, dich von deinem verletzten Stolz leiten zu lassen!“ Julius‘ Stimme war eisig und duldete keinen Widerspruch. „Du wirst sie kaum sehen müssen, wenn du das nicht willst, also beruhige dich. Und führe dich nicht auf wie ein Idiot!“
„Danke Vater! Und wann fängt sie an?“, fragte er sarkastisch.
„Ich weiß noch gar nicht, ob sie überhaupt hier wieder anfängt. Wir haben ihr das angeboten, noch überlegt sie es sich. Ich wäre allerdings sehr erleichtert, wenn sie annehmen würde. Sie ist klug und kennt sich hier bestens aus.“ Julius deutete auf die Tür, für ihn war das Gespräch beendet.
David verstand und erhob sich. Er musste das jetzt erst mal verdauen. Er nickte seinem Vater noch einmal zu und verließ schnell sein Büro.

Er bat seinen Freund Philipp mit ihm abends einen trinken zu gehen, er musste einfach mit jemandem darüber reden.
„Mein Vater will, dass Charlotte wiederkommt“, berichtete er ihm mürrisch.
„Ich weiß, dass das im Gespräch ist“, kommentierte sein Freund nur.
„ACH? DU WEIßT DAS?“ In David kochte es hoch. „Und ich erfahre davon nichts, oder was?“ Er schlug mit der Faust auf die Theke und orderte noch einen Drink.
„Ich weiß es von Svenja, sie hat mit Charlie telefoniert!“, blaffte Philipp zurück. „Es ist noch nicht spruchreif – also reg’ dich ab! Und außerdem: Was wäre denn so schlimm daran? Charlotte hat ausgezeichnete Qualifikationen und dass sie den Job kann, hat sie ja schon bewiesen. Und es wäre ja auch nur halbtags. Wenn du nicht willst, bräuchtest du sie gar nicht zu sehen. Und selbst wenn: Was stört dich denn so daran? Die Sache ist schon Jahre her. Du hast doch selbst immer gesagt, dass sie dir egal ist. Also!“ Sein Freund musterte David kritisch.
„Sie ist mir auch egal!“, motzte David zurück. „Ich mag es nur nicht, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden! Mein Vater hat mich übergangen!“
„Ach so, das ist es. Was hättest du denn gesagt, wenn er dich gefragt hätte, ob man Charlotte bitten sollte, zurückzukommen?“, hakte Philipp nach.
„Natürlich Nein!“, platzte es sofort aus David heraus.
„Oh David…“, stöhnte Philipp auf, dann schüttelte er den Kopf und trank seinen Drink aus.