Eine zweite Chance – Teil 5

David fuhr wütend zurück in seine Wohnung. Seit drei Jahren hatte er diese noble Bleibe jetzt schon, er hatte sie sich kurz nachdem er von einer langen Seereise mit seinem Boot zurückgekehrt war, gesucht.
Ein Jahr lang hatte sogar eine Frau hier mit ihm zusammengelebt. Na ja – mehr oder weniger zusammengelebt. Nadja. Aber irgendwie hatte das nicht geklappt und David hatte beschlossen, Single zu bleiben.
Natürlich hingen seine Eltern ihm in den Ohren, dass er doch mal daran denken sollte zu heiraten, aber David hatte nur abgewunken.
Ich bin für die Ehe nicht geschaffen, hatte er ihnen erklärt.
Er holte sich eine Flasche Whisky und ließ sich müde auf sein Sofa fallen. Dabei hatte er einmal anders übers Heiraten gedacht.
Alles hätte er dafür gegeben, wenn sie ja gesagt hätte. Und er hatte sich für sie zum Affen gemacht.
David lachte bitter auf. Und ausgerechnet sie sollte jetzt wieder zurückkehren.
Er lehnte sich zurück, ließ den Whisky durch seine Kehle rinnen. Ein angenehmes Brennen breitete sich in seinem Hals aus. David schloss die Augen – und ob er wollte oder nicht – es kam ihm wieder in den Sinn.

„Ich heirate morgen, und zwar Jonny!“
„Charlie hör zu…“
„Nein, das war alles geplant von dir gewesen, oder? Das Hochzeitsgeschenk, der Polterabend. Du wolltest mich abfüllen, du weißt ganz genau, dass ich keinen Alkohol vertrage!“
„Charlotte bitte: Ich will dich, ich will dich jetzt, ich will dich jede Sekunde, jeden Tag, jede Stunde. Ich möchte dich heiraten!“
„Du willst mich heiraten? Ja klar, und dann überlegst du es dir wieder anders. Nein David, du kannst gar nicht lieben und wenn dann kannst du nur dich lieben. Das ist kein Spiel, das ist kein verdammtes Spiel hier. Du musst jetzt endlich akzeptieren, dass ich Jonny heirate. Lass mich bitte, du bist so ein schlechter Verlierer, du kannst einfach nicht verlieren! David Herbold, ich will dich nie nie wieder sehen, nie wieder!“
„Aber Charlotte – ich liebe dich doch…“

Entsetzt schlug er die Augen wieder auf. Jetzt konnte er nur noch den Kopf über sich schütteln. Wie konnte er sich damals nur so herablassen? Er hatte sie förmlich angefleht, ihn zu heiraten. Und sie?
Sie hat sich für diesen Clown entschieden. Damals war er sehr verbittert gewesen, für ihn war eine Welt zusammengebrochen.
Am nächsten Tag kam ihn noch Melissa besuchen, seine Ex-Verlobte, auch so ein Fehler in seinem Leben. Sie hatte ihn beschworen, zu Charlotte zu gehen.

„Selbst wenn sie sich für Jonny entschieden hat, du kannst doch nicht einfach verschwinden!“
„Doch, kann ich.“
„Man darf niemals auseinandergehen, ohne sich zu verabschieden – im Guten.“
„Es geht einfach nicht…“
„Du liebst Charlotte doch!“

Kurz darauf war er losgesegelt. Nein, er hatte sich nicht verabschiedet. Wozu auch? Womöglich hätte er ihr den Hochzeitstag noch vermiest mit seinem Erscheinen. Er war losgefahren. Er wollte weg, bloß noch weg von Allem.

Anfangs hatte es sehr wehgetan, doch mit der Zeit hatte er sich entliebt.
Zwei Jahre war er fort gewesen, hatte viel von der Welt gesehen. Hatte über vieles nachdenken können, was geschehen war.
Und er hatte sie frei geben können – seine Charlotte.
„Charlie.“ David lächelte bei dem Gedanken daran. Ja, es war immer seine Charlotte gewesen. Die Frau, die alles für ihn getan hatte, die ihm so oft aus der Patsche geholfen hatte – die auch in ihn verliebt gewesen war – nur zu einem anderen Zeitpunkt.
Das Timing war einfach schlecht gewesen, aber im Nachhinein war er doch ganz froh, dass alles so gekommen war. Er hätte sie vielleicht nicht glücklich machen können. Und sie ihn möglicherweise auch nicht.

Als er damals wieder nach Hause kam, fielen seine Eltern fast aus allen Wolken. Sie freuten sich über seine Rückkehr, machten ihm aber auch Vorwürfe, sich solange nicht gemeldet zu haben.
David hatte kein Handy dabei gehabt, hatte keinerlei Kontakt zu irgendjemandem gesucht. Und das war auch gut so.
Immerhin, in den zwei Jahren seines Segeltörns hatte er begriffen, dass er wieder in das Verlagsgeschäft einsteigen wollte. Und nach einigen Startschwierigkeiten hatte er es auch geschafft.
Seine Eltern hatten einen Brief für ihn aufbewahrt. Von Charlotte. Sie hatte ihn wohl am Tag ihrer Hochzeit geschrieben. Michael wollte ihn David übergeben, doch da war er schon losgesegelt.
David hatte ihn nie gelesen. Nach der langen Zeit war es sowieso bedeutungslos gewesen, was dringestanden hatte.

Und jetzt würde sie vielleicht wiederkommen.
„Na, dann soll sie doch!“, stieß er trotzig hervor und goss sich noch einen Whisky ein. Im Grunde konnte es ihm auch egal sein, was sie tat oder nicht. Und das war es natürlich auch.

*****

Charlotte dachte lange nach. Noch immer drehten sich ihre Gedanken um Julius‘ Angebot.
Wenn sie ehrlich zu sich war, gab es eigentlich nur ein Argument, das gegen Köln sprach. Und das hieß David Herbold.
Sie hatten sich im Streit getrennt. Sie hatte ihm einiges an den Kopf geworfen, bei ihrer letzten Begegnung.
Sie erinnerte sich noch ganz genau daran.
Er hatte einen Polterabend für sie und Jonny organisiert, als Geschenk für sie.
Kurz vorher hatte er ihr noch einen Heiratsantrag gemacht, den sie aber abgelehnt hatte. Es war schon kurios gewesen – sie hatte David lange Zeit geliebt, sie hatte ihn vergöttert, sie hätte alles für ihn getan.
Doch er hatte sie nicht zur Kenntnis genommen. Erst als Jonny in ihr Leben getreten war, hatte sich das Verhältnis zu David geändert. Plötzlich schien er sich für sie zu interessieren. Er hatte ihr eine wunderschöne Liebeserklärung gemacht, an einem See. Charlotte war so verwirrt gewesen.
Sie, die damals noch unschuldig gewesen war und noch nie einen Freund gehabt hatte, hatte jetzt zwei Männer, die um sie buhlten. Und sie hatte sich für Johnny entschieden.
Zuerst schien David es akzeptiert zu haben. Der Polterabend, den er ihr dann als Geschenk gemacht hatte, verlief dann auch zuerst wunderschön. Alle waren bester Stimmung, und David hatte ihr sogar ein Lied gesungen, ihr Lieblingslied.
Charlotte schloss die Augen. Sie konnte ihn wieder vor sich sehen – und hören.
Was dann passierte, hatte sie sich bis heute nicht erklären können. Sie hatte getrunken, etwas mehr, als ihr eigentlich gutgetan hätte.
Sie hatte sich eine ruhige Ecke auf der Dachterrasse des Hotels gesucht, auf dem die Feier stattfand. David hatte sie gefunden, sie hatten geredet, in Erinnerungen geschwelgt.
Und dann war es geschehen. Zuerst war es nur ein kleiner Kuss gewesen, dann folgte noch einer.
Ein Kuss, der ihr den Boden unter den Füßen weggerissen hatte. Der Gefühle in ihr hervorgelockt hatte, sie kam sich vor zu schweben, konnte nicht genug davon bekommen. Doch irgendwie holte sie wieder die Wirklichkeit ein, sie dachte an Jonny und das schlechte Gewissen schlug mit aller Macht zu.
Sie hatte David daraufhin einiges an den Kopf geworfen, manches tat ihr leid, manches aber auch nicht.
Er wusste, dass sie keinen Alkohol vertrug – und er hatte das für sich ausgenutzt.
Er hatte ihr zwar wieder beteuert, dass er sie liebte, doch es ging nicht. Sie konnte ihm nicht mehr glauben.
Sie war weggerannt und hatte ihn seitdem nie mehr wieder gesehen.

Charlotte hatte viel nachgedacht in dieser Nacht und kaum geschlafen. Doch am nächsten Morgen war sie sich sicher, dass es das Richtige war, Jonny zu heiraten.
Sie hatte David noch einen Brief geschrieben, sich für ihre Worte entschuldigt – und ihn gebeten, dass sie Freunde bleiben sollten. Doch er hatte sich nie darauf gemeldet.
Später hatte sie erfahren, dass er da schon auf einer Segelreise war.
Charlotte seufzte auf. Die Entscheidung, Jonny zu heiraten, hatte sie nie bereut.
Und kurz darauf war sie auch schon schwanger geworden mit Luna – Flöckchen Nummer eins, wie ihr Vater immer sagte.

Wieder kam ihr Julius‘ Angebot in den Sinn.
Nein – sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Auch wenn sie David an diesem Abend verletzt hatte. Wie oft hatte er sie vorher schon zur Verzweiflung gebracht?
Und nach all den Jahren sollte doch alles vergeben und vergessen sein.
Er hatte sich bestimmt ein eigenes Leben aufgebaut – und sie hatte das auch.
„Ich muss mich für nichts entschuldigen, David Herbold“, sagte sie trotzig. „Und wenn ich will, dann komme ich zurück!“
Sie beschloss, morgen mit Luna und Suri zu reden.