Eine zweite Chance – Teil 6

Charlotte rührte Kakaopulver in die Milch und stellte sie vor Luna hin. Sie selbst nahm sich nur einen Kaffee, während die beiden Mädchen an ihrem Brot knabberten.
Sie überlegte sich, wie sie es wohl am besten anstellen sollte, die beiden auf das Thema anzusprechen, doch sie kam zu keinem Schluss. Schließlich fasste Charlotte sich ein Herz.
„Luna, Suri“, begann sie dann zögernd. „Ich würde gerne etwas mit euch besprechen …“
Suri sah sie aus großen Augen an. „Was denn?“
„Was würdet Ihr davon halten, wenn wir nach Köln ziehen würden? Wir könnten uns da eine schöne Wohnung suchen und wären viel öfter bei Oma und Opa.“ Gespannt beobachtete sie die Gesichter ihrer Mädchen.
„Aber warum? Hier ist doch auch schön“, begann Luna zögerlich. Doch Charlotte konnte sehen, dass sie überlegte.
„Ja, das ist es. Aber ich fände es besser, wieder in Köln zu wohnen. Ich kenne da nette Menschen und wir finden dort bestimmt einen schönen Kindergarten für dich“, lächelte Charlotte ihre Älteste an.
„Und ich?“, kam es sofort von Suri.
„Für dich auch.“ Charlotte streichelte der Kleinen über ihre blonden Löckchen.
„Und was ist mit Papi?“ In Lunas Augen glitzerte es schon ein bisschen.
„Schatz, Papi ist doch tot“, sagte Charlotte leise.
„Aber wir können ihn doch nicht hierlassen. Dann können wir ihn doch nicht besuchen.“ Lunas Unterlippe schob sich verdächtig nach vorne.
„Müssen Papili doch Blümchen bingen“, mischte sich jetzt auch Suri ein.
„Ich denke, wir finden da eine Lösung.“ Charlotte nahm die Händchen der beiden Kinder in ihre.
Sie war wieder berührt, wie sehr die beiden ihren Vater liebten.
„Oder wir müssen ganz oft hierhin fahren“, schlug Luna weinend vor.
„Wir lassen uns was einfallen, ja?“ Charlotte zog sie auf ihren Schoss und auch Suri kam hinzu und sie kuschelten sich eng an sie.

Nachdem Charlotte Luna in den Kindergarten gebracht hatte, ging sie mit Surya
einkaufen, dann auf den Spielplatz und anschließend begann sie, die Wohnung zu putzen. Irgendwie fand sie noch unglaublich viele kleinere und größere Tätigkeiten und Gründe, die es gab, um Julius Herbold NICHT anzurufen.
Doch schließlich rief sie sich zur Vernunft. Sie musste eine Entscheidung fällen. Sie hatte ihn schon lange genug warten lassen, seit dem Besuch von ihrem Vater und ihm war bereits eine Woche vergangen. Und irgendwie musste sie alles wieder besser in den Griff kriegen. Sie spürte eine Unzufriedenheit in sich, sie wollte etwas verändern.
Entschlossen griff sie dann zum Telefonhörer.
Zu ihrer Freude war Inka dran und sie sprach kurz mit ihr. Dann wurde sie zu Julius Herbold durchgestellt.
„Charlotte, schön, dass du anrufst. Wie geht es dir?“
Charlotte konnte an seiner Stimme hören, dass er sich wirklich zu freuen schien, dass sie sich meldete.
„Danke, es geht mir ganz gut“, begann sie leise. „Julius, ich habe nachgedacht. Über dein Angebot, falls es noch besteht …“
„Oh, das tut es. Und?“
„Ich denke … ich denke, es wäre vielleicht ganz gut für mich, wenn ich wieder etwas zu tun hätte. Und wenn sich bei euch eine Gelegenheit bietet, dann … dann … würde ich gerne wieder einsteigen. Allerdings wirklich nur stundenweise.“ Sie stotterte ein wenig, atmete dann aber tief durch.
Jetzt war es raus. Es war gesagt.
Und jetzt halte dich auch dran und kneife nicht noch einmal!
„Charlotte, du kannst dir gar nicht denken, wie sehr mich das freut!“ Ein warmes Lachen war durch das Telefon zu hören. „Ich finde deinen Entschluss sehr gut. Und am Anfang werde ich dich selbstverständlich unterstützen, wo ich nur kann.“
„Danke Julius.“ Sie seufzte noch einmal auf. „Aber was … also was hat David denn dazu gesagt?“
„Ich habe es ihm mitgeteilt“, kam es knapp durch die Leitung.
„Oh, ja … gut.“ Charlotte hatte ein mulmiges Gefühl, dann siegte aber wieder ihr Trotz. Nein! Sie hatte sich nichts vorzuwerfen!
„Wie hast du denn jetzt geplant? Ihr braucht ja eine Bleibe. Eigentlich könntet ihr auch bei uns auf dem Grundstück wohnen, es gibt ja noch das alte Verwalterhaus. Wir haben mehr als genug Platz.“ Julius schien schon eifrig zu planen.
„Nein, nein“, sagte Charlotte direkt. „Ich werde auf jeden Fall eine eigene Wohnung oder ein Haus für mich und die Kinder suchen. Dein Angebot ist sehr nett, aber glaub’ mir, Suri und Luna können sehr laut sein“, lachte Charlotte und war gerührt über Julius‘ Vorschlag. „Wir kommen euch aber bestimmt öfters mal besuchen“, erklärte sie ihm lieb, aber unmissverständlich.
„In Ordnung. Ich kann das auch verstehen. Wann könntest du denn mal kommen? Ich könnte einen Makler beauftragen, der sich schon mal umschauen kann. Dann hättest du direkt ein paar Objekte zur Auswahl. Wenn du magst, dann schicke mir eine Mail mit deinen Wünschen.“ Julius war wirklich engagiert. „Möchtest du kaufen oder mieten?“
„Erst einmal mieten. Und danke für deine Unterstützung.“

*****

Energisch wurde die Tür zu Davids Büro aufgestoßen. Er brauchte gar nicht aufzublicken, so polterte nur einer in sein Büro.
„Hallo Vater“, murmelte er dann auch, ohne aufzublicken. „Was kann ich für dich tun?“
„Ich möchte dich nur davon in Kenntnis setzen, dass Charlotte zugesagt hat. Sie wird also bald wieder hier arbeiten.“
David sah überrascht auf. In den letzten Tagen hatte er diesen Punkt entschieden verdrängt. Doch was soll’s? Eigentlich konnte es ihm ja egal sein.
„Aha“, brummte er nur und vertiefte sich wieder in seine Unterlagen.
Und trotzdem wurmte ihn das Ganze. Wieso konnte sie nicht einfach dableiben, wo sie und dieser Zwergpinscher zuletzt gelebt hatten?

*****

Charlotte hatte Luna und Suri ins Auto verfrachtet, jetzt fehlte nur noch das Gepäck. Sie musste noch ein paar Mal raus- und reinlaufen, dann war alles verstaut. In Gedanken bedankte sie sich noch einmal bei Jonny, der darauf gedrängt hatte, dass sie einen Führerschein gemacht hatte und ihr zum Bestehen der Fahrprüfung einen Van gekauft hatte.
Sie fuhren noch an einem Blumenladen vorbei, Luna hatte ausdrücklich darauf bestanden, und kauften drei kleine Sträuße.

„Wir fahren zu Oma und Opa“, sagte Luna leise und stellte ihren Strauß in eine Vase auf das Grab.
„Ciao Papi“, flüsterte dann auch Suri ehrfürchtig.
Charlotte hielt sich ein bisschen im Hintergrund. Die beiden Mädchen plapperten noch eine ganze Weile, erzählten Jonny so dies und das. Charlotte war jedes Mal aufs Neue davon angetan, wie ungezwungen sie mittlerweile mit dem Tod ihres Vaters umgingen. Natürlich waren sie traurig, vor allem Luna, aber trotz allem hatten sie ihre Unbeschwertheit nicht verloren.
Du wärst so stolz auf deine Mädchen, dachte Charlotte und kämpfte wieder gegen ihre Tränen an.
Dann zwang sie sich aber dazu, endlich aufzubrechen.

„Mäuschen – und die kleinen Flöckchen!“ Charlottes Vater stürmte aus dem Haus und riss aufgeregt die Autotüren auf. „Da seid ihr ja!“
„Hallo Charlotte.“ Ihre Mutter Heidi umarmte sie fest und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich bin froh, dass du dich dazu entschieden hast!“
„Na ja, erst mal muss ich eine Bleibe finden“, lächelte Charlotte ihre Mutter an. Doch so langsam verfestigte sich in ihr die Gewissheit, dass sie das Richtige tat.

Verwöhnen wäre wohl noch nicht einmal der richtige Ausdruck dafür gewesen, was Charlottes Eltern mit den beiden Mädchen anstellten. Sie lasen ihnen jeden Wunsch von den Augen ab, Heidi und Stefan Siegel hatten sich extra freigenommen, um die beiden zu betreuen, und Charlotte in Ruhe auf Wohnungssuche gehen konnte.
Die Mädchen wurden bekocht, es wurden Ausflüge gemacht, sie wurden bespielt und verhätschelt.
Charlotte nahm sich vor, dass für jetzt mal durchgehen zu lassen. Doch wenn sie dann wirklich hier lebten, musste das Verwöhnprogramm drastisch zurückgefahren werden.

Michael begleitete Charlotte auf Wohnungssuche. Julius hatte eine gute Vorauswahl getroffen. Alle in Frage kommenden Immobilien hatten entweder einen Garten oder einen direkt ans Haus angrenzenden Spielplatz. Schließlich hatte Charlotte zwei Favoriten, zu der sie auch ihren Vater mit zur Besichtigung bat. Er hatte Ahnung, was noch zu machen sein würde und konnte den Zustand besser einschätzen als Charlotte, die eigentlich mehr auf den Schnitt und die Lage achtete.
Schließlich hatte Charlotte sich entschieden. Es war eine Wohnung, sie lag im Erdgeschoss eines wunderschön sanierten Altbaus. In diesem Stadtteil wohnten viele Familien mit Kindern, es gab überall kleine Parks und viele Spielplätze. Das Verlagshaus war nicht weit, mit dem Auto in zehn Minuten erreichbar und auch ihre Freunde Philipp und Svenja wohnten mit ihren Kindern in näherer Umgebung.
Ein Kindergarten war in der Nähe, genauso wie eine Grundschule.

Das Schönste war aber, dass die Wohnung über einen kleinen Garten verfügte. Er war nicht groß, aber für eine Schaukel und einen Sandkasten würde es reichen. Die Miete war zwar hoch, aber Gott sei Dank hatte sie keine Geldsorgen. Jonny hatte eine beachtliche Lebensversicherung abgeschlossen und die Wohnung in Hamburg wollte sie vermieten.
Noch auf der Stelle unterschrieb sie den Mietvertrag. Doch ein mulmiges Gefühl blieb. Sie fühlte sich schlecht Jonny gegenüber. Sie hatten die Wohnung in Hamburg zusammen gekauft, sie war sehr groß und wunderschön. Direkt zur Wohnanlage gehörte ein Spielplatz, der nur von den Eigentümern genutzt werden durfte. Es war traumhaft, dort zu wohnen. Doch sie hatten auch weitergeplant, wollten bauen, ein Haus im Grünen war ihr Traum.
Aus und vorbei, dachte Charlotte traurig und kämpfte gegen ihre Tränen an. Ihr Vater schien es zu bemerken und zog sie in seine Arme.
„Das wird hier wunderschön werden, Mäuschen“, sagte er leise. „Und wir sind doch auch noch da.“

Sie zeigte den Kindern die Wohnung. Es musste geklärt werden, wer welches Zimmer bekommen sollte. Wie erwartet, ging das nicht ohne Kampf aus. Schließlich bekam Luna als Ältere das Recht, auszuwählen. Da alle Zimmer fast gleich groß waren, war das ein echtes Problem, doch mit Opa Stefans Hilfe fand man dann doch eine Einigung.
Zu Charlottes Erleichterung gefiel den Kindern die Wohnung. Vor allem der kleine Garten hatte es ihnen angetan. Und der Opa versprach, baldmöglichst eine Schaukel und einen Sandkasten aufzubauen.
„Ich werde das hier alles so streichen, wie du willst, Mäuschen“, versprach ihr Vater.
„Das musst du doch nicht. Wir beauftragen eine Malerfirma.“ Charlotte drückte ihn noch einmal herzlich.
„Quatsch, das ist doch rausgeschmissenes Geld. Ich mach das schon“, zwinkerte er ihr zu. „Und die Flöckchen bekommen ihre Monde und ihre Sonnen“.
„Du bist er der Beste“, schluchzend fiel Charlotte ihren Vater noch einmal um den Hals.

Der Umzug war für Anfang August geplant. Und es gab noch eine Menge zu tun. Die Kinder mussten in dem neuen Kindergarten angemeldet werden, eine Umzugsfirma wurde beauftragt, Charlotte sprach mit einem Makler, der ihre Wohnung in Hamburg vermieten sollte. Sie wurde wieder wehmütig, als sie sich umschaute. Sie war hier so glücklich gewesen.
Doch ihr Entschluss stand fest. Und wenn es gar nicht in Köln gehen sollte, dann würde sie wieder zurückkehren nach Hamburg.
Sie lud noch einmal die Menschen ein, die ihr nach Jonnys Tod so sehr beigestanden hatten und man versprach sich, auf jeden Fall in Kontakt zu bleiben. Charlotte war froh, dass sie sie an ihrer Seite gehabt hatte.
Sarah, eine ihrer engsten Freundinnen, verkündete auch direkt, sie bald in Köln besuchen zu kommen.

Sie fuhr noch einmal mit den Kindern zum Friedhof.
Luna weinte sehr, als sie sich am Grab von Jonny verabschiedete, Suri nahm das alles gelassener hin.
„Papa ist im Himmel“, erklärte sie ihrer älteren Schwester immer wieder, doch Luna ließ sich so leicht nicht trösten.

Charlotte hockte sich vor ihre Älteste. „Hör mir zu, Luna. Wir werden doch immer mal wieder hierher kommen. Und in Köln werden wir einen kleinen Baum in unseren neuen Garten pflanzen. Für den Papa. Dann haben wir eine Stelle, an der wir ganz fest an ihn denken können, ja?“ Sie strich Luna über die wilden dunklen Löckchen.
„Ja wirklich?“, fragte sie zwischen zwei Schluchzern und Charlotte brach es das Herz in die verweinten Augen ihrer Tochter zu sehen.
„Ja, das machen wir. Gleich als Erstes, wenn wir da sind, mein Schatz“.