Eine zweite Chance – Teil 9

Mit Erleichterung stellte David fest, dass Charlotte schon weg war, als er die Vorstandsetage betrat. Er ging kurz am Catering vorbei, schnappte sich noch ein paar der übrig gebliebenen Kanapees und machte sich auf den Weg in sein Büro.
Kurze Zeit später kam Philipp bei ihm vorbei. „Stör ich?“
„Nein, nein.“
„Wo warst du denn heute Vormittag? Charlotte hat ihren Einstand gegeben, hast du das vergessen?“, fragte Philipp verblüfft.
„Ich hatte einen Termin“, entgegnete David nur knapp.
„Ach, so ein Zufall“, grinste sein Freund.
„Ja. So was kann halt passieren!“
„Gehst du ihr aus dem Weg?“
„Was? Quatsch!“ David lachte auf, doch sein Freund gab nicht auf.
„Was soll das? Was ist so schlimm daran, dass sie wieder hier arbeitet?“, bohrte Philipp weiter.
„Nicht ist daran schlimm!“
„Du bist immer noch gekränkt – meine Güte, David. Jetzt lass die Sache doch mal auf sich beruhen!“
„Ich bin nicht gekränkt. Ich mag es grundsätzlich nicht, wenn meine Ex wieder meinen Weg kreuzen. Das gibt nur Ärger.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das tun würde – also dir Ärger machen. Das liegt nicht in ihrem Interesse. Und außerdem ist sie ja nur stundenweise da, also komm’ wieder runter von deinem Schmolltrip.“ Philipp stand auf, dann fiel ihm noch etwas ein. „Ihre Kinder sind süß, was?“
„Ja, ja. Kleine Mädchen eben, die sind doch immer niedlich“, grummelte David und tat jetzt so, als sei er sehr beschäftigt.
Er hörte, dass Philipp leise lachte, bevor er sein Büro verließ.

Die nächsten Tage verliefen recht ereignislos und Charlotte atmete innerlich auf. David sah sie nur kurz und wenn, dann nur von Weitem. Meist nickte er dann und sie erwiderte es genauso förmlich.
Sie arbeitete sich recht gut wieder ein, Julius half ihr, wo er nur konnte.
„Ich freue mich, dass du wieder da bist, Charlotte.“ Julius zog sie spontan in seine Arme, Charlotte war etwas verblüfft über diese Reaktion. „Ich hätte es schön gefunden, wenn du damals meine Schwiegertochter geworden wärst“, sagte er dann ernst und schob sie von sich.
„Die Dinge haben sich eben anders entwickelt.“ Charlotte war gerührt über seine Worte.
„Und bei David…“ Julius schüttelte nur den Kopf. „Wir hatten schon mal Hoffnung gehabt, dass er vielleicht heiratet, als er mit Nadja zusammen war. Das war ein bisschen was Festeres. Aber auch das ist ja nichts geworden.“
„Das sind seine Entscheidungen“, sagte Charlotte leise. „Vielleicht braucht er noch etwas Zeit – und wenn nicht: Du hast doch nun wirklich allen Grund auf ihn stolz zu sein. Der Verlag steht blendend da, die Magazine laufen alle sehr gut, genauso wie die Tageszeitungen.“
„Ja ja.“ Julius nickte nur, dann ging er wieder in sein Büro.

Das Wochenende wurde sonnig und Svenja und Philipp schlugen Charlotte vor, mit ihnen und den Kindern einen Ausflug zu einem nahegelenden See zu machen.
Suri und Luna waren sofort begeistert und so sagte Charlotte zu.

Svenja und Charlotte hatten einige Kleinigkeiten zu essen mit dabei und unter einem großen Baum fanden sie auch ein schattiges Plätzchen zum Picknicken.
Charlotte stöhnte innerlich über die Zwillinge Tim und Tom. Die beiden Jungen waren in Lunas Alter und sehr wild, während ihre ältere Schwester Barbara eher ruhig war. Doch Luna fand die beiden einfach toll und so tobten sie kurze Zeit später schon im flachen Wasser. Suri hielt sich ein bisschen zurück, sie war noch zu klein, um bei den ganz wilden Spielen mitzumachen.

Svenja und Philipp wirkten immer noch wie Frischverliebte und Charlotte bemühte sich, nicht zu offensichtlich hinzustarren, wenn die beiden sich küssten. Sie freute sich für ihre Freunde – und wurde doch wehmütig dabei. Sie vermisste Johnny schmerzlich. Seine Art zu lachen und wie er mit den Kindern umging. Die kleinen Überraschungen, die er für Charlotte immer bereit hatte. Ein Picknick auf dem Fußboden oder bei einem Skiurlaub im Schnee. Charlotte hatte im September Geburtstag – Jonny hatte einmal für sie Schnee kommen lassen und sie hatten bei Freunden eine Ski-Geburtstagsparty gefeiert.
Und natürlich vermisste sie seine Zärtlichkeiten – in den Arm genommen, geküsst zu werden.
Suris Weinen ließ sie aus ihren Gedanken hochschrecken.
„Was ist, Schatz?“ Charlotte zog ihre kleine Tochter in ihre Arme.
„Tim hat mich nassespitzt“, schluchzte sie herzzerreißend.
„Das ist doch nicht schlimm“, tröstete Charlotte sie lächelnd.
„Wohl sslimm“, weinte Suri.
„Komm Süße, wir gehen mal zum Tim und reden mit ihm, ja?“ Philipp bot Suri seine Hand an und vertrauensvoll ging sie mit ihm mit. Charlotte hörte, wie Philipp die Kinder bat, etwas auf Surya Rücksicht zu nehmen, und Suri hing fasziniert an seinen Lippen.
„Wie kommen die Kinder mit allem klar?“, fragte Svenja Charlotte leise.
„Na ja, bei Suri geht es. Man merkt aber, dass ihr eine Vaterfigur fehlt.“ Sie deutete auf Suri, die jetzt bei Philipp auf den Schultern saß und vergnügt quietschte. „Bei Luna ist es besser geworden. Aber sie hängt noch unheimlich an Jonny. Sie geht jeden Tag zu dem Apfelbäumchen und redet mit ihm. Ich muss ihr immer von ihm erzählen. Gott sei Dank hat Jonny ein CDs mit Geschichten besprochen, die hört sie zum Einschlafen. Aber sie wird langsam wieder etwas fröhlicher“, erzählte Charlotte.
„Das ist schön“, lächelte Svenja. Dann strich sie Charlotte vorsichtig über den Arm.
„Und was ist mit dir?“
„Es geht“, flüsterte Charlotte. „Ich hab die Kinder …“
„Ja. Aber du bist auch eine Frau. Du hast doch auch Bedürfnisse“, hakte Svenja behutsam nach.
Charlotte schüttelte den Kopf. „Ich will keinen Mann mehr.“
„Vielleicht jetzt noch nicht. Aber du bist jung, Charlie. Was hältst du davon, wenn wir beide mal ausgehen? Wir machen uns einen richtigen Mädelsabend, hm?“ Sie stupste Charlotte verschwörerisch in die Seite.
„Ich bin keine gute Gesellschafterin“, lächelte Charlotte gequält.
„Ach komm! Warst du nach Jonnys Tod überhaupt schon mal aus?“
„Nein, mir ist auch nicht danach.“
„Dann wird es Zeit, dass dir mal wieder danach ist. Wie wäre es am Freitag? Komm Charlotte, gib dir einen Ruck. Wir müssen ja nicht lange bleiben.“ Svenja strahlte sie so dermaßen an, dass Charlotte gar nicht Nein sagen konnte.
„Okay.“

Charlotte hatte ihre Eltern gebeten, auf die Mädchen aufzupassen, und pünktlich erschienen sie dann auch und wurden mit großem Hallo begrüßt. Luna und Suri stürmten sofort auf sie zu und als Charlotte das Haus verließ, saßen sie bei ihrem Vater auf dem Schoß und hörten andächtig zu, als er ihnen eine Geschichte vorlas.
„Ich bleibe nicht lange weg.“ Charlotte winkte ihren Eltern kurz zu.
„Amüsier dich, Charlotte.“ Ihre Mutter kam auf sie zu und nahm sie in die Arme.
„Ich werde es versuchen.“

„Hallo Süße.“ Svenja drückte Charlotte eng an sich heran. „Hier gibt es eine schöne Bar, die haben leckere Cocktails.“ Sie zog sie am Arm mit sich hinein.
Es war wirklich schön, die Bar war gemütlich, doch so richtig wohlfühlte Charlotte sich nicht. Sie schaute sich um, sah Pärchen miteinander flirten, hörte die Leute um sie herum lachen.
Doch so sehr sich Svenja auch bemühte, Charlotte wollte lieber nach Hause.
„Mensch Charlotte, jetzt hör mal auf! Komm, einen trinken wir noch, ja?“, ermunterte Svenja sie.
Charlotte seufzte auf. „Tut mir leid, dass ich so ein Stimmungskiller bin“, flüsterte sie und sah Svenja entschuldigend an.
„Ist schon gut. Aber das machen wir jetzt regelmäßig, Charlotte Siegel. Du musst wieder anfangen zu leben – DU bist nicht tot!“
„Ich weiß“, sagte Charlotte mit heiserer Stimme. „Aber ich fühl mich manchmal so. So, als ob ein Teil von mir mit ihm gestorben wäre.“
„Charlie …“ Svenja griff nach ihrer Hand. „Wir alle haben Jonny geliebt. Und wir trauern alle um ihn. Aber ich bin mir total sicher, dass, wenn er dich hier so sitzen sehen würde, er wahnsinnig enttäuscht von dir wäre. Er wollte immer, dass du lachst und fröhlich bist.“
Charlotte nickte nur und kämpfte gegen ihre Tränen an. „Ich kann aber nicht … es geht nicht.“
„Ach Charlie …“ Svenja drückte sie an sich. „Immer nur für deine Kinder da zu sein, das ist zwar sehr ehrenwert, aber auf Dauer doch sehr eintönig.“
„Im Moment reicht mir das.“

Ihre Eltern empfingen sie herzlich. „Na Mäuschen, war es schön?“
„Ja“, log Charlotte und hoffte, ihre Eltern würden es nicht merken.
„Schön, dass du wieder ausgehst“, strahlte ihre Mutter sie an.
Charlotte lag noch lange wach in dieser Nacht. Sie wusste, dass Svenja recht hatte. Sie musste wieder anfangen zu leben. Doch sie konnte sich nicht vorstellen, wie das gehen sollte.

***

„Oh nein!“ Charlotte starrte erschrocken auf das Schild am Kindergarten.
„Was ist denn, Mama?“, erkundigte sich Luna neugierig.
„Es gibt Läuse …“, flüsterte Charlotte angewidert. Sie schaute auf die Köpfe ihrer Kinder, stellte sich schaudernd vor, wie sie jede einzelne dieser wirren Lockensträhnen nach den kleinen Krabbeltierchen und Nissen absuchen müsste.
„Ihr bleibt hier vorerst nicht“, entschied sie und entschuldigte die Kinder für zwei Wochen bei der Erzieherin.
„Will aber gehen!“ Suri zog eine spektakuläre Schnute.
„Ich rede mit Svenja, vielleicht könnt’ ihr bei ihr bleiben.“
Doch Svenja hatte heute Vormittag keine Zeit, versprach aber, die Mädchen an drei Vormittagen die Woche zu nehmen. Sie hatte in ihrem Kindergarten mehr Glück und bei ihnen war noch alles läusefrei.
„Ihr kommt jetzt erst mal mit.“ Charlotte schnallte die beiden in ihren Autositzen fest und machte sich auf den Weg zum Verlag.
Schnell war die Laune bei den Mädchen wieder besser. „Wir fahren zu Mike!“, kam es erfreut von der Rückbank.
„Zu Taffitt“, fügte Suri noch an.
„Ihr lasst Mike und David bitte in Ruhe. Ihr dürft bei mir mit am Schreibtisch sitzen und malen oder bei Oma Heidi sitzen. Mike und David müssen arbeiten“, dämpfte Charlotte schnell die Euphorie ihrer beiden.
Innerlich stöhnte sie auf. Sie hoffte, dass sich ihre beiden wirklich an ihre Anweisungen halten würden. Doch für heute musste das einfach mal so gehen.

„Da sind ja meine Mäuse!“ Oma Heidi strahlte übers ganze Gesicht und drückte die beiden Mädchen an sich. „Warum seid Ihr nicht im Kindergarten?“
„Es gibt dort Läuse. Ich will lieber abwarten, bis die erste Welle vorbei ist“, erklärte Charlotte hastig.
„Aber willst du die beiden jetzt jeden Tag mitbringen?“ Heidi schaute sie ratlos an.
„Sie können drei Tage zu Svenja, für die beiden anderen muss ich mir was überlegen.“
Die beiden blieben noch auf einen Kakao bei der Oma sitzen, Charlotte ging schon in an ihren Arbeitsplatz. Julius kam immer etwas später, sodass sie sich zunächst um die Korrespondenz kümmern konnte.
Sie klickte sich durch ihre Mails und wies dann Suri und Luna an, sich an den kleinen Besprechungstisch zu setzen und zu malen.

Doch nach kurzer Zeit wurde es den beiden zu langweilig. Luna bohrte solange, bis Charlotte mit ihnen zu Mike ging.
„Oh meine Prinzessinnen!“ Er klatschte begeistert in die Hände und schien sich glücklicherweise zu freuen, als er die Kleinen sah.
Luna schaute ihn ehrfürchtig an, sie hing an seinen Lippen und ließ sich von ihm seine neuen Zeichnungen zeigen.
„Das darfst du aber niemandem erzählen, was du hier siehst.“ Mike machte ein geheimnisvolles Gesicht. „Das ist alles streng geheim.“
„Nee. Ich sag’ nichts, ganz bestimmt“, nickte Luna eifrig.
„Aber du könntest mir helfen“, lächelte Mike Luna an. „Ich brauche immer neue Ideen, und du kannst doch bestimmt auch ganz toll malen.“ Er hob sie auf einen Stuhl und gab ihr Stifte.
„Darf ich Mama?“ Lunas Kulleraugen sahen Charlotte bittend an.
„Ist das wirklich in Ordnung?“, hakte Charlotte nach und biss sich verlegen auf der Unterlippe rum.
„Natürlich“, lachte Mike.
„Danke“, flüsterte Charlotte erleichtert und schaute sich suchend nach Suri um, die sie wieder zu ihrer Mutter bringen wollte.

*****

„Das ist aber eine angenehme Überraschung.“ David sah erfreut auf, als Jasmina in sein Büro eintrat.
„Dachte ich mir doch, dass du dich freust“, schnurrte sie und setzte sich auf seinen Schreibtisch.
David betrachtete wohlwollend ihre Figur, blieb an ihren Brüsten hängen. Nur zu gerne erinnerte er sich daran, wie es sich anfühlte, Sex mit ihr zu haben.
„Hast du viel zu tun?“ Sie fuhr mit ihren Fingern durch seine Haare und wie durch Zauberhand rutschte ihr Rock noch ein Stückchen höher.
„Nicht soviel, dass ich mir nicht eine Pause leisten könnte“, raunte David ihr zu und ließ seine Hand über ihren Oberschenkel gleiten.
Er zuckte zusammen, als die Tür stürmisch geöffnet wurde.
„Hallo Taffitt“, hörte er eine fröhliche Stimme.