Eine zweite Chance – Teil 8

Erschrocken drehte David sich um. Er musste zweimal hinsehen, um sie zu erkennen.
Dort stand sie also – Charlotte Siegel.
Woźniak, du Idiot!, verbesserte er sich selbst schnell.
Sie war dünn geworden, das fiel ihm als Erstes auf. Und sie trug keine Brille mehr und war leicht geschminkt. Doch der Ausdruck in ihren Augen war ihm fremd. In ihnen fehlte der Glanz, die Lebensfreude, die ihn früher so an ihr fasziniert hatten.
Nichts erinnerte mehr an die Charlotte in ihrem blauen verspielten Kleid vor fünf Jahren. Vor ihm stand eine traurige junge Frau.
Sag was – du musst was sagen!
„Hallo Charlotte“, brachte er schließlich hervor. „Ich dachte, du fängst erst morgen an…“ Er reichte ihr die Hand und ihm gelang tatsächlich ein Lächeln.
Charlotte ergriff sie zögernd und musste heftig schlucken müssen. Er hatte sich überhaupt nicht verändert. Wenn, dann war er höchstens noch attraktiver geworden, einen Tick reifer, männlicher vielleicht. Er sah immer noch umwerfend aus.
Du musst was sagen, meckerte eine Stimme in ihr.
„Ähm ja, das… das… tue ich auch“, stotterte sie. „Dein Vater hat den Mädchen und mir angeboten, sich hier mal umzuschauen, bevor ich morgen beginne…“
Musst du so blöd herumstammeln?
„Taffitt hat mir helft beim Pipimachen“, mischte Suri sich jetzt in das Gespräch ein.
„Das heißt ‚geholfen’“, kam es prompt brummig von Luna.
„Oh…“
Oh Gott!, durchfuhr es Charlotte. Ist das peinlich! Wie kann das denn sein? Wo war denn meine Mutter?
„Danke“, presste sie dann schließlich heraus.
„Keine Ursache – gehört zum Service.“ David nickte ihr zu und wollte sich gerade sein Sandwich schnappen und in sein Büro gehen. Doch er stutzte noch einmal kurz, so konnte er sie ja unmöglich stehen lassen.
„Das mit Jonny – das tut mir leid“, sagte er dann leise. Sie senkte sofort den Blick, wirkte irgendwie sehr verloren. „Hab einen guten Start hier morgen“, fügte er noch schnell an und machte dann, das er hier wegkam.
„Ja, danke“, hörte er sie noch mit heiserer Stimme sagen.

„Wie kam das denn? Wieso ist David mit Suri auf die Toilette gegangen?“, fragte sie ihre Mutter schließlich verblüfft, nachdem sie sich einigermaßen wieder gefangen hatte.
„Ich war nur kurz im Lager um einen frischen Salat zu holen“, entschuldigte Heidi sich.
„Ach so.“ Charlotte streichelte Suri gedankenverloren über die blonden Locken.
„Der ist komisch“, maulte Luna dann los. „Mag den nicht“.
„Nein – Taffitt ist nett“, protestierte Suri sofort.
„Isser nicht“.
„Isser wohl.“
„Isser nicht“.
„Doch – isser doch, doch, doch!“, wütend stampfte Suri mit dem Fuß auf und die ersten Tränchen rollten bereits über ihre Wangen.
„Heulsuse!“
„Bin ich nicht!“ Suri war jetzt außer sich vor Wut und Charlotte konnte gerade noch verhindern, dass sie ihre Schwester vom Hocker riss.
„SCHLUSS JETZT!“, rief sie dazwischen. „Ich will kein Wort mehr hören. Ich glaube, wir gehen jetzt auch!“
„Warte Charlotte. Sollen wir das dann morgen so machen? Ich mache zum Einstand ein paar Kleinigkeiten zu essen für deine Kollegen?“, sagte Heidi schnell.
„Ja, Mama. Das wäre wirklich nett. Ich besorge gleich noch den Champagner.“ Charlotte lächelte sie dankbar an.
„In Ordnung.“ Heidi drückte den beiden noch schnell ein kleines Brötchen als Wegzehrung in die Hand und Charlotte zog sie zum Fahrstuhl.

Sie schloss kurz die Augen, als die Aufzugstüren sich schlossen. Die erste Begegnung mit David hatte sie sich doch ein bisschen anders vorgestellt. Irgendwie war sie überrumpelt gewesen und die Sache mit Suri war ihr peinlich. Aber was soll’s?
Passiert ist passiert, dachte sie dann zerknirscht und ging mit ihren Töchtern zum Auto.

*****

Um Davids Konzentration war es erst mal geschehen. Er biss gedankenverloren in sein Sandwich und dachte über die Situation von eben nach. Die kleine Suri war wirklich ein süßes kleines Geschöpf – ihre Schwester dagegen wohl eher ein kleiner Sturkopf. Er musste innerlich grinsen, als er an ihre bösen Blicke dachte.
Eine Woźniak eben, wetterte es in ihm.
Charlotte hatte hübsche Kinder – das musste er zugeben.
Charlotte.
Er war richtig erschrocken, als er sie gesehen hatte. Natürlich veränderten sich Menschen mit der Zeit, aber sie so zu sehen, tat ihm wirklich leid.
Sie wirkte müde und erschöpft, ihre Augen blickten traurig.
Was glaubst du denn? Dass der Tod ihres Mannes spurlos an ihr vorbeigeht? Und sie ist allein mit zwei Kindern!
Sie war richtig schlank geworden, hatte eine gute Figur. Die Kleidung, die sie getragen hatte, hatte dies betont. Nur das Schwarz und die strenge Frisur hatten sie zerbrechlich und verletzbar erscheinen lassen.
Sein erster Groll auf sie war jedenfalls verschwunden, wie er erstaunt feststellen musste.
Er seufzte auf und fuhr seinen Laptop runter. An Arbeit war nicht mehr zu denken. Er nahm noch die Unterlagen mit, die er morgen für einen Termin brauchte und machte sich auf den Weg nach unten.
Er beschloss bei Michael in der Tankstelle vorbeizuschauen, ein bisschen quatschen wäre nicht schlecht.

„Hi David“, grüßte Michael ihn freundlich. „Na, was liegt an?“
„Nichts Besonderes.“ Er griff sich eine Zeitschrift und blätterte betont gelangweilt darin herum. „Hab eben Charlottes Kinder gesehen…“, murmelte er.
„Ja, sie waren bei euch, ich weiß. Sind niedlich die beiden Lockenköpfchen, was? Willst du einen Kaffee?“, fragte sein Freund weiter.
„Gerne. Ja, sind niedlich. Nur diese Namen – total bescheuert!“ David lachte gehässig auf und nahm sich die nächste Zeitschrift.
„Äh David …“, unterbrach ihn Michael schnell, aber David nahm es nicht richtig zur Kenntnis.
„Wie kann ein Vater sein Kind Surya nennen, wenn man selbst einen ‚S’-Fehler beim Sprechen hat?“, lästerte er weiter. Beim Thema Jonathan Woźniak kam ihm jetzt noch die Galle hoch.
„Wir fanden den Namen schön“, hörte er plötzlich eine leise Stimme. David ließ vor Schreck die Zeitschrift fallen und schaute entsetzt in Charlottes Gesicht.
Charlotte konnte seinem Blick nicht standhalten, sie bemühte sich um ein freundliches Lächeln und wandte sich an Michael.
„Danke, dass Luna bei dir auf die Toilette durfte“, sagte sie heiser.
„Hallo Taffitt!“ Jemand zog an seinem Jackett. Die kleine Suri stand neben ihm und schaute ihn aus ihren braunen Kulleraugen ehrfürchtig an.
„Hallo Suri“, räusperte er sich verlegen.
Wo ist ein Erdloch?, dachte er betreten.
Charlotte ging schnell zu ihrer Tochter und nahm sie an die Hand. „Bis morgen“, rief sie dann Michael noch zu und verließ fast fluchtartig die Tankstelle.
Sie packte die Kinder in den Wagen, schnallte sie hastig fest und ließ sich hinters Steuer plumpsen.
Seine Worte hatten sie verletzt und normalerweise hätte sie etwas Passendes darauf antworten sollen – aber sie konnte nicht. Sie fühlte sich müde und fragte sich, ob die Idee, in den Verlag zurückzukehren, wirklich eine so Gute war.

„Oh Mist“, presste David hervor, als die Tür von der Tankstelle sich wieder geschlossen hatte.
„JA MIST!“, motzte Michael ihn dann an. „Was sollte denn das Geläster über Jonny, hm?“
„DU HÄTTEST MICH JA WARNEN KÖNNEN!“, blaffte David los. „Ich konnte doch nicht wissen, dass Charlotte hier ist!“
„Ich wollte dich warnen, aber du hast ja einfach weitergelabert. Du Idiot!“, funkelte Michael ihn an.
David stöhnte auf. „Ja, das bin ich wohl…“
„Man sollte ein gewisses Taktgefühl haben, wenn man über Tote spricht, David. Und Charlotte ist über Jonnys Tod noch nicht hinweg. Geh ihr doch einfach aus dem Weg, das wird das Beste sein“, sagte Michael ernst.
„Das hab’ ich auch vor“, murmelte David kleinlaut. Er grüßte ihn noch knapp und verließ schnell den Kiosk.

*****

Charlotte war froh, als die Kinder endlich im Bett lagen. Der Tag hatte sie doch mehr geschlaucht, als sie sich das eingestehen wollte.
Nur weil Luna im Verlag nicht auf die Toilette wollte, dachte Charlotte ärgerlich.
Und Suri hatte ihr den restlichen Tag nicht unbedingt leichter gemacht, denn sie hatte an einem Stück von Taffitt gebrabbelt und dass der jetzt ihr Freund sei. Und er wäre so stark und wusste genau den Weg zum Klo und überhaupt.
Während Luna immer nur wieder betont hatte, dass sie ihn nicht mögen würde.
Daraufhin entwickelte sich beinahe eine kleine Keilerei zwischen den Mädchen und Charlotte hatte schließlich beide entnervt ins Bett verfrachtet.

Sie löste den Haarknoten und schlüpfte in ein T-Shirt und Shorts. Gerade als sie es sich vor dem Fernseher bequem machte, klingelte die Türglocke.
Sofort öffneten sich die Kinderzimmer und ein blonder und ein dunkler Lockenkopf preschten nach vorne zur Sprechanlage.
Bevor das übliche Gezanke wegen des Hörers losgehen konnte, mischte sich Charlotte mahnend ein.
„Ins Bett – alle beide, und zwar sofort!“, wies sie die beiden knapp an, was zur Folge hatte, dass Luna wütend aufstampfte und Suri sofort anfing zu weinen. Doch Charlotte ließ sich diesmal nicht erweichen. Nach einem strengen Blick verschwanden die beiden dann tatsächlich wieder in ihre Zimmer.
„Ja?“, fragte sie dann ins Telefon.
„Hallo Charlotte, hier ist Michael. Stör ich?“
„Nein, natürlich nicht.“ Sie betätigte den Türsummer und schaute erwartungsvoll auf die große schwere Haustüre.
Michael grinste sie spitzbübisch an. Er hatte zwei Pizzakartons in der einen und eine Flasche Wein in der anderen Hand.
„Hey, hast du die Tankstelle geschlossen?“, fragte sie verblüfft.
„Nein, Svenja hilft doch manchmal abends aus. Sie ist jetzt da und ich soll dich schön grüßen.“ Michael gab Charlotte einen Kuss auf die Wange und Charlotte bat ihn herein.

„Hallo Michael“, tönte es aus einem Türspalt.
„Huhu“, aus dem anderen.
„Ihr geht ins Bett, sofort!“, meckerte Charlotte die beiden Türen an und sie schlossen sich sofort wieder. Müde strich sie sich die Haare aus dem Gesicht.
„Ein anstrengender Tag?“, fragte Michael besorgt nach.
„Was heißt anstrengend?“ Charlotte deckte den kleinen Tisch auf ihrer Terrasse und zündete ein Windlicht an. „Es war alles so… so ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte.“
„Wegen David?“
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf, doch das war nicht ehrlich. „Ja“, gestand sie dann.
„Er hat sich blöd verhalten. Schon, dass er dir anfangs nicht kondoliert hat, war ein Fehler. Dann noch die dämliche Bemerkung von heute Nachmittag. Ich bin sicher, dass es ihm schon wieder total leidtut“, sagte Michael leise.
„Ist ja auch egal“, flüsterte Charlotte.
„Nein, ist es nicht. Ich hoffe nur, ihr könnt vernünftig miteinander umgehen“, seufzte Michael.
„Ja, das wäre schön. Und Suri hat ihn ja schon zu ihrem Gott erhoben“, lächelte Charlotte gequält.
„Die ist so süß“, grinste Michael. „Die weiß eben, wie man’s macht.“
Charlotte lachte leise. „Ja – offensichtlich. Dafür kann Luna ihn gar nicht leiden…“
„Ganz der Papa. Die Abneigung gegen David muss sie von ihm geerbt haben.“
Charlotte gluckste. „Wahrscheinlich…“
Es war schön, dass Michael da war. Er blieb noch bis spät in die Nacht und sie saßen die ganze Zeit lang draußen und redeten über alte Zeiten.
Zum Abschied umarmte Charlotte ihn heftig. „Danke.“
„Viel Glück morgen, Charlie“.

Zu ihrer Erleichterung wurde die kleine Feier zu ihrem Einstand sehr schön. Alle Kollegen empfingen sie herzlich und vor allem Julius Herbold fand sehr nette Worte zu ihrer Begrüßung.
David tauchte den ganzen Vormittag nicht auf. Und so verlief ihr erster Arbeitstag sogar noch entspannter, als Charlotte sich das erhofft hatte.