Eine zweite Chance – Teil 7

Opa und Oma Siegel schauten verblüfft, als Luna ihnen bei ihrer Ankunft in Köln erklärte, dass sie erst mal einen Baum kaufen müssten. Doch Charlotte hielt ihr Versprechen. Mit versammelter Mannschaft ging es in ein Gartencenter, dann fuhren sie zur neuen Wohnung.
Mit Opas Hilfe buddelten Luna und Suri ein Loch, und das kleine Apfelbäumchen fand einen schönen Platz in einer Ecke des Gartens.
„Wir müssen noch ein Schild machen“, erklärte Luna wichtig.
„Und ein Kreuz“, fügte Suri eifrig an.
„Das werden wir“, versprach Charlotte ihnen.

Charlie war überwältigt, was ihr Vater aus der Wohnung gemacht hatte. Alles war so geworden, wie sie sich das vorgestellt hatte.
Zu ihrer Überraschung hatte die Wohnung sogar eine Alarmanlage.
„Hab ich alles mit dem Vermieter geklärt. Mir ist einfach wohler so, Mäuschen. Du und die Flöckchen in einer Erdgeschosswohnung, da kann so viel passieren“, sagte ihr Vater verlegen.
„Danke Papa.“ Charlotte drückte ihn fest an sich.
Die Kinderzimmer waren ein Traum. Lunas Zimmer war blau gestrichen und mit kleinen Monden und Sternen an der Decke verziert, die im Dunklen leuchteten.
Suryas Zimmer strahlte dagegen in einem leuchtenden Gelbton. Die Mädchen waren begeistert und hüpften aufgeregt darin herum.

Der Umzugswagen kam mit zweistündiger Verspätung, doch man versprach Charlotte, dass alles heute noch ausgeladen wurde. Zum Aufbauen waren sie aber alle zu müde, und so verbrachten sie die Nacht im Haus ihrer Eltern.
Wie gewohnt schliefen Suri und Luna mit Oma im Ehebett, Charlotte in ihrem alten Kinderzimmer und Opa Stefan auf einem Gästebett im Keller.
Obwohl sie sich hier so wohl fühlte, war Charlotte dann doch froh, wenn sie in ihren eigenen vier Wänden sein würde.

Mit Hilfe von Michael, Svenja, Philipp und Hannah wurden dann in den nächsten Tagen die Möbel aufgebaut und alles eingerichtet.
Svenjas Kinder Bärbel und die Zwillinge Tim und Tom waren ebenfalls mit dabei. Die beiden Jungs waren sehr wild und Charlotte war dann doch erleichtert, als ihre Freundin mit ihren Kindern abzog.
Nach fünf Tagen war schließlich alles so, wie Charlotte es sich vorgestellt hatte.

Die Aufregung war groß, heute war Lunas und Suris erster Kindergartentag und Charlotte war gespannt, wie die beiden sich einleben würden. Vor allem bei Suri war sie richtig gespannt.
Doch während Luna in ihrer Anfangszeit sehr viel Terror gemacht und sich geweigert hatte, ohne Charlotte dort zu bleiben, war Suri sofort von der Einrichtung und den Erzieherinnen begeistert.
Charlotte atmete auf. Dieser wichtige Schritt war schon einmal getan. Sie gab den Kindern noch eine Woche Zeit um sich einzugewöhnen und blieb so lang zuhause, um im Notfall immer schnell da zu sein, wenn etwas sein würde.

Dann wurde es für Charlotte selbst ernst. Ihr erster Arbeitstag im Verlagshaus rückte näher. Sie hatte mit Julius Herbold ausgemacht, dass sie mit den Kindern einen Tag vorher nachmittags vorbeikommen würde, um sich alles anzuschauen.
Sie musste zugeben, sehr nervös zu sein. Ratlos stand sie vor dem Kleiderschrank. Draußen war es sehr heiß, die Augustsonne brannte vom Himmel.
Charlotte entschied für eine schwarze, ärmellose Bluse und einen schwarzen knielangen Rock. Ihre Haare steckte sie zu einem Knoten zusammen. Sie setzte sich Kontaktlinsen ein und schminkte sich dezent.
Die beiden Mädchen waren ebenfalls aufgeregt. Immerhin arbeitete auch Oma Heidi dort in der Kantine und sie waren voller Vorfreude.
Luna war neugierig auf den Karikaturisten Mike, Charlotte hatte ihr viel vom ihm erzählt und die Tatsache, dass er so toll malen konnte, faszinierte Luna.
Suri lockte indes mehr ein Eis bei Oma Heidi.

Charlie bog in die Tiefgarage ein, Julius hatte ihr eine Karte für die Schranke geschickt und ihr einen Parkplatz reservieren lassen.
Charlotte schaute sich um. Zwei Parkplätze weiter stand ein dunkler Sportwagen mit den Initialen DH.
Er ist also auch da, dachte sie etwas nervös. Warum auch nicht?, wetterte es dann in ihr. Schließlich ist er der Mitinhaber.
Charlotte hatte insgeheim gehofft, ihm nicht direkt am ersten Tag über den Weg zu laufen. Doch was sollte es – früher oder später würde es ja eh passieren.

Als die Aufzugstüren sich öffneten, schaute sie sich erst mal um. Sie war gespannt, wie es hier aussehen würde.
Viel hatte sich nicht verändert. Der große Vorraum war ein wenig anders gestrichen, es gab neue Büromöbel, aber im Großen und Ganzen war alles noch so wie vor fünf Jahren.
Freundlich lächelte ihnen eine blonde Empfangsdame zu. Charlotte stellte sich und die Kinder vor.
Elke, so hieß die blonde Schönheit, brachte sie zu Julius Herbolds Büro. Im Vorübergehen warf Charlotte einen Blick auf eine bestimmte Türe. David Herbold stand darauf und durch die Milchglasscheibe konnte sie eine Bewegung darin erkennen. Offenbar war jemand da.
Vor seinem Büro saß eine schöne dunkelhaarige Frau und tippte etwas in einen Computer ein.

Inka begrüßte Charlotte herzlich und auch Julius strahlte übers ganze Gesicht. Er ging vor Suri und Luna in die Hocke und lächelte ihnen freundlich zu.
„Und Ihr habt nichts dagegen, dass die Mama mir ein bisschen hilft?“, fragte er die beiden.
„Nein“, kam es von Luna und Suri schüttelte nur den Kopf.
„Soll ich euch mal ein bisschen was zeigen?“ Julius sah die beiden aufmerksam an.
Luna nickte. „Mama sagt, es gibt einen Mann, der Bilder malt“, sagte sie leise.
Charlotte wunderte sich. Normalerweise war sie zu schüchtern, um sofort mit ihr weniger bekannten Menschen zu sprechen. Doch wahrscheinlich war die Neugierde auf Mike einfach zu groß.
„Ja, den gibt es. Er heißt Mike. Dann gehen wir ihn mal besuchen, ja?“ Julius erhob sich und öffnete die Tür.
Charlotte nahm die beiden an die Hand und sie folgten ihm.

„Oh, die kleinen Prinzessinnen“, freute sich Mike, als Charlotte mit den beiden Mädchen in sein Büro eintrat.
„Bist du der Maler?“, fragte Luna ehrfürchtig.
„Ja, der bin ich.“ Mike warf sich in Positur und zwinkerte den beiden Kleinen zu.
In Nullkommanichts waren Suri und mit Stiften versorgt und begannen eifrig zu malen.
Nachdem sie Mike eine Stunde lang aufgehalten hatten, zeigte Julius ihnen noch die Druckereien, dann brachte Charlotte die beiden zu der kleinen Vorstandskantine,
wo Oma Heidi schon freudig auf sie wartete.
„Da sind ja meine beiden Schätzchen“, rief sie erfreut und hob sie auf zwei Hocker, die vor einem Tresen standen.
„Was möchtet Ihr, meine Süßen? Eis? Kuchen? Kakao? Die Oma hat alles da.“
Charlotte winkte den beiden noch kurz zu und ging mit Julius in sein Büro.

*****

David seufzte auf und rieb sich die Augen. Er saß seit heute Vormittag an einer wichtigen Reportage und rang mit dem Journalisten um jede Formulierung, seitdem hatte er noch keine Pause gemacht.
Doch jetzt knurrte sein Magen und einen Kaffee konnte er jetzt auch gut vertragen.
„Bin kurz beim Catering“, brummte er seiner Assistentin zu und machte sich auf den Weg dorthin.
Von Weitem hörte er herzhaftes Kinderlachen und er runzelte die Stirn. Dann ging er neugierig näher, bereute dies aber sofort, als er die beiden kleinen Mädchen sah.
Heidi streichelte gerade der Kleineren der beiden übers Gesicht und ihm wurde schlagartig klar, wer die Mädchen nur sein konnten.
Sie fängt doch morgen erst an! Was machen die also hier?
David hatte sich extra für morgen Vormittag einen Auswärtstermin ausgeguckt, damit er am ersten Tag von Charlotte nicht da war. Auf einen fröhlichen Willkommenstrunk ihr zu Ehren hatte er nun wirklich keine Lust.
Aber irgendwie schien er wohl etwas nicht mitgekriegt zu haben, denn die Kinder waren ja wahrscheinlich nicht alleine da.

„Hallo David“, begrüßte ihn Heidi herzlich. „Darf ich dir meine beiden Enkelinnen vorstellen? Das sind Surya Charlotte und Luna Maria“, strahlte sie ihn an.
Surya und Luna!, giftete es in David. Typisch für den blöden Woźniak – kann seinen Kindern noch nicht einmal vernünftige Namen geben!
„Hallo – ich bin David.“ Er zwang sich zu einem Lächeln und bestellte bei Heidi einen Kaffee und ein Sandwich.
„Hallo“, kam es leise von dem kleinen Mädchen mit den dunklen Haaren. David stockte kurz der Atem. Sie war ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Und ihre dunklen Augen schauten ihn böse an. Ups, dachte er erschrocken.
„Hallo Taffitt“, sagte dann die kleine Blonde.
„Daaa-wwwiiiieeeed heißt das“, meckerte die Dunkle ihre Schwester an.
„Hab doch sagt Taffitt“, kam es von dem Goldköpfchen zurück.
Heidi stellte ihm den Kaffee hin. „Für das Sandwich muss ich mal kurz ins Lager“, lächelte sie ihm entschuldigend zu. „Und ihr beide bleibt brav sitzen, ja?“, wies sie ihre Enkelinnen an.
Es kam ein stummes Nicken.
Na toll!
David verdrehte innerlich die Augen. Er überlegte zurück in sein Büro zu gehen, aber die beiden Kleinen hier alleine sitzen zu lassen, würde Heidi ihm bestimmt übel nehmen. Also schaute er betont gelangweilt in der Gegend rum.
Die kleine Blonde – war das Surya? – rutschte immer nervöser auf ihrem Hocker herum wie David aus den Augenwinkeln registrierte.
Fällt die da gleich runter?, dachte er erschrocken. Warum kommt jetzt eigentlich keine von den Assistentinnen hierhin? Die trinken doch dauernd Kaffee!
„Ich muss mal“, kam es dann kläglich von dem kleinen blonden Lockenkopf.
„Wie bitte?“, fragte David nach.
„Muss mal“, wiederholte sie leise.
„Die Toiletten sind hier links um die Ecke und dann die zweite Tür rechts“, brummte er sie an.
Als Reaktion erntete er nur einen verzweifelten Dackelblick.
„Da lang und dann so“, die Dunkle der beiden wies mit ihrem Finger in die völlig entgegengesetzte Richtung.
„Nein, nein, nein!“ David fuhr sich nervös durch die Haare. „Links und dann die zweite rechts“, wiederholte er gereizt.
„Links?“ Braune Kulleraugen sahen ihn verständnislos an.
Oh nein – bitte nicht!, schrie alles in ihm auf.
„Ich zeig es dir“, seufzte er und ging zu der kleinen Blonden. Sie machte Anstalten von dem Hocker zu rutschen, David hob sie schnell hinunter. Nicht dass das Kind sich hier noch was bricht. Er malte sich schaudernd die Reaktion von Charlottes Vater aus, wenn seiner Enkelin in Davids Gegenwart etwas passieren würde.
„Und du bleibst hier sitzen, ja?“, wies er das andere Kind an.
Es kam nur wieder ein böser Blick.
„Gut. Du bist Surya?“, fragte er die Kleine neben sich.
„Ja, Suri“, kam es leise.
„Dann komm’ Suri.“ Er lächelte ihr beruhigend zu und sie folgte ihm zu den Toiletten.

Er öffnete die Tür und ließ die Kleine eintreten. Sie schaute in eine geöffnete Kabine hinein und da – da war er wieder – dieser Dackelblick.
„Was ist?“ David wurde spürbar genervter.
„Die sind hoch…“, flüsterte die Kleine ängstlich.
Oh Gott – was denn jetzt?, dachte David panisch. Und wieder mal keine Mitarbeiterin in Sicht, typisch.
„Kommst du da nicht drauf?“
Sie schüttelte nur den Kopf.
„Okay“. Am liebsten hätte er laut geschrien, aber das wäre wohl in dieser Situation die falsche Reaktion gewesen. „Ich helfe dir.“
Er ging mit Suri in die Kabine, sie zog ihr Kleidchen hoch und ihr Höschen hinunter. Dann hob David sie auf die Toilette. Er beschloss sie lieber festzuhalten, bevor der kleine Po Gefahr lief, gleich in die Kloschüssel zu plumpsen.
„Fertig mit Pipi.“ Die Kleine hangelte ächzend nach dem Toilettenpapier.
„Warte!“ David war jetzt schon alles egal, er rupfte ein bisschen davon ab und gab es ihr in die Hand.
Umständlich putzte die Kleine sich schließlich ab und David betätigte die Spülung.
Sie zog sich ihr Höschen wieder hoch, dabei landete das halbe Kleidchen mit darin.
„Hey Suri, Moment …“ David musste jetzt doch ein wenig grinsen.

Das nächste Problem stellte sich auch sofort. Ihr Kinn ragte gerade mal so übers Waschbecken, nur mit Mühe erreichte sie die Wasserhähne.
Da er schon mal gerade so schön in Übung war, hob er die Kleine hoch und hielt sie übers Waschbecken. Ein paar ihrer blonden Löckchen kitzelten ihn kurz im Gesicht und er nahm einen zarten Hauch von Pfirsichshampoo wahr.
Als sie schließlich ihre Händchen abgetrocknet hatte, sah sie ihn mit ihren großen braunen Augen bewundernd an. „Danke Taffitt“, flüsterte sie ergeben.
„Bitteschön.“ Er musste zugeben, dass die Kleine zum Stehlen süß war. Sie ähnelte vom Gesicht her Charlotte. Dann zwang er sich aber, an was anderes zu denken.

Suri legte den Weg zum Catering hopsend zurück und Heidi Siegel lächelte David freundlich an.
„Danke, das war nett von dir.“ Sie stellte ihm sein Sandwich hin und er wollte gerade etwas sagen, als er eine sehr vertraute Stimme hinter sich hörte.
„Hallo David“.