Eine zweite Chance – Teil 10

Sofort fuhren er und Jasmina auseinander.
Das glaub ich jetzt nicht, stöhnte David innerlich auf, als er das kleine blond gelockte Etwas vor sich stehen sah.
„Komm’ dich besuchen“, erklärte diese ihm strahlend.
Er zwang sich zu einem Lächeln. „Das ist schön, Suri.“
„Wer ist das?“ Jasmina starrte empört auf das kleine Mädchen.
„Bin Suri“, kam es dann prompt und braune Kulleraugen fixierten die Modejournalistin. „Und du?“
Statt einer Antwort wandte sich Jasmina wieder an David, sichtlich genervt. „Was macht denn dieses Kind hier?“
„Hast du doch gehört: Mich besuchen“, ratlos zuckte er mit den Schultern.
„Suri, wieso bist du denn nicht im Kindergarten?“, fragte er sie freundlich.
Suri trat zutraulich näher und stand jetzt ganz nah bei ihm. „Wegen Läuse.“
„WAS?“ Jasmina sprang kreischend von der Schreibtischunterlage auf und brachte ein paar Meter zwischen sich und die Kleine.
David musste jetzt doch ein bisschen grinsen, konnte aber nicht verhindern, dass er einen kritischen Blick auf Suris Kopf warf. „Hast du Läuse?“
„Nein. Oma und Mama haben guckt. Luna hat auch nicht. Mama will nicht, dass wir die bekommen.“ Suri sah sich jetzt genaustens in seinem Büro um. „Was machst du hier?“
„Ich arbeite hier.“ Er räusperte sich verlegen, als er einen Blick auf Jasmina warf.
Suri zeigte mit einem Fingerchen auf Davids Monitor. „Damit?“
„Ja, damit auch.“
Neugierig sah sich die Kleine weiter um. „Das ist ssön.“ Der kleine Blondschopf deutete auf das Modell von einem Segelschiff, das in seinem Büro stand.
„Ja, das ist es. Ich hab’ auch ein richtiges Boot.“
Suri schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Kann man damit fahren?“
„Ja, das kann man. Aber jetzt muss ich weitermachen, weißt du? Ich gehe mal mit dir zur Oma oder zu deiner Mami, ja?“
Zögernd reichte er ihr die Hand, sie legte ihre vertrauensvoll in seine. „Ich bringe sie nur eben zurück“, raunte er Jasmina im Vorbeigehen zu.
„Ja, mach aber schnell“, kam es patzig von ihr.
Seine Assistentin war nicht an ihrem Platz. Wahrscheinlich mal wieder Kaffeetrinken, dachte er knurrig.

Charlotte rannte panisch über den Flur und schaute schließlich bei den Toiletten nach, aber von Suri fehlte jede Spur. Sie wird doch nicht bei David …
Dann traute sie ihren Augen nicht, als sie David mit Surya an der Hand über den Flur schlendern sah.
Suri plapperte irgendwas auf ihn ein und Charlotte bekam ein schlechtes Gewissen. Schnell ging sie zu ihnen. „Ach hier bist du, Suri, du darfst nicht einfach weglaufen, ich wollte schon den Sicherheitsdienst anrufen.“
„Hab Taffitt besucht“, sagte sie fröhlich.
Charlotte hob sie hoch auf ihren Arm. „Tut mir leid, wenn sie dich gestört hat“, sagte sie zerknirscht zu David und wagte gar nicht, ihm in die Augen zu schauen. Ist das peinlich!
„Hab nicht stört“, maulte Suri sofort.
„Ist schon in Ordnung.“ David bemerkte, wie unangenehm die ganze Situation für Charlotte war und sparte sich eine bissige Bemerkung über die Eröffnung eines verlagseigenen Kindergartens. Wieder fiel ihm auf, wie müde und traurig sie aussah.
Doch dann kam ihm Jasmina wieder in den Sinn, rasch verabschiedete er sich von Charlie und ihrer kleinen Tochter.

„Was ist das für ein kleines Gör?“, giftete Jasmina dann auch sofort los, als David sein Büro wieder betrat.
„Sie ist die Tochter der Assistentin meines Vaters“, erklärte er ihr. „Hör zu, ich hab noch jede Menge zu tun, wir vertagen das hier, okay? Nicht, dass uns noch mehr Leute stören.“
Jasmina verzog unwillig das Gesicht. „Nun gut, ruf einfach an.“
„Mach ich.“ David hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und hielt ihr galant die Tür auf. Ihm war die Lust auf Jasmina vergangen und er fand es plötzlich albern und unreif, Sex in seinem Büro zu haben.
Ach? Auf einmal?

„Da war eine Frau bei Taffitt“, erzählte Suri direkt, als Charlotte sie auf einen Hocker beim Catering setzte. „Die hat böse guckt.“
„So, so.“ Charlotte hatte eine leise Vorstellung, warum die wohl so böse geguckt hatte. Inka erzählte jedem, der es hören wollte oder nicht, den neusten Klatsch über Davids Eroberungen.
Ihre Mutter fing ihren Blick auf. „Er ist wieder ganz der Alte…“, sagte sie, wie zur Bestätigung von Charlottes Gedanken.
„Na ja. Er ist ja solo“, lächelte Charlotte nur.

Eine Stunde später kam Julius Herbold in die Firma. Er strahlte übers ganze Gesicht. „Die Mädchen sind ja hier…“, sagte er begeistert.
„Ja, im Kindergarten kursieren gerade die Läuse. Und bei den Haaren der beiden möchte ich das möglichst vermeiden“, erklärte sie ihm kleinlaut.
„Kann ich verstehen“, nickte Julius und fuhr den Computer an seinem Schreibtisch hoch. „Bringst du sie jetzt jeden Vormittag mit?“
„Nein, keine Sorge. Svenja kümmert sich in dieser Woche um sie und für nächste Woche muss ich mir was überlegen.“
„Frag doch Magdalena“, schlug er vor und nickte ihr aufmunternd zu.
„Magdalena?“ Charlotte war verblüfft, dass er seine Frau ins Spiel brachte. „Das kann ich ihr nicht zumuten, die beiden können ganz schön anstrengend sein.“
„Ich bin sicher, sie würde sich sehr freuen. Sie ist doch zuhause und könnte ein bisschen Ablenkung gebrauchen.“ Julius griff nach dem Telefonhörer und wählte bereits.
„Ich weiß nicht“, sagte sie unsicher.
„Seitdem David nicht mehr bei uns wohnt, fühlt sie sich oft einsam. Sie könnte ein bisschen Aufmunterung gebrauchen. Und außerdem ist dein Vater doch auch da“, versuchte er ihre Bedenken wegzuwischen.
Charlotte war dann doch erleichtert, als Magdalena sich bereit erklärte, die Mädchen zu nehmen. Und auch Suri und Luna schienen sich zu freuen. Das war eine tolle Lösung für ihr vorübergehendes Problem und Julius hatte natürlich recht. Ihr Vater war dort als Hausmeister angestellt und konnte ebenfalls ein Auge auf die beiden werden.

Mit offenen Mündern standen die kleinen Mädchen dann schließlich vor der Villa der Herbolds.
„Ein Ssloss…“, flüsterte Suri ehrfürchtig.
„Nein, eine Villa“, lachte Charlotte und schon öffnete sich die Haustüre. Magdalena begrüßte alle strahlend.
„Da sind ja Opas Lieblinge!“ Ein fröhlicher Ruf kam vom Garten her und die beiden stürmten auf Charlottes Vater zu.
„Vielen Dank“, sagte Charlotte und griff nach Magdalenas Hand.
„Kein Problem, ich freue mich wirklich.“

*****

„Du glaubst gar nicht, wie sehr sich Magdalena immer freut, wenn die beiden kleinen Mädchen bei ihr sind.“ Julius setzte sich lachend auf einen Stuhl in Davids Büro.
„So, tut sie das?“, brummte David. Er konnte nicht verstehen, dass seine Eltern so versessen auf Charlottes Kinder waren. Aber nun gut, das war nicht sein Problem.
„Und die beiden sind allerliebst“, plauderte Julius weiter. „Suri scheint dich ja sehr zu mögen.“
„Was?“ David sah von seinen Unterlagen auf. „Oh, ja ja. Ich hab sie einmal auf die Toilette begleitet, seitdem, äh, kennen wir uns“, murmelte er und vertiefte sich in die Reportage eines Journalisten.
„Es wäre schön, wenn wir auch mal Enkelkinder bekommen würden.“ Julius erhob sich wieder und musterte David. „Es ist wundervoll, wieder Kinderlachen in unserem Haus zu hören“.
David stöhnte innerlich auf. „Vergiss es, Vater. Ich werde nie heiraten und alles dran setzen, NICHT Vater zu werden.“ Er setzte ein geschäftsmäßiges Lächeln auf.
Julius verließ kopfschüttelnd sein Büro.
Kaum hatte er die Tür geschlossen, schmiss David wütend einen Stift auf seinen Schreibtisch. Er hasste es, mit seinem Vater diese Art von Gespräch zu führen. Als er noch mit Nadja zusammen war, kamen ständig Andeutungen in dieser Art von ihm.
Nein, er würde keine Familie gründen. Konnten das denn nicht alle endlich mal verstehen?

David war angespannt, die Sitzung würde in ein paar Minuten enden und er hoffte, dass er das Konzept zu einem neuen Segelmagazin durchdrücken können würde.
Zu seiner großen Erleichterung stimmten sein Vater und die anderen Entscheidungsträger des Verlages seiner Idee zu. Als er seine Unterlagen und sein Notebook zusammenpackte, erschien Charlotte im Besprechungszimmer. Sie hatte ein Tablett in den Händen und begann, das Geschirr und die übrig gebliebenen Getränke abzuräumen.
David musterte sie verstohlen. Die Haare hatte sie wieder zu einem strengen Knoten gebunden, er betrachtete sich ihre feinen Gesichtszüge, die immer so traurig wirkten.
Charlotte nickte ihm nur kurz zu und stellte alles auf das Tablett. Er sah, dass sie noch ihren Ehering trug. David waren damals schon ihre zierlichen Hände aufgefallen.
„Bleibst du noch länger hier? Ich würde sonst gerne den Tisch abwischen.“ Charlotte sah David fragend an.
„Ähm, was hast du gerade gesagt?“
„Ich hatte dich gefragt, ob du noch hier im Besprechungszimmer bleiben möchtest“, wiederholte sie sich.
„Äh nein, nein“, hastig sprang er auf und wollte den Raum verlassen, dann stockte er kurz. „Musst du die Kinder gleich abholen?“
„Ja. In einer halben Stunde, aber sie essen im Kindergarten noch zu Mittag. Sie sind heute das erste Mal wieder dort nach der Läusesache“, erklärte sie ihm und schaute ihn schüchtern an.
David wollte aber noch nicht gehen, sie tat ihm irgendwie leid, weil sie immer noch so traurig aussah. Und sein bisheriges Verhalten ihr gegenüber war auch nicht gerade herzlich gewesen.
„Hast du dich wieder eingelebt in Köln?“ Seine Stimme klang ganz sanft, Charlotte blickte erstaunt auf. Sie war verwundert, dass er sie so persönliche Dinge fragte, bisher hatte sie eher das Gefühl gehabt, dass er sie mied.
„Ja, schon. Die Wohnung ist schön und wir haben einen kleinen Garten.“ Sie lächelte zaghaft. „Und da sind ja auch Philipp, Svenja, Hannah und Michael, die sich sehr nett um mich kümmern.“
„Charlotte, das, was ich neulich gesagt habe, das mit Jonnys Tod – es tut mir wirklich sehr leid, dass das passiert ist – und dass du jetzt alleine mit den Kindern dastehst“, sagte er leise.
Charlotte stand auf und hob schnell das Tablett hoch. Seine plötzliche mitfühlende Art brachte sie jetzt etwas aus dem Konzept. Und sie wusste nicht, ob sie wirklich mit ihm über Jonny reden wollte, denn seine verächtlichen Worte in Michaels Kiosk waren ihr noch zu gut im Gedächtnis.
„So was passiert nun mal …“ Sie konnte nicht verhindern, dass sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. „Und meine Kinder sind mein ein und alles.“ Eine Träne löste sich und kullerte über ihre Wange.
Weint sie? Oh nein, das wollte ich nicht! David sah sie schuldbewusst an. Doch dann schien sie sich wieder gefasst zu haben.
„War noch was, David?“, fragte sie ihn freundlich.
Er schüttelte nur den Kopf und räumte ebenfalls zusammen, dann ging er zur Tür. Einer plötzlichen Eingebung folgend drehte er sich noch einmal zu ihr um.
„Doch, da war noch was“, sagte er leise. „Schön, dass du wieder da bist.“